Warum mehr Üben deine Harsh Vocals nicht automatisch besser macht

Zu Beginn der Unterrichtsstunde frage ich meinen Schüler, was ihm in der heutigen Stunde wichtig ist. “Weiß nicht so richtig”, sagt er. “Ich habe das Gefühl, dass ich feststecke und gar nicht mehr besser werde. Ich bin etwas demotiviert.” Auf meine Bitte, das Problem genauer zu beschreiben, erklärt er mir, dass sein False Cord Growling nicht tief genug sei und dass er trotz hohem Kraftaufwand keine brachialen Sounds rausbringt. So geht es vielen meiner Schülerinnen und Schüler im ersten Jahr beim Erlernen von Harsh Vocal Techniken. Das Problem ist dabei oft gar nicht, dass sie zu wenig üben. Im Gegenteil: Sie üben viel – nur leider an der falschen Stelle. Bevor wir also darüber reden, wie du richtig übst, müssen wir erst herausfinden, was du überhaupt lernen musst.

Shutterstock, Yurii Zymovin

Warum Lernen und Üben nicht dasselbe sind

Wenn ein Growl nicht tief oder brachial genug klingt, liegt das nicht automatisch am Kraftaufwand. Vielleicht funktioniert die Klangerzeugung längst, aber die richtige Formung des Sounds fehlt noch. Vielleicht hat man sich das Problem aber auch schon viel früher antrainiert. Wer einfach immer wieder dasselbe wiederholt, übt im schlimmsten Fall nämlich genau das, was ihn gerade nicht weiterbringt. Lernen und Üben sind nicht dasselbe und brauchen deshalb unterschiedliche Strategien.

Lernen bedeutet, sich mit etwas zu beschäftigen, was man noch nicht kann – neue Fähigkeiten, neue Koordination, neue Funktionen etc. Wir müssen also genau hinhören, uns beobachten, gezielt in uns hineinspüren, ausprobieren, einzelne Dinge verändern und das Ergebnis immer wieder mit unserem Ziel abgleichen. Nur so finden wir heraus, wie wir die einzelnen Abläufe koordinieren müssen, um zum gewünschten Ergebnis zu gelangen.

Das Üben beginnt erst danach. Nur was ich gelernt habe, kann ich auch üben – durch Wiederholung und fokussierte Variation. Mehr Wiederholungen helfen mir wiederum erst, wenn ich auch das Richtige wiederhole.

Warum wir oft am falschen Problem arbeiten

Die Schülerinnen und Schüler, mit denen ich täglich in meiner Harsh Vocal School arbeite, merken in der Regel ziemlich schnell, wenn stimmlich etwas nicht passt. Gerade in den ersten ein bis zwei Jahren vermuten sie die Ursache häufig an einer ganz anderen Stelle, als sie tatsächlich liegt. Um solche Probleme besser einordnen zu können, habe ich für meinen Unterricht ein Säulenmodell entwickelt.

Die vier Säulen der Klangerzeugung sind Atmung (Kraft), Masse (Klangerzeuger), Raum (Resonanz) und Verfassung (Steuerung). Je genauer ich ein Problem einer oder mehreren dieser Säulen zuordnen kann, desto gezielter kann ich daran arbeiten.

Harsh Vocal School

Ein einfaches Beispiel: Ein Scream oder Growl klingt lasch und kraftlos. Viele Anfängerinnen und Anfänger reagieren darauf mit mehr Lautstärke, starker Anspannung im Hals und dem Versuch, den Sound regelrecht herauszuquetschen. Dabei übersehen sie teilweise etwas ganz Banales: Sie screamen bei fast geschlossenem Mund. Der Kiefer ist nur wenige Millimeter geöffnet, obwohl der gewünschte Sound deutlich mehr Raum braucht. Die Lösung wird also in der Säule Atmung/Kraft gesucht, obwohl das Problem in Raum/Resonanz liegt.

Oder nehmen wir einmal die Klangerzeugung selbst. Viele Harsh Vocals basieren auf irregulären Schwingungen unterschiedlicher Strukturen. Sind diese Grundlagen noch nicht sicher verankert, kann es beispielsweise passieren, dass der False Cord Growl bei einem Versuch plötzlich im Untertongesang landet. Auch hier helfen weder Kraft noch Pressen. Stattdessen müssen wir zurück zum Anfang und die gewünschte Schwingung erst einmal zuverlässig bei der Säule Masse/Klangerzeuger suchen.

