Keyboards
Feature
3
31.12.2020

Die Geschichte der elektronischen Musik #13

Die 1980er Jahre - Teil 1

Der Untergang des amerikanischen Empires

Die 1980er Jahre, waren sie nicht schön? Im Design dominieren überspitze Winkel in Türkis und Lila, in den Haaren blondierte Strähnen in der Föhnfrisur, Feuerzeugclips in den Lederjacken des inzwischen auch in Deutschland angekommen Punk und Aufstieg und Ausverkauf der Neuen Deutschen Welle. Und auch anderweitig hat sich musikalisch um die Jahrzehntewende einiges getan, dazu braucht man nur David Bowies „Heroes“ von 1977 und „Let’s Dance“ von 1983 miteinander vergleichen: Hier epische „analoge Wärme“, dort ein harter, trockener Sound mit wenig Hall, der prototypisch für Synthie-Pop steht. Wir ignorieren bei der Gelegenheit, dass in „Let’s Dance“ überhaupt kein Synthesizer vorkommt. Und damit sind wir beim Thema, denn waren die 1980er nicht das Jahrzehnt, in dem die analogen Synthesizer gefällt wurden? Ja und nein. Es war auf jeden Fall das Jahrzehnt, in dem die digitale Technik aufstieg und sich die Anzahl der analogen Bauteile in den Geräten erheblich ausdünnte. Aber analoge Klassiker gibt es trotzdem jede Menge, wie wir sehen werden.

Analog und Digital

Aber was ist überhaupt analog und digital und hat das überhaupt eine Bedeutung? Zumindest hatte es eine, denn die digitale Revolution, von der wir in der nächsten Folge sprechen werden, hat nicht nur die Synthesizer-Industrie umgekrempelt, sondern auch die ganze Art, wie wir Musik herstellen, verbreiten und hören. Insofern können wir das nicht links liegen lassen und müssen deshalb auch kurz erklären, wie wir unterscheiden. Und wir einigen uns auf das Minimum, nämlich auf die Oszillatoren, wohlwissend, dass Filter, Verstärker, Hüllkurven, Keyboards und einfach alles andere einen genauso großen Einfluss haben. Aber am direktesten hörbar ist es eben doch bei den Oszillatoren, erst recht, wenn man zwei davon nimmt: Die Schwebungen der analogen Oszillatoren dank schwankender Tonhöhe vermitteln, genau, den Eindruck des Schwebens.

Bei digitalen Oszillatoren schwebt nichts. Der Ton steht und wenn man einen zweiten Oszillator dazu schaltet, wird er halt ein bisschen lauter, aber das war es. Allerdings wird es jetzt kompliziert, denn das schafft man auch mit digital kontrollierten analogen Oszillatoren den DCOs. Ist ein analoger Oszillator digital, wenn auch nur ein Baustein digital ist oder kommt es darauf an, welcher Bauteil es ist und wo er in der Signalkette sitzt, am Anfang oder am Ende oder in der Mitte? Und was machen wir, wenn ein digitaler Oszillator einen analogen Oszillator frequenzmoduliert, ist das Ergebnis dann digital oder analog? Was machen wir, wenn ein kontinuierlicher analoger Oszillator von einem digitalen Encoder gesteuert wird und von quasi unendlich möglichen Tonhöhen nur noch 128 übrig bleiben?

Wenn man es von der praktischen Seite der Technik betrachtet sind analog und digital Scheingegensätze, denn verwendet wird, was günstig ist und passt, und so werden digitale und analoge Bauteile gemixt und übereinandergeschichtet, dass es nur so eine Freude ist. Es ist wie bei so vielen Dingen im Leben: Es gibt keine strenge Dualität, sondern es ist ein Spektrum und jede Grenzziehung willkürlich. Und so sagen wir denn mit souveräner Willkür: Ein Synthesizer ist dann analog, wenn die Oszillatoren analog sind, egal ob sie analog oder digital gesteuert oder kontrolliert werden. Und nachdem wir das geklärt haben, ziehen wir milde lächelnd ob der vielen Diskussion um analog und digital weiter.

Technische Voraussetzungen I: Der Transistor

Weniger milde gelächelt wurde allerdings bei den US-amerikanischen Synthesizer-Herstellern aus unserer letzten Folge, von denen kein einziger das Ende der 1980er Jahre erlebte. Technisch gesehen war der analoge Synthesizer am Ende der 1970er schon mehr oder weniger ausgereift, allerdings nicht ohne Zuhilfenahme digitaler Techniken wie dem digital gescannten Keyboard und der Speicherbarkeit, die von Speicherkarten wie bei Yamahas CS-80 einmal abgesehen immer digital verwirklicht wurde. Die große Neuerung lag aber vor allem in der Miniaturisierung der Technik durch integrierte Schaltkreise, den ICs, die wiederum erst durch die MOSFET Revolution ermöglicht wurden.

