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26.10.2017

Deutsche Bassisten – Workshop-Interview-Serie #7: Peter Sonntag

Die deutsche Bassistenszene im Fokus

Interviews, Hintergrundinformationen und Workshop-Teile zum Mitmachen

In dieser Serie im bonedo-Bassbereich möchten wir die deutschsprachige Bassistenszene beleuchten. Nach und nach wird euch Lars Lehmann an dieser Stelle deshalb Tieftöner unterschiedlichster Facetten in ausgiebigen Interviews präsentieren - Freelancer, Sidemen, Solokünstler, Individualisten etc.

Dabei wird es explizit nicht nur um Equipmentfragen gehen, die man in jedem Interview zu lesen bekommt. Sondern vor allem um Fragen wie: Kann man heutzutage überhaupt als Bassist überleben? Und wenn ja: wie? Wie haben die einzelnen Interviewpartner ihre Nische im "Haifischbecken Musikszene" gefunden? Und nicht zuletzt: Über welche Fähigkeiten sollte man unbedingt verfügen, wenn man hierzulande als Bassist seinen Lebensunterhalt verdienen möchte?

Außerdem präsentieren wir euch von jedem vorgestellten Tieftöner eigens erstellte Klangbeispiele, zum Teil mit kompletten Backing-Tracks, isolierten Bass-Takes, oder Videos.

Peter Sonntag

In dieser Folge unserer Reihe trifft Lars Lehmann auf Peter Sonntag. 1954 in Stolberg bei Aachen geboren, gehört Sonntag zu den ersten Generationen von E-Bassisten hierzulande überhaupt. Nach einem Kontrabass-Studium begann er schon früh, mit eigenen Projekten auf sich aufmerksam zu machen, bei denen er sowohl Kontrabass als auch E-Bass spielte. Eigene Gefühle auszudrücken in Bands, die beim Spielen Freiheiten für den eigenen künstlerischen Ausdruck lassen - das war schon immer Peter Sonntags oberste Priorität.

Auch die Weiterentwicklung des Instrumentes lag ihm stets am Herzen, was sich in der Zusammenarbeit mit diversen Herstellern zeigte. Aber auch die Gründung der Bassbaufirma esh ist als direkte Reaktion auf dieses Bestreben zu sehen. Nicht zuletzt hat Peter Sonntag im Laufe der Jahrzehnte viele Bassistinnen und Bassisten ausgebildet, von denen viele heutzutage erfolgreich im Profilager arbeiten. Mehr als genug Themen also für einen ausgiebigen Plausch rund um das Thema "Bass"...

Hallo Peter! Schön, dass wir mit dir ein echtes "Urgestein" der deutschen Bassszene vorstellen können. Lass uns mal ganz weit zurückgehen. Du wurdest ja 1954 geboren, deine frühe Jugend stand also sicher noch sehr unter dem Einfluss der schwierigen Nachkriegszeit.

Hallo Lars! Ja, geboren wurde ich ziemlich genau neun Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs. Und wie das so ist, nimmt man die Schwere und das Bleierne dieser Zeit als Kind nicht so wahr. Wie alle Kinder lebte auch ich in meiner eigenen Welt. Zu Beginn meiner Schulzeit Anfang der 60er-Jahre spürte ich erstmals bewusst die Schatten der Nazi-Zeit. Ich wurde mit Lehrern konfrontiert, die offensichtlich noch die alten Werte auslebten und - vorsichtig gesagt - "seltsame" pädagogische Vorstellungen hatten!

Spielte Musik in eurem Familienleben eine Rolle? Oder hast du dir diesen Bereich ganz auf eigene Faust erschlossen?

Leider spielte Künstlerisches oder gar Musik in meiner Kindheit gar keine Rolle. Als Arbeiterkind waren für meine Eltern andere Dinge wichtiger als die Förderung musischer Begabung. Allerdings erinnere ich mich an Situationen während meiner Schulzeit, die ich heute als Schlüsselerlebnisse werte und die meinen späteren Entschluss, Berufsmusiker zu werden, beeinflusst haben. So beispielsweise die Erfahrung, dass gemeinsames Musizieren in der Gruppe positives Sozialverhalten begünstigt. Leider ging bei meinem Vater die Abneigung gegen musische Förderung so weit, dass er kurzerhand mein erstes Instrument mit dem Beil auf dem Bock zertrümmerte! Meine Großmutter schenkte mir dann jedoch heimlich ein neues. Ab diesem Zeitpunkt war der Zug nicht mehr aufzuhalten!

Oje, das sind ja Methoden! Wie hast du das Instrument für dich entdeckt?

Ich habe den E-Bass durch die aufkommende Beat-Musik entdeckt. Und durch den aufkeimenden Drang nach neuen Freiheiten, der sich dann später sozusagen als roter Faden durch mein Leben und meine Musik zog. Wie schon erwähnt, wurde ich von meiner Familie leider überhaupt nicht gefördert. Ich hatte aber das große Glück, im Laufe meiner Karriere immer wieder Menschen zu treffen, die für mich wichtige Mentoren waren. So z.B. Erwin Grönemeyer, einen tief im Jazz verwurzelten Veranstalter, Kritiker, Motivator und Förderer, der mich u.a. ermunterte, den Kontrabass zu meinem Hauptinstrument zu machen.

Du hast ja als Teenie die "swinging sixties" und die frühen 70er miterlebt. Hast du etwas mitbekommen von diesem rebellischen Zeigeist, den es damals z.B. an den Hochschulen gab?

