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Rolling Stone Top 200 Rock Songs: Wer hat diese Liste verbrochen?

Jay-Z vor den Strokes, Taylor Swift vor Queens of the Stone Age und Olivia Rodrigo auf Platz vier: Die neue Rolling-Stone-Liste der 200 besten Rock Songs des 21. Jahrhunderts sorgt für reichlich Kopfschütteln. Zwischen echten Klassikern und fragwürdigen Pop-Ausflügen verliert das Musikmagazin zunehmend den Überblick darüber, was Rockmusik eigentlich ausmacht. Und das ist längst nicht das einzige Problem dieses Rankings.

Fabio Venni, Raph_PH

200 Songs und jede Menge Fragezeichen

Es gibt Musikrankings, über die man wunderbar diskutieren kann. Und dann gibt es Listen, bei denen man sich fragt, ob die Redaktion zwischendurch versehentlich das Genre gewechselt hat. Mit seiner Auswahl der 200 besten Rock Songs des 21. Jahrhunderts hat der Rolling Stone jedenfalls ein bemerkenswertes Kunststück vollbracht: Je weiter man sich durch das Ranking arbeitet, desto weniger scheint das Wort „Rock“ im Titel eine Rolle zu spielen.

Dabei ist die Grundidee durchaus reizvoll. Rund ein Vierteljahrhundert Rockgeschichte bietet genügend Material für eine spannende Rückschau. Schließlich hat sich das Genre seit der Jahrtausendwende ordentlich verändert. Die Garage-Rock-Welle der Nullerjahre hat längst ihren Platz in der Musikgeschichte, während sich Metal und experimenteller Rock immer wieder neu erfunden haben.

Doch offenbar war das dem Rolling Stone nicht abwechslungsreich genug. Stattdessen finden sich zwischen den Gitarrenklassikern plötzlich Songs, die eher in einer Pop-Bestenliste aufgehoben wären. Das wäre halb so wild, wenn dafür nicht zahlreiche prägende Rockbands auf hintere Plätze verwiesen würden. Spätestens beim Blick auf die Top 50 entsteht deshalb ein unangenehmer Verdacht: Hat der Rolling Stone die besten Rock Songs gesucht oder einfach seine liebsten Songs mit gelegentlichem Gitarreneinsatz zusammengestellt?

King Gizzard auf Platz 176 und Linkin Park außerhalb der Top 100

Schon die hinteren Platzierungen liefern genügend Stoff für eine gepflegte musikalische Sinnkrise. Besonders auffällig ist der Umgang mit King Gizzard & The Lizard Wizard. Die australische Band gehört zu den produktivsten und experimentierfreudigsten Rockacts der vergangenen Jahre. Ihr Song „Rattlesnake“ schafft es trotzdem nur auf Platz 176. Das ist eine ziemlich bescheidene Würdigung für eine Gruppe, die zeitgenössischen Psychedelic Rock maßgeblich mitgestaltet hat. Während King Gizzard musikalisch regelmäßig sämtliche Konventionen über Bord werfen, scheint der Rolling Stone lieber auf etablierte Namen zu setzen.

Noch fragwürdiger wird es bei den Strokes. Deren Song „Reptilia“ landet auf Platz 138 und verpasst damit die Top 100 deutlich. Ein Song, dessen Gitarrenriff inzwischen zum festen Inventar des Indie-Rock gehört. Eine Band, deren Einfluss auf die Rockszene der Nullerjahre kaum überschätzt werden kann. Und dennoch müssen sich die Strokes hinter zahlreichen Songs einreihen, deren Verbindung zur Rockmusik bestenfalls großzügig interpretiert werden kann.

Auch Linkin Parks „In the End“ bleibt auf Platz 103 knapp außerhalb der Top 100. Ähnlich ergeht es „Ball and Biscuit“ von den White Stripes auf Platz 104. Gerade Letzterer ist eine herrlich schmutzige Bluesrock-Nummer, die Jack Whites außergewöhnliches Gitarrenspiel perfekt auf den Punkt bringt. Dass beide Songs den Sprung unter die ersten 100 verpassen, während weiter vorne munter Popmusik einsortiert wird, lässt bereits Schlimmes erahnen.

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Wie viel Pop verträgt eine Rock-Liste?

Das größte Problem der Liste offenbart sich allerdings erst in den oberen Regionen. Dort scheint die Definition von Rockmusik zunehmend zur unverbindlichen Empfehlung zu werden. Japanese Breakfast stehen mit „Be Sweet“ auf Platz 97. Ein fantastischer Song, keine Frage. Aber ein Rocksong? Der Track lebt vor allem von seinem eingängigen Synth-Pop-Sound.

