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13.09.2019

Deshalb macht Klavier spielen einen besonderen Menschen aus dir

Wichtige Gründe, warum man Klavier spielen sollte

Sind Klavier spielende Menschen intelligentere Menschen?

Das Klavier ist das beliebteste Instrument überhaupt. Unzählige junge Schüler strömen bundesweit zu Beginn eines Schuljahres in die Musikschulen des Landes, um das Klavier spielen zu erlernen. Und das zu recht, denn das Klavier ist einfach ein tolles Instrument und seine Anziehungskraft ist nach wie vor, auch nach über 300 Jahren Existenz ungebrochen.   

Aber, inwieweit verändert das Instrument den Menschen, der es spielt? Formt Klavier spielen den Charakter und besondere Eigenschaften des Spielers? Wird man durch die Tatsache Klavier zu spielen zu einem besonderen Menschen? Wir behaupten Ja! Allerdings belassen wir es nicht bei der Behauptung, sondern treten mit dem einen oder anderen Augenzwinkern auch den Beweis an.

Also, bitte nicht alles allzu ernst nehmen :-)

Klavier spielen fordert alle Sinne

Außer der Orgel ist das Klavier das einzige Instrument, das ein ganzes Orchester ersetzen kann. Der riesige Tonumfang von 88 Tasten deckt quasi das komplette Klangspektrum eines Orchesters ab, von den Tiefen eines Kontrabasses bis in die Höhen der Piccolo-Flöte. Und da man mit nur zehn Fingern nicht alle Töne auf einmal bedienen kann, gibt es auch noch das Dämpfer-Pedal, das es einem zusätzlich ermöglicht, Klänge hörbar zu machen, die niemand gleichzeitig greifen kann. Das eröffnet dem Pianisten unzählige klangliche Möglichkeiten und eine fast genauso unerschöpfliche Fülle an Literatur in den verschiedensten Stilistiken. Hier werden alle Sinne gefordert, beide Hände zu koordinieren und den Fuß für die Pedalbetätigung einzusetzen.

Klavier spielen kann einsam machen

Wer mit zehn Fingern spielt und mit dem Fuß noch das Pedal bedient, braucht theoretisch keine anderen Menschen, die musikalisch unterstützen. Man könnte als Pianist sein ganzes Leben in einem Raum mit seinem Lieblingsinstrument verbringen und es würde einem wahrscheinlich niemals langweilig werden. Aus sozialer Sicht ist das aber wohl eher Fluch als Segen, denn dadurch verpasst man leicht, was ebenfalls zu einem befriedigenden Musizieren gehört:  Die Interaktion mit anderen Musikern. 

Für Violinisten ist es völlig klar, dass sie ab einem bestimmten Punkt mit anderen Musikern interagieren werden, sei es in einem Duo, in einem kleineren Ensemble, oder gar in einem Orchester. Und im Flötenunterricht spielt man viel öfter zusammen mit seinem Lehrer, als das im Klavierunterricht der Fall ist. Außerdem würde sich wahrscheinlich niemand die Mühe machen, die Solo-Partie eines Violinkonzertes zu erarbeiten oder gar auswendig zu lernen, wenn das Werk im Anschluss nicht irgendwann aufgeführt werden würde – natürlich zusammen mit anderen Musikern. Wer als Pianist also immer nur alleine übt und musiziert, verpasst einen sehr spannenden Teil der Musik, das Musikmachen mit anderen Menschen.

Das Phänomen könnte man als die negative Seite der bereits in der Überschrift erwähnten Besonderheit auslegen, die einen Klavier spielenden Menschen ausmachen könnte. Da aber wollen wir nicht hin. Klavier spielen ist sehr positiv und eine der schönsten Sachen, die man als Musik-liebender Mensch machen kann. Schauen wir doch mal weiter, wie die echten positiven Seiten aussehen.

Klavier spielende Menschen sind fortschrittlich

Die Entwicklung des Klaviers gilt seit ungefähr 1850 als abgeschlossen. Nachdem Sebastian Érard bereits die Repetitionsmechanik erfunden hatte, sorgte besonders die Verwendung eines gusseisernen Rahmens für heutige Dimensionen in puncto Spielbarkeit und Klang des Instruments. 