Ja, das hat mich in der Tat extrem beeinflusst! Auch heute in meiner persönlichen Nachschau war es wohl die freigeistigste Zeit des letzten Jahrhunderts. Auf jeder Ebene war alles in Bewegung, alles im Aufbruch, nicht nur in der Musik, sondern auch in der Malerei, der darstellenden Kunst oder der Lyrik. Musikgenres entwickelten neue und ganz eigene Strukturen - gerade auch hier in unseren Breitengraden. Man denke nur an den europäischen Freejazz oder den sogenannten Krautrock. Natürlich waren die Beatles für mich ein Türöffner, und mit "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" begann für mich eine neue musikalische Zeitrechnung, zu der auch Bands wie King Crimson, The Who, Jimi Hendrix, Pink Floyd, Soft Machine u.v.m. gehörten. Zu dieser Zeit in London zu sein, mit Gleichaltrigen unter der Anteros-Statue am Piccadilly Circus zu sitzen, in der Shaftesbury Avenue die damals großen Musikgeschäfte zu entdecken, in denen sich viele später berühmt gewordene Musiker die Klinke in die Hand gaben, empfinde ich bis heute als Geschenk! Später hatte ich durch meine Konzerte, Festivalauftritte und Endorsertätigkeiten das große Glück, viele Musiker aus dieser Zeit persönlich kennenlernen zu dürfen, darunter Bassistenkollegen wie Jack Bruce, Stanley Clarke, Alphonso Johnson, Peter Kowald, Chuck Rainey, John Entwistle, Tom Fowler, Jonas Hellborg, Eberhard Weber u.v.a. Dieser Zeitgeist beförderte meine Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, Klängen, Rhythmen, Vermischung unterschiedlicher Musikgenres zu neuen Elementen und Formen. Auch die Toleranz der Musiker, unterschiedlichste Stile akzeptieren zu können, prägte die 60er und 70er. Man hörte sich gegenseitig zu und fühlte sich gefordert über den eigenen musikalischen Tellerrand hinauszuschauen. In dieser Zeit und Atmosphäre begann ich mein Musikstudium. Der gesellschaftspolitische Aspekt des Rebellischen floss natürlich auch reichlich, z.B. durch mein Mitwirken im Asta, in mein Studium ein. Wir haben auf der Hochschule auch tatsächlich viel durcheinandergewirbelt, aber mir ging es in erster Linie immer darum, mich gesellschaftlich und für meine Kommilitonen zu engagieren. Im Übrigen ist diese rebellische Grundhaltung auch bis heute noch in mir aktiv und der Antrieb, mich neuen Ideen zu widmen, ohne Angst davor zu haben, das Gesicherte zu verlieren.

Du hast ja klassischen Kontrabass studiert. Eine festen Platz in einem Orchester hieltest du dagegen aber wohl nie für erstrebenswert?

Es war in den 70er-Jahren nicht möglich, E-Bass, Jazz- oder Popmusik zu studieren. Man musste - ob man wollte oder nicht - klassische Musik studieren. Deswegen fing ich an, Kontrabass zu lernen. Diesen Entschluss habe ich aber bis heute nie bereut, weil das Kontrabassstudium mich sehr tief in der Musik verwurzelt hat. Ich habe durch meinen Lehrer, Prof. Albert, unglaublich viel über die Kunst des Bassspiels erfahren und bin während des Studiums zum absolut leidenschaftlichen Kontrabassisten geworden. Und obschon man mich hautsächlich als E-Bassisten wahrnimmt, ist der Kontrabass nach wie vor mein Hauptinstrument! Ich habe aber schon während meines Musikstudiums mein erstes Jazz-Quintett gegründet und hatte das Glück, dass bereits meine erste Platte für Aufsehen sorgte. Zum Ende meines Studiums waren bereits sieben Vinyl-Longplayer auf dem Markt, und seit meiner zweiten LP stieg dann auch die internationale Beachtung. Es stand für mich nie zur Debatte, Orchestermusiker zu werden, so dass ich bis zum Ende meines Studiums die Möglichkeiten nutzte, die Fähigkeiten am Instrument und meine Kenntnisse in Kompositionstechniken zu verbessern. Meine persönlichen musikalischen Vorlieben und das innere Bedürfnis nach Unabhängigkeit haben den Blick auf eine Stelle in einem klassischen Orchester nicht vorstellbar gemacht. Der für mich wichtigste Aspekt in der Musik ist die Improvisation, also die Möglichkeit, spontan zu komponieren. Diese Freiheit hast du in einem klassischen Orchester im Normalfall leider nicht. Trotzdem helfe ich immer wieder gerne bei entsprechenden Kompositionen in klassischen Orchestern aus, wenn z.B. Werke von Frank Zappa, dem Avantgarde-Komponisten Bernd Alois Zimmermann oder ähnlichen zeitgenössischen Komponisten aufgeführt werden.

Ein Markenzeichen von dir ist ja das virtuose Plektrumspiel am E-Bass. Damit stehst du in Deutschland nicht alleine, aus deiner Generation gibt es mit Wolfgang Schmid und Hellmut Hattler noch weitere fantastische "Picker". Hast du mit dem Plättchen angefangen, oder erst pizzicato gespielt?