Ah ja, die MOSFET Revolution, sie ist in aller Munde. Oder etwa nicht? Noch nie gehört? Macht nichts, einerseits. Andererseits reden wir hier von der Geburt der modernen Elektronik und somit auch von unseren Lieblingsinstrumenten, also vielleicht doch interessant. Wenn wir uns zurückerinnern, was hat der junge Bob Moog in seine Theremine eingebaut? Genau, die neue Technik der Transistoren, die damals die alte Röhrentechnik ersetzt hat. Aber was ist ein Transistor? Ein Transistor kann elektrische Ströme steuern, wobei die Steuerung selber auch elektrisch funktioniert. Wir können uns das als Stromkabel mit einem Ein-/Ausschalter oder auch einem Dimmer vorstellen, nur dass der Ein-/Ausschalter oder der Dimmer nicht von Hand, sondern elektrisch gesteuert werden. Wenn der Ein-/Ausschalter jetzt auch von einem Transistor gesteuert wird, der auch wieder von einem Transistor gesteuert wird, der auch wieder von einem Transistor gesteuert wird, kann man logische Gatter aufbauen und diese wiederum sind die Grundlage für unsere Computer. 

So sieht ein einzelner Transistor aus:

Wer selber lötet ist mit solchen einzelnen Transistoren vertraut und vielleicht hat ja auch der eine oder die andere von gematchten Transistoren gehört. Denn trotz industrieller Fertigung gibt es Fertigungstoleranzen. Und wenn es bei einer Schaltung wie dem Moogschen Ladderfilter darauf ankommt, dass die Transistoren möglichst genau zueinander passen, dann sollten sie auch heute noch von Hand ausgemessen und in Pärchen sortiert werden. Dieses matchen von Bauteilen ist mühselig und arbeitsintensiv, kostensparender ist also, es nicht zu machen.

Technische Voraussetzungen II: Der MOSFET

Der Transistor ist an sich ist eine revolutionäre Erfindung. Aber für ein „Elektronenhirn“ braucht man ziemlich viele davon, für ein größeres Logikgatter mit 9.999 Schaltungen satte 20.000 Stück. Es musste also irgendwie ein Weg gefunden werden, die Dinger möglichst klein und in möglichst großer Stückzahl zu bauen. Bautechnisch lässt sich das mit einer bestimmten Sorte Transistor, dem Feldeffekttransistor (FET) realisieren. Und hier ist die große Entdeckung der Herstellungsprozess, wenn der FET nämlich als metal-oxid-semiconductor field-effect transistor verbaut wird, kurz als MOSFET. Es spielen also zwei Dinge zusammen, der Transistor selber aber eben auch die bestimmte Herstellung, die es eben überhaupt ermöglicht, so viele davon auf einer kleinen Fläche unterzubringen. Und so entstanden wurden die integrierten Schaltkreise, die integrated circuits (IC), Anfang der 1970er Jahre passten Zehntausende Transistoren auf sein einen Chip, 1986 eine Million, eine Billion in 2005 und so geht es weiter. Der Begriff MOSFET Revolution ist also nicht übertrieben, denn auf MOSFETs beruht quasi sämtliche Technik, die wir heute so selbstverständlich nutzen. 13 Trilliarden (das ist eine 13 mit 21 Nullen dahinter) sollen davon von 1974 bis 2018 produziert worden sein – ein Vielfaches der Anzahl der Sterne in der Milchstraße.

Wichtig zu wissen und oft ein Missverständnis: Ein IC kann digital sein, er kann aber genauso gut ein analoger Schaltkreis sein. In einem IC können auch unterschiedliche Bauteile verbaut sein, also zum Beispiel Widerstände, Kondensatoren und Transistoren. Sie wurden lediglich miniaturisiert und bilden jetzt gemeinsam ein übergeordnetes Bauteil, den integrierten Chip. Und wer jetzt besorgt fragt, wie da denn noch gematcht werden soll, kann beruhigt aufatmen: Weil alle Bauteile in den gleichen Wafer eingelasert werden, gibt es quasi keine Toleranzen mehr. Die Entwicklung von ICs oder Chips ist natürlich keine triviale Angelegenheit und nur wenige Firmen wie Yamaha konnten es sich leisten, eigene Chips in Auftrag zu geben. Die kleineren Firmen kauften ihre Chips bei zwei Firmen ein, der 1974 gegründeten Firma SSM und der 1979 von Doug Curtis gegründeten Curtis Electromusic Specialties. Diese Chips wurden übrigens nicht von den Käufern designt, sondern in Falle von Curtis Chips von Doug Curtis selber. Und manche dieser Designs, zum Beispiel der Oszillator des CEM3340, sind fantastisch und Doug Curtis steht in gleicher Reihe wie Moog, Oberheim, Smith oder Kakehashi.

