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28.01.2016

Deutsche Bassisten - Workshop-Interview-Serie #3: Marius Goldhammer

Die deutsche Bassistenszene im Fokus

Interviews, Hintergrundinformationen und Workshop-Teile zum Mitmachen mit Noten, Tabs und Klangbeispielen

In dieser Serie im bonedo-Bassbereich möchten wir die deutschsprachige Bassistenszene beleuchten. Nach und nach wird euch Lars Lehmann an dieser Stelle deshalb Tieftöner unterschiedlichster Facetten in ausgiebigen Interviews präsentieren - Freelancer, Sidemen, Solokünstler, Individualisten etc.

Dabei wird es explizit nicht nur um Equipmentfragen gehen, die man in jedem Interview zu lesen bekommt. Sondern vor allem um Fragen wie: Kann man heutzutage überhaupt als Bassist überleben? Und wenn ja: wie? Wie haben die einzelnen Interviewpartner ihre Nische im "Haifischbecken Musikszene" gefunden? Und nicht zuletzt: Über welche Fähigkeiten sollte man unbedingt verfügen, wenn man hierzulande als Bassist seinen Lebensunterhalt verdienen möchte?

Außerdem präsentieren wir euch von jedem vorgestellten Tieftöner eigens erstellte Klangbeispiele, zum Teil mit kompletten Backing-Tracks und/oder isolierten Bass-Takes. Darüber hinaus gibt es Noten und Tabs, damit ihr persönlich nachvollziehen könnt, was den speziellen Stil und Basssound des Interviewten ausmacht.

Marius Goldhammer

In dieser Folge trifft Lars Lehmann auf Marius Goldhammer. Der Kölner Bassist gehört ohne Frage zu den renommiertesten Freelance-Bassisten der Republik. Seine beeindruckende Vita enthält bekannte Namen wie Chaka Khan, Joy Denalane, Marla Glen, Gloria Gaynor, Randy Crawford, Joe Sample, Nippy Noya, Pohlmann, Maxim, Weather Girls, Pe Werner, Michelle, Hiram Bullock, Edo Zanki, Guildo Horn, Christina Lux oder Flo Mega. Zahlreiche Tourneen führten den sympathischen Familienvater bereits quer durch Europa, Sibirien, Japan, Indien, Vatikanstaat, Australien, Neuseeland, Skandinavien und Afrika.

Bis 2015 spielte Marius Goldhammer auf mehr als 230 CD-Produktionen, Werbejingles und/oder Soundtracks. Zudem ist er Dozent für E-Bass an den Musikhochschulen in Köln und Osnabrück und gibt Masterclasses an den Hochschulen in Maastricht, Enschede, Arnheim und am "Drummers Institute" in Düsseldorf. Nicht zuletzt arbeitet Marius als musikalischer Leiter und komponiert und produziert eigene Projekte im Drum 'n' Bass-/Pop-/Electrojazz-Bereich.

(Alle Bilder zur Verfügung gestellt von Marius Goldhammer. Fotografen: Nadine Targiel / Rene van der Voorden)

 

 

Hallo Marius! Klasse, dich für bonedo zu treffen! Du hast ja im zarten Alter von nur zehn Jahren mit dem Bass angefangen. Bitte erzähle uns, wie deine Karriere damals begann.

Hallo Lars! Schön, dich zu treffen! Meine Laufbahn fing ganz klassisch an. Ich hatte zuerst Akustikgitarren-Unterricht an einer Musikschule und stieg dann recht schnell auf E-Gitarre um. Einige meiner Schulfreunde hatten eine Band, und als deren Bassist ausstieg, fragten sie mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Sie drückten mir einen geliehenen Aria Pro-Bass mit Flatwounds in die Hand und los ging's. Wir probten fast täglich und hatten sofort recht viele Gigs, da es keine Band in unserem Alter zwischen 9 und 12 Jahren gab, die ein komplettes Konzert bestreiten konnte. Mein erstes Stück auf dem Bass war "Wahnsinn" von BAP, dicht gefolgt von "Smoke on the Water". Das muss so 1978 gewesen sein. Mit etwa 16 Jahren spielte ich bereits in mehreren Bands und war Tag und Nacht mit meinem Bass beschäftigt. Ich stand tierisch auf Level 42 und Marcus Miller, denn damals war Slappen ja noch erlaubt. (lacht) Aber auch Rockbands wie Journey und Toto habe ich rauf und runter gehört. David Hungate gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingsbassisten!

