Die größten Mythen beim E-Bass üben

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ lautet ein berühmtes Zitat. Dies gilt natürlich auch in gleicher Weise für das Musikmachen bzw. und das Erlernen eines Instrumentes: Wenn man gut werden möchte, muss man unweigerlich Zeit und Energie investieren. Das klingt vielleicht erst einmal negativ, ist aber in Wahrheit eine wunderschöne Reise, auf der man immer wieder mit kleinen oder größeren Fortschritten belohnt wird. Doch was, wenn die Belohnungen für das E-Bass üben ausbleiben? Wenn sich keine Erfolgserlebnisse einstellen, obwohl man regelmäßig etwas für sein Vorankommen tut, kann das schon mal zu Frust führen. Diese Situation aus dem täglichen Übealltag kennt bestimmt jeder von uns nur zu gut. Da heißt es herauszufinden, warum man denn gefühlt nur auf der Stelle tritt. Ein Grund kann sein, dass man einigen fragwürdigen Glaubenssätzen folgt, die leider immer noch weit verbreitet sind. Einige dieser Mythen beim E-Bass üben wollen wir in unserem heutigen Feature hinterfragen.

Die größten Mythen beim E-Bass üben

Inhalte

  1. Mythos 1: Immer mit Metronom üben!
  2. Mythos 2: Immer erst langsam üben!
  3. Mythos 3: Läufe einfach nur oft genug wiederholen!
  4. Mythos 4: Immer mit Wechselschlag spielen!
  5. Mythos 5: Immer einen Finger pro Bund verwenden!
  6. Eigenverantwortung beim E-Bass üben

Mythos 1: Immer mit Metronom üben!

Allein aufgrund der Tatsache, dass ein riesengroßer Teil an wundervoller und zeitloser Musik vor der Erfindung des Metronoms geschrieben wurde, sollte einen hier darüber ins Grübeln kommen lassen, ob der Satz „E-Bass sollte man immer mit Metronom üben“ so stimmen kann. Trotzdem hält er sich bis heute hartnäckig und ich fand ihn erst kürzlich wieder in einer aktuellen Ausgabe eines Fachmagazins. Der unbestechliche Taktgeber kann zum richtigen Zeitpunkt zweifellos ein tolles Helferlein oder Korrektiv sein. Aber: Er kann einen in bestimmten Situationen durchaus am Fortschritt hindern!

Habe ich die spieltechnischen Hürden einer musikalischen Herausforderung noch nicht ausreichend gemeistert, hole ich mir mit dem Metronom einen zusätzlichen Stressfaktor ins Boot, der mir in diesem Moment noch keinerlei nützliche Information liefert. Der Grund, warum ich etwas noch nicht in Time spielen kann, hat zu diesem Zeitpunkt nämlich mit meiner Spieltechnik und nichts mit Timing zu tun. Der Einsatz eines Metronoms macht tatsächlich erst dann Sinn, wenn man etwas bereits bei langsamem bis moderatem Tempo fehlerfrei spielen kann!

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Auch bei Timing- und Groove-Übungen ist das Metronom nicht automatisch der Weg zum Glück. Ziel sollte ja sein, dass man selbst einen starken musikalischen Puls entwickelt und unabhängig von Hilfsmitteln Grooves mit einem stabilen Timing spielen kann. Man sollte seine Bassline also zu seinem eigenen Puls in Relationen setzen und stabil halten können. Daher sollte man auch häufig genau dies üben, d.h. nur zu sich selbst spielen und dabei einen unerschütterlichen musikalischen Puls ausdrücken (Klopfen, sprechen).

Erst wenn diese Koordination von Bassline und eigenem Puls problemlos funktioniert, kann das Metronom beim E-Bass üben als Korrektiv dienen und einem verraten, ob man z. B. schneller oder langsamer wird. (Dafür ist es aber wiederum sehr gut geeignet, da es nun mal unbestechlich und vollkommen humorlos ist!) Kommt dieser Einsatz des Metronoms zu früh in der „Lernkette“, so wäre es erneut lediglich ein zusätzlicher Stressfaktor.