Lass uns ein paar Jahre zurückgehen! In meiner Anfangszeit als Bassist warst du schon der Held, wenn du einen 50 Watt starken Röhrenamp mit einer 18''-Speakerbox dein Eigen nennen konntest. Doch diese "audiophile" Kombination erzeugte bestenfalls, zumindest bei ordentlichen Lautstärken, einen wenig definierten Klang, und mein damaliger Bass war ein Rickenbacker 4001. Also hieß es für mich: hinterer Pickup, die Bässe ziemlich raus, den Rest voll rein und mit dem Plektrum spielen. Dadurch konnte ich den Ton immer mit präzisem Attack und sauberer Artikulation versehen. Eine weitere Triebfeder, das Plektrumspiel zu kultivieren, war die Inspiration durch Musiker wie die Saxophonisten John Coltrane, Charly Parker oder den Trompeter Hannibal Marvin Peterson, deren Phrasierung und Artikulation ich auf mein Bassspiel zu übertragen versuchte. Mit dem Plektrum konnte ich deren Tonbildung und Spieltempo nahekommen. Heute benutze ich das Plektrum auch immer dann, wenn ich mit der Band in einer akustisch schwierigen Umgebung spiele. Dadurch habe ich stets die perfekte Tonkontrolle! Grundsätzlich setze ich aber einzelne Spieltechniken, wie Pizzicato, Slap, Tap, Plektrum etc., immer so ein, wie es die jeweilige Komposition erfordert.

 

Angesichts deiner technischen Fähigkeiten am E- und Kontrabass darf man davon ausgehen, dass du schon in früher Jugend sehr viel geübt hast. Wie sah dein Übealltag früher aus? Und wie heute?

Wie du sicherlich auch aus deiner eigenen Lehrtätigkeit weißt: Talent ist eine Sache, Fleiß die andere. Das persönliche Talent mit der richtigen Dosis Üben zu kombinieren - das ist der Trick! Ich habe immer sehr viel gespielt - erst recht, als ich anfing, Kontrabass inklusive Bogentechniken zu erlernen. Um meine Kontrabassfähigkeiten den damals schon vorhandenen E-Bass-Fähigkeiten anzugleichen, habe ich teilweise bis zu zehn Stunden täglich mit dem Bass gearbeitet. Ich muss aber dazu sagen, dass Üben für mich niemals eine Qual ist, sondern bis heute der perfekte Einstieg in die tägliche musikalische Arbeit. Das ist die Zeit, in der ich mich mit meinen eigenen Vorstellungen und Gedanken auseinandersetze und versuche, diese auf mein Instrument zu übertragen. Ich bin während des Übens ausschließlich "bei mir", es erdet und balanciert mich emotional, sodass die 3-4 Stunden täglichen Übens nach der ersten Tasse Kaffee immer noch zu meinem Pflichtprogramm gehören.

Video: A Child Is Born - Peter Sonntag Bass Solo

 

Und was für Vorbilder hattest du in deiner E-Bass-Anfangszeit? Ich würde mal Paul McCartney und Chris Squire vermuten - gab es noch andere?

Bass-Vorbilder im engeren Sinne hatte ich eigentlich nie, weil mich immer die Musik in ihrer Gesamtheit interessiert hat. Deshalb hat mich die Musik von Musikern und Bands wie John Coltrane, Frank Zappa, Miles Davis, Jimi Hendrix, Beatles, The Who, Strawinsky, Debussy, Booker T. & The MGs, James Brown und so vielen anderen, dass ich sie nicht alle aufzählen kann, wie man neudeutsch sagt, "geflasht". Erst wenn mir die Musik gefiel, habe ich angefangen, mich für die jeweiligen Bassisten zu interessieren, wie z.B. Charles Mingus, Dave Holland, John Entwistle, Jack Bruce, Dragonetti, John Wetton, Donald Duck Dunn, Bottesini oder Chris Squire. Und natürlich auch Paul McCartney, aber auch viele weitere. Alle diese Bassisten haben mit ihrem Bassspiel und ihrem musikalischen Können die jeweiligen Bands geprägt.

Wie hast du für dich den Spagat zwischen Kontrabass und E-Bass gemeistert? Es gibt ja immense Unterschiede, etwa was den Kraftaufwand beim Spielen und die Anschlagstechnik betrifft.

Ja, tatsächlich ist der Kontrabass vor allem physisch deutlich anstrengender. Aber auch hier gilt: eine gute Technik zu haben, bedeutet, mit dem Instrument ergonomisch vernünftig umzugehen und mit verhältnismäßig geringem Kraftaufwand alles realisieren zu können. Also: eine saubere Technik sorgt schon dafür, dass du am Instrument auch bei langen Konzerten nicht ermüdest. Da ich bis heute hauptsächlich Kontrabass übe, habe ich sowohl mit dem Kraftaufwand als auch mit der unterschiedlichen Applikation der linken Hand überhaupt keine Probleme. Übrigens sind die Bewegungsabläufe bei der Bogentechnik, so paradox das klingt, verwandt mit der Motorik des Plektrumspiels. Somit kann ich auch hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!

In welchem Alter kam denn bei dir der Entschluss, hauptberuflich Musiker zu werden? Und was hat dich dazu bewogen?

Auch wenn es merkwürdig klingt: im Grunde genommen wusste ich das schon immer! Als ich mein erstes Instrument bekam, habe ich mich diesem Sog nicht mehr entziehen können oder wollen und habe dann über die Umwege Abitur und Lehre das Musikstudium begonnen. Im Prinzip war es ein fließender Übergang von der Lust zu Musizieren bis zu dem Punkt, mit meiner Musik Geld verdienen zu können. Ich empfinde es nach wie vor als Privileg, dass es mir gelungen ist, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Wenn wir uns mal vor Augen führen, dass wir alle ja die meiste Zeit unseres Lebens im Beruf verbringen, kannst du dir sicherlich vorstellen, dass ich diesen Weg nie bereut habe!

Die ersten Scheiben des Peter Sonntag Quintetts erschienen Ende der 70er-Jahre. Wie würdest du eure damalige Musik beschreiben?

