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Die größten Gitarrenmythen: Was wirklich stimmt

Es gibt kaum eine Welt, in der Halbwissen so liebevoll gepflegt wird wie unter Gitarristen. Dicke Saiten sollen fetter klingen, Vintage Pickups magisches Mojo besitzen und das richtige Holz über den perfekten Ton entscheiden. Manche dieser Weisheiten haben einen wahren Kern, andere halten sich einfach erstaunlich hartnäckig. Zeit, mit den größten Gitarrenmythen aufzuräumen.

CC0, via Wikimedia Commons

Sorgen dickere Gitarrensaiten wirklich für einen fetteren Sound?

Bei diesem Mythos fällt fast immer ein Name: Stevie Ray Vaughan. Der Blues Gitarrist spielte meistens kräftige 13er Saiten und gilt bis heute als Paradebeispiel für die Theorie, dass dickere Saiten automatisch einen fetteren Ton liefern. Ganz falsch ist das nicht. Dickere Saiten können durchaus etwas mehr Fundament, Bass und Druck liefern und fühlen sich beim Anschlag deutlich anders an. Sie verändern aber nicht plötzlich den gesamten Charakter einer Gitarre.

Billy Gibbons, B. B. King, Tony Iommi, Brian May, Jimi Hendrix oder Jimmy Page spielten deutlich dünnere Saiten und klangen trotzdem alles andere als schwach. Vaughans gewaltiger Sound kam eben nicht nur von der Saitenstärke. Anschlag, Dynamik, Lautstärke, Equipment und seine Spielweise waren mindestens genauso entscheidend. Wer einfach auf 13er wechselt, bekommt deshalb nicht automatisch den SRV Sound, sondern wahrscheinlich erst einmal ordentlich Arbeit für die Greifhand.

Vintage Pickups klingen immer besser

Vintage Pickups besitzen in der Gitarrenwelt fast schon einen legendären Ruf. Besonders Modelle aus den fünfziger und sechziger Jahren werden gerne mit Begriffen wie Mojo, Wärme und authentischem Vintage Sound verbunden. Entsprechend hoch sind oft auch die Preise. Das Problem ist nur: Alt bedeutet nicht automatisch besser. Früher waren Fertigungsprozesse weniger konstant als heute. Wicklungszahl, Drahtspannung und andere Details konnten von Pickup zu Pickup stärker schwanken. Dadurch entstanden zwar einige großartig klingende Exemplare, aber eben nicht ausschließlich.

Ein teurer Vintage Pickup kann deshalb fantastisch klingen, muss einem guten modernen Modell aber nicht automatisch überlegen sein. Moderne Hersteller können bestimmte Klangcharaktere heute sehr gezielt reproduzieren und gleichzeitig deutlich konstanter fertigen. Dazu kommt, dass der Pickup immer nur ein Teil des gesamten Sounds ist. Gitarre, Verstärker, Saiten, Spielweise und Setup beeinflussen das Ergebnis genauso. Vintage Pickups können also ihren ganz eigenen Reiz haben. Wer sie aber allein wegen ihres Alters für grundsätzlich besser hält, kauft im Zweifel eher Geschichte als garantierten besseren Ton.

Teure Gitarrenkabel sind reine Geldverschwendung

Beim Gitarrenkabel gehen die Meinungen weit auseinander. Für die einen ist jedes Kabel im Grunde gleich, für die anderen beginnt guter Ton erst irgendwo in der Premiumabteilung. Ganz egal ist die Sache aber nicht. Vor allem bei längeren Kabelwegen kann die Kapazität des Kabels einen hörbaren Einfluss haben. Je nach Aufbau können Höhen verloren gehen und das Signal etwas matter wirken. Ein ordentlich verarbeitetes, kapazitätsarmes Kabel kann deshalb durchaus sinnvoll sein und zusätzlich helfen, Nebengeräusche gering zu halten.

Das heißt trotzdem nicht, dass man für ein Gitarrenkabel ein Vermögen ausgeben muss. Entscheidend sind solide Verarbeitung, vernünftige Stecker und passende elektrische Eigenschaften. Der Aufpreis für exotische Materialien und große Klangversprechen ist dagegen oft schwerer zu rechtfertigen. Kurz gesagt: Billig ist nicht automatisch genauso gut, teuer aber auch nicht automatisch besser.

Tonewood und Griffbrett entscheiden über den Sound

Palisander klingt warm, Ahorn brillant, Erle ausgewogen und Mahagoni besonders fett. Solche Beschreibungen gehören seit Jahrzehnten zum Vokabular der Gitarrenwelt. Vor allem beim Griffbrett wird gerne behauptet, dass schon die Wahl zwischen Ahorn und Palisander einen klar hörbaren Unterschied macht. In der Praxis ist das deutlich schwerer festzunageln. Im direkten Vergleich können die Unterschiede erstaunlich klein ausfallen und sich teilweise sogar anders darstellen, als man es aufgrund der üblichen Beschreibungen erwarten würde. Gerade beim Griffbrett spielen deshalb Haptik, Optik und Verarbeitung oft die größere Rolle.