Darüber hinaus kommt es darauf an, WIE man mit dem Metronom übt. Einige Anregungen, wie man es spielerisch für sich nutzen kann, findest du in unserer Workshopserie “Groove & Timing verbessern”!

Metronom-App im Smartphone
Heutzutage gibt es zwar tolle technische Hilfsmittel, wie die Metronom-App aus dem Smartphone. Deswegen per se alles mit Metronom zu üben, wäre dennoch der falsche Weg!

Mythos 2: Immer erst langsam üben!

Auch dieser Tipp birgt Wahrheit und ist sicherlich gut gemeint – ist aber leider viel zu pauschal! Langsam E-Bass üben ist zweifellos für vieles richtig, aber z. B. nicht unbedingt für Grooves. Und diese sind schließlich unsere wichtigste Aufgabe. Hier liegt also auch ein großes Fehlerpotential! Grooves haben einen gewissen „Sweet Spot“, d. h. sie funktionieren nur wirklich gut in einem bestimmten Tempobereich von vielleicht 15-20 BPM Toleranz. Darunter oder darüber können sich sehr schnell die Spielregeln für die emotionale Wirkung oder Artikulationen ändern.

Zum Beispiel klingt und wirkt eine Staccato-Phrasierung bei langsamem Tempo komplett anders als bei schnellerem Tempo. Funky Synkopen sind das „Salz in der Suppe“ beim richtigen Tempo, in einem langsamen Tempo aber können sie ganz schön nerven. Hier klingen sie mitunter sogar falsch und für den Groove unpassend! Daher ist es ratsam und für den eigenen Fortschritt auch deutlich förderlicher, Grooves gleich annähernd in einem Tempobereich zu üben, in welchem man den Bezug zum Song herstellt und diesen auch als solches erkennt.

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Aber Vorsicht: Selbstverständlich bezieht sich dies nur auf Groove-relevante Aspekte. Falls man noch mit spieltechnischen Problemen der Bassline zu tun hat, sollte man diese natürlich vorher in Ruhe klären. Dieser Funkgroove mit vielen einzelnen und kurzen Noten würde z. B. grausig klingen, wenn man ihn aus seinem „Sweet Spot“ holt. Manche Noten scheinen verloren im Raum zu stehen und das Staccato klingt eher zickig als funky. Es fehlt der Bezug zum Song und dessen Feeling. Warum also sollte man ihn auf diese Weise üben?

Audio Samples
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Funky Fingergroove Funky Fingergroove – Playback zum Üben

Mythos 3: Läufe einfach nur oft genug wiederholen!

Jede Woche habe ich Schüler, die zu mir sagen: „Es klappt noch nicht richtig, wahrscheinlich muss ich es nur oft genug spielen!“ Zugegeben, auch an diesem Satz ist viel Wahres dran und kann durchaus zu 100% zutreffen. Aber man kann damit auch eher das Gegenteil bewirken! Jeder kennt sich selbst am besten – wenn einen also das Gefühl beschleicht, dass es angesichts der investierten Zeit und Energie eigentlich schon besser laufen müsste, sollte man den Fokus eher auf eingeschlichene Fehler bzw. Veränderungen im Fingersatz richten, anstatt weiterhin auf Wiederholungen zu setzen. Ansonsten übt man unter Umständen den gleichen Fehler noch weitere dutzende Male und verschlimmert die Sache auf diese Weise noch, da man seinem Kopf signalisiert, dass er eigentlich ja das Richtige tut. Auf diese Wiese kann viel wertvolle Zeit verlorengehen und sich viel Frust aufbauen!

Fast immer liegt die Ursache und Lösung in der Koordination zwischen Greifhand und Anschlagshand. Bei technisch anspruchsvolleren Dingen beim E-Bass üben muss man in die Tiefe gehen und genau analysieren, wann welcher Finger welcher Hand was macht. Ansonsten überlässt man dem Zufall das Feld und wird unweigerlich schnell an Grenzen stoßen.

