Workshop_Thema
Workshop
3
04.04.2015

Shortcut: Klaviersound auf der Bühne

Der optimale Pianosound für den Live-Einsatz

Sound- und Intonationsprobleme mit einfachen Mitteln lösen

Eines der meistdiskutierten Themen unter Keyboardern ist sicher die Frage, wie man einen optimalen Klaviersound auf die Bühne bekommt, wenn kein Flügel zur Verfügung steht oder das vorhandene akustische Instrument nicht laut genug verstärkt werden kann. Der falsche Pianosound kann zu vielfältigen Problemen führen: Das Klavier trägt nicht, matscht im Mix oder irritiert im schlimmsten Fall sogar die Mitspieler. In diesem Workshop zeigt Xaver Fischer einen Lösungsvorschlag für die Suche nach dem richtigen Klaviersound für den Live-Einsatz.

Die Auswahl an digitalen Stagepianos, Klavier-Plug-Ins und Workstations mit integrierten Pianosounds ist ja bekanntlich gigantisch, und bei der Frage, welcher Klaviersound nun der beste für die Bühne sei, gehen die Meinungen weit auseinander. Die einen schwören auf aufwändige, Gigabyte-umfassende Samples aus dem Laptop, andere auf wenige MB große, aber „durchsetzungsfähige“ Samples von Yamaha, Kurzweil oder anderen Hardware-Herstellern.

Ich habe mich mit dem Thema lange beschäftigt und bin irgendwann zu meiner eigenen „Speziallösung“ gekommen, die ich euch im folgenden Workshop genauer vorstellen möchte. Um euch in Stimmung zu bringen, möchte ich euch zu Beginn zwei kleine Geschichten zu diesem Thema erzählen.

Der richtige Klaviersound: wahre Begebenheit Nr.1

Ich war zu einer Studiosession eingeladen, es ging um einen „Pop meets Classic“-Song mit Opernsänger, Klavier, Kontrabass, Schlagzeug und Orchester. Es lag ein Demo vor, das komplett mit Software-Instrumenten produziert war und das Spur für Spur durch echte Instrumente ersetzt werden sollte. Der Klavierpart kam von einem aufwändig gesampelten, Gigabyte-schweren Software-Piano. Zuerst wurden die Drums aufgenommen, der (hochkarätige) Drummer nagelte seinen Part in einem Take.

Danach war der Kontrabass an der Reihe. Beim Bassisten handelte es sich ebenfalls um einen gestandenen Vollprofi, der schon mit "Gott und der Welt" gespielt hatte. Dennoch hatte er bei der Aufnahme sichtliche Intonationsprobleme. Nach jedem Take sagte er Dinge wie „Ich brauche das Klavier lauter“, „Ich brauche den Bass lauter“ oder „Ich brauche mehr Höhen in meinem Kopfhörer.“

Nachdem er es wieder und wieder versucht, aber nie sauber hinbekommen hatte und sich im Regieraum alle Anwesenden über dieses „Formtief“ des ansonsten sehr intonationssicheren Bassisten wunderten, machte ich den Vorschlag, zuerst den (echten!) Flügel aufzunehmen und danach noch mal den Bass zu probieren.

Und dann die Überraschung: Kaum war das echte Klavier fertig, konnte der Bass in einem Take perfekt aufgenommen werden. Von Intonationsproblemen keine Spur mehr!

Der richtige Klaviersound: wahre Begebenheit Nr.2

Ich half in einer Galaband aus. Da wir auch Dinnerjazz spielen sollten, nahm ich mein altes Wurlitzer E-Piano mit. Nach dem Gig bedankte sich der Saxophonist bei mir. Ich hätte ihm das Gefühl wiedergegeben, dass er ein guter Spieler sei. Er hätte nämlich sonst immer Probleme mit der Intonation, aber heute Abend hätte er keinerlei Schwierigkeiten und ein super Spielgefühl gehabt. Daraufhin fragte ich ihn, was für ein Instrument denn der reguläre Keyboarder dieser Band spiele. Die Antwort: „Irgendein Digitalpiano“. 

Die Hintergründe eines Piano-Sounds

Der in den beiden Beispielen geschriebene Effekt beruht im Wesentlichen darauf, dass echte Instrumente oft in sich etwas unreiner gestimmt sind, wodurch vermehrt Schwebungen auftreten. Wenn das Klavier in sich schon etwas schwebt, dann verzeiht es den Mitmusikern leichte Intonationsabweichungen viel besser. Aber es gibt noch ein weiteres Problem: Digitale Klaviersounds fügen sich oft schlecht in den Gesamtsound einer Band ein. Sie verhalten sich im Mix oft ein bisschen wie das Fett auf der Suppe, das sich nicht untermischen lassen will. Regelt man das Klavier so laut, dass man es gut hören kann, wird es schnell aufdringlich, macht man es so leise, dass es nicht mehr stört, geht es im Mix unter. Außerdem tragen die Akkorde nicht so gut und der Mix wird nicht so schön warm und mittig aufgefüllt, wie das bei einem echten Klavier der Fall wäre. Dabei spielt es keine Rolle, wie aufwändig das jeweilige Sample ist. 

Der optimale Klaviersound für den Live-Einsatz

Eine Möglichkeit, die ich persönlich seit 20 Jahren so gut es geht praktiziere, ist erst einmal recht einfach – erst gar keinen Klaviersound benutzen! Ich spiele meistens Wurlitzer oder Rhodes und umgehe so das Klavierthema. Dabei müssen es noch nicht einmal die echten E-Pianos sein. Hier genügen auch (gute!) Samples (mehr zu diesem Thema im bonedo-Feature „Die Geschichte der E-Piano-Clones“ ). 

