Viersaiter vs. Fünfsaiter

“Soll ich einen Viersaiter oder Fünfsaiter-E-Bass kaufen?” Eine der großen ungeklärten Fragen der Menschheit ist, ob ein Viersaiter- oder ein Fünfsaiter-E-Bass die bessere Wahl ist. Einen klaren Standard gibt es bei diesem Thema mittlerweile nicht mehr, denn beide Varianten sind heutzutage ähnlich populär. Da hatte man es bis in die 1980er-Jahre noch deutlich einfacher, denn bis dahin war der fünfsaitige E-Bass noch ein Exot. Heutzutage gibt es jedoch Stilistiken, in denen ohne 5-Saiter gar nichts mehr geht. So ändern sich die Zeiten! Dabei liegt die Antwort eigentlich ja auf der Hand, sollte man meinen: Fünf ist mehr als vier – und “mehr” ist doch per se besser, oder? Immerhin: Alle Töne, die ein Viersaiter umfasst, hat der Fünfsaiter auch zu bieten – und noch mehr! Stellt sich die Frage also vielleicht gar nicht mehr? Doch! Warum die richtige Antwort nicht so einfach zu finden ist, wollen wir in diesem Artikel klären. Und wir erörtern die Unterschiede sowie die Vor- und Nachteile des Viersaiter- und des Fünfsaiter-Basses in verschiedenen Spieltechniken, Stilistiken etc.

Viersaiter vs. Fünfsaiter

Inhalte

  1. Fünfsaiter-Bässe – History
  2. Maße, Gewicht, Handling von Fünfsaiter-Bässen
  3. Klangliche Unterschiede von Vier- und Fünfsaitern
  4. Bespielbarkeit und Einsatzmöglichkeiten bei verschiedenen Spieltechniken
  5. Drop Tuning oder lieber gleich 5-Fünfsaiter?
  6. “Brauche ich einen fünfsaitigen Bass für mehr stilistische Vielfalt?”
  7. Viersaiter vs. Fünfsaiter – Fazit

Fünfsaiter-Bässe – History

E-Bässe mit mehr als vier Saiten gibt es bereits seit Mitte der 50er-Jahre. Der bekannteste Vertreter ist sicherlich der Fender VI, welcher eine Oktave tiefer als eine Gitarre gestimmt war (also noch keine tiefe B-Saite besaß). Und auch der erste 5-Saiter von Fender im Jahre 1965 umfasste als Erweiterung zum 4-Saiter eine hohe C-Saite.

Als geistige Väter des modernen mehrsaitigen Basses mit tiefer B-Saite gelten gemeinhin die Bassisten Jimmy Johnson und Bassist Anthony Jackson. Letzterer ließ sich 1975 von Carl Thompson einen sechssaitigen Bass mit der Stimmung B-E-A-D-G-C bauen. Jimmy Johnson modifizierte seinen bereits fünfsaitigen Alembic (mit hoher C-Saite) und ließ sich vom Saitenhersteller GHS eigens eine tiefe B-Saite anfertigen.

Wahrscheinlich gab es darüber hinaus noch den einen oder anderen Bassbauer, der ebenfalls mit diesem Thema herumexperimentierte, aber Jacksons und Johnsons Bässe waren diejenigen, die in der Szene zur damaligen Zeit für Furore sorgten.

Der Fünfsaiter wird salonfähig!

Anfangs noch eher kritisch beäugt, wurden mehrsaitige Bässe dann in den 80er-Jahren immer populärer. Vor allem amerikanische Bassbauer, wie Fodera, Tobias, Spector etc. bekamen immer mehr Nachfragen nach Instrumenten dieser Bauart. Auch die Hersteller von Bassverstärkern waren nun gezwungen, auf das erweiterte Frequenzspektrum des Instruments zu reagieren, womit die letzte Hürde für 5-Saiter aus dem Weg geräumt war.

Die etablierten Riesen der Szene hingegen ließen sich anfangs noch Zeit ‑ Fender zum Beispiel brachten ihren ersten modernen 5-Saiter erst 1995 auf den Markt – man wollte wohl zunächst beobachten, ob der Trend nicht vielleicht schnell wieder verschwinden würde. Das tat er jedoch nicht, und folglich hält der Markt heutzutage ein ähnlich reiches Angebot an 5-Saitern wie an 4-Saitern bereit.

