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18.07.2017

Von Hammermechanik bis Synthesizer-Tastatur

Über Tastaturen, Mechaniken und Marketing

Von gewichtet bis leicht gewichtet, Aufbau und Besonderheiten

Tastaturen von Keyboards, Digitalpianos, Synthesizern und Orgeln sind ein heiß diskutiertes Thema. Da schwirren die Fach- und Werbeausdrücke nur so durch die Lüfte: Ivory Touch, Waterfall, Druckpunktsimulation, Graded Hammer... Die Marketingabteilungen geben jedenfalls ihr Bestes, um uns von der Qualität ihrer Tastaturen zu überzeugen.

Es ist aber auch nicht leicht! Zum einen waren die Tastaturen von Digitalpianos und anderen Keyboards tatsächlich mal ziemlich schlecht und brauchen jetzt wohl viel Marketing-Geklingel, um die Scharte wieder auszuwetzen. Zum anderen gibt es eben auch viele Traditionen, die unter einen Hut gebracht werden sollen: Ein Stage-Piano mit E-Orgel-, Orgel-, Klavier-, Synthesizer- und Cembalo-Sounds bräuchte eigentlich fünf verschiedene Tastaturen, um der Sache gerecht zu werden. Oder geht es doch eigentlich mehr um die Mechanik und gar nicht um die Tastatur? Und braucht mein Moog jetzt Elfenbein? Um hier mal ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, stellen wir euch die wichtigsten Begriffe und Techniken vor.

Quick Facts

  • Tastatur:  Tastaturen im Allgemeinen sind die Bauteile eines Tasteninstruments, die dazu dienen mit ihnen verbundene Töne abzurufen. Die unterschiedlichen Typen von Tasteninstrumenten verfügen über unterschiedliche Tastaturen, die auf die Art der Tonerzeugung des Instruments besonders abgestimmt sind. Auch ist eine spezielle Mechanik erforderlich, welche die Tonerzeugung des Instruments steuert.
  • Manual:  Eine Variante der Tastatur stellt das Manual der Orgel dar, das spieltechnisch leichtgängig und im Regelfall nicht anschlagsdynamisch ist.
  • Mechanik:  Die Mechanik stellt den Teil neben der Tastatur dar, welcher für die Auslösung des Tons sorgt, der durch eine Taste ausgewählt wurde. Unterschiedliche Tasteninstrumente verfügen neben unterschiedlichen Tastaturen somit über spezifische Mechaniken, die für das hörbar machen des gewählten Tons sorgen.

Die Geschichte der Tastatur

Wo kommt die Tastatur eigentlich her?

Tastaturen gibt es in allen möglichen Größen, Arten und Formen. Das ist nicht nur heute im gut sortierten Fachhandel so, sondern schon sehr viel länger, schließlich gibt es Tastaturen schon seit der Antike. Und vielleicht ist ein kleiner Blick in die Geschichte ja gar nicht schlecht als Einleitung in ein Thema, das so heiß diskutiert wird, wie sonst kaum etwas. Also fangen wir doch mal ganz kurz von vorne an: Wo kommt die Tastatur eigentlich her? Angefangen hat es natürlich bei den Griechen, die sowohl wind- als auch wasserbetriebene Orgeln erfanden. Bei den Römern kamen in den Amphitheatern schon portable Orgeln zum Einsatz. Wer sich beim nächsten Gig also wie von wilden Tieren gehetzt vorkommt, steht in einer langen Tradition.

Im Byzantinischen Reich war die Orgel ein typisches Instrument, und nachdem eine solche von Karl dem Großen im Aachener Dom installiert wurde, setzte sie sich als „Königin der Instrumente“ auch in Europa durch. Dabei muss man sich die Anordnung der Tasten allerdings erstmal völlig anders vorstellen, denn die 12-tönige Tastatur hat sich erst am Ende des Mittelalters so richtig etabliert. Und bis man dann die 12 Töne überhaupt erst so stimmen konnte, bis man damit in allen Tonarten halbwegs sauber spielen konnte, hat es noch einmal ein paar Jahrhunderte gedauert. Es ist aber auch eine verdammte Rechnerei, alle möglichen Töne so auf zwölf Tasten zu verteilen, dass man in allen 24 Tonleitern sauber spielen kann!