Bist du eigentlich Autodidakt, oder hattest du Basslehrer oder hast Bass studiert?

Ich bin Autodidakt. Durch den Gitarrenunterricht wusste ich zwar, wie man Noten liest sowie ein paar Handhaltungsgeschichten, aber richtigen Bassunterricht nahm ich erst wesentlich später eine zeitlang. Das war mit ungefähr 20 Jahren bei dem Kölner Bassisten Emanuel Stanley. Als sich die Frage nach meinem Beruf stellte bzw. ob ich studieren sollte, hatte ich bereits so viel zu spielen, dass ich mich zum Leidwesen meiner Mutter dazu entschied, einfach so weiterzumachen. Ich sollte allerdings Recht behalten, denn mit 22 Jahren spielte ich quasi jeden Abend in irgendwelchen Clubs der damals sehr aktiven Kölner Soulszene. Dadurch verfügte ich über ein riesengroßes Repertoire und war daher recht gefragt. Parallel gab es viele Studiojobs und relativ wenige Bassisten in Köln und im Ruhrgebiet. Folglich lernte ich in kurzer Zeit sehr viele Musiker und Produzenten kennen, mit denen ich zum Teil heute noch zusammenarbeite.

Wen zählst du zu deinen Bass-Heroes? Sind es heute noch dieselben Leute wie zu deinen Anfängen?

Meine Favoriten zurzeit sind natürlich der allgegenwärtige Pino Palladino, Nick Movshon, Chris Chaney, Will Lee, Tim Lefebvre und Tommy Sims. Also eigentlich alles Leute, die dasselbe machen wie ich. Möglichst vielseitig und stilsicher in vielen Genres unterwegs zu sein ist eine Herausforderung, die mich sehr erfüllt! Früher waren meine Helden eher in der Fusion- und Funkszene zu finden, also Mark King, Marcus Miller, Jaco, Stanley Clarke, John Patitucci usw. Auch das hat mich natürlich geprägt. Inzwischen hat sich mein Geschmack über die Jahre aber in eine andere Richtung entwickelt. Ich bin heute ein großer Fan von Musikern, die mit wenig Tönen viel sagen können. Nicht zuletzt durch die Arbeit mit vielen Singer/Songwritern habe ich gelernt, sparsam zu spielen und mit Groove, Sounds, Timing und Dynamik zu überzeugen. Das ist für mich wesentlich erstrebenswerter, als beispielweise wahnsinnig schnell zu spielen. Auch in der Kölner Szene gibt es inzwischen ein paar Monster-Bassheroes, die man mal auschecken sollte. Zum Beispiel Dominik Krämer, Claus Fischer, Krischan Frehse oder Paucker, um nur einige zu nennen.

Gab es bei dir schon recht früh so etwas wie einen "Masterplan", den du verfolgt hast, weil du dieses Ziel des gut gebuchten Freelancers klar vor Augen hattest? Oder wolltest du anfangs noch Rockstar mit nur einer einzigen "Herzblutband" werden?