Viersaiter oder Fünfsaiter? Schon klar - am besten gleich beide!
Viersaiter oder Fünfsaiter? Schon klar – am besten gleich beide!

Maße, Gewicht, Handling von Fünfsaiter-Bässen

Keine Überraschung ist, dass ein 5-Saiter in allen Belangen größer ist als ein 4-Saiter. Das betrifft vor allem den Korpus und die Breite des Basshalses. In der Regel bringt dies natürlich auch mehr Gewicht mit sich – allerdings hängt dies stark vom Hersteller ab. In den unteren und mittleren Preisregionen ist zu erwarten, dass der 5-Saiter auch etwas schwerer sein wird als das viersaitige Pendant, Ausnahmen bestätigen aber die Regel.

Schaut man hingegen bei den kleineren (Boutique-)Herstellern, die in nicht so hohen Stückzahlen produzieren, so fällt auf, dass 5-Saiter nicht zwangsläufig schwerer als 4-Saiter sein müssen. Das hat mit der Selektion des Holzes sowie anderen Aspekten zu tun, wie etwa dem Anlegen von Hohlkammern (Chambering) des Bodies. Für Features dieser Art zahlt man allerdings auch einen entsprechenden Preis.

Und wie wirken sich die unterschiedlichen Maße auf das Handling bzw. das Spielgefühl aus? Auch hier lässt sich keine definitive Aussage treffen, denn es existieren unterschiedliche Konzepte. Der relevantesten Punkte sind sicherlich die Sattel- bzw. Halsbreite und der Saitenabstand. Der etwas größere Korpus spielt hingegen in der Regel kaum eine Rolle.

Verschiedene Hersteller verfolgen sehr individuelle Wege!

Einige Hersteller möchten den Unterschied vom 4-Saiter zum 5-Saiter so gering wie möglich gestalten und verbreitern den Hals deshalb nur marginal. Das fühlt sich für die Hand zwar vertraut an, besitzt aber ein engeres String Spacing (Abstand der Saiten zueinander) zur Folge. Für schnelles Fingerstyle-Spiel kann dies ein Vorteil sein, für Techniken wie Slapping ist es eher hinderlich.

Der andere Weg mögliche ist, das String Spacing wie beim 4-Saiter zu belassen und auf diesem Sektor für Vertrautheit zu sorgen. Dadurch werden jedoch der Sattel und der Hals unweigerlich spürbar breiter. Welcher dieser beiden Ansätze (oder Mittelweg) für einen funktioniert, hängt stark vom persönlichen Geschmack und Spielstil und vor allem der individuellen Anatomie ab, also des Spielers Körpergröße, Länge der Arme und Länge der Finger.

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Ein zusätzlicher wichtiger Punkt ist das Halsprofil. Nicht wenige Hersteller wirken der erschwerten Bespielbarkeit eines breiteren Halses durch ein flacheres Halsprofil entgegen. Hier sollte man unbedingt mehrere Hälse in die Hand nehmen, um zu sehen, was sich für einen am besten anfühlt.
Ich persönlich zum Beispiel bin eher ein 4-Saiter-Typ, allerdings empfinde ich die Bespielbarkeit eines 5-Saiters mit den 19 mm Saitenabstand eines 4-Saiters und flacherem Halsprofil als sehr komfortabel. So hat eben jede Hand ihre Vorlieben!

Klangliche Unterschiede von Vier- und Fünfsaitern

Dieser Punkt lässt sich meiner Erfahrung nach ziemlich eindeutig beantworten: Ein 4-Saiter klingt immer etwas fetter als sein fünfsaitiger Bruder. Allerdings reden wir hier von Nuancen und keinesfalls Welten. Der Grund liegt in der Masse der Instrumente – um hier für Gleichstand zu sorgen, müsste diese bei einem 5-Saiter analog zur Saitenanzahl ebenfalls um 25% erhöht werden. Der Vergleich ist vielleicht physikalisch nicht ganz korrekt, macht aber das Prinzip deutlich!

“Weniger fett” klingt ganz klar nach einem Minuspunkt für den 5-Saiter, man könnte es aber auch positiv als “etwas straffer” klingenden Bass auslegen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass mir 4-Saiter immer als die etwas fetteren, frecheren und lebendigeren Bässe erscheinen, 5-Saiter dagegen als die mehr kultivierten, ausgeglicheneren und gesetzteren Instrumente (wieder ist die Rede von Nuancen).