Inzwischen hatten sich aber schon wieder ganz andere Techniken entwickelt: Während bei der Orgel durch Tastendruck ein Luftventil geöffnet wird, ist das Cembalo eigentlich ein Zupfinstrument mit Tasten, bei dem eine Saite durch einen kleinen Federkiel angerissen wird. Erst kurz vor 1700 wurde das erste Tasteninstrument erfunden, bei dem ein Hammer auf Saiten schlägt. Damit war die Hammermechanik erfunden – und zwar von Bartolomeo Cristofori, der bei den Medicis als Hofcembalobauer angestellt war. Und den Rest der Geschichte kennen wir dann fast schon: Die Hammermechanik wurde immer ausgefeilter und besteht heute bei Konzertflügeln aus bis zu 8800 Teilen, wobei die Entwicklung ab Ende des 19. Jahrhunderts als mehr oder weniger abgeschlossen gilt. Auf Tastaturen und Klaviermechaniken spezialisierte Firmen wie Kluge aus Remscheid oder Renner aus Gärtringen liefern ihre Produkte in die ganze Welt und beliefern zum Beispiel auch Steinway & Sons. 

Danach wurde alles anders, denn jetzt ging es vor allem darum, billig zu produzieren: Laurens Hammond baute die Waterfall-Tastatur nicht in seine Orgeln ein, damit man besser Glissandi spielen kann, sondern einfach weil sie billiger war. Und auch Harold Rhodes wollte vor allem ein billiges Klavier bauen, weshalb die Hammermechanik beim Fender Rhodes eine ziemlich einfache Angelegenheit ist. Und schließlich kamen die ersten Synthesizer-Tastaturen – die ersten Tastaturen, bei denen Klangerzeugung und Controller völlig getrennt waren und bei denen ein Kontakt und eine schlichte Feder unter einer Plastikkappe ausreichte. Aus dieser Zeit rührt auch das schlechte Image der Keyboard-Tastaturen, von denen lange Zeit gesagt wurde, dass sie „den Anschlag versauen“. 

Erst langsam und mit dem massenweisen Aufkommen der Digitalpianos wurden auch die Tastaturen auf Keyboards wieder besser, und inzwischen gibt es Firmen, die sich ganz darauf spezialisiert haben (wie zum Beispiel die italienische Firma Fatar). Aber was ist schon besser: Wer E-Orgel spielt, will eine Waterfall-Tastatur, für ein Synth-Solo braucht man dagegen eine ganz leichte Tastatur mit Aftertouch und der Pianist will halt eine Hammerklaviatur, egal ob die nun noch gebraucht wird oder nicht. Also: Die Tastatur gibt es gar nicht. Aber was macht eine Tastatur überhaupt aus?

Die Tastatur allgemein

Wie funktioniert eine Taste einer Tastatur?

Eine Taste einer Tastatur soll sich nach oben und unten bewegen, nicht nach links und rechts. Allerdings gibt es natürlich immer ein bisschen Spiel, und wenn die Taste der Bewegung etwas nachgibt, ist das auch erwünscht. Das Ganze ist nicht unkompliziert und hängt natürlich auch mit den Spaltmaßen zwischen den Tasten zusammen. Sie sollen möglichst eng aneinander liegen, allerdings ohne sich zu berühren. Also, Schwierigkeit Nummer eins: Tasten nur nach oben und unten, aber doch ein kleines bisschen zur Seite. Schwierigkeit Nummer zwei: Tasten ganz eng beieinander, aber bitte nicht berühren.

Die Breite der Tasten ist normiert und zwar in der DIN 8996. Die gilt zwar nicht weltweit und sie erlaubt auch eine Differenz von +4 mm, aber im Prinzip ist eine Oktave ungefähr 16,5 cm breit. Das ist wichtig, weil jeder geübte Pianist die Breite einer Oktave in seinen Bewegungen abgespeichert hat und nicht mehr groß schauen muss. Alles in allem führt das dazu, dass eine 88er-Tastatur so 1,50 bis 1,60 Meter breit ist. Natürlich gibt es gute Gründe, eine Tastatur enger zu machen, zum Beispiel aus Transportgründen. Und Cembali hatten schon immer schmalere Tasten als Klaviere.

Interessant ist außerdem der Tastenhub, also wie tief sich eine Taste nach unten bewegen lässt. Klavierbauer sagen dazu „Niedermaß“ und es bewegt sich so um einen Zentimeter herum. Gute Tastaturen machen dabei keinen großen Unterschied, ob man sehr fest oder sehr leicht anschlägt: Bei Flügeln sollte es da nur bis zu einem Millimeter Unterschied geben. Wann die Taste ganz unten angekommen ist, sollte gut definiert zu spüren sein, sonst bekommt man ein „schwammiges“ Gefühl.