Nein, einen Masterplan hatte ich eigentlich nie. Ich habe eine ganz gute Arbeitsmoral, denke ich. Um sich als Freelancer langfristig durchzusetzen, ist das schon auch ein Muss. Dazu zählen auch vermeintlich ganz banale Dinge, wie z.B. gut vorbereitet, gut gelaunt, pünktlich und mit funktionierendem Equipment zum Gig/Probe zu erscheinen. Es gibt immer wieder Musiker, die einige oder gar alle dieser Anforderungen nicht erfüllen. Da ist die Karriere schnell beendet, noch ehe sie richtig begonnen hat! Ich verbringe sehr viel Zeit mit dem Vorbereiten von Programmen bzw. Repertoire. Ansonsten könnte ich niemals in so vielen Bands gleichzeitig spielen. Für Proben bleibt oft einfach kaum Zeit - oder gar keine! Da sollte man seine Hausaufgaben also unbedingt machen und außerdem über eine schnelle Ausfassungsgabe verfügen. Ich hatte tatsächlich bereits über die Jahre dreimal sogenannte "Major-Deals" bei großen Plattenfirmen als vollwertiges Bandmitglied. In allen Fällen ist die jeweilige Band allerdings daran kaputt gegangen. Das hat mir den Traum vom Rockstar mit Herzblutband ziemlich verleidet! Allerdings liebe ich das Freelancen und mit verschiedenen Projekten spielen zu dürfen. Jahrelang mit nur einer Band exklusiv unterwegs sein, ist nichts für mich.

Du hast ja inzwischen mit unzähligen verschiedenen Musikern und bekannten Künstlern zusammengearbeitet. Was bzw. wer waren deine persönlichen Highlights? Ich las irgendwo, dass die Zusammenarbeit mit Chaka Khan definitiv dazu gehört. Berichte doch bitte mal!

Es ist natürlich bei der Anzahl Gigs relativ schwer, Highlights herauszupicken. Die Arbeit mit Chaka liegt allerdings definitiv in den Top 3 meiner Highlight-Liste. Seit ich 14 Jahre alt war, gehört sie zu meinen absoluten Lieblingssängerinnen. Folglich war das ein Gig, den ich garantiert nie vergessen werde! Andere Highlights waren u.a. die Show mit Chris Isaak bei "TV Total" mit den Heavytones oder ein ganz wunderbarer Gig mit Klaus Lage und einer All-Star Band. Außerdem meine immer wieder stattfindenden Shows mit Edo Zanki, Joo Kraus und Kosho. Das neue Jahr begann für mich mit einem Gig mit Maxim und eine Woche später mit Flo Mega. Das sind großartige Künstler, mit denen eigentlich jedes Konzert ein Highlight ist! Nicht zu vergessen natürlich meine eigene Band goldhammer, mit der ich auch bereits einige sehr schöne Gigs gespielt habe.

Gibt es noch weitere Jobs, die dir immer positiv im Gedächtnis bleiben werden?

Oh ja: meine seit Jahren andauernde Zusammenarbeit mit Dania König und ihrem Mann Dino Soldo fällt mir da spontan ein. Ich habe auf sämtlichen ihrer Aufnahmen gespielt - sie gehört für mich zu den besten Songwritern, die unser Land zu bieten hat. Auch die Tourneen mit Pe Werner und Marc Marshall im letzten Jahr waren sehr schön. Außerdem spielen wir mit der Kölner Band Sonophonic seit Jahren eine Konzertreihe auf einem Kreuzfahrtschiff. In den letzten Jahren habe ich dort mit Pohlmann, Rigmor Gustafsson, Max Mutzke und vielen anderen gespielt und die halbe Welt bereist. Da wir auf dem Schiff immer nur ein Konzert pro Woche spielen und ansonsten frei haben, ist das natürlich eine sehr angenehme Art zu touren!

Aber wo Licht ist, ist ja bekanntlich auch Schatten! Welche Jobs würdest du lieber aus der Erinnerung streichen - und warum?

Da gibt es glücklicherweise nicht sehr viele. Es gibt allerdings einige wenige Künstler, mit denen ich sicher nicht mehr arbeiten werde. Ein gutes Beispiel ist Marla Glen, die ihre Musiker reihenweise rausschmeißt und sich auch sonst verhält, als wäre sie allein auf der Welt. Die Tour mit ihr ist aber schon einige Jahre her und solche unangenehmen Begegnungen sind tatsächlich eher selten.

Was für Projekte verfolgst du aktuell?