Solieren und Grooven nach Leadsheets
Solieren und Grooven nach Leadsheets
Bass spielen nach Leadsheets

Den folgenden Swing Groove habe ich ursprünglich mit meinem favorisierten Fingersatz für die Moll Pentatonik (C#-Moll in diesem Fall) gespielt (Variante 1). Damit hat es aber irgendwie immer gehakt und blieb im Stadium „ganz okay“ hängen. Hätte ich ihn so weiter geübt, wäre ich wahrscheinlich nie zum Ziel gekommen und hätte permanent etwas Falsches wiederholt. Doch siehe da: Die Umstellung auf Variante 2 brachte mir hierbei letztlich die Lösung! Der entscheidende Lauf ist dabei auf Zählzeit 2 in Takt 1 und 3. Hier habe ich jetzt jeweils zwei Noten pro Saite, was meinen beiden Anschlagsfingern bzw. dem hier benötigten Wechselschlag entgegenkommt. Probiere selbst mal mit verschieden Fingersätzen sowie mit und ohne Einsatz der Raking-Technik.

Audio Samples
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Swing Groove Swing Groove Playback zum Üben

Mythos 4: Immer mit Wechselschlag spielen!

Dieser Mythos beim E-Bass üben ist ein echter Klassiker, der in vielen Lehrbüchern steht und den ich auch schon von so manchem Lehrer gehört habe. Auch hier löst unser gesunder Menschenverstand das Problem im Handumdrehen. Schaut euch mal Videos von z. B. Nathan East, Lee Sklar, Tony Levin und Marcus Miller an. Diese vier sind vermutlich die Bassisten, welche die meisten Aufnahmen eingespielt haben, höchsten Respekt von allen Seiten genießen und dank ihres Könnens über gut gefüllte Bankkonten verfügen. Und alle vier haben gemeinsam, dass sie enorm viel mit nur einem Finger anschlagen. Warum also sollte gerade ich immer ausschließlich mit Wechselschlag spielen? Weil ich weniger Geld verdienen möchte? Genau, es gibt keinen vernünftigen Grund dafür und meine eigenen Vorbilder widerlegen diese These sofort!

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Natürlich kann und darf man gerne immer Wechselschlag verwenden, aber mitunter klingt es sogar besser, wenn man nur mit einem Finger die Saiten anschlägt. Der Sound ist nämlich deutlich konstanter und das Klangbild homogener. Und der Sound sollte schließlich beim Musizieren das wichtigste Argument sein, nicht irgendein Glaubenssatz.

Sobald das Tempo höher wird oder der technische Schwierigkeitsgrad steigt, kann man ja immer noch auf Wechselschlag switchen, aber vorher gibt es eigentlich keine Notwendigkeit – außer persönlichen Vorlieben.

Übe zur Verdeutlichung diesen einfachen Achtelgroove in einem entspannten Tempo, und zwar  einmal mit Wechselschlag und einmal mit nur einem Finger.

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Einfacher Achtelgroove Einfacher Achtelgroove – Playback zum Üben
Bass Wechselschlag
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Mythos 5: Immer einen Finger pro Bund verwenden!

Wie für die Anschlagshand gibt es auch für die Greifhand veraltete Dogmen, die man immer wieder hört und liest. Dazu gehört die Annahme, dass man möglichst immer mit dem „Ein Finger pro Bund“-System spielen sollte. Wir haben schließlich vier Finger zur Verfügung, also sollten wir sie auch nutzen – oder? Auch ich habe diesen Satz vor Äonen gelesen und bin ihm zunächst blindlings gefolgt. Schließlich hat das Buch, aus dem er stammte, ja Geld gekostet, dann wird schon was Gescheites drinstehen. Leider nein!