Sowohl SSM als auch Curtis haben hervorragende und weniger hervorragende Chips gebaut, wobei man aber auch immer bedenken muss, dass es genauso wichtig ist, wie die Chips eingebaut werden. Wir erinnern dabei noch einmal an den Prophet-5 von Sequential Circuits, der in seinen verschiedenen Revisionen mit unterschiedlichen Chips gebaut wurde, die sich auch durchaus anders anhören, aber letztlich alle einen „Prophet-5“ Charakter haben. Der CEM3340 Chip wurden in so viele Synthesizer eingebaut, dass man allein mit dem Wissen, welcher Chip wo eingebaut wurde, nicht den Sound eines Synthesizers herleiten kann. Gleichzeitig gilt aber auch: Wenn ein Chip mit einer lahmen Hüllkurve eingebaut wird, werden die auch durch geschicktes Verbauen nicht schneller. Eine Liste der verbauten CEM und SSM Chips gibt es unter diesem Link. So ziemlich jede Firma hat Chips von SSM und Curtis verwendet, sei es Moog, Korg, Roland, Doepfer, Korg, Sequential Circuits oder Oberheim. SSM und Curtis belieferten den Markt gut 15 Jahre von Mitte der 1970er Jahre bis zum Ende der 1980er. Wenn wir also von analogen Synthesizern sprechen, dann reden wir entweder oder von Chips der Firmen SSM und Curtis.

ARP & Moog

Bei aller Unterschiedlichkeit der Firmen Moog, ARP, Oberheim und Sequential Circuits gibt es doch auch große Gemeinsamkeiten. Keiner der Firmenchefs hatte eine kaufmännische Ausbildung und nur Alan Pearlman hatte schon vor ARP Erfolg als Geschäftsmann. Das erwies sich als große Schwierigkeit, zumal der Synthesizermarkt ja auch erst einmal entwickelt werden musste. Wenn dann eine Neuentwicklung ein Flop war, lag sofort die ganze Firma auf dem Rücken. Technisch unzuverlässige Geräte waren dabei ein genau so großes Problem, denn wer ein Gerät repariert, kann nicht gleichzeitig eines bauen und verliert so doppelt so viel Geld. Die ersten, die es erwischt hat, war ARP, bei denen schon 1981 das Licht ausging. Hier war es wohl vor allem der ARP Avatar, ein an den Odyssey angelehnter Gitarrensynthesizer, der in den Regalen liegen blieb wie Blei und ARP in den Untergang führte.

Bob Moog selber war ein notorisch schlechter Geschäftsmann, der mehr als einmal pleite ging. Das lag auch daran, dass er nur seinen Filter patentierte und nicht seine anderen Erfindungen wie das Pitch Wheel oder das Keyboard mit Kontrollspannung. Bemerkenswerte Produkte der Firma Moog waren in den 1980ern die Liberation genannte Keytar (1980), der bunte Source (1981) und der Memorymoog (1982). Aber Moog war 1982 schon am Ende und der Memorymoog wurde eigentlich nie ganz fertiggestellt. Und weil die Firma mit Musikinstrumenten allein nicht mehr genug Geld generieren konnte, verlegte man sich auf Klimaanlagen und Sicherheitssysteme für U-Bahnen.

Sequential Circuits

Dave Smiths Sequential Circuits war Mitte der 1980er Jahre der größte amerikanische Hersteller von Synthesizern. Nach dem Riesenerfolg mit dem Prophet-5 erschien 1980 der riesige Prophet-10, der schlicht aus zwei zusammengelegten Prophet-5 bestand. 1981 dann das genaue Gegenteil mit dem Pro-One, dessen Aufbau genau einer Stimme des Prophet-5 entspricht. Man musste schon befürchten, dass Dave Smith die Ideen ausgehen, glücklicherweise stand der Mann aber erst am Anfang seiner Karriere. Der Pro-One war natürlich der Versuch, im unteren und mittleren Preissegment Fuß zu fassen und in die gleiche Kerbe schlug der sechsstimmige Prophet 600 im Jahr 1982, der relativ preisgünstig durch den Einsatz nicht ganz so toller, dafür aber günstiger früher Digitaltechnik war.