Bei genauer Betrachtung einer Tastatur fällt auf, dass die meisten schwarzen Tasten nicht genau in der Mitte zwischen den weißen Tasten liegen. Nur das gis/as ist direkt in der Mitte angeordnet, alle anderen sind nach links oder rechts verschoben. Die fünf schwarzen Tasten sind zwar bei allen Tastaturen gleich breit, aber von Tastatur zu Tastatur gibt es da durchaus Unterschiede. Außerdem sind sie meistens angeschrägt, und was zwar eigentlich selbstverständlich, aber ganz wichtig ist: Sie liegen höher als die weißen Tasten. Auch das ist sehr wichtig für die Orientierung beim „blind“ spielen, denn so kann man erspüren, wo die Hand auf der Tastatur liegt.

Wo liegt der Unterschied zwischen Tastatur und Mechanik?

Wichtig ist zudem der begriffliche Unterschied zwischen Tastatur und Mechanik. Die Tastatur benennt genau genommen nur die Tasten, also ob sie aus Holz oder Plastik sind, ob das Holz mit Elfenbein belegt ist oder mit Plastik oder überhaupt nicht, ob die Tasten massiv oder hohl sind und schließlich, ob die Tasten vorne eine überstehende Lippe wie beim Klavier haben oder ob sie abgerundet wie bei der Waterfall-Tastatur einer E-Orgel oder sogar abgeschrägt wie bei manchen Synthesizer-Tastaturen sind. Die Mechanik bezeichnet dagegen die Übertragung der Bewegung der Finger auf den Tasten in die Bewegung eines Hammers oder die Auslösung eines Sensors, der sie in MIDI-Informationen übersetzt. Tatsächlich wird beides aber häufig synonym benutzt und da das bei modernen Keyboards sowieso alles ein bisschen zusammen wächst, sprechen auch wir meistens einfach von der Tastatur.

Ganz offensichtlich ist, dass Tastaturen unterschiedlich schwergängig sind. Und zwar gilt das für beide Richtungen: nach unten und nach oben. Bei den akustischen Vorbildern hat ein Klavier eine leichtere Tastatur als ein Flügel, einfach weil die Hämmer waagerecht auf die Saiten schlagen und nicht wie beim Flügel gegen die Schwerkraft hochgehoben werden müssen. Hochgehoben werden muss allerdings nicht nur der Hammer, sondern auch der Dämpfer, weshalb bei großen Konzertflügeln (ab Steinway C) mit schwereren Hämmern und Dämpfern richtig Arbeit angesagt ist – da kann eine einzelne Taste bis zu 120 Gramm Druck benötigen, um ganz unten anzukommen. Allgemein gilt, dass man natürlich ein bisschen Widerstand fühlen will, sonst spürt man ja gar nichts. Wie groß dieser Widerstand allerdings sein soll, ist eine ganz individuelle Sache, und deshalb lässt sich die Qualität einer Tastatur auch nicht an der Schwere der Gewichtung festmachen.

Wie schnell die Taste wieder hoch springt, ist dann noch mal eine andere Sache. Man könnte ja meinen, dass man schneller repetieren kann (den selben Ton noch einmal anschlagen), je schneller eine Taste wieder nach oben kommt. Tatsächlich ist das Ganze aber ein bisschen komplizierter und die Klaviermechanikbauer plagen sich damit bis zum heutigen Tag herum. Seit der Erfindung der sogenannten Repetitionsmechanik muss man jedenfalls nicht mehr warten, bis die Taste wieder ganz oben ist, um erneut anzuschlagen. Aber es gibt auch noch einen ganz anderen Punkt, denn die Aufwärtsbewegung bestimmt ja auch, wann der Ton wieder aufhört.

 

Wie sind Anschlagshärte und Lautstärke miteinander verbunden?

Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass bei Klavieren Anschlagshärte und Lautstärke miteinander gekoppelt sind. Weil beim Klavier die Lautstärke dadurch bestimmt wird, mit wie viel Energie der Hammer auf die Saiten prallt, hat man beim Entwickeln von Keyboardtastaturen messerscharf gefolgert, dass ein Hammer, der mit Schmackes auf eine Saite trifft, vorher auf der Tastatur offensichtlich schnell herunter gedrückt wurde. Bei Keyboards wird die Lautstärke also meistens durch Messen der Zeit bestimmt, welche die Taste benötigt, um ganz herunter gedrückt zu werden. Ein guter Pianist kann kontrolliert so an die 20 Lautstärken hervorbringen, was für die heutige Sensortechnik natürlich überhaupt kein Problem darstellt. Im Gegenteil, der Vorteil ist, dass man die Klaviaturen an sein eigenes Spiel anpassen kann. Das macht man mit sogenannten Velocity-Kurven (Anschlagskurven), mit denen man das Verhältnis zwischen Anschlagsgeschwindigkeit und resultierender Lautstärke einstellt.

Der MIDI-Standard kennt 128 Velocity-Werte (0-127), wobei bei 0 eigentlich gar kein Ton erklingen sollte und bei 127 der lauteste Ton gespielt wird. Eine richtig eingestellte Anschlagskurve ist für das Spielgefühl genau so wichtig wie der ganze Rest zusammen, denn sie bestimmt, mit wie viel Kraft man ein Instrument spielt. Leider machen sich nur die wenigsten die Mühe, die Anschlagkurve nach ihren Bedürfnissen einzustellen. Wenn diese zum Beispiel zu hart eingestellt ist, kann es sein, dass man überhaupt nie die maximale Lautstärke erreicht, weil man vielleicht gar nicht so kräftig spielt, wie die Tastatur eingestellt ist. Das hat zur Folge, dass das Digitalpiano oder der Synthesizer überhaupt nie die lautesten Töne spielen.

Anders herum kann es passieren, dass man vielleicht auch nie die leisesten Töne hört, weil man schon bei einem ganz leichten Anschlag einen Velocity-Wert von über 20 auslöst und die Klänge von 0-19 überhaut nie hört. Inzwischen haben die allermeisten Tastaturen wenigstens drei voreingestellte Anschlagskurven, ganz schicke Geräte analysieren sogar den eigenen Anschlag und bauen daraus eine persönliche Anschlagskurve. Ohne die Velocity-Kurve individuell eingestellt zu haben, sollte man also nicht auf die Qualität der Tastatur und des ganzen Instruments schließen. Man kann es gar nicht genug betonen: Wer expressiv auf seinem Keyboard spielen will, muss sich um die Anschlagskurve kümmern, denn sonst kann es sein, dass man gar nicht alle Klänge hört, die das Instrument von sich geben kann!

Der letzte Punkt betrifft schließlich die Geräusche, die so eine Tastatur macht – und die können mitunter ziemlich laut sein. Wer eine Klavierballade spielt und die Leute in der ersten Reihe hören es bei jedem Anschlag so klappern, als würde jemand auf einer Computertastatur tippen, muss sich extra anstrengen, um die richtige Romantik aufkommen zu lassen.

Die Klaviertastatur und deren Mechanik

Wie arbeiten Klavier- und Flügelmechanik?

Eine Klaviertastatur – oder genauer: die Klaviermechanik – gibt es original in zwei Ausführungen: die von Klavieren und die von Flügeln. Eigentlich sollte man denken, dass die zwei sich ziemlich ähnlich seien, aber tatsächlich gibt es da ziemlich große Unterschiede. Gemeinsam ist beiden, dass sie eine Hammermechanik besitzen, was bedeutet, dass mit dem Herunterdrücken einer Taste eine ziemlich komplizierte Mechanik in Bewegung gesetzt wird, die am Ende dazu führt, dass ein Hammer auf eine Saite schlägt und sie zum Schwingen bringt. Dabei gilt: Je härter beziehungsweise schneller die Taste gedrückt wird, mit umso mehr Schwung prallt der Hammer auf die Saiten und umso lauter ist der Ton. Gleichzeitig wird über einen weiteren Mechanismus der Dämpfer angehoben, damit die Saite frei schwingen kann. 

