Die Eltern meiner besseren Hälfte hatten vor kurzem zwei Karten für die „Night Of The Proms“ in der Münchner Olympiahalle, konnten den Termin aber nicht wahrnehmen. So kamen wir in den Genuss dieses nahezu dreistündigen Events, dessen krönender Abschluss der Auftritt des legendären Alice Cooper war. Tatsächlich hatte ich bisher wenig Berührungspunkte mit Herrn Cooper – von den bekannten Hits mal abgesehen – aber nach den vier Songs an diesem Abend war ich Fan! Was der 77-jährige an Charisma, Energie und Authentizität auf die Bühne bringt, ist einfach beeindruckend! Sein erster Song war der Megahit „Poison“, und schon beim Intro hielt es in der komplett bestuhlten Olympiahalle niemand mehr auf seinen Sitz. Wenn man „Poison“ analysiert, erkennt man, welch fantasievolle und geniale Komposition der Song ist, zu der Session-Player Hugh McDonald (Bon Jovi u. a.) eine hochinteressante Bassline beigesteuert hat.

„Poison“ – Video
Hier wie immer zunächst das offizielle Video zum Song:
„Poison“ – Rhythmik
Im Großen und Ganzen haben wir es hier mit Achtelrock in einem moderaten Tempo zu tun – so weit also nichts wirklich Besonderes. Interessant dabei ist jedoch, wie geschickt Hugh McDonald den Song dynamisch aufbaut: Im Vers beschränkt er sich noch auf ganze Noten.
Akzente auf der Zählzeit 1 und 2+ und gelegentliche Überleitungen im Pre-Chorus drücken etwas mehr aufs Gaspedal und verdichten das Arrangement. Erst im Chorus steigt Hugh dann endgültig auf Achtel um und zieht, wie bereits im Pre-Chorus, die Zählzeit 3 auf die 2+ vor, was eine Art „Beschleunigungseffekt“ mit sich bringt.
Auf diese Weise besitzt jeder Teil des Songs sein eigenes dynamisches Level. Hugh steigert die Spannung kontinuierlich vom Vers über den Pre-Chorus bis hin zum Chorus. Klasse, so geht songdienliches Bassspiel!
„Poison“ – Tonmaterial
Holla, die Waldfee, das hätte ich nicht erwartet: Grundsätzlich steht „Poison“ in der Tonart D-Moll, doch dabei bleibt es nicht. Bereits im Vers wechselt der Song nach vier Takten zur Tonart G-Moll. Im Pre-Chorus wird es noch doller: Alle zwei Takte geht es erst von G-Moll nach C-Moll, dann nach A-Moll und schließlich zurück zu D-Moll, wo der Song auch den gesamten Chorus über verweilt.
Als Genie hinter diesem (vermeintlichen) Chaos ist Komponist Desmond Child zu nennen. Der preisgekrönte Songwriter und Produzent schrieb und produzierte unzählige Welthits für Superstars wie Kiss („I Was Made For Loving You“), Bon Jovi („Livin’ on a Prayer“), Aerosmith („Dude (Looks Like a Lady)“) oder Ricky Martin („Livin’ la Vida Loca“) und wurde 2008 in die „Songwriters Hall of Fame“ aufgenommen. Wer noch weiter in die Musiktheorie hinter „Poison“ eintauchen möchte, der sei z. B. auf die brillante Melodieführung hingewiesen, die zu behandeln leider den Rahmen dieses (Bass-)Workshops sprengen würde.
Wie bereits beim Punkt „Rhythmik“ gestaltet Hugh McDonald den Song sehr gekonnt bzgl. der Wahl seines Tonmaterials. Im Vers haben wir es ausschließlich mit den Grundtönen des jeweiligen Akkordes zu tun. Kleinere Überleitung mit diatonischen (zur Tonleiter gehörenden) Tönen lockern den Pre-Chorus etwas auf. Eine melodische Bassline aus Tonleiter, Akkordtönen und Chromatik prägt schließlich den Chorus. Auch mit dem geschickten Einsatz des Tonmaterials baut Hugh den Track dynamisch beispielhaft auf.

„Poison“ – Basssound
Definitiv haben wir es hier mit einem 5-Saiter zu tun, denn die Bassline reicht bis zum tiefen C hinunter. Ich tippe mal auf eine aktives Modell, wie einen Sadowsky, Spector oder Lakland-Bass. Wirklich viele ernstzunehmende Optionen gab es im Jahr 1989 noch nicht.
Der Basssound von „Poison“ ist relativ clean, jedoch sehr punchy und besitzt drückende Tiefmitten. Ich kann mir hier gut einen Mix aus einem D.I.- und einem Amp-Signal vorstellen, Hugh McDonald könnte aber genauso gut lediglich über einen hochwertigen Preamp direkt ins Pult gespielt haben.
Vom dem Charakter des Attacks würde ich darauf schließen, dass Hugh mit den Fingern gespielt hat. Ich habe für mein Soundfile drei verschiedene aktive 5-Saiter (Spector, Lakland und Fender) ausprobiert und konnte mit allen ein gutes Ergebnis erzielen.
„Poison“ – Transkription
So, dann mal ran an den Speck: Ich habe euch mit dem Vers, dem Pre-Chorus sowie dem Chorus die wichtigsten Teile des Songs aufgenommen:
Viel Spaß mit „Poison“ und bis zum nächsten Mal, euer Thomas Meinlschmidt


