Erstaunlicherweise geht die Entwicklung der Idee Tasteninstrument aber auch heute noch unaufhörlich weiter. Seitdem in den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts die ersten elektrischen Klaviere, auch Elektro-Pianos oder E-Pianos genannt, entwickelt wurden, sind bis heute unzählige Produktkategorien, Marken und Modelle entstanden: Keyboards, E-Pianos, Stagepianos, Digitalpianos, Workstations und Synthesizer – und alle nutzen sie die Idee des Tasteninstruments, auch wenn die Taste bei modernen Instrumenten den Ton nur noch über Strom, Computer-Chips und elektrische Widerstände auslöst.

Und spätestens seit der Entwicklung von MIDI sind Tasteninstrumente die wichtigste Schnittstelle zwischen der musikalischen Idee selbst und dem PC für Musikanwendungen, der heute von so gut wie jedem Komponisten und Musikproduzenten dafür genutzt wird, Musik zu erschaffen und aufzunehmen. Sehr viele Komponisten sind auch Menschen, die Klavier spielen können.  

So ist das Klavier das einzige Instrument, das bis heute noch weiterentwickelt wird und auch das fortschrittlichste Instrument von allen. Falls man sich also nicht nur mit klassischer Musik beschäftigt, wird man früher oder später irgendeiner Form eines elektronischen Tasteninstruments begegnen, somit muss man sich auch als Mensch, der es spielt immer weiterentwickeln. Deshalb unsere Behauptung: Wer Klavier spielt, denkt fortschrittlicher als andere.

Wer Klavier spielt, ist organisiert

Spielst du Flöte oder Geige, hast du es im wahrsten Sinne des Wortes manchmal ziemlich leicht. Zehn Minuten vor deinem Unterricht klemmst du dir einfach dein Instrument unter den Arm und gehst los. Oder du schnallst dein Instrument um und fährst einfach mit deinem Fahrrad zu einem Konzert. So, oder so ist der Transport eines kleinen Instruments nicht schwer oder aufwendig. Beim Klavier sieht das ganz anders aus. Jede Ensemble-Probe, sei es für ein Trio oder eine Band, muss vorbereitet und geplant werden.

Steht ein Flügel in der Kirche? Ist der gestimmt und spielbereit? Kann man sich im Gemeindehaus oder sonst irgendwo ein Ersatzinstrument, wie ein Digitalpiano ausleihen? Muss ich mein eigenes Instrument mitbringen? Und, wie findet der Transport zum Auftrittsort statt? Diese und ähnliche Fragen gehören zum Leben eines aktiven Pianisten einfach dazu, denn das akustische Klavier ist schlichtweg zu groß und viel zu schwer, um es einfach überall hin mitzunehmen. 

Um solche Probleme lösen zu können, ist es wichtig, dass man das Gewicht und die Maße seines E-Pianos kennt, Freunde mit Autos hat, dass man mit den Mitarbeitern des Auftrittsortes oder den Veranstaltern eines Konzertes eng in Kontakt steht und dass man sich Gedanken zu einem möglichen Transport macht. Und vor allem muss man einfach professionell organisieren können. Nur so wird jeder Auftritt zum Erfolg.

Wer Klavier spielt ist schlau

Schon in den 1990er Jahren wurde der sogenannte Mozart-Effekt nachgewiesen. Eine Studie zeigte damals, dass das Hören von Mozart die Gehirnaktivität steigert und besonders das räumliche Denken stimuliert. Was also passiert erst, wenn man am Klavier eine Mozart-Sonate spielt? Und sowieso ist die Verknüpfung der beiden Gehirnhälften bei Pianisten nachgewiesener Weise am meisten ausgeprägt, da Klavier neben der Orgel das schwierigste Instrument überhaupt ist. Und bevor jetzt Geiger, Gitarristen oder Blasinstrumentalisten laut aufschreien - hier ist der Grund:

Natürlich ist das Erzeugen des Tons am Klavier nicht so kompliziert wie bei einer Geige oder Trompete. Streicher brauchen Jahre, um die Lage der Töne auf dem Hals ihres Instrumentes verlässlich zu finden und Blasinstrumentalisten müssen ständig ihren Ansatz üben, um überhaupt einen ordentlichen Ton erzeugen zu können, das ist klar. Aber außer für die Orgel ist die Literatur bei keinem Instrument so komplex, wie beim Klavier. Denn aufgrund der vielen Tasten und der Tatsache, dass man in der Klaviermusik neben einer Melodie auch immer eine Begleitung und Bassstimme findet, und man neben Einzeltönen und Melodien auch immer Akkorde hervorbringen muss, ist das Musizieren am Klavier eben besonders schwer.