Beim digitalen Klavier gibt es nun gar keine Saiten mehr, aber um das Spielgefühl eines Klaviers herzustellen, werden trotzdem Hammermechaniken eingebaut. Denn das „Wippen“ der Mechanik, also das spezielle Gefühl, dass man mit der Tastatur eine bestimmte Bewegung auslöst, bei der am Ende ein Hammer frei durch die Luft fliegt, bis er schließlich auf eine Saite prallt, ist das ganz besondere Spielgefühl an einem Klavier und genau das will man ja auch auf einem Digitalpiano herstellen. Technisch bräuchte es keine Hammermechanik – es geht nur darum, dass es sich ähnlich anfühlt. Je nachdem, wie nah die Hammermechanik am originalen Vorbild ist, umso ähnlicher wird das Spielgefühl dem eines akustischen Flügels. Yamaha gehen inzwischen so weit, dass sie bei einigen Digitalpiano-Topmodellen einfach eine echte Flügelmechanik einbauen, und auch bei den Spitzenmodellen von Kawai sind die Unterschiede nicht mehr groß.

Welche Unterschiede liegen zwischen Klavier- und Flügelmechanik?

Die Mechanik eines Klaviers hat gegenüber einem Flügel den großen Nachteil, dass sie langsamer repetiert. Bei der Flügeltastatur gibt es dafür ganz andere Probleme, die beim Klavier weniger stark ins Gewicht fallen. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Tasten im Bassbereich mehr Kraft erfordern, weil die Hämmer größer und schwerer sind. Bei beiden Instrumenten ist es außerdem so, dass sich die schwarzen Tasten anders anfühlen, weil sie einen viel kürzeren Hebel haben. Beides ist in der Praxis nicht besonders auffällig und beides ist eigentlich unerwünscht: Natürlich hätte man viel lieber, dass sich alle Tasten genau gleich anfühlen. Trotzdem werden diese beiden Unzulänglichkeiten „echter“ Flügeltastaturen heute simuliert und als Merkmale besonders „guter“ Tastaturen verkauft. Eine ziemlich verkehrte Welt.

Sowohl bei Klavieren als auch bei Flügeln bestehen die Tasten aus massivem Holz, was sich schön anfühlt, aber leider ganz schön auf das Gewicht geht. Speziell beim Flügel gibt es aber etwas, was man nur merkt, wenn man die Taste ganz langsam herunter drückt: So ungefähr zwei Millimeter, bevor die Taste ganz unten ist, gibt es den sogenannten Druckpunkt – ein weiterer kleiner Widerstand, den es zu überwinden gilt. Seit Jahrhunderten bemühen sich die Flügelmechanikbauer, diesen Druckpunkt so unmerklich wie möglich zu machen. Aber auch hier gehen die „besten“ Digitalpianos inzwischen so weit, dass dieser Nachteil von Flügelmechaniken (in meinen Augen völlig unnötigerweise) als Druckpunktsimulation in die Keyboardmechaniken eingebaut wird.

Eine weitere Eigenschaft akustischer Instrumente ist die, dass sie beim Spielen vibrieren und sich diese Vibration auf den Spieler überträgt. Das hört sich jetzt vielleicht abstrakt an, aber ein Cellist spürt das Cello am ganzen Körper und spielt das Instrument auch so. Dieses direkte Spüren des Instrumentes ist leider etwas, was bei allen digitalen Varianten verloren geht, weshalb auch das inzwischen simuliert wird. Bei Yamaha heißt das „Tactile Response System“ und es gibt Leute, die darauf schwören.

 

Welchen Stellenwert hat der Begriff "Elfenbein" in der Tastaturfertigung?

Schließlich müssen wir noch über ein ganz besonderes Thema reden: Elfenbein. Jede Tastatur, die etwas auf sich hält, muss auf jeden Fall das Wort Elfenbein verwenden. Ob das nun „Ivory Touch“ oder „Ivory Feel“ heißt, Elfenbein ist ein ganz großes Thema. Elfenbein! Jetzt mal Tacheles: Elfenbein wird bei echten Klavieren und Flügeln schon seit Jahrzehnten nicht mehr verwendet – und zwar nicht erst, seit es Artenschutz gibt. Tatsächlich hatten die Klavierbauer schon seit den 1960er Jahren Schwierigkeiten, genügend Elfenbein zu beziehen und nur bei den teuersten Modellen wurde bis in die 1980er Jahre hinein noch echtes Elfenbein eingesetzt. Und interessanterweise scheint das bei echten Klavieren und Flügeln auch gar nicht mehr so ein Thema zu sein, weil man da schon lange Plastik nimmt, das ein bisschen rutschfester und strukturierter ist. Denn Elfenbein hat auch ziemliche Nachteile: Es verfärbt sich und fällt bei Veränderung der Luftfeuchtigkeit auch gerne mal von den Tasten ab. Elfenbein wird heute fast nur noch aus ästhetischen Gründen bei der Restaurierung alter Instrumente verwendet, die alten Elfenbeintasten haben auch keinen besonderen Wert und können beim Im- und Export zu erheblichen Zollproblemen führen.

