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29.03.2021

Play-Alike James Jamerson

Bass-Workshop: James Jamerson

Die besten Basslines von James Jamerson

Jede Geschichte hat ihren Anfang: Die Kindertage des E-Basses sind zweifellos eng mit der Person des Bassisten James Jamerson verknüpft! Da es in den 1960er-Jahren nur wenige musikalische Vorbilder gab, an denen er sich orientieren und von denen er lernen konnte, entwickelte Jamerson gezwungenermaßen einen vollkommen eigenen Ansatz. Dieser sollte sich als Geniestreich herausstellen und ist bis heute ein großes Geschenk für alle Bassisten/innen! Mit seinem agilen, melodischen und großteils improvisierten Spiel prägte er nicht nur die komplette Motown-Stilistik, sondern gleichzeitig auch Scharen von Bassisten "in spe", die damals als Kinder oder Teenies seine kraftvollen Basslines im Radio hörten und davon geprägt wurden. Keine Frage: Ohne James Jamerson wäre die Geschichte des elektrischen Basses eine andere - und ganz sicher eine deutlich ärmere!

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James Jamerson - Kurzbiographie

James Jamerson wurde am 29. Januar 1936 in South Carolina geboren. Schon früh wurde sein musikalisches Talent erkannt: An der Highschool wählte er selbst den Kontrabass als das Instrument, welches er erlernen wollte.

Nach einem Ortswechsel lebte Jamerson in Detroit und wurde in der lokalen Jazzszene schnell ein gefragter Musiker. In Detroit befand sich auch das Plattenlabel "Motown Records" von Produzent Barry Gordy. Es dauerte nicht lange, bis James Jamerson hier seine ersten Sessions spielen und Bekanntschaft mit dem E-Bass machen sollte.

Schnell sicherte er sich einen festen Platz als Studiobassist und bildete zusammen mit einigen Musikerkollegen die berühmten "Funk Brothers", die den Sound für hunderte Hits von Marvin Gaye, Diana Ross, Stevie Wonder, Four Tops, Gladys Knight und vielen mehr lieferten. Da es zu dieser Zeit nicht üblich war, die Musiker auf den Covers der Platten zu erwähnen, blieben die genialen "Funk Brothers" jahrzehntelang so gut wie unbekannt, obwohl sie für unzählige Hits verantwortlich waren.

Auf der Suche nach einem neuen Sound wechselte "Motown Records" im Jahr 1972 nach Los Angeles über - die Funk Brothers, die in Detroit blieben, verloren ihre Jobs. Obwohl Jamerson ebenfalls nach L.A. übersiedelte und weiterhin als Sessionmusiker arbeitete, hatte ihn zu dieser Zeit ein schon länger schwelendes Alkoholproblem zunehmend im Griff und beeinträchtigte auch sein Bassspiel. Die Jobs wurden weniger und am 02. August 1983 verlor er mit gerade einmal 47 Jahren endgültig den Kampf gegen den Alkoholismus.

James Jamersons musikalisches Erbe und sein Beitrag zur Geschichte des E-Basses ist aus heutiger Sicht nicht hoch genug einzuschätzen, zu seinen Lebzeiten war er jedoch der breiten Masse nahezu unbekannt. Dies änderte sich erst posthum: Im Jahr 2000 wurde James Jamerson endlich wohlverdient in die "Rock & Roll Hall Of Fame" aufgenommen!

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James Jamerson - Stilmerkmale

James Jamerson übertrug seine Kontrabass-Technik auf den E-Bass und schlug relativ kräftig nur mit seinem Zeigefinger an (daher der Name "The Hook"!). Daraus resultiert ein häufiges Raking, also das Ziehen des anschlagenden Fingers über die Saiten. Dies kann entweder mit gegriffenen Tönen oder rein perkussiv mit Dead Notes geschehen.

Ein weiteres Relikt vom Kontrabass ist der häufige Gebrauch von Leersaiten, die mitunter nicht einmal in den harmonischen Kontext passen, sondern eher als perkussives Elemente dienen. Allgemein kann man Jamersons Ansatz als sehr melodisch bezeichnen: Durch seinen Jazz-Background kannte er sich natürlich bestens mit Skalen, Pentatoniken und Akkorden aus und nutzte dieses Wissen ausgiebig. Hinzu kam der häufige Gebrauch von chromatischen Leittönen, so wie man sie etwa in Walking Basslines findet. Man könnte sagen, er übernahm das Prinzip des Walking Bass und rhythmisierte bzw. verdichtete diesen.

Am Beispiel von "Darling Dear" von Jackson 5 kann man dies sehr gut beobachten, wenn man die reduzierte Walking Bassline und die mit Tönen und Rhythmik angereicherte Motown-Variante vergleicht:

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Viele von Jamersons Basslines folgen aber auch einer bestimmten von ihm erfundenen "Soulformel": Dabei werden häufig Grundton und Quinte verwendet, hinzu kommt die Sexte bei Dur-Akkorden oder die kleine Septime bei Moll-Akkorden und Dominantsept-Akkorden. (Mehr dazu später bei einigen Song-Beispielen!)

