Im Juni 2026 erschien der sehenswerte Dokumentarfilm „Earth, Wind & Fire (To Be Celestial vs. That’s the Weight of the World)“ über die legendäre Funk-, Soul- und R&B-Band. Dies möchten wir zum Anlass genommen, deren Song „Shining Star“ einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Track eröffnete 1975 das Album „That’s The Way Of The World“. Bassist Verdine White zeigt hier seine ganze Klasse: Die Bassline zu „Shining Star“ ist extrem luftig und lässt den Gesang und anderen Instrumenten viel Platz. Was Verdine spielt, ist jedoch gleichzeitig derart prägnant, dass man trotz der zahlreichen Pausen das Gefühl hat, er drücke dem Song massiv seinen eigenen Stempel auf. Dazu gehören kleine melodische Einlagen, Registerwechsel, Dezimen – und noch so einiges mehr.

„Shining Star“ – Video
Hier leuchtet der Stern für uns in Ton und Bild:
Wie ist „Shining Star“ rhythmisch gestaltet?
Bei einem Tempo von 102 bpm geht es tatsächlich tempomäßig noch halbwegs entspannt zu. Der Song startet mit einem Unisono-Lauf, welcher hauptsächlich aus Achtelnoten besteht. Im Vers folgt dann der Main Groove, in welchem die schweren Zählzeit 1 und 3 als Akzente im Vordergrund stehen.
Hier spielt Verdine legato Viertelnoten, welche er exakt bis zum Backbeat (also der 2 und der 4) aushält. Die dritte Zählzeit wird zusätzlich mit einer Sechzehntelnote vorbereitet. Als kleines Schmankerl streut Verdine auf Zählzeit 4e (zweites Sechzehntel nach der 4) immer wieder eine punktierte Achtel ein, welche wieder zur nächsten 1 führt. In jedem vierten Takt kommt noch ein Fill hinzu, das komplett aus Sechzehntel besteht und auf der Zählzeit 3 startet.
Im Chorus ändern sich dann die Spielregeln: Die langen und schweren Zählzeiten 1 und 3 werden gegen kurze Viertel oder Achtel getauscht. Zudem haben wir nunmehr auf jede 1 oder 3 eine Sechzehntel als Auftakt. Dies erzeugt im Vergleich zum Vers ein komplett anderes Feeling und einen spannenden Kontrast. Fehlt noch die Bridge, welche erst mit jeweils zwei Achteln auf der 1 und 3 loslegt, um dann ihre Schwerpunkte auf die 1, die 1e + e (vierte Sechzehntel der 1) und die 2+ zu verlagern.
Welches Tonmaterial beinhaltet die Bassline zu „Shining Star“?
Wie bei vielen Funksongs gibt es auch hier eine bunte Mischung aus der normalen Dur-Tonleiter, der mixolydischen Tonleiter (mit kleiner Septime), der Dur-Pentatonik und der Blues-Pentatonik. So verhält es sich auch bei „Shining Star“ – hier in der Tonart E. Der Mix aus diesen genannten Komponenten ergibt dann die typisch bluesig-dreckige und funky Färbung.
Im Intro zum Beispiel haben wir es mit der Dur-Pentatonik plus der kleinen Septime aus der mixolydischen Tonleiter zu tun. Der Vers mischt dann die Dur-Tonleiter mit der Blues-Pentatonik. Diese dominiert auch die Bridge zusammen mit Elementen aus der Dur- und mixolydischen Tonleiter.
War der Chorus rhythmisch bereits ein Kontrast, so ist er dies auch harmonisch. Der Song transponiert in die Tonart A-Dur, holt sich aber immer wieder sogenannte Leihakkorde aus A-Moll. Die erste (A-Dur) und vierte (D-Dur) Stufe stammen aus A-Dur. Die siebte (G-Dur) und dritte (C-Dur) Stufe aus A-Moll. Sämtliche Akkorde (außer A) stellt Verdine mit Dezimen dar, also dem Grundton und der oktavierten Terz. Dieses Intervall hat vor allem am Bass einen ganz besonderen Sound.

Wie kommt der Basssound von „Shining Star“ zustande?
Heute kennt man Verdine White eigentlich ausschließlich mit seinem weißem Sadowsky Signature Bass, welcher eine PJ-Tonabnehmer-Konfiguration besitzt. In den 70er-Jahren wurde Verdine hingegen häufig mit einem Fender Precision Bass oder einem ebenfalls weißem Fender Jazz Bass gesehen.
Dieser besaß das typische 70er-Spacing der Pickups, bei dem der Stegtonabnehmer weiter nach hinten Richtung Brücke rutschte. Ob dieses Instrument auch bei den Aufnahmen zu „Shining Star“ tatsächlich zum Einsatz kam, vermag ich nicht zu sagen. Dem Sound nach könnte es aber durchaus sein, dieser trägt schon viele Merkmale eines typischen Fender Jazz-Basses aus den 1970ern, der etwas weniger Low End besitzt, dafür aber prägnantere Tief- und Hochmitten.
Zudem haben wir es mit relativ wenig Höhen und einiger Kompression zu tun, was auf einen Verstärker mitsamt Box schließen lässt. Aber auch eine Aufnahme direkt ins Pult mit entsprechender Bearbeitung wäre denkbar. Ich würde aber auf Ersteres tippen.
„Shining Star“ – Transkription
Hier findet ihr die Noten, TAB und die von mir eingespielten Soundbeispiele.
Viel Spaß und bis zum nächsten Mal, euer Thomas Meinlschmidt