Aktuell arbeite ich wie immer an mehren Fronten. Unter anderem bereite ich mich gerade vor, als Sub bei dem Musical "Bodyguard" mitzuwirken. Außerdem wird es eine kleine Konzertreihe mit Dania König geben. Rüdiger Baldauf, der Trompeter der Heavytones, bereitet gerade ein neues Programm vor, an dem wir als seine Band maßgeblich beteiligt sind. Es gibt des Weiteren Pläne für ein Trio-Album mit Kosho und Tommy Baldu, welches wir sehr gerne in diesem Jahr aufnehmen würden. Dania möchte ein neues Album aufnehmen, ebenso Martin Praetorius, mit dem ich schon viele Jahre zusammenspiele. Ein Großteil meiner Gigs wird übrigens recht kurzfristig gebucht, so bleibt es natürlich immer spannend!

Welche deiner Fähigkeiten hältst du für ausschlaggebend für deinen persönlichen jahrelangen Erfolg in der Freelancer-Szene? Was für Tipps kannst du jungen Bassisten geben, die in eine ähnliche Richtung gehen wollen?

Tut es NICHT! Hahahaha, kleiner Scherz! Spielt, soviel ihr könnt und bereitet euch IMMER sehr gut vor! Diesen Punkt habe ich ja schon erwähnt; er ist meiner Meinung nach elementar wichtig. Sucht euch außerdem einen oder mehrere sehr gute Drummer. Erstens klingt man mit einem guten Drummer im Rücken besser und zweitens macht das Spielen selbst dann noch Spaß, wenn die Musik mal nicht so toll ist! (lacht)

Apropos "junge Bassisten": Du unterrichtest ja auch recht viel. Offensichtlich liegt dir die Nachwuchsförderung also am Herzen. Würdest du jungen Musikern heutzutage reinen Gewissens eine Karriere in der Musikbranche empfehlen?

Ja, ich unterrichte an der "Hochschule für Musik und Tanz" in Köln und an der Musikhochschule in Osnabrück. Beide Aufgaben bereiten mir nach wie vor viel Spaß! Montags bin ich den ganzen Tag in Köln und Dienstags in Osnabrück. Es ist toll, wie sich manche der Studenten entwickeln und im Laufe der Zeit regelrecht über sich hinauswachsen. Ich glaube, wenn man etwas wirklich will und sich darüber im Klaren ist, dass es unter Umständen auch ein recht steiniger Weg werden kann, sollte man es auch tun. Die Musiker, die das in Kauf nehmen, werden sich auch durchsetzen. Einfacher ist es allerdings nicht geworden. Aber ganz ehrlich: War es das jemals?

Wo siehst du denn die Unterschiede zwischen der Hochschule in Köln und der in Osnabrück? Unterscheiden sich die Studieninhalte sehr voneinander?

In Köln liegt der Schwerpunkt klar im Jazz und weniger im Popbereich. Außerdem werden die meisten Studenten dort zum praktizierenden Musiker ausgebildet. In Osnabrück ist es ein Pop-Studiengang mit dem Schwerpunkt Pädagogik. Das heißt, die Studenten werden dort zum Instrumentalpädagogen ausgebildet und haben natürlich auch einen entsprechenden Stundenplan.

Was sind denn typische Unterrichtsinhalte, wenn man bei Marius Goldhammer studiert?

