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15.11.2017

Play-Alike Bernard Edwards – Bass-Workshop (Teil 2)

Bassspielen wie Bernard Edwards von Chic

Grooven wie die Stars!

Willkommen zurück auf der Tanzfläche! Im ersten Teil des Workshops über Bernard Edwards, dem unbestritten König aller Disco-Basslines, haben wir uns ausführlich mit Transkriptionen seiner stilprägenden Grooves beschäftigt. Das Nachspielen von Songs wie "Good Times", "We Are Family" etc. macht natürlich großen Spaß und ist zweifelsfrei ein wichtiger Bestandteil des Lernprozesses. Die größte Herausforderung aber ist natürlich, eigene Basslines entwickeln zu können. Das gilt natürlich für jede Stilistik - nicht nur Disco-Funk. Selbst kreativ zu werden ist schließlich das, worum es in der Musik oder Kunst im Allgemeinen geht! Dieser Prozess ist noch deutlich herausfordernder als das bloße Kopieren, wird aber auch für gewöhnlich mit einem Vielfachen mehr an Spaß belohnt. Daher soll es in diesem zweiten Teil meines Workshops darum gehen, eigene Disco-Basslinien im Stile von Bernard Edwards mit den für ihn so typischen Stilmitteln zu entwickeln.

Der Disco-Groove

Disco Music war zu ihrer Hochphase bei vielen Musikern als überaus belanglose Mucke verpönt und quasi der "Antichrist" zu gesellschaftskritischem wütenden Rock oder Soul mit revolutionärem Gedankengut. Da ist ohne Frage viel Wahres dran, die Lyrics der meisten Disco-Songs werden eindeutig durch triviale Herzschmerz-Themen dominiert. Heutzutage hat sich allerdings das Blatt in gewisser Weise gewandelt und man ist sich auch endlich der Bedeutung und dem musikalischen Vermächtnis dieser Epoche bewusst: großartige Musik mit vielschichtigen Arrangements und - vor allem für uns Bassisten/innen - ein wahres Füllhorn an einmalig tollen Grooves!

Um zu verstehen, warum Disco-Grooves für Bassisten/innen so interessant und lehrreich sind, schauen wir uns noch einmal deren Aufbau an. Eine ausführliche Erläuterung findest du ja bereits in Teil 1 dieses Workshops. In der Disco wird getanzt - so viel ist schon mal klar! Um sicherzustellen, dass dies auch jeder tun kann, selbst wenn ihm im Grunde jegliches Rhythmusgefühl abgeht, spielen die Drums einen sehr einfachen Beat, bei dem die Bassdrum meist alle Viertel featured. Dieser strenge Viertelpuls ohne Synkopen macht es auch den miesesten Tänzern sehr einfach, sich im Takt zu bewegen. Für Variationen sorgt hingegen fast ausschließlich die Hi-Hat des Drummers.

Hier sind zwei typische Drum-Grooves mit unterschiedlichen Hi-Hat-Figuren:

Dieser strenge Drum-Groove alleine ist bereits so dominant, dass er uns Bassisten/innen von gewissen Pflichten entbindet und uns deutlich mehr Freiheiten eröffnet. Wir werden sozusagen rhythmisch wie melodisch "von der Leine gelassen" - deshalb konnten in dieser Zeit auch derart viele prägnante Basslines entstehen!

Stil-Analyse

Sicherlich ist die beste Art kreativ zu sein, intuitiv und "ohne Kopf" zu Werke zu gehen. Musik am Reißbrett führt selten zu einem guten Ergebnis. Hast du hingegen schon zehn Disco-Songs gecovert, so wirst du sicher auch eher spontan Ideen für eigene Basslines aus diesem Genre haben, da du bereits relativ viel "Wortschatz" bzw. "Vokabular" aufgesogen hast.

Mitunter kommt man jedoch an den Punkt, an dem man feststeckt, nicht zufrieden mit den eigenen Ideen ist oder die Anwendung auf die eigenen Songs schwerfällt. In solchen Situationen ist es gut, etwas rationaler an die Sache heranzugehen und zu analysieren, was Bernard Edwards Basslines so großartig macht und ob es eventuell wiederkehrende Muster gibt, die wir in unser Spiel übernehmen können. Darauf sind wir schon punktuell im ersten Teil des Workshops eingegangen - jetzt wollen wir noch einmal alles zusammenfassen!

