Ich vermute, ich persönlich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir eine Marleaux Diva als bundierten Bass zu wünschen. Zu sehr ist bei diesem extravaganten Modell alles auf das Thema „fretless“ zugeschnitten, und genau diese Features machen die Diva ja auch seit vielen Jahren zu einem der kompromisslosesten und begehrtesten Fretless-Bässe der Szene. Offenbar hatten andere Marleaux-Fans diesbezüglich aber deutlich mehr Fantasie als ich, denn Gerald Marleaux wurde tatsächlich im Laufe der Jahre immer wieder auch nach einer bundierten Diva gefragt. Einfach Bünde auf die Diva zu tackern, kam für den innovationsfreudigen Bassbauer aus dem Harz jedoch nicht infrage. Wenn, dann sollte es schon ein eigenständiges Instrument mit einem neuen Konzept sein. Und exakt dieses Instrument erblickt nun das Licht der Welt auf dem Guitar Summit 2026: Vorhang auf für den Marleaux Artio! Der Fünfsaiter übernimmt zwar die markante Korpusform der Diva, schlägt konzeptionell aber eine völlig neue Richtung ein. Neben einer Multiscale-Bundierung mit schrägen Frets treffen wir hier auf eine sehr spannende Tonabnehmer-Bestückung: Ein Delano Xtender Quad Coil wird von zwei Delano JSBC Split Coils flankiert – eine Konfiguration, die bereits erahnen lässt, dass der Artio klanglich in eine sehr spezielle Richtung geht.

- extrem viele eigenständige Sounds in erstklassiger Boutique-Qualität
- sehr spezielle, stimmige Optik
- sehr durchdachtes Pickup- und Elektronik-Konzept
- erstklassiger Spielkomfort/Ergonomie
- Top Verarbeitungs- und Materialqualität
- Pickup- und Elektronikkonzept erfordert Bereitschaft zur Einarbeitung
Welchen ersten Eindruck vermittelt der Marleaux Artio?
Der Marleaux Artio ist schon eine imposante Erscheinung. Das liegt zum einen am bauchigen-extravaganten Diva-Korpus mit seinem extralangen oberen Horn, und zum anderen an der ungewöhnlichen Tonabnehmer- und Elektroniksituation.
Zwischen Griffbrett und Brücke ist schon ordentlich was los – aber keine Angst, wir dröseln das später noch genau auf. Zum speziellen Look trägt außerdem die attraktiv gemaserte Decke aus Birke bei, die vom Satin-Finish in „Darkside Grey“ überzogen wird und dem Bass eine gewisse geheimnisvolle Aura verleiht. Der Fünfsaiter dürfte mit seinem markanten Erscheinungsbild fraglos die Gemüter spalten. Stimmig und harmonisch ist das Design aber allemal – klar, es ist ja auch ein Marleaux-Bass!

Aus welchen Hölzern besteht der Marleaux Artio?
Wie bei den Instrumenten aus der Harzer Bass-Manufaktur üblich, lassen sich natürlich zahlreiche Details (Hölzer, Finish etc.) individuell anpassen. Die meisten Hölzer für den Artio kommen übrigens, wie bei Marleaux üblich, aus der näheren Umgebung – also aus den Wäldern Niedersachsens.
Das gilt auch für den Korpus, der bei unserem Test-Artio aus Linde besteht. Ich höre jetzt schon wieder das Gemosere einiger Holzspezialisten: „Wie, was … Linde??? Das ist doch Billigholz und klingt wie Pappe!“ Ja, qualitativ minderwertige Linde mag wie Pappe klingen – genauso wie minderwertige Erle oder Esche. Hochwertige Linde ist dagegen ein hervorragendes Tonholz für Instrumente, und bei Marleaux kann man bombensicher davon ausgehen, dass hier nicht am falschen Ende gespart wurde.