Und dann ist da noch die Polyphonie. Polyphon bedeutet, dass ein Stück aus mehreren gleichberechtigten Stimmen besteht, die alle zur gleichen Zeit gespielt werden und dabei harmonisch klingen. Um eine dreistimmige Klavier-Fuge von J. S. Bach mit Saxophonen aufzuführen, braucht es auch tatsächlich drei Musiker. Ein Pianist muss das aber alles alleine schaffen und damit drei Musiker gleichzeitig ersetzen.

Darüber hinaus ersetzt ein Korrepetitor*, an der Oper, ein ganzes Orchester, wenn ein Sänger seine Rolle proben möchte. Dafür das Orchester antreten zu lassen wäre einfach zu aufwändig und viel zu teuer. Ist der Sänger zudem gesundheitlich angeschlagen, muss die komplette Partitur aus dem Stehgreif vielleicht auch noch eine kleine Terz tiefer transponiert werden – und das vom Blatt spielend.

So etwas muss kein anderer Instrumentalist leisten und dadurch ist das Klavier das anspruchsvollste Instrument von allen und der, der es spielt ein besonderer Mensch. Denn, wer eine solche Aufgabe meisterlich absolviert, muss wohl auch ein bisschen schlauer sein.

* Korrepetitor

Was ist ein Korrepetitor?

Der Korrepetitor ist derjenige, der am Klavier spielt anstelle des Orchesters, wenn z. B. Sänger, Chöre, Instrumentalisten, Tänzer oder Schauspieler ein Stück neu lernen oder wiederholen, ihre Rollen einstudieren, oder Szenen in Oper, Operette, Ballett etc. geprobt werden. Der Korrepetitor gibt auch in Einzelproben korrigierende musikalische Hinweise.

Wer Klavier spielt ist flexibel

Als Pianist hat man kaum die Chance mit dem eigenen Instrument ein Konzert zu spielen. Natürlich gibt es wenige Ausnahmen. Vladimir Horowitz z. B. nahm seinen Flügel einfach zu jedem Konzert mit, als er nach Jahrzehnten im amerikanischen Exil eine Konzertreise in seine alte Heimat Russland unternahm. Für den „normalen“ Musiker ist ein solcher Transport eher nicht möglich, schon wegen der Kosten und möglicher Schäden, die man sich beim Transport von Klavieren und Flügeln einhandeln kann. Das Ersparen dieser Unannehmlichkeiten birgt auch einen entscheidenden Nachteil.

Als Pianist ist man ständig mit anderen Instrumenten konfrontiert, die man nicht kennt, geschweige denn, dass man jemals auf ihnen gespielt hätte. Man muss immer seine komplette Leistung auf neuen, anderen Instrumenten abrufen und unter Beweis stellen. Das beginnt bereits beim Unterricht. Am schlimmsten ist das für Schüler, die zu Hause auf einem einfachen Digitalpiano üben, dessen Tastatur gering gewichtet ist. Müssen diese Schüler dann auf einem akustischen Instrument ihre Fortschritte vorführen, begegnen sie dabei einem fast fremden Instrument, an dem sie vielleicht nur 30 Minuten in der Woche üben können. Das wäre für einen anderen Instrumentalisten kaum nicht möglich. Wenn ein Violinist seit fünf Jahren dasselbe Instrument spielt, dieses aber kurz vor dem Konzert beschädigt wird, wird der Wechsel auf ein anderes Instrument schwierig.

Auch hier sind Klavier spielende Menschen im Vorteil, denn sie müssen bereits von Beginn an lernen, sich ständig auf ein anderes Instrument einzustellen. Dadurch wird man flexibel und anpassungsfähig. Das ist ebenfalls ein großer Vorteil. Macht man dann mal einen Fehler beim Spielen, schiebt man die eigenen Unzulänglichkeiten einfach auf das unbekannte Instrument.

Schlusswort

Wie man sieht, gibt es genügend Gründe, Klavier zu spielen. Außerdem ist und bleibt es das tollste Instrument der Welt. Kein anderes Instrument hat so einen großen Tonumfang, oder ist so vielseitig und klanggewaltig, wie das Klavier. Das Klavier ist aufgrund seiner Eigenschaften ein ganz besonderes Instrument, das den, der es beherrschen möchte, zu einem besonderen Menschen formt. Vielleicht solltest auch du mal eine Probestunde auf dem Klavier nehmen. Wer weiß …

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier, das Lernen und Spielen, findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

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