Oft wird unterschätzt, wie viel Arbeit beim Lernen jeder einzelnen Säule steckt. Viele Menschen erwarten, dass die Klangerzeugung der schwierigste Teil sein müsste. Meiner Erfahrung nach hat man das aber vergleichsweise schnell drauf. Die Atmung ist da schon komplexer. Und an der gezielten Steuerung verschiedener Resonanzräume entdecken selbst Profis nach zehn oder mehr Jahren noch Neues. Warum gerade die ersten Monate beim Harsh-Vocals-Lernen meist ganz anders verlaufen als erwartet, habe ich bereits in meinem Artikel Harsh Vocals richtig lernen erläutert.

Harsh Vocals richtig lernen – Britta Goertz Artikelbild
Harsh Vocals richtig lernen – Britta Goertz

Metal-Gesang, Extreme Vocals, Harsh Vocals, Distorted Vocals – schon die Vielzahl an Begriffen zeigt, wie stark sich diese Gesangstechniken in den letzten Jahren ausdifferenziert haben. Gutturaler Gesang ist längst nicht mehr der wilde Westen, der er einmal war. Seit den 80er-Jahren ist das gezielte Schreien im Rock, Metal und Punk ein weit verbreitetes Stilmittel. Die Technik wurde lange nach dem Trial-und-Error-Prinzip erlernt. In den letzten 15 Jahren hat sich jedoch eine Community herausgebildet, die den extremen Gesang – heute meist unter dem Oberbegriff Harsh Vocals zusammengefasst –erforscht und lehrt. Eine der populärsten Vertreter*innen aus Deutschland ist Harsh-Vocal-Coach Britta Goertz.

15.08.2026
3,7 / 5
2

Bei den Harsh Vocals kommt hinzu, dass wir unserem Gehör einiges abverlangen. Hoch und tief sind nicht dasselbe wie hell und dunkel. Wer diese Eigenschaften noch nicht sicher voneinander unterscheiden kann, versucht dann zum Beispiel einen schrilleren Scream über eine höhere Tonlage zu erreichen – obwohl der gewünschte Unterschied eigentlich durch die Formung der Resonanzräume entsteht. Auch Hören und Wahrnehmen müssen wir also umdenken lernen. Und dann ist da noch die vierte Säule: unsere körperliche und psychische Verfassung. Allein die Erwartungshaltung, mit der wir starten, beeinflusst den Lernprozess erheblich. Deshalb ermuntere ich meine Schülerinnen und Schüler am Anfang dazu, die gewünschte Klangästhetik erst einmal aus dem Fenster zu werfen. Was später auf einem Album landet oder wie wir mit Lampenfieber auf der Bühne umgehen, ist eine andere Frage.

Vom konkreten Problem zur passenden Übung

Das Vier-Säulen-Modell gibt uns Anhaltspunkte dafür, wo wir nach einem Problem suchen können. Um daraus eine konkrete Trainingseinheit zu bauen, braucht es aber noch etwas mehr. In meinem Unterricht arbeite ich deshalb mit einem Fünf-Phasen-Modell: Verstehen, Lernen, Üben, Anwenden und Double Check.

Harsh Vocal School

Am Anfang steht das Verstehen. Wir analysieren das Problem und suchen nach möglichen Stellschrauben. Dabei hilft das Vier-Säulen-Modell und die genaue Beobachtung: Wie ist die Körperhaltung? Wo entstehen Anspannungen? Was können wir spüren? Was können wir hören? Aus diesem Verständnis heraus definieren wir ein oder mehrere konkrete Ziele.

Erst dann beginnt das Lernen. Jetzt suchen wir nach Lösungen, probieren aus und finden geeignete Startpunkte. Der Wechsel zwischen regulärer und irregulärer Schwingung der Stimmlippen kann beispielsweise so eine Lernübung sein: vom Klarton zum Creaking und wieder zurück. Auf einer anderen Masseebene können wir zwischen Klarton und Untertongesang wechseln. Wir arbeiten an reflektorischer Bauchatmung, an der Weitstellung des Brustkorbs oder am Aufbau einer flexiblen Atemführung. Wir versuchen hier noch nicht, möglichst viele perfekte Wiederholungen zu produzieren, sondern wollen zunächst herausfinden, wie etwas funktioniert.

Nun kommt das Üben. Durch gezielte Wiederholung und Variation verinnerlichen wir unsere Technik und machen Screams stabiler, ökonomischer und flexibler. Hier spielt Regelmäßigkeit eine wichtige Rolle. Kurze, fokussierte Einheiten mit einem konkreten Ziel bringen meist mehr als drei Stunden unspezifisches Herumschreien im Proberaum. Auch ein Vocal-Tagebuch kann helfen, Übungen und Fortschritte festzuhalten. Etwas Disziplin schadet nicht, auch wenn der innere Schweinehund andere Pläne hat.