Ein bemerkenswerter Aspekt ist, dass viele Basslines zwar auf einem Basisgroove, nicht aber auf einer starren Repitition eines ein- oder zweitaktigen Patterns aufbauen. Jamerson improvisiert über große Strecken; sein Spiel ist quasi ständig "im Fluss". Das macht die Sache unglaublich lebendig und spannend!

Viele seiner Basslines waren aufgrund der damaligen Arbeitsweise im Studio, aber auch der erstaunlichen Arbeitsroutine der beteiligten Musiker "First Takes", was in Anbetracht der Komplexität und der nicht selten hohen Virtuosität um so erstaunlicher ist.

Laut seiner Kollegen war James Jamerson meist treibende Kraft und Ideengeber bei den Arrangements, nicht selten bildeten seine Bassline geradezu das Zentrum eines Songs. Das Zitat eines Kollegen beschreibt es wohl am besten: "James Jamerson ist Motown!"

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James Jamerson - Equipment

Jamersons Hauptinstrument war sein 1962er Fender Precision Bass, welcher den Kosenamen "The Funk Machine" innehatte. Zu Beginn seiner E-Bass-Karriere besaß er zunächst einen 1957er Precision ("The Black Beauty"), welcher ihm aber gestohlen wurde.

Tragischerweise ereilte auch die legendäre "Funk Machine" kurz vor seinem Tod dasselbe Schicksal. Bis heute ist dieses Stück Musikgeschichte nicht mehr aufgetaucht! Beide Bässe waren mit Flatwound-Saiten bestückt, durch den Schaumstoff in der "Aschenbecher"-Abdeckung der Brücke wurden die Saiten zusätzlich abgedämpft.

Im Studio wurde der Bass direkt in die legendäre Motown D.I. Box gesteckt. Live auf der Bühne benutzte Jamerson für kleinere Gigs einen Ampeg B15 (dieser wurde übrigens ebenfalls gestohlen!), für größere Bühnen einen Kustom mit 2x15er-Box.

>>>Was DU tun kannst, damit dein Instrument klingt wie bei James Jamerson, erfährst du in diesem Artikel!<<<

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James Jamerson - Basslines

Kommen wir nun zu einigen Praxisbeispielen aus der Feder Jamersons. Ich habe die hier vorgestellten Songs einmal mehr nach Schwierigkeitsgrad geordnet.

Marvin Gaye: "Ain't That Peculiar"

Bei diesem Klassiker von Marvin Gaye kann man sehr schön die Kombination von Grundton, Quinte und Sexte zu einem eingängigen melodischen Motiv sehen.

Four Tops: "It's The Same Old Song"

Bei diesem Hit der Four Tops wählte Jamerson einen skalaren Ansatz, um einen hohen Wiedererkennungswert zu realisieren.

Smokey Robinson: "I Second That Emotion"

Eine Mischung aus Grundton Quinte, Sexte und skalaren Übergängen sorgt hier für die richtige Mischung. Rhythmisch bewegen wir uns hier erstmalig im Bereich der Sechzehntel.

The Supremes: "You Keep Me Hanging On"

Erstaunlich: Manchmal reicht für eine catchy Bassline der Wechsel zwischen Grundton und Quinte aus! 

Marvin Gaye & Tammi Terrell - "Ain't No Mountain High Enough"

Hier offenbart sich Jamersons rhythmisches und melodisches Gespür! Im Vers orientiert er sich hauptsächlich an den Grundtönen, im Chorus wechselt er kontrastreich zur Tonleiter und chromatischen Überleitungen.

Marvin Gaye: "What's Going On"

Langsam geht es ans Eingemachte, denn im nächsten Song besteht das Hauptmotiv zwar wieder aus Grundton, Quinte und Sexte, in allen Fills legt Jamerson dann aber richtig los - sei es mit Arpeggios, Skalen oder Chromatik. Der komplette Song ist frei improvisiert, jeder Vers und Chorus anders. Exemplarisch habe ich hier den zweiten Vers herausgepickt, in dem sämtliche Qualitäten Jamersons vereint sind!

Jackson 5: "Darling Dear"

Dieser Song ist Jamerson-Masterclass und abermals von Anfang bis Ende improvisiert. Bis zum Schluss sprüht Jamerson hier nur so vor genialen Ideen! Zwei davon habe ich exemplarisch ausgesucht, denn sie zeigen, wie fantasievoll man melodisch und rhythmisch über eine II-V-I Kadenz (zweite, fünfte und erste Stufe einer Tonleiter) begleiten kann.

Gladys Knight: "I Heard It Through The Grapevine"

Erneut haben wir hier einen Song, der sowohl rhythmisch wie melodisch voller fantastischer Ideen steckt. Ich möchte den Fokus hier aber ganz besonders auf den Einsatz der Raking-Technik legen, die vor allem im Vers mit einem Arpeggio eines C-Dur-Dreiklangs über alle vier Saiten auffällt.

Viel Spaß mit den Basslinien von James Jamerson und bis zum nächsten Mal,

euer Thomas Meinlschmidt

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