Traditioneller geht es beim Hals des Fanned-Fret-Fünfsaiters zu, für den Gerald drei Lagen geflammten Ahorns verwendet, die mit Räuchereiche-Streifen gesperrt sind. Mit sechs Schrauben wurde der Hals sicher mit dem Korpus verbunden, sodass sich hier garantiert nichts bewegt. Für eine einheitliche Optik wurde die Halszunge zwischen Griffbrettende und erstem Pickup mit einem Aufleimer aus dem Holz der Decke versehen. Hier findet sich auch der Zugang zum Dual-Action-Trussrod, über den sich die Halskrümmung bei Bedarf korrigieren lässt. Das Griffbrett ist das einzige Holz, das nicht das Marleaux-Prädikat „Regio Tone Wood“ trägt, sondern aus Afrika stammt. Klar, Ebenholz wächst nun einmal nicht in unseren Breitengraden.
Was ist das Besondere an der Bundierung des Marleaux Artio?
Bestückt wurde das Griffbrett mit 26 Bünden und einem Nullbund, die allesamt schräg eingesetzt sind, da wir es mit einem Multiscale- beziehungsweise V-Scale-Bass (wie Marleaux ihn nennt) zu tun haben. Die Fächerung fällt bei Mensuren von 34,5″ für die H-Saite bis 33,5″ für die G-Saite allerdings ausgesprochen mild aus – beim Spielen bemerkt man sie tatsächlich kaum.
Was man dagegen sofort bemerkt, ist die handwerkliche Perfektion der Bundierung. Die Bünde wurden allesamt super akkurat abgerichtet und so sauber verrundet, dass sie beim Spielen quasi nicht spürbar sind. Eine komfortable Saitenlage ohne Schnarren und eine geschmeidige Haptik sind damit garantiert – so kenne ich das von Marleaux eigentlich auch nicht anders!
Der Kunststoffsattel dient dank des Nullbunds lediglich zur Saitenführung und führt diese zur typischen kompakten Marleaux-Kopfplatte, die ebenfalls mit einem Aufleimer aus dem Holz der Decke versehen und, wie der gesamte Bass, in „Darkside Grey“ lackiert ist. Klar, ein „Matching Headstock“ ist bei einem derart noblen Bass natürlich Ehrensache!
Welche Hardware kommt beim Marleaux Artio zum Einsatz?
Neben einem schicken Marleaux-Schriftzug trägt die Kopfplatte fünf gekapselte Stimmmechaniken in 3:2-Anordnung, die von Gotoh stammen und speziell für Marleaux gebrandet wurden. Es handelt sich um erstklassige und extrem robuste Tuner, die sahnig und leichtgängig laufen und die Stimmung bombenfest halten. Kein Wunder also, dass diese Teilchen schon seit Jahrzehnten auf Edelbässen verschiedenster Hersteller zu finden sind.
Die Brücke wird von Marleaux gefertigt und besteht aus dem Steg, über welchen die Saiten laufen, sowie aus fünf dahinterliegenden Hülsen, in die die Ballends gehängt werden. Die Saiten laufen über jeweils zwei Inbusschräubchen, die zur Anpassung der Saitenlage dienen – dieses System hat Gerald ursprünglich für den Marleaux Spock entwickelt, wenn ich mich richtig erinnere.
Die runden Saitenreiter können zur Korrektur der Intonation mit einer Inbusschraube gelöst und wieder arretiert werden. Die gesamte Konstruktion ist wirklich eine formschöne und leicht zu handhabende Lösung – klasse!
Was ist das Besondere an der Tonabnehmer-Bestückung des Marleaux Artio?