Im Großen und Ganzen geht der Unterricht in beiden Institutionen schon in eine ähnliche Richtung, was die Theorie und Techniken angeht. Das Repertoire unterscheidet sich allerdings sehr, was beispielsweise Transkriptionen angeht. In Köln wird auch etwas mehr an solistischen Ausflügen gefeilt, als in Osnabrück. Was ein halbverminderter Akkord ist, sollte allerdings auch ein Popmusiker wissen! (lacht) Ich arbeite sehr viel mit Transkriptionen und an Sachen wie Tonbildung, Time, Griffbrettübersicht und Improvisation. Es ist mir wichtig, dass die Studenten zu einem bestehenden Stück oder einer Akkordfolge ad hoc eine Basslinie improvisieren können, am besten gleich in verschiedenen Stilistiken. Es wird übrigens meiner Meinung nach generell etwas zu viel Wert auf das Solieren gelegt! Das vernünftige Begleiten ist im musikalischen Alltag viel wichtiger! Die meisten Bandleader interessiert es kaum, ob der Bassist oder der Drummer ein guter Solist ist, da sie in ihrer Band jemanden brauchen, der die Funktion des Instruments ausfüllt! Techniken wie Plek, Slap oder Dämpftechniken sind im Alltag der meisten Freelancer selbstverständlich und finden sich deshalb ebenfalls in meinem Unterricht. Die Studenten sollten zwar künstlerisch herausgefordert werden, gleichzeitig aber auch das nötige Handwerkszeug bekommen, um zu funktionieren.

Spielst du mit deinen Studis auch viel Jazz?

In Köln etwas mehr als in Osnabrück. Jazzstandards eignen sich sehr gut zum Üben, sollten allerdings nicht nur als Übung missbraucht werden. Am Ende sind es ja schließlich Musikstücke wie andere auch. Als E-Bassist spielt man natürlich nicht sehr oft Jazz im traditionellen Sinne, deshalb liegt der Schwerpunkt bei mir klar im Pop-, Fusion- und Rockbereich. Diejenigen, die sich mehr dem Jazz zuwenden, nehmen meistens zusätzlich Kontrabass-Unterricht.

Vor allem Pop-Studiengänge schießen ja in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. Fast jede größere Stadt besitzt inzwischen ein derartiges Angebot. Hinzu kommen auch noch diverse Privatschulen etc. Wie siehst du diese Entwicklung?

Durch die Castingshow-Mentalität wird vielen jungen Leuten vorgegaukelt, es könne jeder durch dieses Studium sofort zu einem Berufsmusiker werden. Viele landen dann aber doch letztlich in einer ganz anderen Branche oder unterrichten an einer kleinen Musikschule, an der die Bassisten meistens noch Gitarrenunterricht geben, da es nicht genug Kids gibt, die Bass spielen möchten. Mich wundert es ehrlich gesagt, dass diese ganzen Schulen überleben können. Andererseits laufen die meisten privaten Musikschulen recht gut, was eigentlich ein sehr gutes Zeichen ist. Auch die Zahl derer, die Musik studieren wollen, wächst mit jedem Jahr. Es scheint also tatsächlich Bedarf zu geben, sonst gäbe es nicht so viele Schulen. Jetzt sollten die Städte aber vielleicht aber auch mal daran denken, diesen vielen Musikern auch Spielstätten zu schaffen und die Kultur nicht immer weiter zusammenzukürzen! Was nützt es, wenn es viele gut ausgebildete Musiker gibt, die aber keine Chance haben, auch aufzutreten?

Mittlerweile bietet ja selbst der über Jahrzehnte noch relativ gesunde Top40- und Galabereich keine Möglichkeit mehr, ein regelmäßiges Einkommen zu generieren. Hat sich dein beruflicher Alltag im Vergleich zu der Zeit von vor zehn Jahren verändert?

Man sollte sich etwas vielseitiger und breiter aufstellen, um eine gute Chance zu haben, angerufen zu werden. Eine gute Idee ist zum Beispiel, zusätzliche Instrumente zu bedienen. Vielleicht Synthbass oder akustische Gitarre. Manchmal geben tatsächlich Fähigkeiten wie diese den Ausschlag dafür, angerufen zu werden! Auch das Notenlesen sichert einem viele Jobs, denn ohne die Fähigkeit zu lesen wird man für bestimmte Jobs gar nicht erst angerufen. Ein glücklicher Umstand ist übrigens, dass es nicht ganz so viele Bassisten wie z.B. Schlagzeuger oder Gitarristen in der Szene gibt. Mein persönlicher beruflicher Alltag hat sich über die Jahre eigentlich kaum verändert. Es gibt allerdings leider kaum noch Studiojobs, was mir schon ein bisschen fehlt. Ich finde diese Tatsache wirklich sehr bedauerlich, da viele Produktionen von "richtigen" Instrumenten profitieren würden. Außerdem macht es einfach Spaß, im Studio zu arbeiten!