Beim gesamten Korpus wird die Diskussion noch größer. Natürlich schwingt Holz und ist Teil der Konstruktion einer E Gitarre. Wie stark sich eine bestimmte Holzart am Ende im verstärkten Signal bemerkbar macht, ist aber längst nicht so eindeutig, wie manche Tonewood Tabellen suggerieren. Selbst starke Veränderungen am Korpus müssen nicht automatisch zu dramatischen Klangunterschieden führen.

Kurz gesagt: Holz kann Einfluss haben, aber es allein entscheidet nicht über guten Ton. Pickups, Konstruktion, Saiten, Verstärker und vor allem der Spieler haben mindestens genauso viel mitzureden.

Braucht man für jedes Musikgenre eine bestimmte Gitarre?

Metal braucht Humbucker, Country eine Telecaster, Hard Rock eine Les Paul oder SG und Jazz selbstverständlich eine große Hollowbody. Solche Zuordnungen sitzen tief und sind nicht völlig aus der Luft gegriffen. Viele Gitarrenmodelle sind schließlich eng mit bestimmten Stilrichtungen verbunden.

Trotzdem sollte daraus keine feste Regel werden. Eine Gitarre muss vor allem zum Spieler passen. Halsprofil, Bünde, Gewicht, Ergonomie und Spielgefühl sind oft wichtiger als die Frage, ob das Modell traditionell zum gewünschten Genre gehört. Wer sich auf einer SG am wohlsten fühlt, kann damit genauso Jazz spielen. Und wenn eine Ibanez perfekt in der Hand liegt, spricht auch nichts gegen Country oder Blues.

Dazu kommt, dass moderne Verstärker, Effekte und EQ Möglichkeiten Gitarren heute extrem vielseitig machen. Ein Instrument lässt sich klanglich viel stärker formen, als es die klassischen Genre Schubladen vermuten lassen. Am Ende ist deshalb nicht entscheidend, welche Gitarre man laut Lehrbuch für einen Stil besitzen sollte, sondern auf welcher man am besten spielt. Denn eine vermeintlich perfekte Metal Gitarre bringt wenig, wenn man mit ihrem Halsprofil überhaupt nicht zurechtkommt.

Ausgekochte Saiten klingen wieder wie neu

Ja, Gitarristen kochen tatsächlich Saiten. Gitarrensaiten auskochen klingt erst einmal wie ein ziemlich verzweifelter Spartipp, hat aber tatsächlich eine lange Tradition. Die Idee dahinter ist simpel: Schweiß, Hautfett und Schmutz setzen sich mit der Zeit auf und zwischen den Wicklungen ab. Durch heißes Wasser sollen diese Ablagerungen gelöst werden und die alten Saiten wieder etwas frischer klingen.

Das Problem ist nur, dass damit nicht die eigentliche Alterung der Saite verschwindet. Wer einen benutzten Satz abzieht, hat weiterhin die Knicke und Druckstellen an den Stellen, an denen die Saiten um die Mechaniken gewickelt waren. Genau diese Bereiche wurden bereits mehrfach belastet und werden beim erneuten Aufziehen nicht plötzlich wieder wie neu.

Selbst wenn das Auskochen kurzfristig etwas mehr Brillanz zurückbringen kann, bleibt es deshalb eher eine Notlösung als eine echte Verjüngungskur. Ein frischer Satz spielt sich in der Regel besser, ist zuverlässiger und erspart das erneute Aufziehen bereits beanspruchter Saiten. Kurz gesagt: Man kann alte Saiten kochen. Neu werden sie dadurch trotzdem nicht.

True Bypass ist immer die bessere Wahl

True Bypass galt lange fast automatisch als Qualitätsmerkmal. Die Idee dahinter ist simpel: Ist das Pedal ausgeschaltet, wird das Signal möglichst direkt durchgeschleift. Klingt logisch, heißt aber nicht, dass ein Pedalboard ausschließlich aus True Bypass Pedalen automatisch besser klingt. Gerade bei langen Kabelwegen kann nämlich genau das zum Problem werden. Wer mehrere Meter Kabel zur Effektkette, zahlreiche Patchkabel und anschließend noch einmal einen langen Weg zum Amp hat, verliert irgendwann Höhen. Das Signal wirkt dann dumpfer und weniger direkt.