1. Bernards Grooves basieren auf zwei- oder vier taktigen Patterns, je nach Länge der Akkordfolge. Dabei entwickelt er oft eine Art "Frage-Antwort-Spiel". Das Motiv im ersten Takt ist die Frage, das Motiv in Takt 2 bildet die Antwort. Man könnte auch A/B-Form dazu sagen. Unterschiede zwischen den beiden Takten erzielt er durch tonale und/oder rhythmische Änderungen.

2. Diese zwei- oder viertaktigen Patterns wiederholt Bernard nahezu ohne Variationen. Das Ergebnis ist eine fast loopartige, geradezu hypnotische Wirkung, die wiederum die Tanzbarkeit unterstützt.

3. Fast immer spielt Bernard eine bestimmte Anzahl an Vierteln mit der Bassdrum, um diese dann den Rest des Taktes oder aber im zweiten Takt des Patterns zu umspielen. Diese Vorgehensweise löst die Strenge des Drum-Grooves geschickt auf und sorgt für die nötige Portion Funk.

4. Unser Job als Bassist/in ist es auch, die Form zu strukturieren. Dies kann auf mehrere Arten passieren - Fills sind z.B. eine davon. Bernard Edwards macht dies allerdings auf die uneigennützigste und musikalischste Art, denn er verlässt zu keinem Zeitpunkt den Groove und variiert nur ein oder zwei Noten, diese nicht selten auch nur rhythmisch. Das reicht jedoch bereits aus, um für Klarheit in der Form zu sorgen. Edwards war ein Meister des Minimalismus und stellte sein Ego stets zugunsten des Songs zurück.

5. Wenn man ein Beispiel für die Relevanz und Wirkung von verschiedenen Tonlängen sucht, dann sind Bernards Basslinen das Standardwerk. Der bewusste Einsatz und die Mischung von Staccato und Legato sorgt zum einen für entsprechend knackiges Funk-Feeling, aber eben auch für smoothe Überleitungen.

6. Bernard war ein gut ausgebildeter Musiker und kannte sich bestens mit Tonleitern und Arpeggios aus. Er nutzte hauptsächlich diese als Grundlage für seine melodischen Basslines. Sein Spiel wirkt dadurch irgendwie "kultivierter", da es sich oftmals deutlich vom gewohnten Sound der in Rock und Funk sehr häufig verwendeten Moll-Pentatonik unterscheidet.

7. Leersaiten waren Bernards bester Freund! Zum einen bieten sie sich an, da viele Songs in den Tonarten E, A oder D geschrieben wurden (und werden!). Aber er nutzte die Open Strings auch geschickt als eine Art "perkussiven Effekt" für Auftakte zu einem Down- oder Backbeat. Das Besondere: Hier spielt nicht selten der eigentliche Ton der Leersaite eine eher untergeordnete Rolle!

8. Bei der Komposition der eigenen Basslines sollte man immer auch die anderen Instrumente und vor allem die Melodie des Stücks berücksichtigen. Sie ist ohnehin das Wichtigste und unsere Aufgabe als Bassisten ist es, sie zu unterstützen. Auch in dieser Disziplin war Bernard ein Meister und blieb immer in einer dienenden Funktion, ohne anderen auf die Füße zu treten.

9. Disco Music bewegt sich in der Regel in einem Tempo zwischen ca. 110 bis 130 bpm. Bei diesen Tempi und in diesem Stil wird alles trocken und tight auf den Punkt gespielt - nix mit laid back oder andere Faxen. Zieht man in Betracht, dass viele Stücke fast ohne Variationen über teilweise sieben bis acht Minuten Länge live eingespielt wurden, ist das präzise, schon fast computerartige Timing Bernards wirklich beeindruckend!

Das sind eine Menge Merkmale des Personalstils von Bernard Edwards. Sicherlich könnte man bei mikroskopischer Betrachtung noch mehr finden, doch uns sollten diese ausreichen, denn wir wollen ja schnellstmöglich zur Praxis übergehen.

Also auf ins kalte Wasser!