Ähnliches gilt für Future Islands und „Seasons (Waiting on You)“, die weiter hinten im Ranking auftauchen. Beide Beispiele zeigen ziemlich deutlich, wie großzügig der Rolling Stone seine Genregrenzen zieht. Richtig absurd wird es mit MGMT. Deren „Time to Pretend“ landet auf Platz 35. Eine der großen Indie-Hymnen der Nullerjahre, zweifellos. Allerdings musikalisch wesentlich stärker im Synth-Pop verwurzelt als in der klassischen Rockmusik.

Natürlich dürfen Genregrenzen verschwimmen. Rockmusik lebt schließlich von Veränderungen und neuen Einflüssen. Niemand verlangt, dass jeder Song nach einer verstaubten Led-Zeppelin-Platte klingen muss. Aber wenn praktisch jede alternative Popproduktion mit etwas E-Gitarre als Rock durchgeht, verliert eine solche Bestenliste irgendwann ihren Sinn.

Besonders deutlich wird das bei Lana Del Rey. Ihr „Venice Bitch“ steht auf Platz 28. Ein wunderbarer, psychedelisch angehauchter Song, der sich über neun Minuten entfaltet. Trotzdem ist seine Platzierung in einer Top 30 der besten Rock Songs dieses Jahrhunderts äußerst gewagt. Der Rolling Stone scheint hier zwischen musikalischer Qualität und Genrezugehörigkeit nicht mehr unterscheiden zu wollen. Nach dieser Logik könnte man demnächst auch eine Liste der größten Metal-Songs veröffentlichen und Billie Eilish nominieren. Irgendwo wird sich schließlich schon ein verzerrter Sound finden lassen.

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Eine Gitarre macht noch keinen Rocksong

Spätestens bei Taylor Swift erreicht die Genreverwirrung eine neue Dimension. Ihre zehnminütige Version von „All Too Well“ landet auf Platz 33. Vor Queens of the Stone Age mit „No One Knows“. Vor System of a Down mit „Chop Suey!“. Man kann Taylor Swift für ihre Fähigkeiten als Songwriterin respektieren und trotzdem feststellen, dass diese Entscheidung einigermaßen verrückt ist. „All Too Well“ ist eine starke Trennungsballade und sicherlich eines ihrer wichtigsten Stücke. Aber gehört der Song deshalb zu den 33 besten Rocknummern seit dem Jahr 2000? Wohl kaum.

Noch kurioser wird es bei OutKast. Mit „B.O.B. (Bombs Over Baghdad)“ schaffen sie es auf Platz 41. Der Song ist ein absolutes Meisterwerk des Hip-Hop, voller Energie und musikalischem Wahnsinn. Seine Platzierung in einer Rockliste bleibt trotzdem schwer nachvollziehbar. Der endgültige Höhepunkt folgt allerdings mit Jay-Z und „99 Problems“ auf Platz acht. Platz acht!

Damit steht ein Hip-Hop-Klassiker vor nahezu allen tatsächlich im Rock verwurzelten Künstlern dieses Rankings. Natürlich besitzt „99 Problems“ eine aggressive Produktion und einen markanten Sound. Doch ein paar Gitarrenelemente verwandeln einen Raptrack eben nicht automatisch in Rockmusik. Sonst könnte man auch anfangen, sämtliche Songs mit Schlagzeug als Punkrock zu klassifizieren. Die Entscheidung wirkt umso merkwürdiger, weil gleichzeitig wichtige Rockbands auf deutlich schlechteren Positionen landen. Wer Jay-Z zu den zehn bedeutendsten Rock Songs des Jahrhunderts zählt, sollte zumindest erklären können, nach welchen Kriterien dieses Ranking überhaupt funktioniert.

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Metal bekommt ein paar Krümel vom Rolling-Stone-Kuchen

Bei aller Kritik muss man dem Rolling Stone eines lassen: Die Redaktion hat härtere Musik diesmal zumindest nicht komplett ignoriert. Slipknot stehen mit „People = Shit“ auf Platz 187. Gojira schaffen es mit „Flying Whales“ auf Platz 125. Auch Meshuggah und Mastodon haben ihren Weg in die Liste gefunden. Leider bleiben andere wichtige Namen komplett außen vor.