Meine Musik ist immer in Genres mit sehr viel improvisatorischem Freiraum verwurzelt. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass ein kontrabassspielender Bandleader, der seine erste Scheibe veröffentlicht, sofort in die Schublade des Jazzers abgelegt wird. In Wirklichkeit liebe ich aber jedwede Form von guter Musik, egal ob Rock, Klassik, Funk, Soul oder ethnische Musikstile. Diese genreübergreifende Freiheit spiegelt sich natürlich in all meinen Kompositionen wieder. Musikalische Schubladen sind für mich der absolute Horror!

Liefen in der damaligen Zeit Prozesse wie Songwriting, Recording und auch Booking anders ab als heute?

Der Zeitgeist der 60er/70er-Jahre ließ es zu, sich musikalisch in alle Richtungen austoben zu können. In den Plattenfirmen saßen zumeist kompetente A&R-Manager, die ebenfalls Bock hatten, neue Musik zu unterstützen. Daher war auch für die ungewöhnlichsten Produktionen Geld vorhanden. Es liefen Musiksendungen zur Prime-Time, in denen man Jazz, Blues, Rock, den damals entstehenden Metal oder auch Schlager nebeneinander hören konnte. Kurz: das heute dominierende Spartendenken habe ich in der damaligen Zeit nicht erlebt! Darüber hinaus gab es unfassbar viele Clubs, in denen man sich ausprobieren konnte und auch noch dafür bezahlt wurde. Den Begriff "pay to play" kannte noch niemand, denn die Clubinhaber waren sehr an jeder Form von Musik interessiert. Die Produktion einer Schallplatte erforderte von jedem Musiker, dass das Aufzunehmende auch beherrscht wurde. Professionelle Recording-Studios waren rar und teuer, so dass der Musiker sich musikalisch entsprechend gut vorbereiten musste. Komponieren ist für mich hingegen ein kreativer Prozess, der sich grundsätzlich bis heute nicht wirklich verändert hat. Derzeit spielt allerdings der Computer eine nicht mehr wegzudenkende Rolle, was wohl Fluch und Segen zugleich ist. Erst als ich angefangen habe, den Computer für mich nicht nur als Aufnahmemedium, sondern auch sozusagen als kreatives Spielzeug zu betrachten, eröffnete sich eine neue Dimension klanglicher Abenteuer. Zurzeit arbeite ich an einer Produktion mit dem Deutsch-Rapper MoTrip, in der ich Electrobeats und Sounds mit einer livespielenden Jazzrock-orientierten Band verbinde. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich die Kommunikation mit den Mitmusikern und den durch das gemeinsame Spielen entstehenden Spirit zur Perfektionierung der jeweiligen Komposition dem Computer deutlich vorziehe.

Spannend! Wie muss man sich denn die damalige Szene vorstellen? War es euch wichtig, die Gesellschaft mit eurer Musik zu verändern? Heutzutage spielen derartige Aspekte ja nicht selten überhaupt keine Rolle mehr - wie war es in den 70ern?

In der Nachschau stellte ich irgendwann fest, dass die damaligen Bands im Jazz oder sogenannten Krautrock sich stärker an ihren eigenen europäischen Wurzeln orientiert haben. Stellvertretend möchte ich hier an Bands wie Kraftwerk, Can, Tangerine Dream und Eloy oder die Free-Jazzer, wie z.B. Alexander Schlippenbach, Peter Brötzmann oder Peter Kowald erinnern. Ihre Musik empfand ich als innovativ und einzigartig! Ganz ehrlich - ich bedaure sehr, dass heutzutage der Wunsch, über die Musik in die Gesellschaft einzuwirken, selten eine Rolle spielt. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber du hast Recht, für mich war es eine weitere wichtige Motivation, Berufsmusiker zu werden. Ob man die Gesellschaft durch die Musik verändern kann ... ich weiß es nicht! Sicherlich ist die Musik, die du komponierst, immer von deiner persönlichen Sicht - also zwischenmenschlich, politisch wie emotional - und deiner Sozialisation geprägt. Ich erlebe immer wieder, dass das Publikum bei unseren Konzerten offensichtlich eine besondere Zeit genießt. In dieser dann entstehenden atmosphärischen Situation kommt nonverbal viel rüber. Interessanterweise sehe ich bei der Arbeit als Produzent in meinem Studio, dass einige junge Musiker aus der jetzigen Generation wieder den Wunsch in sich tragen, über ihre Musik etwas zur Entwicklung der Gesellschaft beizutragen. Wenn wir uns nicht nur als bezahlte Profis sehen, werden diese Aspekte immer eine Rolle spielen!

Video: Funky Bass Solo - Peter Sonntag

 

Was waren weitere wichtige Meilensteine deiner Karriere, etwa als Sideman?