Meine Enttäuschung war groß, als ich zum ersten mal auf Konzerten in der Prä-YouTube-Zeit meine Helden sah und feststellte, dass sich anscheinend niemand außer mir um die „Ein Finger pro Bund“-Regel scherte. Die machten alle, was sie wollten – und teilweise sogar „verbotene“ Dinge, wie mit dem Daumen über die Kante des Griffbretts langen. Da wurde mir schlagartig klar, dass diese Regel für mich auch nicht gelten muss und ich mir das Leben deutlich bequemer machen kann.

Die besten Tipps für das richtige Üben
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Richtig und effektiv Üben am E-Bass

Für viele Situationen unseres Alltags reicht eine Kombination aus Zeigefinger und Kleinem Finger aus. Mit ihnen erreicht man problemlos die in Basslines häufig verwendeten Intervalle, wie Quinte, Septime und Oktave. Auch die beliebten Pentatoniken lassen sich mit dieser Kombination sehr angenehm spielen. Warum sollte ich mir also das Leben schwerer machen als nötig? Falls anspruchsvollere Passagen anstehen, kann ich ja immer noch auf die „Ein Finger pro Bund“-Methode wechseln.

Diese Blues-Bassline basiert auf dem Grundton, der Quinte, der Septime und der Oktave. Und siehe da: Wir können ganz entspannt alles mit dem 1. und 4. Finger spielen. Das Fill am Ende des vierten Takts orientiert sich an der Tonleiter, und daher macht es hier tatsächlich Sinn, kurz in die „Ein Finger pro Bund“-Methode zu wechseln.

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Blues-Bassline Blues-Bassline – Playback zum Üben
1 Finger per Fret
Fotostrecke: 2 Bilder Hier sieht man die klassische “1 Finger per Fret”-Haltung, …
Fotostrecke

Eigenverantwortung beim E-Bass üben

Mein letzter Punkt ist kein Mythos, sondern soll dich ermuntern, dich bei Bedarf beim E-Bass üben von starren Vorgaben und Glaubenssätzen zu lösen. Sehr häufig höre ich: „Bei mir sieht es aber nicht so aus wie bei dir bzw. bei meinem Vorbild im Video.“ Richtig, dass kann und soll es aber auch gar nicht! Wir alle sind anatomisch unterschiedlich gebaut, wir sind unterschiedlich groß, haben unterschiedlich lange Arme, unterschiedlich große Hände und unterschiedlich lange Finger. Aber: Wir spielen alle das gleiche Instrument. Das kann doch eigentlich gar nicht funktionieren, oder?

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Gleichzeitig haben wir aber auch von unseren Eltern gelernt: „Was der Lehrer sagt, sollst du machen!“ Dies lässt sich aber nicht auf E-Bass-Spieltechnik anwenden. Denn hier ist 1×1 eben nicht immer gleich 2. Anleitungen zu Technik, ob in Wort und Schrift oder Bildern bzw. Videos, sind grundsätzlich keine Dogmen, sondern nur Richtlinien, die sich bewährt haben. Ganz wichtig: Man macht nicht unbedingt etwas falsch, wenn es nicht genau so aussieht wie im Lehrbuch, YouTube-Video, beim Lehrer oder den großen Bassheros.

Meist muss und soll man Eigenverantwortung übernehmen und selbstbewusst die Dinge an sich und seine individuellen Voraussetzungen anpassen. Sonst wendet man unter Umständen viel Zeit für ein relativ schmales Ergebnis auf bzw. tritt auf der Stelle und ist frustriert. Technik ist in der Regel dann richtig, wenn sie sich so anfühlt, als könnte man stundenlang entspannt spielen. Also habt immer den Mut zur Individualisierung und Abweichen vom Idealbild aus dem Lehrbuch oder Unterricht – innerhalb gewisser „Leitplanken“ natürlich!

Bis zum nächsten Mal,

euer Thomas Meinlschmidt

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von Thomas Meinlschmidt

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