Dazu nehmen wir uns Akkordfolgen von bekannten Stücken als Grundlage. Das erste Beispiel basiert auf den Chords von Chics "I Want Your Love" (siehe erster Teil des Workshops). Hören wir und erst einmal das Playalong ohne Bass an:

Als nächstes bauen wir uns ein rudimentäres "Skelett" des Grooves, an dem wir nach und nach mehr "Fleisch" anbringen, bis wir zufrieden mit unserer Bassline sind. Ein einfaches melodisches Motiv sind z.B. die jeweiligen Arpeggios der zugrunde liegenden Akkorde (siehe Punkt 6). Diese sind:

  • Am, bestehend aus den Tönen A, C, E
  • Em, bestehend aus den Tönen E, G, B
  • F, bestehend aus den Tönen F, A, C
  • Dm, bestehend aus den Tönen D, F, A

Zunächst bilden wir mal unsere "Frage" im ersten Takt (siehe Punkt 1), und zwar ganz Disco-like mit der Bassdrum auf den Vierteln:

Damit es etwas funky wird, ziehen wir die "1" des zweiten Taktes um eine Sechzehntel vor. Das lockert das Ganze etwas auf (siehe Punkt 3).

Ein, zwei Oktaven kommen in Disco-Basslines als Farbtupfer immer gut. Auch der Auftakt zur Zählzeit "1" des ersten und dritten Takts mit der leeren E-Saite und einer Wechselnote ist typisch für Bernard (siehe Punkt 7).

Zuletzt füllen wir unsere "Antwort", also Takt zwei und vier, noch mit einer melodischen Idee, welche wiederum auf den jeweiligen Arpeggios beruht (siehe Punkt 6).

Wenn du dir die fertige Bassline anhörst, kannst du auch gut die Wechselwirkung zwischen langen und kurzen Tönen hören (siehe Punkt 5). Dieses Thema ist übrigens enorm wichtig für den Groove und wird gerne etwas vernachlässigt. Schritt für Schritt haben wir uns somit eine authentische Bassline erarbeitet, indem wir immer mal ein Auge auf die oben angeführten Punkte geworfen haben. Eigentlich ganz easy, oder?

Probieren wir doch gleich noch ein nächstes Beispiel!

Dieses basiert auf der Akkordfolge des Megahits "Good Times" - natürlich abermals aus der Feder von Bernard Edwards und Nile Rodgers. Hören wir zuerst wieder in das Playalong ohne Bass rein:

Beim vorangegangenen Beispiel haben wir Arpeggios als melodische Idee gewählt, deshalb halten wir uns diesmal zur Abwechslung an die zugrunde liegende Tonleiter (siehe Punkt 6). Das war auch Bernards häufige Wahl. In diesem Fall ist das E-Dorisch. Warum und weshalb dies so ist, interessiert uns heute mal nicht, das würde zu weit führen. Wichtig ist im Moment nur, welche Töne diese Tonleiter hat, nämlich E, Fis, G, A, B, Cis und D.

Auf geht's! Los geht es wieder mit einem simplen Gerüst in unseren "Frage"-Takten eins und drei. Hier reichen zwei Töne als Motiv aus. Diese spielen wir zunächst wieder mit der Bassdrum.

Die dorische Tonleiter eignet sich bestens, um vom einen zum anderen Akkord überzuleiten und die "Antwort" in Takt zwei und vier zu bilden (siehe Punkt 6).

Nun ziehen wir wieder eine Viertel vor, um etwas Funk in die Sache zu bringen (siehe Punkt 3).

Und wieder liefern ein paar Oktaven plus Leersaiten als perkussiver Auftakt den Rest, um eine absolut authentischen Disco-Bassline zu komplettieren (siehe Punkt 7).

Nicht zu vergessen der bewusste Einsatz von kurzen Tönen und langen Tönen (siehe Punkt 5). Hör dir dazu das Beispiel mehrmals aufmerksam an. Diese kleinen Details machen oft den Unterschied zwischen "ok" und "geil" aus!

Wie schon im ersten Beispiel sind wir mit einem ganz einfachen Motiv gestartet, das sicherlich jedem einfällt. Befolgt man dann einige Aspekte aus den angeführten Merkmalen, hat man jedoch im Nu eine absolut coole Bassline! So, nun seid ihr gefragt - komponiert doch einmal über eines der beiden Playalongs eure eigenen Basslines!

Dies war der zweite und abschließende Teil zu Bernard Edwards, einem der ganz großen Namen in der Geschichte des E-Basses. Ohne technische Kapriolen bemühen zu müssen, hat Edwards die Basswelt nachhaltig geprägt und uns trotz seines viel zu frühen Todes eine Unmenge an großartigen Songs, Grooves und Basslines hinterlassen, von denen noch viele Generation an Bassisten/innen lernen können. Da bleibt mir nur zu sagen: Danke, Bernard!

Viel Spaß beim Üben wünscht Thomas Meinlschmidt

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