Das merkt man am ehesten an der lahmen Reaktion der Regler und den langsamen Hüllkurven, und es war beileibe nicht nur ein Problem des Prophet 600. Sowohl Prophet 600 als auch der achtstimmige Prophet T8 von 1983 waren keine Verkaufserfolge. Allerdings war 1983 auch ein ganz schlechtes Jahr für so ein Gerät wie den T8 denn Yamahas neuer DX7 wischte achtstimmige Analogsaurier mit einem leichten Pusten in den Blaswandler vom Tisch. Aber nicht nur das: Zwischen 1980 und 1983 kamen mindestens acht achtstimmige analoge Synths mit zwei VCOs pro Stimme auf den Markt. Die waren allesamt sehr teuer und wer sollte die denn alle kaufen?

Infobox:

8-stimmige analoge Synthesizer mit 2 VCOs [1980 - 1983]

Was also tun? SCI, wie sich Sequential Circuits auch nannte, versuchte es kostengünstig mit dem SixTrak, der technisch viel lieferte: Einen Sequenzer mit sechs Tracks und dazu sechs Oszillatoren, die sechsfach multitimbral auf eben diesem aufnehmen konnten. Dennoch war der Six-Trak günstig und das hatte seinen Preis: Jede Stimme nur ein Oszillator, kein Aftertouch, noch nicht einmal Anschlagdynamik. Aber das war nicht alles, Sequential Circuits probierte es auch mit einer ganz neuen Verkaufsstrategie und bot den Six-Trak zum Beispiel auch in Supermärkten an. Leider wurde dort wenig später auch der billigere Casio CZ-101 angeboten und Sequential verlor das Rennen. Aber Dave Smith hatte noch einen letzten Trumpf im Ärmel und setzte auf das private Heimstudio mit Heimcomputern. Aber wie es das Pech so will, auch dieser Markt geriet kurz danach in eine kleine Krise. Das waren dann schon ziemlich viele Rückschläge für den Riesen, der sich mit einer ganzen Reihe neuer und preisgünstiger Geräte noch einmal aufbäumte. Darunter waren heute eher unbekanntere Geräte wie der Max oder der Split-8, digitale Sampler, wie der Prophet 2000 und 3000 und Drummachines wie die Drum Traks oder TOM. Revolutionär war das alles nicht, denn die Plätze zum Beispiel bei den Samplern waren schon von Firmen wie Akai, e-Mu oder Ensoniq besetzt.

In 1987 erschien dann der achtstimmige Prophet VS, nach dem Prophet 2000 der erste digitale Synth von Sequential Circuits – und auch ihr letzter. Bestückt mit vier Oszillatoren mit je 128 (digitalen) Single-Cycle Wellenformen konnte mit einem Joystick der Lautstärkeanteil jedes Oszillators am Gesamtklang bestimmt werden. Das wurde Vektor Synthese genannt und dafür steht das VS im Namen. Tatsächlich handelt es sich bei der Vektor Synthese aber nicht um eine originäre Syntheseform, sondern eher darum, dass der Mixer in Form eines Joysticks verbaut wurde. Das ist fraglos eine clevere Idee und wenn man dann noch bedenkt, dass die Bewegungen des Joysticks aufgezeichnet und zwei komplette Klänge übereinandergelegt werden können, kann man erahnen, was sich da für Klanglandschaften aufmachen können – 1987 war das revolutionär, 1988 röchelte dann aber auch schon Korgs M1 und zeigte nochmal ganz andere Klangwelten auf. Es waren also der Tiefschläge zu viele und Sequential Circuits war nach gerade einmal gut zehn Jahren schon wieder Geschichte. Aber Dave Smith war noch lange nicht fertig. Nach dem Ende von Sequential arbeitete er für Yamaha und Korg und war auch federführend an der Entwicklung von Computeraudio und Softwaresynthesizern beteiligt. Und 15 Jahre später stand er dann schon wieder in den Startlöchern, aber das ist eine andere Geschichte.