Klar, es gibt auch Dinge, die sind bei Elfenbein gut. So hat es zum Beispiel keine ganz glatte, spiegelweiße Oberfläche, sondern ist ein Naturprodukt: Jede Taste ist ein bisschen anders und außerdem ist die Oberfläche ein bisschen rau. Das greift sich natürlich schön und wenn man das mit ganz billigem Plastik vergleicht, ist Elfenbein sicherlich besser. Aber inzwischen ist man mit den Kunststoffen wirklich schon weiter und der geneigte Käufer eines Stage-Pianos würde sich ganz schön wundern, wenn die Tastatur statt einer schönen weißen Oberfläche tatsächlich beige und unterschiedlich gemusterte Tasten mit Relief aufweisen würde. Denn mal ganz nebenbei: Woraus besteht denn Elfenbein? Das hat nämlich nichts mit Elfen zu tun, sondern hieß ursprünglich Elefantenknochen. Schon etwas weniger lyrisch und auch nicht so sexy. Allerdings sprechen wir nicht nur von Elefanten, sondern auch von Nilpferden, Narwalen und Mammuts. Wer kommt eigentlich auf die Idee, mit einer Nilpferd-Tastatur auf der Bühne stehen zu wollen? Leute, fallt nicht auf diesen Marketing-Quark rein. Elfenbein braucht kein Mensch und künstliches Elfenbein-Feeling auf der Tastatur ist seit Jahrzehnten Standard, nicht die Ausnahme.

Die E-Orgel-Tastatur

Was unterscheidet die E-Orgel-Tastatur von der Klaviertastatur?

Im Gegensatz zur Klaviertastatur ist eine E-Orgel-Tastatur aufbautechnisch geradezu ein Kinderspiel: Keine Hammermechanik, kein Elfenbein, kein „Tactile Response System“. Das Besondere einer E-Orgel-Tastatur liegt nämlich ganz woanders. Zum einen heißt die Tastatur bei einer Orgel gar nicht Tastatur sondern Manual und zweitens kommen sie üblicherweise im Doppelpack mit zwei Tastaturen mit vier bis fünf Oktaven. Weiterhin gehören zu einer anständigen Orgel Pedale, und weil das mit der Lautstärke auch ganz anders funktioniert als bei einem Klavier, gibt es für den rechten Fuß ein Schwellerpedal, das die Lautstärke regelt. Was jetzt die Tastaturen im Besonderen angeht, so gibt es da drei ganz deutliche Unterschiede: Zum einen ist eine Orgeltastatur im Regelfall eben nicht anschlagdynamisch. Zum anderen ist sie ziemlich leichtgängig, damit man darauf auch so richtig schön Glissando spielen kann. Und damit man sich dabei nicht verletzt, gibt es die sogenannte Waterfall-Tastatur. Hier geht es eigentlich nur um die Bauform der Tasten und die erklärt sich am besten mit ein paar Bildern. 

Hier sehen wir eine Hammermechanik-Tastatur im Klavier-Stil, die am oberen Rand einen kleinen Vorsprung hat. Dieser Vorsprung wird Lippe genannt und ist bei den meisten Klaviertastaturen vorhanden. Die Lippe macht die Taste ein kleines bisschen länger, was angenehm ist.

Und hier eine Orgel-Tastatur bei der genau diese Lippe fehlt, die Tasten sind ohne Vorsprung nach vorn abgerundet. Und genau das ist das Merkmal der Waterfall-Tastaturen.

Der konkrete Vorteil der Waterfall-Tastatur ist der, dass man beim Glissando-Spielen nicht an der Lippe hängen bleiben kann. Wenn der Fingernagel hängen bleibt, kann das sonst sehr schmerzhaft werden. Und weil Hammond-Orgel-Spieler so gerne Glissandi spielen – mit dem Handballen, mit dem Handrücken, mit den Fingerkuppen und mit den Fingernägeln – ist bei ihnen die Waterfall-Tastatur heiß begehrt.

Die Synthesizer-Tastatur 

Wie ist die Synthesizer-Tastatur aufgebaut?