Meilensteine sind für mich immer Situationen, in denen mich die Zusammenarbeit mit Musikern und Menschen tiefer in die Musik bringen und mein musikalisches Bewusstsein erweitern. Ich hatte schon sehr früh die Ehre und das Glück, mit indischen Musikern - Music Ensemble of Benares, Khadim Ali Khan - eine Platte aufzunehmen und anschließend auf Tournee zu gehen. Deren sehr spezifische Auffassung ihrer Kompositionen und der Dialog in der Improvisation haben mir eine neue Klangdimension eröffnet! Darüber hinaus wäre noch zu erwähnen: die Tourneen mit der Krautrock-Band Blaumilchkanal, der schwedischen Band Salamander, die Plattenproduktion mit dem englischen Musiker John Kirkbright, der in seinen jungen Jahren mit The Moody Blues spielte, die Tourneen mit Eric Gales oder die Zusammenarbeit auf der NAMM-Show mit James Gadson, einem ultra-groovigen Drummer und Gentleman, der u.a. mit James Brown, Quincy Jones, etc. zusammengearbeitet hat. Dann Iron-Maiden-Drummer Nico McBrain, der mich bei unserer gemeinsamen Improvisation mit seinem jazzig-swingenden Stil überraschte, die Tournee mit dem amerikanischen Ausnahmesaxophonisten Sam Rivers, oder die Zusammenarbeit mit dem Bassisten Wayne Darling bei der Produktion einer LP mit zwei Kontrabassisten. Noch zu erwähnen sind Sessions mit Albert Mangelsdorf, T. Lavitz von Dixie Dregs, einem großartigen Menschen und Musiker, mit dem Mothers-Finest-Gitarristen John Hayes oder die Zusammenarbeit mit den Bochumer Sinfonikern bei der Aufführung von Frank Zappas "The Adventures of Greggery Peccary". Im Grunde genommen sauge ich alles Neue - wenn es Substanz hat - auf wie ein Schwamm!

1997 hast du dann mit deiner Partnerin Reno Schnell die Band Final Virus gegründet. Wie kam es dazu?

Wie der Zufall es so will, lernte ich die junge und hochtalentierte Gitarristin während der Plattenproduktion zu Depp Jones' "A.D. 2012" mit den "Ärzte"-Musikern Rod Gonzalez und Bela B. kennen. Mich hatte die härtere Gangart von Depp Jones ganz schön angefixt. Da Reno und ich in diesem Genre die gleichen musikalischen Visionen hatten - und interessanterweise trotz des Altersunterschiedes auch dieselben musikalischen Roots - führte das zwangsläufig zur Gründung von Final Virus.

In einem früheren Interview prägtest du mal den Begriff "positive Langsamkeit" im Zusammenhang mit einer eigenen Band. Habt ihr bei Final Virus immer alles im Alleingang gemacht, von den Kompositionen über die Recordings bis hin zum Booking?

Der Begriff der "positiven Langsamkeit" bezog sich vor allen Dingen darauf, sich zu entschleunigen, um den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren. Eine Gefahr, die ja immer entstehen kann, wenn sehr viel Neues auf eine Band einstürzt. Wir hätten niemals alles im Alleingang machen können. Die erste CD entstand noch im eigenen Studio und unter eigenem Label, wurde von Anfang an sehr positiv von der Presse bewertet und führte uns u.a. nach Wacken. Schon ab der zweiten CD wurden wir dann von der Kölner Plattenfirma "Shock Records" massiv unterstützt. Darauf folgten zahlreiche Tourneen, Videodrehs und u.a. die Einladungen zum polnischen Woodstock-Festival, zur Zappanale, zur Popkomm, sowie drei unvergessliche China-Tourneen und bis heute sechs veröffentlichte CDs, LPs mit Single- und Sampler-Auskopplungen. Unsere Reputation wuchs noch einmal durch den Wechsel zu der Platten- und Produktionsfirma YoumeU, mit deren Unterstützung wir drei Longplayer veröffentlichten und das Video zur Single-Auskopplung unserer letzten CD in Mexiko drehten. Das heutige Line-Up besteht neben Reno Schnell und mir aus dem Schlagzeuger Max Sonntag, dem Posaunisten Markus Plum, dem Pur-Analog-Keyboarder Martin Mersmann, dem Saxophonisten Patros Jäger und der Sängerin Missi Wainwright. Und dann gibt es natürlich noch unseren Tontechniker Roman Groß, der ein fester Teil dieser großartigen Mannschaft ist! Derzeit sind wir übrigens wieder im Studio und arbeiten am nächsten Longplayer.

Final Virus haben ja niemals "leicht verdauliche" Musik gespielt. Somit war euch sicherlich zum Beispiel nie daran gelegen, in die Radiocharts zu kommen. Warum hast du / habt ihr keinen leichteren Weg gewählt?

Wir wollten von Anfang an unsere eigene Musik machen: kompromisslos, ehrlich und mit der Freiheit, alles auszudrücken, was uns bewegt. Wir haben tatsächlich niemals darüber nachgedacht, ob unsere Musik für ein großes oder für ein kleines Publikum schwer oder leicht verdaulich ist. Schlussendlich musst du die Menschen erreichen. Die Reduzierung der Musik auf den ausschließlich kommerziellen Aspekt ist doch letztlich das schlimmste Korsett, das man sich anlegen kann und bedroht zwangsläufig deine Kreativität. Durch das vorhandene eigene Studio standen wir glücklicherweise niemals unter Zeitdruck, konnten viel experimentieren und uns ausprobieren. Interessanterweise haben unsere Hörer die Musik von Anfang an gemocht, sodass wir zu zahlreichen Tourneen und Festivals eingeladen wurden. Von außen betrachtet mag das der schwerere Weg sein. Ich denke aber, dass die Fans zu unseren Konzerten kommen, weil es ihnen einfach sehr gefällt!

Die Band ist auch 20 Jahre nach ihrer Gründung immer noch quietschfidel. Was ist das Geheimnis eures Fortbestehens?

Die Antwort ist einfach: eine ehrliche Kommunikation untereinander und großer Respekt voreinander! Weil wir uns nie auf Kompromisse und Klischees eingelassen haben, verfügt die Band nach wie vor über eine ungetrübte musikalische Neugier, große Leidenschaft und Spielfreude.

