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Sequential Pro 3 Test

Praxis

Erster Eindruck

Nach dem Einschalten steht natürlich zunächst das obligatorische „Preset-Jogging“ an. Beginnen wir also mit einem Querschnitt durch die Werks-Presets, um einen Eindruck von der klanglichen Bandbreite des Pro 3 zu bekommen.

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Phase of Bass Bass Wide Saw Expressive Bass Spy Time Basic Techno Lead Jucium Super Obie Nasty Lead Deep Bell DX’d Filter Synthwave 2.3 Tuned Percussion Waveseeker Wave Allemagne

Durch die paraphone Auslegung des Synthesizers kann man auch den einen oder anderen Ausflug in die Mehrstimmigkeit unternehmen. Zwar wird der Pro 3 dadurch nicht zum Polyphonie-Monster, aber einfache dreistimmige Pads und Chords sind kein Problem:

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Paraphonica ParSawPad 3vStringMachine

Diese Auswahl steht stellvertretend dafür, was in meinen Augen das größte Plus am Pro 3 ist: Er ist klanglich einfach unglaublich vielseitig. Die klassischen, monophonen Synthesizer-Leads und Bässe bedient er genauso wie speziellere Klänge, die sich den meisten analogen Monosynths nicht entlocken lassen. Dabei spielt der digitale Wavetable-Oszillator natürlich eine herausragende Rolle, aber auch die Tuned-Feedback-Schaltung und die Vielzahl der möglichen Filterkonfigurationen und Modulationen tragen ihren Teil zu dieser klanglichen Vielfalt bei.
Allerdings muss ich auch feststellen, dass der Pro 3 mich beim ersten Anspielen nicht so unmittelbar vom Hocker gehauen hat wie manch anderer Synthesizer. Die Gänsehaut, die die organische Kraft eines Moog, die brachiale Direktheit eines Korg MS-20M oder auch der wunderbare Schmelz eines Sequential OB-6 bei mir auslösen, wollte sich hier nicht sofort einstellen. Auf mich wirkt der Pro 3 oft etwas sachlicher, kantiger und manchmal auch etwas kühler. Das soll nicht heißen, dass er mich klanglich nicht überzeugt hat, nur eben auf eine andere Art. Hier sind es vor allem die unzähligen klanglichen Facetten, die sich hinter jedem Regler und jeder Modulation verbergen, die mein Sounddesigner-Herz höher schlagen lassen.

Oszillatoren

Die identisch aufgebauten VCOs 1 und 2 bilden das analoge Herz des Pro 3. Mit stufenlos überblendbaren Schwingungsformen und der Möglichkeit, dies zu modulieren, bieten aber auch sie schon eine große Bandbreite an Grundsounds. Hier hört ihr, was passiert, wenn man bei Oszillator 1 am Shape-Regler dreht:

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OSC1 Shape

Mit dem Regler Shape Mod lassen sich alle diese Grundschwingungsformen noch verbiegen. Im Fall der Pulsschwingung wird hier die Breite eingestellt bzw. moduliert, aber auch bei den anderen Schwingungsformen lassen sich mit Shape Mod interessante Varianten entdecken.

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OSC1 Triangle Shape Mod OSC1 Saw Shape Mod OSC1 Pulse Shape Mod

Oszillator 3 ist etwas völlig Anderes. Der digitale Oszillator kann zwar auch die Grundschwingungsformen liefern – für den Fall, dass man mal drei Sägezähne oder Rechteckschwingungen braucht. Hier bietet er den zusätzlichen Bonus der Supersaw-Schwingungsform, sodass auch die Freunde fetter Dance-Leads auf ihre Kosten kommen:

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OSC3 Supersaw

Interessant wird es dann bei den Wavetables. Hier findet sich eine enorme Klangvielfalt, die von glockig über glasig bis metallisch-drahtig reicht. Die Wavetables lassen sich selbstverständlich von jeder beliebigen Modulationsquelle (inkl. Sequenzer) gesteuert „durchfahren“, was viel Bewegung in den Klang bringen kann. Hier hört ihr einige Beispiel-Wavetables, die ich manuell mit dem Regler Shape Mod beeinflusse:

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OSC3 Wavetables (Beispiele)