Oberheim

Und damit sind wir bei Oberheim Electronics, die sinnbildlich für den analogen Synthesizer in den 1980er Jahren stehen können. Gehen wir die Reihe der großen Synthesizer einmal durch: 1979 der achtstimmige OB-X, 1980 der achtstimmige OB-Xa, 1982 der achtstimmige OB-8. 1985 dann der Matrix 12 mit, diesemal mit zwölf Stimmen. Technisch sind sich alle ähnlich, aber die Feinheiten liegen im Detail. So wurden bis 1979 noch die eigenen Filter aus dem SEM verbaut, ab 1980 benutzte dann aber auch Oberheim die gleichen SEM Chips wie alle anderen auch. Im Matrix 12 wurden die Modulationsmöglichkeiten für die damalige Zeit extrem wie ausgebaut und so kann man den Matrix 12 als Höhe- und Endpunkt des analogen Synthesizerbaus von 1971 bis 1985 betrachten: Aus dem monophonen Minimoog mit wenigen Modulationsmöglichkeiten wurde quasi ein 12-stimmiges Modularsystem. Klanglich werden die Oberheimer aber so beschrieben, als ob es seit dem OB-X eine stetige Abwärtskurve gab.

Es ist nicht ganz klar, ob das am Übergang von diskreter Bauweise hin zu integrierten Chips liegt oder einfach an verbesserten und damit stimmstabileren Oszillatoren – der überzeugende Nachbau des Minimoog durch Behringer spricht allerdings dafür, dass man diskrete Schaltungen durchaus in ICs packen kann, Unterschiede, so es denn welche gibt, hören da nur wenige. Für die damaligen Musiker und Musikerinnen war die Stimmstabilität aber wichtiger, das Gerät musste ja auf der Bühne seinen Dienst tun. In der Rückschau und für den Hobbyisten ist dagegen das Spiel der Schwebungen der ungebändigteren Oszillatoren vielleicht ein größerer klanglicher Genuss. Der Vergleich mit Motorrädern von Harley Davidson liegt nah: Sie sehen toll aus, sie sind teuer und sie klingen toll und nur eine Harley ist eine Harley. Technisch gesehen werden sie im Rückspiegel einer Yamaha allerdings immer nur kleiner und nie größer.

Erreicht wurde der breite Sound von Oberheim unter anderem durch den cleveren Trick, dass die einzelnen Stimmen im Panorama verteilt werden konnten. Auf eine andere Stereosimulation werden wir im nächsten Teil noch in einem ganz anderen Zusammenhang noch zu sprechen kommen. Angesichts der wirklich hohen Preise, die für die Oberheim Synthesizer aufgerufen wurden, muss man aber doch auf zwei Mankos zu sprechen kommen: Zum einen sind die Hüllkurven auf den CEM Chips etwas träge. Zum anderen sorgt die Speicherbarkeit dafür, dass die Potentiometer durch digitale Encoder ausgetauscht wurden und diese hatten in den 1980er Jahren einfach noch eine schlechte Auflösung. Und klar ist auch, dass analoge Wellenformen den klanglichen Horizont jedes Geräts beschränken und in den 1980er und 90er Jahren wollten erstmal die weiteren digitalen Klangwelten erschlossen werden. Das erschien nicht nur interessanter, es war auch sehr viel günstiger. 1985 musste Tom Oberheim seine Firma also verkaufen, allerdings fand sich ein Käufer in seinem eigenen Anwalt und er blieb noch der kreative Chef. 

Geld musste verdient werden und der Matrix 12 wurde abgespeckt und aus den VCOs wurden DCOs und fertig war der Matrix 6. 1987 wurde mit dem nur noch über MIDI programmierbaren Matrix 1000 noch ein weiteres Mal abgespeckt, aber damit war dann auch abgefrühstückt. Tom Oberheim gründete eine weitere Firma namens Marion Systems, arbeitete aber vor allem als Berater für Roland und Akai. Und er wurde Mitglied der „Dead Presidents Society“, einer Gruppe hervorragender Persönlichkeiten der elektronischen Instrumentenbaukunst. Außer Oberheim sind mit dabei Don Buchla, der Erfinder der FM Synthese John Chowning, Ingrid und Roger Linn, Max Mathews, der uns schon früher begegnet ist, der hervorragende Erfinder Keith McMillen, David Wessel von Berkeleys elektronischen Studio CNMAT und ein gewisser Dave Smith ist auch dabei. Seinen Namen bekam die Society, weil so viele ihrer Mitglieder einmal Vorsitzende von inzwischen pleite gegangenen Firmen waren. Weil jetzt aber viele wieder in ihren Chefsesseln sitzen nennen sie sich heute einfach nur noch „Breakfast Club“. Wenn man da einmal Mäuschen spielen könnte.

Verwandte Artikel

User Kommentare