Würde ich einen Vergleich zu einem Menschen ziehen, so würde ich sagen: Es ist ein und dieselbe Person – einmal in ihren 20ern, und einmal in ihren 50ern (bezogen auf die Mentalität, nicht den Körperumfang). Dies ist aber meine ganz persönliche Erfahrung und Meinung.

Instrumente, die für moderne Stilistiken prädestiniert sind, werden heutzutage hauptsächlich in der Fünfsaiter-Version verkauft, wie dieser Nolly Getgood Signature des kanadischen Herstellers Dingwall.
Instrumente, die für moderne Stilistiken prädestiniert sind, werden heutzutage hauptsächlich in der Fünfsaiter-Version verkauft, wie dieser Nolly Getgood Signature des kanadischen Herstellers Dingwall.

Bespielbarkeit und Einsatzmöglichkeiten bei verschiedenen Spieltechniken

Bei aller Liebe zu 5-Saitern ‑ hier lässt sich nichts mehr beschönigen, denn die fünfte Saite erhöht unweigerlich die Herausforderung in Sachen Bespielbarkeit und erschwert vor allem eines: das Dämpfen. Vier Saiten lassen sich mit dem Einsatz beider Hände noch halbwegs unter Kontrolle halten, zumindest beim Spielen mit Wechselschlag. Ab der fünften Saite wird es erheblich aufwendiger, ungewollt schwingende Leersaiten im Zaum zu halten.

Noch größer fällt der Unterschied bei Spieltechniken aus, bei denen die Anschlagshand nicht oder wenig beim Dämpfen der Leersaiten helfen kann: Slappen, Double Thumbing, Tapping etc. Die tiefe B-Saite lässt sich sehr leicht in Schwingung versetzten und gerade bei Slappen liegt es in der Natur der Sache, dass man auf seinen Bass mit den Daumen schlägt ‑ eine unglückliche Kombination. Der Endstand in Sachen Bespielbarkeit lautet ganz klar: “1:0 für den 4-Saiter”.

Ist dieser fünfsaitige Cort A5 Plus SC nicht eine Schönheit?
Ist dieser fünfsaitige Cort A5 Plus SC nicht eine Schönheit?

Drop Tuning oder lieber gleich 5-Fünfsaiter?

In der Regel ist der Grund, sich einen 5-Saiter zu kaufen, die Erweiterung des Frequenzspektrums nach unten – sprich: die tiefe B-Saite. Dafür muss man leider ein paar Opfer bringen, siehe Dämpfen etc. Aber muss man das wirklich? Lassen wir einmal alle anderen angesprochenen Aspekte außer Acht und konzentrieren uns nur auf den tonalen Umfang unseres Instruments!

Haben wir uns also entschlossen, dass wir die vier extra Töne eines 5-Saiters unbedingt benötigen, so können wir uns auch fragen, ob wir die G-Saite wirklich benötigen. Ist die Antwort darauf “Nein” oder “eher selten”, ist nämlich auch ein 4-Saiter mit Drop Tuning eine Option. Mit dickeren Basssaiten lässt sich die E-Saite (oder wahlweise auch alle Saiten) problemlos um mehrere Halbtöne tiefer stimmen.

Man kann natürlich auch gleich die tiefen vier Saiten eines 5-Saiters als Besaitung benutzen – ab einer gewissen Stärke wird man jedoch wahrscheinlich die Kerben am Sattel ausfeilen müssen oder gleich einen neuen Sattel benötigen. Das ist keine große Sache, sollte aber zuvor bedacht werden. Auf diese Weise kommt man in den Genuss der gewünschten tiefen Töne, bewahrt sich aber die Bespielbarkeit eines 4-Saiters – und zwar komplett!

Einen traditionsreichen Klassiker wie diesen Höfner-Bass kann man sich nur schwerlich als Fünfsaiter vorstellen, oder?
Einen traditionsreichen Klassiker wie diesen Höfner-Bass kann man sich nur schwerlich als Fünfsaiter vorstellen, oder?

“Brauche ich einen fünfsaitigen Bass für mehr stilistische Vielfalt?”