Kommen wir nun zu dem Faktor, der den neuen Artio wohl am deutlichsten von allen anderen Marleaux-Modellen unterscheidet: die Tonabnehmer- und Elektronikausstattung. Das Auge täuscht nicht, an Bord sind tatsächlich drei Pickups, die beim Artio für ein wahres Feuerwerk unterschiedlicher Sounds sorgen. In der Mittelposition sitzt das berühmte „Delano-Ei“, also der Quad-Coil-Pickup mit der offiziellen Bezeichnung „Xtender“. Der Pickup wurde mit einem Spulenschalter ausgestattet, der den Parallel-, Serien- und Single-Coil-Betrieb ermöglicht. Eingerahmt wird der Xtender von zwei Delano JSBC Pickups. Dabei handelt es sich um Split-Coils (also Humbucker), die allerdings den Sound klassischer Singlecoils liefern sollen.
Die beiden JSBCs lassen sich jeweils über einen kleinen Schalter ein- und ausschalten. Der Xtender verfügt dagegen über einen eigenen Lautstärkeregler und kann somit entweder alleine betrieben oder stufenlos zu einem der beiden JSBCs bzw. zu beiden gleichzeitig hinzugemischt werden. Selbstverständlich lassen sich die beiden JSBCs auch ohne den Xtender betreiben. Zusammen mit den drei verschiedenen Spulenschaltungen des Xtenders ergibt sich damit bereits ein beeindruckendes Füllhorn an Klangmöglichkeiten – später dazu mehr! Beide Pickup-Typen sind auf jeden Fall bewährte und häufig von Marleaux eingesetzte Modelle, mussten für die Drei-Pickup-Konfiguration des Artio allerdings angepasst werden – es handelt sich also nicht um die Standardvarianten.
Damit ist aber noch lange nicht genug: Auch die Elektronik wurde von Wolfgang Behn und Gerald Marleaux auf das spezielle Klangziel des Artio abgestimmt und ist entsprechend flexibel. Sie bietet einen Dreiband-Equalizer mit Bässen (70Hz +/-14dB) und Höhen (8KHz +/-12dB) auf einem Doppelpoti sowie einem weiteren Doppelpoti für Mitten (500Hz +/-12dB) und die passive Tonblende. Letztere funktioniert allerdings tatsächlich nur im passiven Betrieb. Die beiden verbleibenden Potis dienen als Lautstärkeregler für den Xtender bzw. für die Gesamtlautstärke des Basses.
Der Regler für die Gesamtlautstärke ist, wie bei Marleaux üblich, als Push/Pull-Poti ausgeführt und schaltet zwischen aktivem und passivem Betrieb um. Klar, das hört sich alles in allem ziemlich kompliziert an und ist sicher nichts für Bassleute, die nicht bereit sind, mehr als einen Lautstärkeregler und eine Tonblende zu bedienen. Für Klangforscher gibt es hier aber wohl eine Menge Optionen zu entdecken, wie mir scheint – mehr dazu dann im Praxisteil.
Der Marleaux/Behn-Artio-Preamp ist übrigens ausgesprochen genügsam und begnügt sich mit gerade einmal 1 mA Stromverbrauch, was eine sehr lange Batterielebensdauer verspricht. Irgendwann muss der 9-Volt-Block natürlich trotzdem gewechselt werden. Er sitzt in einem separaten Fach auf der Rückseite, das ebenso wie das Elektronikfach mit einem schick gemaserten Holzdeckel verschlossen wird.
Wie ist das Handling des Marleaux Artio?
Muss man die Verarbeitung eines Marleaux eigentlich überhaupt noch erwähnen? Ich persönlich habe jedenfalls noch keinen Bass aus Geralds Werkstatt mit irgendwelchen Schlampereien gesehen, und auch der Artio spielt in Sachen Verarbeitung erwartungsgemäß auf höchstem Boutique-Niveau.
Die Holzarbeiten wurden mit den kleinstmöglichen Toleranzen ausgeführt, die Lackierung ist 1A, die Hardware edel, funktional und robust, und die bereits erwähnte Bundierung ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Klar, billig ist dieses Package natürlich nicht – aber Gerald liefert dafür eben auch entsprechend ab!