Die Synthesizer-Tastatur ist die jüngste aller Tastaturen und war zunächst auch die technisch anspruchsloseste. Da die ersten Synthesizer ohnehin monophon waren, gab es hier keine besonderen Anforderungen: Ein Kontakt wird geschlossen und gut. Daraus entstanden dann die ganz einfachen Tastaturen früher Synthesizer, die eigentlich nur aus einer Plastikkappe mit einer Sprungfeder bestanden.

Aber wie so oft: Etwas, was eigentlich nur aus der Not geboren wurde, wird irgendwann ein Feature. Tastaturen mit Sprungfedern sind nämlich fantastisch, wenn man wirklich ganz kurze Noten spielen will, weil sie nicht die Trägheit einer Hammermechanik besitzen. Das kann man noch ein bisschen auf die Spitze treiben, denn während der Ton bei allen Tastaturen (mit Ausnahme einiger Orgeln) ausgelöst wird, wenn die Taste ganz unten ist, ist es nicht ganz einheitlich, wann er eigentlich wieder aufhört. Bei einem Klavier hört der Ton auf, wenn die Taste fast wieder oben ist und sich der Dämpfer auf die Saite gesenkt hat. Bei einigen Synthesizer-Tastaturen wird aber einfach nur gemessen, wie lange die Taste ganz unten ist – sobald sie ein bisschen nach oben schnellt, wird der Kontakt geöffnet und der Ton hört wieder auf. Wer also wirklich ganz kurze perkussive Töne spielen will, z. B. Percussion- oder Slapbass-Sounds, der ist bei Synthesizer-Tastaturen gut aufgehoben.

Der andere große Unterschied bei Synthesizer-Tastaturen ist die Integration einer weiteren Ausdrucksmöglichkeit in die Tastatur, Aftertouch genannt. Während beim Klavier nach dem Anschlag des Hammers auf die Saite nichts mehr passiert und bei Orgeln ja normalerweise noch nicht mal eine Lautstärkekontrolle über die Tastatur möglich ist, bringt die Synthesizer-Tastatur mit Aftertouch ein ganz anderes expressives Moment ins Spiel. Technisch ist das Ganze übrigens gar nicht einfach zu bewerkstelligen, denn wo hört der normale Anschlag auf und wo fängt Aftertouch an? Hier braucht man ziemlich ausgeklügelte Mechanismen, um das Ganze wirklich angenehm spielbar zu machen.

Was man beim Aftertouch wissen muss: Es gibt davon zwei Sorten, nämlich monophonen – auch Channel-Aftertouch genannt – und polyphonen Aftertouch. Am besten lässt sich der Unterschied mit einem Beispiel erklären. Nehmen wir also ein Keyboard mit Aftertouch und der Aftertouch soll ein Vibrato bewirken. Jetzt spielen wir einen dreitönigen Akkord auf dem Keyboard, aber nur ein Finger drückt eine Taste so weit herunter, dass Aftertouch ausgelöst wird. Beim monophonen Aftertouch wird jetzt trotzdem für alle drei Stimmen Vibrato ausgelöst, der Effekt wirkt sich also immer auf alle Töne aus. Beim eher selten implementierten polyphonen Aftertouch dagegen wirkt sich das Vibrato nur auf den Ton aus, dessen Taste auch tief genug gedrückt wird.

Das ist prima, wenn man zum Beispiel mit einer Hand eine Begleitung spielen will und mit der anderen eine Melodie, wobei aber nur die Melodie manchmal mit Vibrato gespielt werden soll. Wenn man es mal mit einer Gitarre vergleicht: Polyphoner Aftertouch ist wie Vibrato auf einer klassischen Gitarre, wo ein Finger der linken Hand eine einzelne Saite zum Vibrieren bringt. Monophoner Aftertouch dagegen wirkt wie ein Whammy Bar, das mit der rechten Hand gespielt wird und alle Töne der Gitarre gleichzeitig zum Vibrieren bringt. Leider ist polyphoner Aftertouch eine Randerscheinung geblieben und es gibt heute nur wenige MIDI-Keyboards, die ihn unterstützen.

Schlusswort

Das Fazit unseres Features über Keyboardtastaturen ist ganz klar: DIE Tastatur gibt es überhaupt nicht, denn schon die originalen Vorbilder haben völlig unterschiedliche Tastaturen mit ganz unterschiedlichen Features. Und auch bei den Klaviertastaturen gibt es nicht die eine Tastatur, denn schon Klavier und Flügel haben ganz unterschiedliche Mechaniken und auch die Klaviaturen unterschiedlicher Hersteller fühlen sich anders an.