Gibt es tatsächlich Stilistiken, in denen ein 5-Saiter unbedingt notwendig ist – und wiederum Stilistiken, in denen tiefere Töne als die leere E-Saite kontraproduktiv sind? Nun, es ist sicherlich keine “Angelegenheit von Schwarz und Weiß” und hängt auch immer vom jeweiligen Song ab, aber gewisse Muster kann man doch feststellen:

Nahezu alle modernen Spielarten von Hard Rock oder Heavy Metal rangieren in Sachen Tuning heute deutlich tiefer, mitunter sogar deutlich unterhalb der tiefen B-Saite, als das noch in den 80er- und 90er-Jahren der Fall war. Hier sind 5-Saiter oder 4-Saiter mit Drop Tuning mittlerweile Standard.

Auch in modernem R&B, Neo Soul und Gospel sind 5-Saiter ein fester Bestandteil des Klangbildes, oftmals auch in Verbund mit einem Synthie-Bass. Früher rangierte hier die Bassdrum als tiefstes Instrument, der Bass spielte eher melodisch und häufig in den mittleren Lagen, etwa beim Motown etc.

Fünfsaiter-Bässe können moderne Produktionen deutlich nach vorne bringen - die sehr tiefen Töne können aber auch schnell zu viel des Guten sein!
Fünfsaiter-Bässe können moderne Produktionen deutlich nach vorne bringen – die sehr tiefen Töne können aber auch schnell zu viel des Guten sein!

Im Laufe der Jahre hat sich in diesen Stilistiken jedoch das Verhältnis von Bassdrum und Bass verändert. Dies gilt sicherlich nicht generell, aber gerade in Produktionen mit elektronischen Drums besitzt die Bassdrum nicht selten einen druckvollen, mittigen “Plock”-Sound, während der Bass im Keller des Frequenzbandes sitzt. Selbst “der” 4-Saiter-Player schlechthin, Mr. Pino Palladino, ist häufig in Neo-Soul-Produktionen mit einem auf “Drop Cis” gestimmten Bass zu hören.

Auf der anderen Seite gibt es Fälle, in denen die tiefe B-Saite so gar nicht passt und sogar den Sound der Band verschlechtert. Gerade in klassischen Besetzungen mit Gitarre, Bass und Drums, wie in Rock, Blues, Retro-Soul etc. kann es sein, dass geradezu ein Loch im Frequenzband entsteht, wenn sich der Bass zu weit von der Gitarre oder dem Keyboard entfernt. Statt “fett” klingt es dann irgendwie hohl und komisch, da Bassdrum und Bass jetzt gemeinsam im Keller des Hauses wohnen, die Gitarre im ersten Stock – aber niemand im Erdgeschoss. Gelegentlich ein tiefes D als Effekt kommt sicher gut, aber sich länger in den Regionen unterhalb von E aufzuhalten, ist hier eher nicht ratsam.

Viersaiter vs. Fünfsaiter – Fazit

Braucht man nun einen Fünfsaiter, oder nicht? Sicher nicht! Ist es gut, einen zu haben? Eindeutig ja! Es gibt sicherlich kaum eine musikalische Situation, welche man nicht auch mit einem Viersaiter bewältigen könnte. Aber es gibt eben heute auch spezielle Fälle, in denen die fünfte Saite einfach authentischer klingt und sogar ein stilistisches Merkmal sein kann. Ein großer Vorteil eines Fünfaiters ist, dass er den Tonumfang eines Viersaiters ebenso bietet. Nachteile liegen dafür ohne Frage in der Bespielbarkeit, zumindest bei einigen speziellen Spieltechniken, die eindeutig eine längere Zeit der Eingewöhnung aufgrund der zusätzlichen Saite erforderlich machen. In erster Linie sollte die Frage nach einem 4- oder 5-Saiter jedoch keine Entscheidung aus Vernunft sein, sondern davon abhängen, ob man “so richtig Bock” auf einen Fünfer hat! Der persönliche musikalische Kontext spielt dabei natürlich eine ganz große Rolle, und ob hier eine fünfte Saite wirklich eine klangliche Verbesserung mit sich bringt. Entscheidend ist zudem, dass man sich auf einem Instrument wohl und zu Hause fühlt, daher sollte man ruhig möglichst viele 5-Saiter-Bässe in die Hand nehmen um zu sehen, was sich gut anfühlt.

Ich wünsche dir viel Spaß und Erfolg bei der Suche und beim Experimentieren!

Bis bald, Thomas Meinlschmidt

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