Von Ween fehlt jede Spur. Auch die Viagra Boys sucht man vergeblich. Gerade Letztere hätten mit ihrem eigenwilligen Post-Punk hervorragend in eine Liste gepasst, die den modernen Rock in seiner ganzen Bandbreite darstellen möchte. Immerhin: Nickelback und Greta Van Fleet sind ebenfalls nicht vertreten. Der Rolling Stone hat also offenbar doch gewisse Grenzen. Welche das genau sind, bleibt allerdings ein Rätsel.

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Olivia Rodrigo lässt Rockgrößen hinter sich

Wer glaubt, die Liste könne nach Jay-Z und Taylor Swift keine weiteren Überraschungen bereithalten, sollte einen Blick auf Platz vier werfen. Dort steht Olivia Rodrigo mit „Good 4 U“. Ja, richtig gelesen. Der Rolling Stone hält „Good 4 U“ für den viertbesten Rock Song des 21. Jahrhunderts. „Good 4 U“ landet damit noch vor den Strokes und Radiohead. Selbst zahlreiche einflussreiche Metal- und Punkbands, die seit der Jahrtausendwende die Rockmusik geprägt haben, müssen sich hinter Olivia Rodrigo einreihen.

Dabei ist „Good 4 U“ keineswegs schlecht. Der Song funktioniert hervorragend als wütender Pop-Punk-Hit und hat dazu beigetragen, gitarrenlastige Popmusik wieder stärker im Mainstream zu verankern. Eine solche Leistung verdient Anerkennung. Aber Platz vier?Auch andere Emo- und Pop-Punk-Acts profitieren auffällig vom Ranking. Fall Out Boy schaffen es mit „Sugar, We’re Goin Down“ auf Platz 20. My Chemical Romance stehen mit „Welcome to the Black Parade“ auf Platz 16.

Dass diese Bands inzwischen als wichtige Vertreter ihrer Generation anerkannt werden, ist längst überfällig. Doch gerade bei Olivia Rodrigo wirkt die Platzierung eher wie der Versuch, moderne Popkultur um jeden Preis in den Rockkanon aufzunehmen. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Song die Rückkehr bestimmter Gitarrensounds im Mainstream begleitet oder zu den wichtigsten Rockwerken eines ganzen Vierteljahrhunderts gehört.

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The Killers, White Stripes und Yeah Yeah Yeahs: Das große Finale

Nach all den merkwürdigen Entscheidungen könnte man erwarten, dass die Top Ten endgültig zum musikalischen Totalschaden werden. Tatsächlich wird das Ranking auf den letzten Metern aber wieder etwas nachvollziehbarer.

Phoebe Bridgers schafft es mit „I Know the End“ auf Platz sechs. Eine ziemlich mutige Platzierung, die definitiv gerechtfertigt ist. Der Song entwickelt sich gegen Ende zu einer regelrechten Gitarrenexplosion und ist damit musikalisch deutlich näher an der Rockmusik als manch anderer Kandidat im Ranking. Auch Radiohead sind mit „The National Anthem“ vertreten. Dass ein derart eigenwilliger Song so weit oben landet, zeigt immerhin, dass der Rolling Stone nicht ausschließlich auf leicht verdauliche Hits setzt.

Auf Platz drei folgen The Killers mit „Mr. Brightside“. Eine Entscheidung, mit der sich vermutlich jeder Indie-Club-DJ der vergangenen 20 Jahre problemlos anfreunden kann. Der Song ist längst zur generationsübergreifenden Partyhymne geworden. Ob ihn das automatisch zu einem der drei besten Rock Songs des Jahrhunderts macht, darf allerdings bezweifelt werden. „Mr. Brightside“ ist inzwischen derart allgegenwärtig, dass man ihn kaum noch hören kann, ohne gedanklich in einer überfüllten Bar zu stehen.

Auf Platz zwei folgen die White Stripes mit „Seven Nation Army“. Diese Platzierung ergibt tatsächlich Sinn. Kaum ein anderes Gitarrenriff hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so tief in das Musikgedächtnis eingebrannt. Der Song funktioniert inzwischen sogar ohne Gitarre. Ein paar tausend Fußballfans genügen, um aus Jack Whites berühmter Melodie eine Stadionhymne zu machen. Dass „Seven Nation Army“ nicht auf Platz eins steht, ist deshalb fast schon überraschend.