Manchmal geht das aber natürlich nicht. Ab und zu gibt es nun einmal Songs, in denen es einfach ein akustischer Klaviersound sein muss und in denen ein E-Piano nicht passen würde.

Aufwändige, Gigabyte-große Piano-Samples haben sich für mich im Live-Einsatz auf der Bühne nicht bewährt. Zum einen wegen der bereits erwähnten Resonanz-Probleme, zum anderen, weil sie meist mit etwas höherem Raumanteil gesampelt wurden. Dieser kann im Studio vorteilhaft sein, aber live raubt er dem Sound oftmals die Durchsetzungsfähigkeit und lässt das Klavier in einem lauten, dichten Mix schnell untergehen.

Das ist übrigens eine Bühnen-Keyboarder-Grundregel: alle Sounds so trocken wie möglich, kein Raum, kein Hall. Das versaut den Mix. Wer etwas Space mag, sollte ein Delay nehmen. Hall darf – wenn überhaupt – nur der Frontmixer benutzen. Und wo wir gerade beim Thema sind: Dasselbe gilt für EQs. Möglichst alles schön flat ausgeben und nicht schon frequenzverzerrte Signale zum Mixer schicken!

Ich habe mein Wurlitzer midifiziert und steuere so einen einfachen, aber guten und schön trockenen Klaviersound an (Roland Fantom Rack mit SRX12 Complete Piano Expansion Board). Ich drehe einen subtilen Anteil des Wurlitzersignals dazu – nur ganz wenig, es darf nicht wie ein Layer-Sound klingen! Dadurch bekommt der Pianosound mehr „Bauch“ im unteren Mittenbereich, trägt besser und setzt sich auf seine Art besser durch – und zwar nicht, indem er sich durch „Schrillheit“ Gehör verschafft, sondern indem er mit seinen neu dazugewonnenen Mitten schön die Frequenzlücke zwischen Bass und Gitarre füllt. 

Da Wurlitzer und Klaviersample natürlich nicht perfekt gleich gestimmt sind, ergeben sich Schwebungen wie bei einem leicht verstimmten Klavier. Diese Schwebungen machen den Sound voller, geben ihm einen speziellen Charakter und verzeihen den Mitspielern in der Band leichte Intonationsabweichungen. 

Im folgenden Beispiel hören wir erst das Roland-Klavier alleine, dann kommt das Wurlitzer dazu: Am Ende nehme ich es noch mal weg – erstaunlich, wie dünn das Signal plötzlich klingt!

Klaviersound für die Bühne mit einem Sinuston anreichern

Da ich mein Wurlitzer aber nicht immer mitnehme, habe ich noch eine Alternativlösung entwickelt: Die Rolle des Wurlitzers übernimmt hier ein einfacher Sinuston, den ich zum Klaviersound hinzumische. Wichtig ist hierbei, dass die Hüllkurve und das Dynamikverhalten von Sinus und Klavier exakt identisch sind. Beim Roland Fantom gibt es den Parameter „Random Pitch“, mit dem ich den Sinus etwas zum Klavier verstimme. Der auf diese Weise erzielte Effekt ist ähnlich wie bei der Wurlitzer-Klaviersample-Kombination: Der Sound wird voller, hat mehr Bauch, trägt besser und bekommt Schwebungen. Trotzdem hört man den Sinus nicht als solchen heraus und hält ihn für einen Teil des Klaviersounds. 

Hier wieder zunächst der Pianosound, dann kommt der Sinus hinzu. Man achte auf die schönen Schwebungen bei dem liegenden Akkord am Ende!

Controller

Ich habe mir die Lautstärke des Sinus auf einen Controller gelegt, so dass ich den Anteil je nach musikalischem Kontext steuern kann. Auf einem anderen Controller liegt noch ein Roland JD800 Piano-Sample (ein extra harter Sound mit viel Attack). Mit diesem kann ich dem Klavier im Mix mit lauten verzerrten Gitarren etwas mehr Schubkraft verleihen. Alleine klingt das ziemlich grausam, aber im dichten Mix bringt das eine Menge. 

Die Bühnen-Klaviersounds der Stars

Elton John hat an seinem akustischen MIDI-Flügel ein Roland MKS20 hängen, ein eigentlich natürlich längst veraltetes, digitales Klaviermodul aus den 80er-Jahren, das sehr hart und drahtig klingt. Leicht dazugemischt verleiht es seinem Flügel im Bandkontext etwas „Biss“.

Michael Nass (Keyboarder bei BAP) hat mir erzählt, dass er eine Kombination aus einem Digitalpiano und einem Neunziger-Jahre-Soundmodul spielt. Er sagt, der Mix der beiden Klaviersounds funktioniere auf der Bühne sehr gut. Also, jeder ambitionierte bonedo-Leser sei dazu aufgerufen, mit Kombinationen von verschiedenen Sounds zu experimentieren, um den optimalen Live-Klaviersound zu finden, anstatt blind auf Samples mit möglichst vielen Gigabytes zu vertrauen!

1 / 1

Verwandte Artikel

Video-Special - Portables Reise-Setup

Muss man als Keyboarder einen Kombi fahren? Muss man überhaupt Auto fahren um sein Equipment von A nach B zu bewegen? Xaver Fischer stellt sein ultrakompaktes Reise-Setup vor.

Die Geschichte der E-Piano Clones

Das Fender Rhodes und das Wurlitzer Piano sind elektromechanische Legenden. In unserem Feature zeigen wir, wie sich die digitalen Reproduktionen dieser Klassiker entwickelt haben.

User Kommentare