Ich erinnere mich noch, dass du mal vor ein paar Jahren bei "TV Total" ausgeholfen hast. Gab es damals nicht eine Möglichkeit, dort fest einzusteigen, nachdem Claus Fischer seinen Hut genommen hatte?

Meine Zeit bei "TV Total" war ja erst etwas später; ich war Dominiks Sub. Er hat jedoch lediglich zweimal gefehlt in all den Jahren, und diese beiden Shows habe ich übernommen. Eine feine Sache, aber man sollte diese TV-Gigs auch nicht überbewerten. Über alles andere zu dem Thema lege ich mal einen Mantel des Schweigens. (lacht)

Gibt es bei euch in Köln als Medienhauptstadt denn noch viele Jobs in den Bereichen Film, Fernsehen oder Radio?

Nein, leider nicht. Ich spiele überhaupt vielleicht nur drei- bis fünfmal pro Jahr in Köln. Die Musiker leben zwar dort und es kommen ständig neue dazu, aber kaum einer hat Gigs in Köln. Im TV hat man es zu 99% mit Vollplayback zu tun. Die Heavytones waren da die große Ausnahme. Natürlich gibt es dann noch "The Voice", aber das wird in Berlin produziert - übrigens auch mit Kölner Musikern! (lacht) Was Live-Clubs angeht, tut die Stadt Köln nicht besonders viel für die zahlreichen Musiker, obwohl sich im Gegenzug natürlich immer gerne damit geschmückt wird. Da ich gebürtiger Kölner bin, ist es trotzdem meine Lieblingsstadt, das ist Ehrensache!

Themawechsel: Neben deinen Freelancer- und Lehrtätigkeiten verfolgst du auch eine Solokarriere mit deinem Projekt Goldhammer. Wie kam es dazu? Ist immer nur "dienen" doch auf Dauer unbefriedigend?

Ich habe eigentlich immer Projekte gehabt, in denen ich mich kompositorisch austoben konnte. Die Mischung macht's! Sideman zu sein, ist etwas Wunderbares, aber manchmal müssen einfach ein paar Stücke von mir das Licht der Welt erblicken. Daraus entsteht dann manchmal ein Album, oder die Sachen werden in anderen Bands genutzt. Ein Album, auf das ich besonders stolz bin, ist das von AsaNisiMasa. Es zeigt viele Facetten meines Spiels und meiner Art des Schreibens, wenn auch nur als Co-Writer. Die Band gibt es leider nicht mehr - das Album hingegen schon. Das Ganze instrumentale Zeug ist quasi mein Hobby. Geld habe ich damit jedenfalls noch keins verdient. Das macht aber auch nichts, denn meine Kreativität auszuleben, hat Priorität in diesen Fällen!

Wie siehst du deine Rolle innerhalb deines Soloprojektes?

Meine Rolle ist in erster Linie, Bass zu spielen, das Solieren überlasse ich gerne anderen. Ich spiele hier und da natürlich auch Soli, aber nicht in jedem Stück. Basssoli finde ich leider oft nicht sehr passend, mal davon abgesehen, dass es Leute gibt, die das wesentlich besser können als ich! (lacht) Es geht mir mehr um die Kompositionen, Improvisationen und die Arrangements. Der Bass muss da nicht zwangsläufig im Vordergrund stehen. Manchmal schon, aber eben nicht immer.

Du hast unseren Lesern einige Beispiele deines Bassspiels mitgebracht. Bitte erzähl doch mal, was du uns zeigen möchtest.