Funktioniert das zuverlässig, wenden wir das Ganze zuerst in einzelnen Phrasen, dann in einem ganzen Song, über mehrere Songs in der Bandprobe und schließlich im Studio, auf der Bühne oder auf Tour an. Dort zeigt sich, ob die Fähigkeit auch unter wechselnden Bedingungen abrufbar bleibt.

Der Prozess schließt für mich mit einem Double Check ab. Funktioniert das Gelernte wirklich? Hier müssen wir ehrlich zu uns selbst sein und dürfen uns nicht in die Tasche lügen. Wenn etwas noch nicht zuverlässig klappt, bedeutet das aber nicht gleichzeitig, dass wir einfach mehr üben müssen. Wir können innerhalb des Modells zurückspringen, das Problem neu oder schärfer analysieren, eine andere Lösung suchen oder einen Teilbereich noch einmal gezielt lernen. So entstehen Korrekturschleifen, die uns immer wieder zu den einzelnen Phasen zurückführen. Das Prinzip ist natürlich nicht auf Harsh Vocals oder Gesang beschränkt. Die Unterscheidung zwischen Lernen und Üben lässt sich genauso auf Instrumente, Sportarten und viele weitere Fähigkeiten übertragen. Einen spannenden Artikel dazu gibt es beispielsweise zum Thema Schlagzeug.

Fortschritt ist mehr als ein guter Scream

Gehen wir zurück zum Anfang, zu meinem Schüler, der feststeckt und demotiviert ist. Mit dem Vier-Säulen-Modell und den fünf Phasen des Lernens haben wir seine Herausforderung in kleinere Schritte zerlegt: Wo genau steckt er fest? Wo können wir ansetzen? Was läuft bereits gut und in welchen Teilbereichen müssen wir aktiv werden, damit sich der Gesamtsound am Ende verbessert?

So wird aus einem diffusen „Ich kann das nicht“ ein viel konkreteres: „Zwei Dinge kann ich schon ziemlich gut, an einem dritten arbeite ich gerade.“ Und plötzlich wird der Fortschritt auch wieder sichtbar.

Letztendlich geht es mir darum, Prinzipien zu vermitteln, mit denen man bestenfalls ein ganzes Leben lang arbeiten kann. Ich habe den Anspruch, meine Schülerinnen und Schüler zu kleinen Coaches für sich selbst zu machen. Sie lernen, Probleme zu erkennen, einzuordnen und geeignete Strategien zu entwickeln, um voranzukommen.

Die größte Belohnung ist, das Gelernte irgendwann ganz selbstständig abrufen und kreativ einsetzen zu können. Genau dafür machen wir das Ganze schließlich.

FAQ

Warum macht mehr Üben Harsh Vocals nicht automatisch besser?
Mehr Üben hilft nur, wenn man das Richtige wiederholt. Ohne gezieltes Lernen kann man Fehler und ineffiziente Technik sogar verfestigen.

Was ist der Unterschied zwischen Lernen und Üben bei Harsh Vocals?
Lernen bedeutet, neue Fähigkeiten und Koordinationen zu entwickeln. Üben bedeutet, bereits Gelerntes durch fokussierte Wiederholung und Variation zu festigen.

Welche vier Säulen gibt es bei der Klangerzeugung?
Atmung (Kraft), Masse (Klangerzeuger), Raum (Resonanz) und Verfassung (Steuerung). Sie helfen, stimmliche Probleme gezielt einzuordnen.

Warum klingt ein Growl manchmal nicht tief oder brachial genug?
Nicht immer fehlt Kraft. Oft liegt das Problem an der Klangerzeugung, zu wenig Resonanzraum, falscher Steuerung oder einer zu geschlossenen Mundstellung.

Welche fünf Phasen helfen beim Harsh-Vocals-Training?
Verstehen, Lernen, Üben, Anwenden und Double Check. So wird ein diffuses Problem in konkrete, lösbare Trainingsschritte zerlegt.

Hot or Not
?
Bevor wir darüber reden, wie du richtig übst, müssen wir erst herausfinden, was du überhaupt lernen musst.

Wie heiß findest Du diesen Artikel?

Kommentieren
Schreibe den ersten Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Bonedo YouTube
  • Legendary Locations in Amsterdam: Melkweg. #Amsterdam #ADE #Rave #Techno #festival #melkweg
  • Checking out the Sabian Stratus Dry line #sabiancymbals #stratus #dry
  • Sabian Stratus Dry Cymbals – How Dry Can Cymbals Get?