Hier kommt ein Buffer ins Spiel. Er stabilisiert das Signal und hilft dabei, Höhenverluste auf längeren Strecken auszugleichen. Deshalb kann ein gutes Buffered Bypass Pedal am Anfang oder Ende des Boards sogar sinnvoller sein als eine reine True Bypass Kette. True Bypass ist also nicht grundsätzlich besser. Entscheidend ist das gesamte Setup. Ein Pedalboard braucht nicht möglichst viele True Bypass Logos, sondern einen Signalweg, der am Ende gut klingt.

Ein großer Strat Headstock bringt mehr Sustain

Der große Stratocaster Headstock der CBS Ära gehört zu den Details, denen Gitarristen gerne eine klangliche Bedeutung zuschreiben. Mehr Masse am Kopf soll angeblich für mehr Sustain, ein anderes Schwingungsverhalten oder sogar einen volleren Ton sorgen. Die historische Erklärung ist allerdings deutlich unspektakulärer. Nachdem CBS Fender übernommen hatte, wurde der Headstock vergrößert. Der Grund dafür war vor allem Marketing. Mehr Fläche bedeutete schlicht mehr Platz für ein größeres Fender Logo und damit mehr Sichtbarkeit auf der Bühne und in der Werbung.

Natürlich verändert zusätzliche Masse theoretisch das physikalische System einer Gitarre. Daraus aber einen klaren, verlässlichen Klangvorteil abzuleiten, geht deutlich weiter, als es die Geschichte dieses Designs hergibt. Wer also den großen Headstock bevorzugt, darf das ruhig wegen der Optik tun. Für mehr Sustain gibt es wesentlich sinnvollere Stellschrauben als die Größe des Fender Logos.

Noiseless Pickups klingen wie echte Singlecoils

Noiseless Pickups versprechen im Grunde das Beste aus zwei Welten: den typischen Singlecoil Sound ohne das bekannte Brummen. Gerade auf lauten Bühnen, bei viel Gain oder problematischen Stromnetzen ist das natürlich attraktiv. Der Haken ist nur, dass Noiseless Pickups konstruktiv anders arbeiten als klassische Singlecoils. Deshalb können sie zwar sehr ähnlich klingen, aber nicht automatisch exakt gleich. Oft wirken sie etwas glatter, komprimierter oder weniger offen, je nach Modell und Gitarre. Das muss keineswegs schlecht sein. Viele Noiseless Systeme klingen hervorragend und sind im Alltag deutlich unkomplizierter.

Problematisch wird es erst, wenn Marketing daraus eine perfekte Eins zu eins Kopie macht. Wer den absolut klassischen Singlecoil Charakter sucht, sollte beide Varianten direkt vergleichen. Wer dagegen weniger Brummen und einen kontrollierteren Sound bevorzugt, kann mit Noiseless Pickups sehr glücklich werden.

Kann man auch ohne Naturtalent richtig gut Gitarre spielen?

Die Vorstellung vom geborenen Gitarrengenie hält sich hartnäckig. Manche hätten eben Talent, andere nicht. Wer nicht schon nach drei Wochen das Eruption Solo fehlerfrei spielt, könne es angeblich gleich lassen. Ganz so einfach ist es zum Glück nicht. Natürlich lernen manche schneller, haben ein gutes Gehör oder ein besonders gutes Rhythmusgefühl. Entscheidend ist aber vor allem, wie viel Zeit jemand tatsächlich mit dem Instrument verbringt. Jahre des Übens, Probens und Spielens wiegen am Ende deutlich schwerer als ein kleiner Startvorteil.

Dazu kommt: Gute Gitarristen bestehen nicht nur aus schneller Technik. Timing, Ausdruck, Sicherheit und ein eigener Stil entwickeln sich vor allem durch Erfahrung. Und die bekommt man nicht geschenkt, auch wenn die ersten Akkorde vielleicht leichter fallen. Talent kann also helfen. Üben bleibt trotzdem der Teil, den niemand überspringen kann. Leider gibt es dafür bis heute weder ein Pedal noch einen Pickup.

Fazit: Der größte Gitarrenmythos ist die Suche nach der einen Wahrheit

Am Ende zeigen die meisten Gitarrenmythen vor allem eines: Wir Gitarristen suchen gern nach der einen kleinen Sache, die plötzlich alles besser macht. Ein anderes Bauteil, irgendein Geheimtipp oder dieser eine Baum der das perfekte Holz für die Gitarre liefert soll dann den großen Unterschied bringen.

In Wahrheit entsteht guter Sound aber selten durch eine einzelne Entscheidung. Viel wichtiger ist, dass sich eine Gitarre richtig anfühlt, zuverlässig funktioniert und man sie gerne in die Hand nimmt. Wer mehr Zeit mit Spielen als mit endlosen Grundsatzdiskussionen verbringt, ist meistens schon auf dem besseren Weg.

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