In der Kombination der beiden VCOs mit dem digitalen Oszillator liegt die enorme Klangvielfalt des Pro 3 begründet und oftmals ergänzen sich die beiden Welten sehr gut. Etwas schade ist, dass der Vorrat an Wavetables nicht erweiterbar ist. Aber auch so ist Oszillator 3 der größte Trumpf im Ärmel des Pro 3, der ihn von allen rein analogen Monosynths abhebt.
Update (29.07.2020): Sequential hat einen Wavetable-Generator als Web-Anwendung veröffentlicht, mit dem das Erstellen eigener Wavetables möglich ist. Bis zu 16 Single-Cycle-Waves lassen sich hochladen, zu einem Wavetable konvertieren und per SysEx in einen der 32 Slots für User-Wavetables des Pro 3 laden. Den Wavetable-Generator findet ihr hier.

Filter

In der Filtersektion geht die Vielfalt direkt weiter. Hier hat man die Auswahl zwischen drei Filtertypen. Neben dem Sequential-typischen Tiefpassfilter auf Operationsverstärker-Basis bietet der Pro 3 ein Ladder-Filter nach Art eines Moog sowie ein State-Variable-Filter à la Oberheim. Damit vereint er nichts weniger als die drei berühmtesten Filterdesigns der Synthesizergeschichte in sich.
Hier hört ihr die Filter 1 und 2, jeweils mit verschiedenen Resonanzeinstellungen.

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Filter OTA Filter Ladder

Während diese beiden Filtertypen mühelos die Selbstoszillation erreichen, ist das beim Oberheim-Filter erwartungsgemäß nicht möglich. Dafür lässt es sich wie gewohnt mit einem Regler von Tiefpass über Notch bis Hochpass überblenden; zusätzlich kann mit einem Taster ein Bandpass-Modus aktiviert werden. Hier hört ihr das State-Variable-Filter, zunächst im Tiefpass-Modus mit verschiedenen Resonanzwerten und dann die verschiedenen Modi, jeweils mit einem mittleren Resonanzwert.

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State-Variable Filter (Tiefpass) State-Variable Filter (Tiefpass-Notch-Hochpass-Bandpass)

Alle drei Filter klingen nach meinem Empfinden sehr gut und passen in ihrer Vielfalt gut zu den klanglichen Möglichkeiten der Oszillatorsektion. Eine Sache, die beim Vorgänger Pro 2 möglich war, lässt sich beim Pro 3 jedoch nicht erreichen: Es kann immer nur ein Filter zeitgleich verwendet werden. Der Pro 2 erlaubte es seine beiden Filter seriell oder parallel zu betreiben; beim Pro 3 muss man sich für einen Typ entscheiden.

Tuned Feedback

Mit Tuned Feedback hat Sequential eine Schaltung in den Pro 3 integriert, die sich nicht nur als Effekt für bisweilen drastische Klangverbiegungen einsetzen lässt, sondern auch als eigenständige Klangquelle. Die Schaltung, die Dave Smith zeitweise auch einzeln als Eurorack-Modul DSM03 anbot, basiert auf einem sehr kurzen Delay mit stimmbarem Feedback. Ein Druck auf den Taster GRUNGE intensiviert das Ganze noch, was dann mitunter wirklich böse klingt. Hier bekommt ihr einen Eindruck davon, wie sich Tuned Feedback auswirkt. Als Basis dient eine einfache Sägezahnschwingung. Ich experimentiere mit verschiedenen Stimmungen und Intensitäten. Später wird das Tuning von einem LFO moduliert.

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Tuned Feedback

Eine interessante Verwendung von Tuned Feedback ist die Verwendung als Klangquelle für die Karplus-Strong-Synthese. Dabei wird das Delay durch einen kurzen Impuls Rauschen angeregt, das gestimmte Feedback übernimmt dann den Rest. Im nächsten Beispiel sind keine Oszillatoren zu hören; der Klang entsteht in der Tuned-Feedback-Sektion. Damit fügt das Feedback dem Pro 3 eine weitere, interessante klangliche Facette hinzu.

