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Origins Of Sound: Der Landlord Stab

Und es begab sich aber zu der Zeit, als das Internet noch in den Babywindeln steckte, Produzenten ihre Synthesizer per MIDI vom Atari steuerten und Hardwaresamplerbis zu satte 30 Sekunden sampeln konnten. Da war jede Sekunde kostbar und statt aufwändiger Multisamples haben House- und Techno-Producer gern mit gesampelten Akkorden gearbeitet, sogenannten „Stabs“. Heute in Origins of Sound: The Landlord Stab.

Der Landlord-Stab tauchte zum ersten Mal auf  der Single „Landlord featuring Dex Danclair – I Like It“ auf. Daher der Name.

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Los ging es mit dem allseits bekannten Orchester-Sample „orch2“ aus der Fairlight CMI- Bibliothek von 1979, aufgenommen von Igor Strawinskys „Feuervogel“-Ballett aus dem Jahre 1910. Der war in gefühlt jeder frühen Fairlight-Produktion zu hören, von der experimentellen Musik von Art Of Noise über Africa Bambataas Hip-Hop-Innovation „Planet Rock“ bis hin zur Popmusik. Die Achtziger Jahre waren also quasi voll mit diesem Sound und so sammelten Techno-, House-, HipHop-, Rave- und UK-Hardcore-Producer ihre schrägen Stabs lieber von allen möglichen anderen orchestralen Klangereignissen. Generell konnte ja jeder Sound die Ausgangsnote zu einer aufregenden neuen Melodie oder nie gehörten Hookline sein.
Dieses Video erzählt die Geschichte des Fairlight Orchestra Hit besonders schön:

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Besonders coole Stabs morphten sich dann durch immer neues Samplen durch diverseste Produktionen und Genres. Es gab ja noch kein Überangebot an Sample-Libraries und noch keine smarten Musikerkennungsbots im steinzeitlichen Internet.
So soll der Ursprung der Mainhooks von Inner Citys „Big Fun“ und „Good Life“ laut vieler übereinstimmender Meinungen „Let’s Get Brutal“ (auch veröffentlicht unter dem Titel „This Brutal House“) von Nitro Deluxe sein. Über den Umweg von Dave Clarkes „Red“-Serie wurde der „Inner City-Stab“ dann immer weiter gereicht und schließlich zu einem der prominentesten Techno-Chords überhaupt.
Inner City Mastermind Kevin Saunderson zahlte aber auch ordentlich zurück: sein ureigener Reese-Bass prägte ganze Genres wie Drum’n Bass und UK-Hardcore.
Ein weiterer Stab für die Ewigkeit findet sich auf  “Let’s Get Brutal/ This Brutal House” von Nitro Deluxe von 1986:

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    Der wohl bekannteste Techno-House-Akkord aber ist der „Landlord“-Stab, benannt nach der Platte, auf der er zum ersten Mal prominent eingesetzt wurde, nämlich „I Like It“ von Landlord featuring Dex Danclair.
    Der Stab kommt in allen Mixen auf der 12-Inch vor, aber im „Blow Out Dub“ läuft der Akkord mehrere Takte allein durch die Rille. Ideal zum Absamplen, was dann auch fleißig getan wurde. Und so fand sich der Stab bald in etlichen Produktionen wieder und ist auch heute noch erste Wahl, um ein wenig Old-School-Reminiszenz in einen Track zu pressen.

    Auf dem „Blow Out Dub“ steht der Landlord Stab für satte 16 Takte frei.

    Ursprung
    Auch wenn die meisten Stab-Akkorde ursprünglich Aufnahmen von anderen Platten waren, liegt der Fall beim „Landlord-Stab“ wohl etwas anders. Es scheint ziemlich gesichert, dass es sich um einen Yamaha DX7-Sound handelt, der als D-Moll-Akkord mit zusätzlicher tiefer D-Oktave gespielt wurde, einschließlich der Soundfärbung durch die damaligen Audiowandler.
    Die Spekulationen in Foren wie Gearspace schwanken zwischen dem Harpsichord-Sound „FM HARPSI 1“ aus der Linndrum-Library und dem Clavinet-Preset „25. CLAV ENS“ direkt aus dem DX7.
    Letzterer befand sich nur auf DX7, die in Nordamerika ausgeliefert wurden. Und ersterer ist in der Linndrum ROM3A-Bank enthalten und konnte als alternativer EPROM-Sound für jene User gebrannt werden, die sich an den Original-Sounds der Linndrum sattgehört hatten.
    Der kanadische „Landlord“ Nick Fiorucci höchst selbst soll laut Forenbeitrag übrigens verraten haben, dass es sich bei seinem Ursprungspatch wohl um eine Mischung aus Cembalo und Sitar handelte, womöglich vom Ensoniq ESQ-1 und Yamaha DX-7.
    Fiorucci ist übrigens immer noch als Produzent aktiv, hat u.a. an Hitsingles für Britney Spears, Whitney Houston, TLC, Celine Dion, „Jenny From The Block“-Lopez und Justin Timberlake mitgewirkt (um nur einige zu nennen) und ist amtierender Vorsitzender des Juno Award Dance Music Committee der Canadian Academy of Recording Arts and Sciences.

    TIPP

    Tatsächlich gibt es viele legendäre Sounds, die auf Presets basieren, wie sie in den günstigen Synths der frühen Neuziger Jahre zu finden waren, von Roland D-110 und Juno Alpha-1 über Casio CZ-101, DX 100 und Kawai K1 bis hin zu den immer noch gern verwendeten klassischen House-Pianos und Orgeln aus der Korg M1.
    Es muss also nicht immer ein Library-Sample sein: oft geben auch gespielte Akkorde auf einem Synthesizer eine gute Klangquelle zum Sampeln ab. Der Vorteil: ihr seid damit komplett unique, so wie einst der Landlord.
    Und wenn es dann doch die originalen Rave-Stabs sein sollen: auch die muss man heutzutage nicht mehr mühsam auf alten Platten oder YouTube suchen. Sondern einfach nur denRave Generator 2downloaden.
    Denn gefühlt alle Stabs, die wichtig für Breakbeat, Drum’n Bass und Techno waren, sind in diesem kostenlosen (!!!) Soft-Rompler-Plugin für Mac, Windows und sogar Linux verewigt. Und der Landlord-Stab eröffnet selbstverständlich den bunten Reigen aus 147 Sounds: Ehre, wem Ehre gebührt.

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    von Mijk van Dijk

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