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Origins Of Sound: Der Reese-Bass

Nicht nur bestimmte elektronische Musikinstrumente haben Geschichte geschrieben, sondern auch so manche Sounds und Samples. Lasst uns einige legendäre Klänge unter die Lupe nehmen: Wo kamen sie her, wo führten sie hin und warum sind sie heute noch wichtig? Heute: der Reese-Bass, der Techno-Soundaus Detroit, der Drum’n Bass tieferlegte.

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„Reese Bass“ – diesen Preset-Namen habt ihr sicher schon ein ums andere Mal gelesen. Dabei handelt es sich weder um einen klassischen Synthesizer noch um ein Musikgenre.
Der Reese-Bass geht tatsächlich auf einen ganz bestimmten Producer zurück und trägt seinen Namen: Detroit-Legende Kevin Saunderson, dem Mainstream bekannt mit seinem Projekt „Inner City, war Teil der sogenannten „Belleville Three“, dem Detroiter Techno-Dreigestirn. Zusammen mit Juan Atkins und Derrick May besuchte Saunderson die Belleville Highschool in der gleichnamigen Vorstadt der Motorcity. Die drei Schulfreunde wurden zu den maßgeblichen Begründern des Detroit Techno.
Während der etwas ältere Juan Atkins bereits 1982 als Cybotron mit „Clear“ einen wegweisenden Electrotrack und als Model 500 mit „No UFOs“ den vielleicht ersten Detroit-Technotrack ever veröffentlicht hatte und Derrick May ab 1987 unter den Pseudonymen „Mayday“ und „Rhythim Is Rhythim“ mit Tracks wie „Nude Photo“ und dem unsterblichen „Strings of Life“ seinen ganz ureigenen Sound entwickelte, produzierte Saunderson ab 1988 unter verschiedenen Pseudonymen sehr unterschiedliche Musik: von poppig (Inner City, Kaos) über deep (E-Dancer, Tronik House) bis melancholisch, letzteres oft und gern als „Reese“.

Kevin Saunderson in der DJ Booth (Bild: Scott Sanders, Commons Wikimedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KevinSaunderson.jpg)
Kevin Saunderson in der DJ Booth (Bild: Scott Sanders, Commons Wikimedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KevinSaunderson.jpg)

It came from Detroit

1988 erschien auf dem Detroiter Label Incognito Records „Just Want Another Chance“, ein deeper und melancholischer Tune mit Kevins schmachtend geflüsterten Vocals, dahin-geshuffelten 909-Hihats und eben diesem magischen, langen, tiefen, grummelnden Bass-Pad, das sich durch den ganzen Song zieht. 
Praktischerweise befand sich auf der A-Seite noch ein dritter, mit 2:30 Minuten recht kurzer Track, der mit einem nackten Bass-Intro beginnt. Sample-Keyboards und -Racks waren gerade bezahlbar geworden und das „Bassapella“ war ideal zum Absamplen, was in der Folge auch sehr viele Produzenten taten. Auf der B-Seite der 12-Inch befinden sich zudem noch fünf schön shuffelige „Rhythm Tracks“ mit typischem 909-Detroit-Vibe.

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Top of the Pops

Durch den weltweiten Chart-Erfolg seines Projekts Inner City zusammen mit Sängerin Paris Grey und die Aufmerksamkeit, die Detroit Techno auch durch die Compilation Techno! The New Dance Sound of Detroit (1988) auf dem Virgin Label 10 Records und eine große Titelstory im iD-Magazine erhielt, kam der junge Kevin schon früh nach England, wo er unter anderem mit Remixen für Hip-Hop-Pop-Acts wie The Wee Papa Girl Rappers von sich reden machte.
Seine typischen 909-Grooves und markanten Stab-Sounds waren gerade auf Techno-Tracks immer wieder zu hören, am markantesten vielleicht auf der Red-Serie von Dave Clarke. Saunderson wiederum entdeckte den UK-Hardcore-Sound, der durch harsche Hooklines, Breakbeats und tiefe Bässe geprägt war. In der Folge finden sich in Kevin Saundersons Produktionen sehr viel mehr UK-Einflüsse als bei seinen Detroiter Kollegen.