Gigs beim polnischen Woodstock-Festival, eine China-Tournee ... das sind ohne Frage echte Highlights! Was kannst du uns über diese Sachen erzählen?

Besonders erfreulich beim Woodstock-Festival war nicht nur die Performance. Es ist natürlich ein permanentes Gänsehaut-Feeling, wenn du merkst, dass die Musik einfach gut rüberkommt und das Publikum dir eine große emotionale Welle der Sympathie zurückwirft. Schließlich steht man dafür ja auf der Bühne! Dass wir dort den Gründer des '69er-Woodstock-Festivals, Michael Lang, kennenlernen durften, war ein zusätzliches Bonbon! Es ist schon ein nicht leicht zu beschreibendes Gefühl, wenn man als junger Mensch den Wunsch hatte, das erste Woodstock-Festival mitzuerleben, was damals aus Altersgründen nicht möglich war, und dieser Traum sich später mit der eigenen Band erfüllt! In China haben wir eine großartige Kultur mit langer musikalischer Historie, ähnlich wie in Indien, kennengelernt. Die chinesischen Konzertbesucher waren das leidenschaftlichste Publikum, das wir jemals erlebt haben, ohne jegliche Berührungsängste, erstaunlich offen - und dazu hochsensible Zuhörer. Wir hatten den Eindruck, je heißer und impulsiver wir spielten, desto mehr sind sie "explodiert". Bemerkenswert war auch die Zusammensetzung des Publikums. Egal ob in Stadien oder Theatern, es war immer von jung bis alt generationsübergreifend durchmischt.

Gab es in der Vergangenheit in deiner Karriere auch schon mal Phasen, wo du dir Sorgen gemacht hast, wie es finanziell weitergeht?

Eigentlich habe ich mir nie Sorgen gemacht! Als Musiker musst du in gewisser Weise auch immer Lebenskünstler sein: Heute so, morgen anders! Es ist hilfreich, die Fähigkeit zu entwickeln, immer die nächste Tür zu sehen, durch die du im richtigen Moment hindurchgehen musst. Außerdem habe ich festgestellt, dass übertriebenes Sicherheitsdenken bei mir Blockaden auslöst.

Lass uns noch einmal zum Bass zurückkommen: Wie stehst du zu modernen Playern? Verfolgst du das, was Wooten, Mononeon, Cody Wright oder die breite Masse der YouTube-Bassisten, wie Zander Zon etc., von sich geben?

Ich versuche so gut es geht, die Entwicklungen zu verfolgen. Victor Wooten ist ein hochmusikalischer Bassist, genauso Matthew Garrisson, der Sohn des legendären Coltrane-Bassisten. Oder Michael League, der Bassist von Snarky Puppy. Von Cody Wright habe ich erstmalig während meiner Zusammenarbeit mit Eric Gales gehört.

Du hast uns einige typische Beispiele deines Personalstils als Übungen mitgebracht. Was kannst du unseren Leser hierzu erzählen?

Ich habe für die Leser von bonedo zwei Videos angefertigt, in denen es um verschiedene Themen geht, die mir wichtig sind. Im ersten Clip geht es darum, wie man das Thema "Akkorde auf dem Bass" sinnvoll angehen und in sein Spiel integrieren kann:

Video: Peter Sonntag about how to compose songs on bass guitar

 

Im zweiten Video geht es darum, wie man sich den Einfluss der indischen Musik zunutze machen kann, um den Kopf frei zu bekommen und kreativ zu werden - etwa, wenn man in einer Übeblockade feststeckt:

Video: Peter Sonntag about his inspiration

 

Peter, du hast im Laufe der Jahre schon mit vielen Companies zusammengearbeitet und verschiedenste Endorsements gehabt. Kannst du uns ein paar davon aufzählen? Und was für Equipment spielst du derzeit?