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Karplus-Strong
Der Sequenzer des Pro 3 bietet sehr umfangreiche Möglichkeiten
Der Sequenzer des Pro 3 bietet sehr umfangreiche Möglichkeiten

Sequenzer

Der Sequenzer des Pro 3 ist, in Ermangelung von Worten, der Oberhammer. Er bietet so viele Möglichkeiten, dass man eine Weile braucht, um alles zu entdecken und dann auch abrufen zu können, aber was hier alles möglich ist, ist für den Sequenzer eines monophonen Synthesizers bemerkenswert.
Beginnen wir mit den wichtigsten Eckdaten. Pro Programm lassen sich bis zu vier Sequenzen à 16 Steps speichern. Wenn ein längeres Pattern gewünscht ist, können die vier Sequenzen A, B, C und D auch verkettet werden. Der Taster SEQ LOCK ermöglicht es, die laufende Sequenz beim Wechsel des Programms weiterlaufen zu lassen. Mit CUE PGM kann man das nächste Programm vorwählen und es wird nach Ablauf der laufenden Sequenz punktgenau gewechselt. Beides sind tolle Performance-Funktionen, die zugleich auch das einfache Kopieren von Sequenzen in ein anderes Programm ermöglichen.
Das Tempo lässt sich per Encoder einstellen, mit dem Tap-Taster einklopfen oder zur MIDI-Clock synchronisieren. Außerdem kann der Sequenzer über den Audioeingang oder einen der vier CV-Inputs durch analoge Impulse getriggert werden, wodurch er sich auch mit Modularsystemen versteht. Mit dem Encoder DIVIDE lassen sich verschiedene Teilungswerte wählen. Auch eine regelbare Swing-Funktion steht zur Verfügung.

Drei Abspielmodi stehen zur Auswahl: „Normal“ (der Sequenzer läuft beim Druck auf den Play-Taster los), „Gated“ (Sequenzer läuft, solange eine Taste gedrückt ist) und „Trigger“ (jeder Tastendruck spielt den nächsten Step des Sequencers). Außerdem kann die Laufrichtung über vier Taster gewählt werden; neben vorwärts stehen rückwärts, vorwärts/rückwärts und Random zur Wahl. Das kann gerade im Rahmen einer Live-Performance für sehr variantenreiche Patterns sorgen – und wenn man sich mal verzettelt, genügt ein Druck auf RESET, um den Sequenzer zu Step 1 zurückzusetzen.
Selbstverständlich können Velocity-Werte aufgezeichnet werden. Auch die Gate-Länge lässt sich pro Step festlegen. Darüber hinaus bietet der Sequenzer eine Ratcheting-Funktion, die bis zu acht Noten-Trigger pro Step ermöglicht.

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Studied In Germany (Pattern mit Ratcheting)

Das allein wäre schon eine Menge, aber wir haben tatsächlich gerade erst angefangen. Der Sequenzer des Pro 3 bietet nämlich auch umfassende Funktionen zur Aufzeichnung von Parametern. Dafür verfügt jede Sequenz über insgesamt 16 Spuren. Die Tracks 1-3 sind für Noten vorgesehen (im paraphonen Modus auch mehrstimmig), während die übrigen Tracks frei zugewiesen werden können. Alle Tracks können bei Bedarf unterschiedliche Längen haben.
Im einfachsten Fall funktioniert das Aufzeichnen von Parametern so: Während eine Sequenz läuft, hält man Record gedrückt und bewegt einen beliebigen Regler. Der Sequenzer zeichnet die entsprechenden Daten dann automatisch auf der nächsten freien Spur auf. Wechselt man zu einem anderen Regler, wird wiederum der nächste freie Track genommen. So kann man schnell und einfach Reglerbewegungen aufzeichnen und abspielen. Natürlich lassen sich Parameterwerte aber auch „step by step“ über das Display editieren. Ein Druck auf den Taster SLEW glättet die Modulationswerte des gewählten Tracks, sodass neben stufigen auch sanfte Modulationsverläufe möglich sind.
Da sich die Notenspuren auch deaktivieren lassen, ist der Sequenzer zugleich eine sehr leistungsfähige Modulationsquelle. Es ist also möglich, nur die Modulationen vom Sequenzer kommen zu lassen, während man dazu frei auf der Tastatur spielt. Das öffnet die Tür zu Sounds mit sehr viel Rhythmik und Bewegung, ohne dass die Noten einer festgelegten Sequenz folgen.
Nimmt man jetzt noch hinzu, dass Sequenzen natürlich auch über MIDI ausgegeben werden (bei Bedarf sogar unterschiedliche Sequenzen über die zwei MIDI-Outputs), auch die vier CV-Outputs adressiert werden können (dafür sind die Tracks 13-16 vorgesehen) und der Sequenzer wahlweise intern, über MIDI oder über einen der CV-Inputs geclockt werden kann, dann wird der Pro 3 zu einem sehr potenten Sequenzer für externe Geräte und auch Modularsysteme. Er bietet mehr Möglichkeiten als so mancher dezidierte Hardware-Sequenzer, was vor allem im Hinblick auf Live-Performances ein echtes Highlight des Synthesizers ist.
Hier hört ihr zwei Beispiele dafür, was durch das Sequenzieren sämtlicher Parameter des Synthesizers möglich ist. Zu hören ist jeweils ein einziges Patch des Pro 3; der paraphone Modus ist deaktiviert und es kommen keine externen Sounds und kein Overdubbing zum Einsatz. Ja, ihr hört einen monophonen Synthesizer.