Beispiel 1 ist ein Track meines ersten Albums mit dem Titel "goldhammer". Die Nummer heißt "Levi's Blues" und ist strukturell ein Mollblues. Ich bin ein großer Fan von Basslinien, die auch als Melodie funktionieren. Das hier gezeigte Thema hatte ich schon einige Wochen im Kopf, bevor ich es schließlich aufgeschrieben habe. Der Track wurde live in Mannheim in Mathias Groschs Studio aufgenommen, mit Mathias an der Hammond und Mario Garruccio am Schlagzeug. Das B-Thema und das Bariton-Saxophon wurden etwas später bei mir aufgenommen. Es funktioniert übrigens auch sehr gut als Medium-Swing.

Das zweite Beispiel stammt von meinem zweiten Album "xyz". Notiert ist hier der End-Part des Stückes "Westwood" mit dem tollen Gitarrensolo von Tobias Hoffmann. Ein etwas schräges Stück, das ziemlich bedrohlich rüberkommt. Vielleicht das härteste des Albums. Aufgenommen habe ich es mit einem stark verzerrten 1978er Music Man Stingray, der durch einen "Deep Impact"- Verzerrer von Tonehunter gejagt wurde. Anschließend habe ich die Linie mit einem Fender Pino Palladino Signature Bass gedoppelt, um sie noch etwas fetter zu machen. An den Drums sitzt Alex Vesper.

Beispiel 3 stammt ebenfalls aus "xyz". "Mr. Ratzinger" ist ein eher elektronisches Stück, eingespielt mit einem 1966er Fender Jazz Bass mit Black Nylon-Saiten von D'Addario und einem weichen Pick, um möglichst viel vom Attack zu hören. Auch hier fungiert die Basslinie als Hook. Ich stehe auf diesen Ansatz, da er einem Song meines Erachtens viel Charakter verleihen kann. Das Besondere: Ich habe die Saiten ziemlich stark mit dem Handballen gedämpft, um nicht zu viele Bässe zu verlieren. Mein absoluter Lieblings-Picksound!

Vielen Dank für diese Einsichten in deine Arbeit! Kommen wir zu deinem Equipment. Du bezeichnest dich selbst ja als "Gear Head", also als "Equipmentnarr", und nennst erstaunlich viele Endorsements dein Eigen, unter anderem bei Sandberg, Alleva-Copollo, Duesenberg, Glockenklang, DR Strings, VOVOX Kabel, Rheingold Kabel, iGig Bags, Big John EFX, Tonehunter, Darkglass und Basswitch Pedals. Hand aufs Herz: Gibt es da nicht mitunter Interessenskonflikte?

Nein, eigentlich nicht. Die Firmen, die ich endorse, produzieren sehr unterschiedliche Produkte. Du hast übrigens Moollon vergessen, deren Endorser ich ebenfalls bin. Tim Lefebrve hat mich empfohlen, sie bauen einen ganz exzellenten P-Bass! Bei Alleva bin ich sogenannter "Artist", d.h. ich bezahle die Instrumente wie jeder andere auch, kann aber auf den vollen Service zurückgreifen, was allerdings noch nie nötig wurde! Die Bässe von Sandberg und Duesenberg unterscheiden sich sehr stark voneinander, so dass es da auch keine Konflikte gibt. Und auch bei den Pedalen verhält es sich ähnlich. Für eigentlich jedes dieser Produkte bekomme ich einen sogenannten "Artist Price". Es wird einem also nichts geschenkt und somit auch keine Exklusivität vorausgesetzt. Das wäre auch nicht möglich, weil ich sehr viele verschiedene Sounds brauche, um das machen zu können, was ich so tagtäglich treibe. Ich probiere sehr viel aus und arbeite stetig an meinem Sound. Wenn mich ein Bass inspiriert, wird er in die Rotation aufgenommen. So ist im Laufe der Jahre eine recht ordentliche Sammlung zusammengekommen. Da ich auf vielen Bühnen zu sehen bin und angehende Profibassisten ausbilde, machen sich solche Endorsements für die Firmen natürlich auch bezahlt. Es ist immer ein Geben und Nehmen.