Ich war zeitlebens immer neugierig auf Technik und technische Details, gehöre also wohl zu den Musikertypen, die nach dem Neukauf erst einmal alles auseinanderschrauben müssen. Diese Neugier auf technische Details hat wahrscheinlich zwangsläufig dazu geführt, dass ich während meiner Karriere mit verschiedenen Herstellern in Berührung gekommen bin. Oberflächlich betrachtet mag das so aussehen, als hätte ich mit vielen Firmen zusammengearbeitet. De facto waren es aber nur einige wenige, mit denen ich jetzt über Jahre hinweg zusammenarbeite. Mein erster Kontakt in die Szene war der zu Hans-Peter Wilfer von Warwick, mit dem ich ca. zwei Jahre zusammengearbeitet habe. Zu der Zeit lernte ich übrigens auch John Entwistle und Alphonso Johnson kennen, mit dem ich bis heute befreundet bin. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei der Firma Hoyer, einem Basshersteller mit damals noch klangvollem Namen, für den ich einen neuen Bass konstruiert habe, war der nächste Schritt schon der Aufbau meiner eigenen Firma! Der innere Drang, den Bass weiterzuentwickeln und zu verbessern, führte zur Gründung von esh. Meine damaligen Schüler Dieter Erhard, Andreas Hövelmann und ich entwickelten bei einem Wochenend-Trip an die holländische Küste unser erstes Instrument - den Genuine-Bass, den wir dann schon ein halbes Jahr später auf der Frankfurter Musikmesse mit etlichen anderen Modellen erstmalig präsentierten. Der Name esh setzte sich aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der drei Gründer zusammen. Wir hatten eine spannende Zeit mit großer Aufbruchsstimmung auf dem bassistischen Sektor, so dass wir nicht nur grundsätzlich neue Instrumente mit hervorragenden Spieleigenschaften entwickeln konnten, sondern auch viele Details verbessert haben. Es entstand der esh Röhren-Preamp, die esh-Tronic und vieles mehr. Auch in Kooperation mit anderen Firmen waren wir sehr aktiv. So entwickelten wir für die Firma Vester eine Exklusivlinie, für Hughes & Kettner den Bass-Master und mit Hughes & Kettner eine spezielle Bassboxen-Linie. Zu der Zeit begann auch meine Zusammenarbeit mit dem Saitenhersteller Pyramid, mit denen ich dann über 20 Jahre verbunden war. In dem Jahr, als wir mit esh erstmalig auf der Musikmesse ausstellten, lernte ich die Firma EBS kennen, deren Equipment ich bis heute zu schätze und nach einer zwischenzeitlichen Tätigkeit für die Firma Hartke bis heute spiele. Seit einigen Jahren benutze ich die handgefertigten Saiten der argentinischen Firma Magma, die es mir ermöglicht haben, den "Peter Sonntag"-Signature-Satz zusammenzustellen. Endorsertätigkeiten laufen oft in Zusammenarbeit mit den jeweiligen deutschen Vertrieben. Eine für mich besondere Firma ist Box of Trix, deren Inhaber Sibi Siebert - u.a. Schlagzeuger der Band Twelve Drummers Drumming und legendärer Simmons-Endorser - und Stefan Thomas immer wieder herausragende Produkte für uns Musiker an Land ziehen. Der derzeitige Geheimtipp ist wohl die Palette der Firma Taurus. Zu meinem jetzigen Equipment gehören auch zwei Bässe der Firma Höfner. Ihre legendären Instrumente habe ich bei einer Musikmesse angespielt und mich sofort in die Vorzüge halbakustischer Bässe verliebt, da diese eine komplett andere Response als Solidbody-Instrumente aufweisen und mir somit zusätzliche spieltechnische Ausdrucksmöglichkeiten bieten.

Du sprachst es ja schon an: Auch mit der Firma Warwick warst du einmal eng verbunden und nimmst für dich in Anspruch, den legendären Satz "The sound of wood" geprägt zu haben. Wie ist die Geschichte von Peter Sonntag und Hans-Peter Wilfer?

Dies ist eine schöne Side-Story. Ich war Anfang der 80er mit meiner damaligen Band Salamander auf Tour in Schweden, saß zusammen mit meinem Freund im Nachtzug auf dem Weg nach Umeå zum nächsten Auftrittsort und überlegte, wie ich den Klang der Warwick-Instrumente charakterisieren könnte. Mir gefielen z.B. die direkte explosive Ansprache, die Handlichkeit besonders in der Tournee-Situation und natürlich der Sound. Mein bevorzugter Bass von Warwick war damals der Nobby Meidel Headless Bass. Ned Steinberger produzierte zu der Zeit seinen Headless-Bass komplett aus Carbon und irgendwie lag es dann auf der Hand, den komplett aus Holz gefertigten Bass von Peter Wilfer mit "The Sound of Wood" zu charakterisieren, um den Unterschied deutlich herauszuarbeiten.

Auch über esh würde ich gerne noch einmal genauer sprechen - abgesehen von dem bedauerlichen Abgang eine wirkliche Legende des deutschen Bassbaus. Wie war das damals mit Erhard-Sonntag-Hövelmann im Jahr 1986?

Nach meinen ersten Endorser-Erfahrungen bin ich mit meinen damaligen Partnern auf die Idee gekommen, es doch einfach mal selber zu versuchen. So gründeten wir esh. Schon nach kurzer Zeit hatten wir ein kompetentes und herausragendes Team mit dem Bassbauer Christoph Kost, dem Elektroniker Andreas Postler und dem Dr.-Ing. Andreas Hövelmann zusammen. Natürlich bin ich bis heute stolz auf die Instrumente, die wir entwickelten: mit viel Innovation im Detail, außerordentlich gut klingend und einem bis dahin nicht gekannten Spielkomfort. Ich erinnere mich gerne an die allererste Kritik eines Fachmagazins zurück, in dem der Rezensent schrieb: "Wir haben die Spitzenklasse des modernen Bässebaus im eigenen Land." Nachdem die Firma immer mehr wuchs und ich Aufgaben übernehmen musste, die ursprünglich nicht angedacht waren, kollidierte das Ganze irgendwann zeitlich mit meiner eigentlichen Profession. Als das Angebot von Depp Jones ins Haus flatterte, mit ihnen zusammen ein Album aufzunehmen, entschloss ich mich schweren Herzens im Zenit der Firma, mein "Baby" zu verlassen.

Auch die Nachwuchsförderung scheint dir am Herzen zu liegen, Peter! Dein Bassbuch "Bass Craft" verkaufte sich blendend, und du hast im Laufe der Jahre viele Workshops und Clinics gegeben. Was sind typische Unterrichtsinhalte von dir?