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Leather 2 Leather An Older Code

Bedienung

Angesichts der Komplexität des Synthesizers empfinde ich die Bedienung des Pro 3 als sehr gut gelungen. Natürlich lässt es sich bei der Fülle an Möglichkeiten nicht vermeiden, dass sich einiges nur über das Display regeln lässt. Aber alle wichtigen Parameter, an denen man beim Spielen „schrauben“ möchte, sind ohne Umwege zugänglich. Zudem ist die Bedienung der erweiterten Parameter über das Display gut an das Bedienfeld gekoppelt. Dreht man zum Beispiel am Filter Cutoff, so wird automatisch die Filterseite im Display geöffnet, wo man dann über die Buttons und Encoder Zugriff auf alle erweiterten Filterparameter bekommt. Mit den Oszillatoren, Envelopes und LFOs verhält es sich genauso. Natürlich biegt man anfangs manchmal falsch ab und findet sich woanders wieder, als man es erwartet hatte – aber das gibt sich schnell und passiert in Anbetracht der Funktionsvielfalt auch erfreulich selten.
Ein Beispiel für die gut durchdachte Bedienung ist die Zuweisung von Modulationen über die Modulationsmatrix. Hier findet man zwei Buttons für Quelle und Ziel sowie einen Regler für die Intensität. Möchte man nun zum Beispiel LFO 2 auf den Filter Cutoff routen, geht man wie folgt vor: Taster „Source“ gedrückt halten und Taster für LFO2 drücken (Quelle), dann Taster „Dest“ gedrückt halten und den Cutoff-Regler bewegen (Ziel). Sofort wird automatisch der nächste freie Slot der Matrix mit dieser Paarung belegt. Nun muss man nur noch mit dem Regler die Intensität der Modulation einstellen. Das funktioniert in Sekundenschnelle und völlig ohne Sucherei in Menüs.
Auch der komplexe Sequenzer lässt sich erfreulich leicht bedienen und macht deswegen sehr viel Spaß. Alle Funktionen, die während einer Performance wichtig sind (also in diesem Fall alle) sind über eigene Taster bzw. Tastenkombinationen schnell erreichbar. Zudem ist hier das Display besonders gut eingebunden und gibt grafisch Auskunft über den Verlauf der Modulationsspuren. Auch die mehrfarbigen LEDs helfen dabei, den Überblick zu behalten.
Was nicht geht, ist die direkte, numerische Anwahl von Programmen. Zwar erreicht man über die beiden Encoder für Bank und Program jeden Speicherplatz in kurzer Zeit. Wenn es beim Gig darauf ankommt, den nächsten Sound in Sekundenschnelle griffbereit zu haben, sollte man dennoch auf die Funktion „Play List“ zurückgreifen. Dieser Setlisten-Modus ermöglicht es, die für einen Gig benötigten Programme in Listen zu organisieren, sodass man nur noch weiterschalten muss. 

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