Wer sich also auf die Suche nach einem Keyboard begibt, der muss sich bewusst sein, dass man immer Kompromisse schließen muss. Eine Hammermechanik ist schwer, was schlecht für den Transport ist, und ihre schwere Gewichtung ist zum Spielen von Orgel- oder Synthesizer-Sounds eher weniger geeignet. Eine Synthesizer-Tastatur kann fantastisch kurze Töne spielen, fühlt sich aber ganz anders an als ein Klavier. Und eine typische Orgel-Tastatur kann keine Lautstärkeregelung über den Anschlag bewerkstelligen.

Andererseits muss man aber sagen, dass diese Vielfalt doch fantastisch ist: Man kann heute Klavier mit Aftertouch und superschnellen Repetitionen spielen, und bei Synthesizern ist man nicht mehr auf wackelige Plastiktasten angewiesen, sondern kann auch mal richtig reinlangen. Insofern sollte man sich vielleicht nicht so sehr darauf konzentrieren, was eine Keyboard-Tastatur alles nicht ist, sondern sich vielleicht bewusst sein, dass die moderne Keyboard-Tastatur die Weiterentwicklung der alten Tastaturen ist und tatsächlich viele Dinge kann, die früher gar nicht gingen.

Eines kann man heute mit Gewissheit sagen: Die Zeiten, in denen Keyboard-Tastaturen zwangsläufig die schlechteren Tastaturen waren, sind vorbei.

Stichwortverzeichnis

 

  • Aftertouch: Bietet die Möglichkeit, den Ton nach dem Anschlag noch zu verändern. Gibt es polyphon und monophon, wobei polyphon ziemlich selten ist.
  • Anschlagsdynamisch (Velocity sensitive): Wie bei einem Klavier lässt sich über die Härte des Anschlags die Lautstärke steuern. Gibt es bei den originalen Cembalos, Orgeln und E-Orgeln nicht. 
  • Anschlagskurve (Touch Curve, Velocity Curve): Regelt das Verhältnis zwischen Anschlag und Lautstärke. Wenn sie falsch eingestellt ist, kann es sein, dass man gar nicht alle Klänge des Instruments zu hören bekommt.
  • Druckpunktsimulation/Let-off Simulation: Simulation des Druckpunktes, eines kleinen Gegengewichts bei Flügeln cirka 2 Milimeter, bevor die Taste den Tastenboden erreicht. 
  • Gewichtete/Halbgewichtete/Ungewichtete Tastatur (Weighted/Semi-weighted/Unweighted Keyboard): Eine gewichtete Tastatur ist eine schwergängigere Tastatur ähnlich wie der bei einem Klavier. Klar ist, dass natürlich jede Tastatur einen gewissen Widerstand hat, denn sonst würde die Taste ja gar nicht mehr in ihre Ausgangslage kommen. Gemeint ist hier also vor allem der Unterschied zwischen einer Klavier- und einer Orgel- oder Synthesizer-Tastatur. Heute sind fast alle Tastaturen bis auf die der absoluten Spielzeugkeyboards zumindest ein bisschen gewichtet.
  • Hammermechanik (Hammer Action): Simulation der originalen Klaviermechanik mit Hämmern. Gibt es in verschiedenen Ausführungen von echten Flügelmechaniken über vereinfachte Klaviermechaniken bis zu speziellen neuen Entwicklungen, die das gleiche Gefühl simulieren sollen. Vorteil: Gutes Spielgefühl, Nachteil: zwangsläufig schwer(gängig).
  • Ivory Touch/Ivory Feel: Simulation einer Elfenbeintastatur. Gemeint ist damit, dass das verwendete Plastik zum Beispiel rutschfester ist als ganz normales Plastik. Wird im Klavierbau seit Jahrzehnten verwendet. 
  • Skalierte Mechanik (Scaled/Graded/Progressive Action): Simulation, dass die Tasten im Bassbereich schwergängiger sind.
  • Tactile Response System: Das Vibrieren eines akustischen Instrumentes wird simuliert.
  • Waterfall-Tastatur: Eine Tastatur ohne den kleinen Vorsprung (Lippe), den Klaviertastaturen gerne haben. Macht die Taste eine bisschen kürzer, ist aber gut zum Glissandospielen. 

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