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Drum’n Bass

Es sollte jedoch bis 1994 dauern, bis sich mit Jungle und Drum’n Bass das Genre herausbildete, das den freistehenden Reese-Bass für sich entdecken und adoptieren würde. Einer, wenn nicht der erste Track war „Terrorist“ von Ray Keith aka Renegade auf dem wegweisenden Label Moving Shadow. Hier steht der Reese-Bass ebenfalls frei und konnte so auch von Junglisten gesampelt werden, die von dem mittlerweile sechs Jahre alten „Just Want Another Chance“, noch nie etwas gehört hatten.
Zusammen mit dem Amen-Break (siehe Origins Of Sound: Amen Break) wurde der Reese-Bass schnell zur DNA

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Brumm & Bratz

Kevin Saunderson selbst hat den Reese-Bass nach eigener Aussage mit einem Casio CZ-1000 Synthesizer programmiert bzw. ein Preset solange editiert, bis es passte. Dabei lässt sich ein amtlicher Reese-Bass auch mit jedem substraktiven Synth erzeugen, solange dieser mehrere verstimmbare Sägezahn- Oszillatoren an Bord hat, die sich gegenseitig in der Phase auslöschen und in konstanter leichter Bewegung halten können.
Generell kommt es weniger auf die exakte Replika des Sounds an, sondern auf den stimmigen Einsatz im Track: ein echter Reese schnurrt mit tiefen langen Noten melodiös und voluminös um die Kick herum und duldet keine weiteren Bässe neben sich. Er dominiert aber auch die Midrange und stellt gern die Hauptmelodie des Tracks.  Um ihn geschickt moduliert in Szene zu setzen, erzeugt man mit einem Tiefbassfilter den tiefen, brütenden „Brumm“ und mit geschickt gewählter Resonanz den gelegentlich aufspritzenden „Bratz“.

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Kevin Maurice Saunderson erfreut sich übrigens nach wie vor höchster Popularität und bester Kreativität. Mit seiner Frau Ann Saunderson tritt er wieder als Inner City auf, sein Sohn Dantiez ist ebenfalls Producer und DJ und kümmert sich mittlerweile um Kevins ebenfalls legendäres Label KMS Records, das nach seinen Initialen benannt ist. Und gerade hat Saunderson gemeinsam mit dem britischen Schauspieler und Part-Time-DJ Idris Elba Musik produziert.
In einem ausgiebigen Talkpanel bei der Red Bull Music Academy 2018 in Berlin gibt er sympathisch und ausführlich über seine Karriere und seine Musikphilosophie Auskunft.
Ganz am Ende erzählt der Techno-Mitbegründer noch von seinem ersten Auftritt mit Inner City in Berlin bei der „Black Beat Night 1990“ in der Deutschlandhalle Berlin, wo er in den Klang-und Nebelschwaden des Konzert-Intros „Inner City Theme“ ein Stück der gerade gefallenen Berliner Mauer hochhielt.  Und vielleicht war es ja genau jenes Mauerstück aus der Berliner Inner City, welches ihm dieser damals noch sehr junge Journalist zum Interview mitgebracht hatte….

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Tipp:

Ein Plugin, mit dem ich gerade sehr viel Spaß habe, ist übrigens der Gorilla Bass von Sample Science. Es ist ein Plugin, das sich ausschließlich Reese-mäßigen Bass-Sounds widmet. In den 15 (kostenlose Version) bzw. 34 (für 20 US-Dollar) sample-basierten Presets scheuern die Frequenzen ganz herrlich aneinander und ermöglichen warme bis böse Reese-Basslines im Handumdrehen, egal ob ihr Drum’n Bass, Dubstep, Garage, Techno oder etwas völlig anderes produziert.

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von Mijk van Dijk

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