Letztendlich sind die Fragen der Lernenden immer gleich, also Dinge wie "Wie erlerne ich leicht und schnell das Bassspielen?", "Was ist Groove?", "Wie kann ich, wenn ich professionell Musik machen will, auch davon leben?", "Wie klingt es, wenn ich diesen Bass mit jenem Amp kombinieren will?", "Kann man mit dem Bass Akkorde spielen?", "Was sind Flageoletts?", "Kann man vom Bass ausgehend komponieren?", etc. Grundsätzlich finde ich es sehr wichtig zu verstehen, dass du deine eigene musikalische Stimme am Instrument entwickelst, sozusagen deinen Fingerabdruck in der Musik hinterlässt, die du machen willst. Heutzutage habe ich nicht selten den Eindruck, dass alle so klingen wollen wie dieser oder jener. Aber mal ganz ehrlich, bei noch so intensivem Üben wird man sein Vorbild niemals erreichen, denn dieses ist eben authentisch, von seiner eigenen musikalischen Sozialisation geprägt und somit immer einen Schritt voraus. Insofern finde ich es praktischer, die eigene Stimme am Instrument zu entwickeln und im Laufe der Unterrichtszeit den Bass immer mehr und mehr zu verstehen. Das ist völlig unabhängig von den Genres, die man mag und hört. Die Konzentration auf die Spieltechnik unter dem Verständnis, dass die Töne, die du spielst, dein persönliches Vokabular sind, scheint mir der erfolgversprechendere Weg zu sein. Die Quelle allen Tuns ist deine persönliche Sozialisation, die Fantasie und die Technik sind die Grundlage zur Verwirklichung deiner Ideen! Darauf basierend habe ich mein Basslehrbuch "Basscraft - vom Basisgroove zur Masterclass" geschrieben und hatte das große Glück, mich mithilfe meines damaligen Lektors Thomas Petzold und des Gerig Verlags didaktisch austoben zu können. Das Resultat ist ein umfangreiches Lehrwerk, in dem man genau genommen sogar zwei Bücher zum Preis von einem bekommt. Gedacht ist die Schule auch als zusätzliche Hilfe für andere Basslehrer, welche die einzelnen Kapitel kreativ erweitern und für ihren Unterricht benutzen können. Nach 35 Jahren Lehrtätigkeit ist es für mich schön zu sehen, dass viele meiner Schüler ihren Mann bzw. ihre Frau in der Musikszene stehen!

Als jemand, der bereits alle Höhen und Tiefen des Musikbusiness erlebt hat - kannst du eine Karriere als Musiker bedenkenlos empfehlen? Würdest du persönlich denselben Weg noch einmal gehen?

Nach über 45 Jahren auf der Bühne, im Studio und als Lehrer - uneingeschränkt ja! Morgens aufzustehen, sofort an das nächste Projekt herangehen zu können und abends einzuschlafen und von der Musik zu träumen - das war schon immer mein Wunsch! Natürlich würde ich daher diesen Weg heute auch noch einmal gehen. Die Musik ermöglicht es mir, mein Leben mit jeder Faser und zu jeder Zeit zu genießen!

Altersvorsorge ist ein heikles Thema bei vielen Musikern. Hast du in irgendeiner Form Vorkehrungen getroffen?

Jeder praktizierende Musiker wird ja wahrscheinlich, wenn er sich ein bisschen informiert hat, in der KSK sein und sich darüber absichern. Dass man damit möglicherweise später keine großen Sprünge machen kann, weiß aber auch jeder. Also wirst du dein Leben anders abstimmen. Ich möchte jedenfalls sozusagen "bis zum letzten Atemzug" Musik machen. Wenn es mir gelingt, dann habe ich Glück gehabt. Ich tue mein Bestes dafür!

Welche Dinge stehen als nächstes bei dir/euch an?

Nachdem wir uns in den letzten Jahren hauptsächlich auf die Veröffentlichung von DVDs konzentriert haben - u.a. eine einstündige Bass-Solo-Performance oder die legendären Katschhof-Konzerte u.a. mit Pitti Hecht und Trilok Gurtu - werden wir in diesem Jahr nach langer Zeit wieder eine Final Virus Studio-CD mit dem erweiterten Line-Up veröffentlichen. Interessant wird ebenfalls die Crossover-Produktion mit dem Rapper MoTrip.

Video: Epitaph - RPM Komplott / Peter Sonntag Quartett feat. Rhythm and Brass Earth Ensemble

 

Ein wichtiges Standbein ist auch dein Studio in Aachen, welches, wie ich hörte, bestens ausgerüstet sein soll. Macht ihr dort auch viel Auftragsarbeiten und nehmt andere Bands auf? Oder ist das eher eine Art Spielplatz für euch alleine?

Das mit dem Spielplatz gefällt mir ziemlich gut! Tatsächlich besitze ich eine Menge guter alter Schätzchen aus unterschiedlichen Zeitepochen, sodass das Experimentieren eine Menge Spaß macht. Aber natürlich nutze ich das Studio auch für Auftragsarbeiten.

Wie sieht heutzutage ein typischer Tagesablauf von Peter Sonntag aus?

Der Vormittag gehört einzig und allein mir! Ich trinke eine große Tasse Kaffee und fange an zu üben - mindestens drei bis vier Stunden E- und Kontrabass. Ab dann ist es flexibel und hängt davon ab, was gerade ansteht. Meistens arbeite ich an neuen Kompositionen oder an der Fertigstellung einer CD oder DVD. Natürlich verabrede ich mich zu Proben mit der Band oder widme mich anderen Projekten. Zum Tageswerk eines Freischaffenden gehören auch Dinge, die mit der Musik selbst leider nicht viel zu tun haben. Am Ende des Tages denke ich manchmal: er könnte gerne noch ein paar Stunden mehr haben!

Auch wenn du nicht gerne Pläne für später machst: Wo siehst du dich in zehn Jahren?

"Der Weg ist das Ziel" - das sagte schon Konfuzius. Es ist doch einfach spannend, alles auf sich zukommen zu lassen und flexibel und kreativ zu bleiben. Wenn die Gesundheit mitspielt, werde ich hoffentlich immer noch Musik machen!

Peter, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für dich!

Ich habe zu danken, Lars!

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