Stattdessen geht der Spitzenplatz an „Maps“ von den Yeah Yeah Yeahs. Und damit fällt die Kritik plötzlich etwas schwerer. Denn „Maps“ ist ein großartiger Song. Karen Os Gesang gehört zu den eindringlichsten Momenten der Indie-Rock-Ära der Nullerjahre. Die emotionale Wucht des Stücks funktioniert auch mehr als zwei Jahrzehnte später. Eine Platzierung unter den besten 25 Rock Songs wäre absolut gerechtfertigt. Vielleicht sogar unter den besten zehn. Aber der beste Rock Song des gesamten 21. Jahrhunderts? Das wirkt angesichts der musikalischen Vielfalt dieses Zeitraums doch ziemlich überzogen.

Trotzdem ist „Maps“ eine Wahl, mit der man durchaus leben kann. Nach all den fragwürdigen Genreexperimenten weiter unten im Ranking ist es fast schon beruhigend, dass an der Spitze tatsächlich ein herausragender Rocksong steht. Vielleicht ist das auch die größte Überraschung dieser Liste: Die Top Ten sind am Ende gar nicht so katastrophal wie zwischenzeitlich befürchtet. Die eigentliche Verwirrung hat sich größtenteils bereits auf dem Weg dorthin abgespielt.

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Zwischen gelungenen Entdeckungen und fragwürdiger Indie-Nostalgie

Besonders frustrierend an der Liste ist, dass sie stellenweise wirklich gute Entscheidungen trifft. Parquet Courts werden mit „Stoned and Starving“ auf Platz 57 gewürdigt. Wednesday schaffen es mit „Chosen to Deserve“ auf Platz 68. Auch Geese erhalten mit „Getting Killed“ eine bemerkenswert hohe Platzierung. Hier zeigt sich eine Redaktion, die aktuelle Entwicklungen wahrnimmt und bereit ist, jüngeren Bands einen Platz im Rockkanon einzuräumen.

Ähnlich erfreulich sind die prominenten Nennungen von TV on the Radio und Mitski. Allerdings fällt gleichzeitig auf, wie stark sich das Ranking auf den Indie-Kosmos konzentriert. Gerade Bands aus der New Yorker Szene der Nullerjahre profitieren von einer rückblickenden Aufwertung.

Das ist durchaus interessant, denn viele dieser Künstler wurden vom Rolling Stone zu ihrer aktiven Hochphase längst nicht mit der heutigen Begeisterung behandelt. Jetzt scheinen sie rückwirkend zu den wichtigsten Vertretern einer ganzen Rockgeneration erklärt zu werden. Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Kritische Neubewertungen gehören schließlich zum Musikjournalismus. Problematisch wird es erst, wenn diese Vorliebe andere Strömungen der Rockmusik zunehmend an den Rand drängt.

Fazit: Der Rolling Stone hat ein Rock-Ranking veröffentlicht, das selbst nicht weiß, was Rock ist

Am Ende bleibt eine Liste, die zwischen hervorragenden Entdeckungen und völlig unverständlichen Entscheidungen schwankt. Natürlich sind Musikrankings immer subjektiv. Niemand wird jemals eine Top 200 erstellen, mit der sämtliche Rockfans zufrieden sind. Dafür ist das Genre schlicht zu vielfältig. Doch beim Rolling Stone geht das Problem tiefer als ein paar fragwürdige Platzierungen. Das Magazin scheint sich nicht entscheiden zu können, was es mit seiner Liste eigentlich bewerten möchte. Geht es um musikalischen Einfluss? Um historische Bedeutung? Oder darum, welche Songs innerhalb der Popkultur besonders relevant geblieben sind? Eine klare Linie ist kaum zu erkennen.

Stattdessen werden echte Rockklassiker auf hintere Plätze verwiesen, während populäre Songs aus anderen Genres erstaunlich weit vorne landen. Gleichzeitig bekommen einige experimentelle Bands verdiente Aufmerksamkeit. Das Ergebnis ist ein Ranking, das sich selbst immer wieder widerspricht. Besonders die Platzierungen von Jay-Z, Taylor Swift und Olivia Rodrigo stehen symptomatisch für diese Orientierungslosigkeit. Nicht weil die Künstler schlechte Musik machen würden. Sondern weil ihre prominente Berücksichtigung in einer Rock-Bestenliste kaum nachvollziehbar begründet wird.

Vielleicht wollte der Rolling Stone besonders zeitgemäß wirken und eine möglichst offene Vorstellung von Rockmusik präsentieren. Vielleicht wollte man aber auch einfach eine Liste veröffentlichen, über die sich möglichst viele Menschen aufregen. Falls Letzteres der Plan war, darf die Redaktion sich gratulieren. Denn über die 200 besten Rock Songs des 21. Jahrhunderts lässt sich nach diesem Ranking hervorragend diskutieren. Nur leider erstaunlich selten über Rockmusik.

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