Gibt es für dich eigentlich den perfekten Bass? Den, den du mit auf die einsame Insel nehmen würdest?

Ja, mein Lieblingsbass ist immer noch mein 69er Fender Jazz Bass, den ich seit über 25 Jahren spiele. Er ist aus verschiedenen Teilen zusammengepuzzelt, unter anderem einem 74er-Hals. Leider ist der Hals etwas anfällig und ich nehme den Bass nur noch selten mit. Es wäre eine mittlere Katastrophe für mich, wenn er endgültig den Geist aufgibt. Auch mein blauer Copollo-Fünfsaiter ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ein super Allrounder wenn ich nur einen Bass mitnehmen kann, wie z.B. bei Flugreisen. Wenn ich allerdings nicht auf einer einsamen Insel leben muss, würde ich wahrscheinlich immer zwei bis drei Instrumente mitnehmen.

Apropos: Spielst du deine Le Fay-Bässe eigentlich gar nicht mehr? Mit denen habe ich dich vor Jahren oft gesehen...

Zurzeit besitze ich leider keinen Bass von Reiner und Meik, die meiner Meinung nach zu den besten Instrumentenbauern der Welt gehören. Es gibt aber immer wieder Pläne, zusammenzuarbeiten. Der ROB, den ich eine zeitlang gespielt habe, war ein beeindruckendes Instrument, ähnlich wie der Remington Steele Fretless, den ich auf meinen beiden Alben benutzt habe. Reiner und Meik sind zudem echt nette und lustige Kerle, die ich in mein Herz geschlossen habe.

Du hast ja im Laufe der Zeit auch viel mit ausländischen Künstlern zusammengearbeitet. Gibt es deiner nach deiner Erfahrung Unterschiede in der Arbeitsweise z.B. zwischen Deutschen und Amerikanern beim Musikmachen?

Grundsätzlich gibt es eigentlich kaum Unterschiede. Die Amerikaner sind sehr professionell und trauen sich manchmal etwas mehr zu. Und der Entertainment-Faktor spielt eine größere Rolle. Die deutsche Musikszene ist qualitativ jedoch genauso gut und braucht sich nicht hinter irgendwem zu verstecken. Hierzulande und auch im europäischen Ausland gibt es echte Weltklasse-Musiker. Viele Amis, z.B. meine "Bassbuddies" Tim Lefebvre und Michael League, lieben es, mit deutschen Musikern zu arbeiten und verbringen daher auch relativ viel Zeit in Europa.

Wie beurteilst du die deutsche Bassszene und stehst du viel mit bestimmten Kollegen in Kontakt?

Oh ja, einige der Kölner Bassisten sind richtig gute Kumpels von mir, mit denen ich gerne mal abhänge, wenn wir die Zeit finden. Ich bin zusätzlich mit einigen Kollegen aus anderen Städten über Facebook verbunden. Dort findet ein reger Austausch über P.N. statt. Die deutsche Szene ist in den letzten Jahren ziemlich gewachsen und es gibt wirklich einige exzellente Spieler. Und auch in den Niederlanden gibt es unglaublich gute Leute, Rogier van Wegberg zum Beispiel. Check den mal aus, ein Wahnsinnsplayer!

Was treibt Marius Goldhammer, wenn er nicht Bass spielt? Du bist ja ein ziemlicher Familienmensch, wenn ich recht informiert bin.

Ich versuche, soviel Zeit wie möglich mit meiner Frau und meinen beiden Jungs zu verbringen. Wir wohnen in einem kleinen Dorf bei Köln und ich genieße die Ruhe und Gelassenheit dort sehr. Ohne die Unterstützung meiner Frau hätte meine Karriere nie so verlaufen können. Durch meine Familie bin ich auch nicht mehr so rastlos wie früher. Es gibt Wichtigeres im Leben als Gigs. Ich bin ein glücklicher Mensch!

Das ist toll, Marius! Dann wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg und danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns zu plaudern.

Das wünsche ich dir auch, Lars! Vielen Dank für das nette Gespräch!

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