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30.04.2021

Diese Synthesizer-Sounds schrieben Musikgeschichte

Klänge von Tasteninstrumenten mit hohem Wiedererkennungswert

Die Erfolgsgeschichte elektronischer Tasteninstrumente in der Popularmusik

Diverse Chart-Hits und Genre-Klassiker der letzten 50 Jahre Musikgeschichte verdanken ihren Ruhm dem Sound bestimmter Synthesizer und Keyboards. Durch ihren speziellen Charakter verleihen solche Klänge vielen Songs ihr Alleinstellungsmerkmal, wodurch ein hoher Wiedererkennungswert geschaffen wird. Dazu sind E-Gitarren beispielsweise nur bedingt im Stande, bei denen sich die Unverwechselbarkeit meist eher über die Spielweise transportiert, als über einen bestimmten Effekt oder Sound. Wir haben uns 15 Meilensteine aus 50 Jahren Musikgeschichte ausgesucht und verraten euch, welche Synthesizer für diese legendären Sounds verantwortlich sind!

Pink Floyd – On The Run

Die britische Progressive Rock-Band Pink Floyd veröffentlichte 1973 mit dem Album „Dark Side of The Moon“ einen Genre-Klassiker, der Generationen von Musikern inspirieren sollte und seinerzeit einen völlig neuen Band-Sound kreierte. Das lag nicht zuletzt am EMS VCS-3. Als erster tragbarer Synthesizer überhaupt (noch vor dem Minimoog!) gilt der EMS als einer der Pioniere der elektronischen Klangsynthese. Pink Floyd war einer der ersten größeren Acts, die mit dem monophonen Synthesizer im Studio arbeiteten. Besonders prominent zu hören ist der präzise Sound des britischen Pionier-Synths etwa im Instrumental-Track „On The Run“, wo der VCS-3 mittels eines externen Sequenzers auf zackigen 165 BPM angesteuert wurde, wodurch die markante 8-Note-Sequence entstand. Der eingebaute Noise Generator erzeugt den zusätzlichen, deutlich hörbaren Hi-Hat Sound. Ein aus heutiger Sicht recht simples Setup, welches seinerzeit jedoch bahnbrechend und innovativ war.

Weather Report – Birdland

Mit dem Song „Birdland“ schufen die Jazz-Rock-Pioniere Weather Report Ende der 1970er Jahre einen Big-Band-Standard, der bis heute zum Repertoire von Jazz-Musikern weltweit gehört. Komponiert wurde das Stück von Mastermind Joe Zawinul, der sich bereits in den 70er Jahren mit komplexen Keyboard-Burgen umgab. Ein Teil seines Setups waren zwei ARP 2600 Synthesizer. Einen nutzte er für softe, cleane Klänge. Der zweite Arp war für kantigere, fettere Sounds zuständig. Auch wenn es bis heute nicht zu 100% bestätigt ist, soll darauf unter anderem die legendäre Intro-Hookline von „Birdland“ gespielt worden sein. Die drei Oszillatoren des monophonen Synths erzeugen einen druckvollen, markanten Sound mit einem auffälligen funky Touch.

The Beatles – With A Little Help From My Friends

Eine Ausnahme in unserer Zusammenstellung ist dieser Mega-Hit aus dem Jahr 1967, bei welchem kein Synthesizer zum Einsatz kommt. Jedoch ist der Sound des im Abbey Road beheimateten Steinway „Vertegrand“ Upright Pianos derart markant, dass er quasi wie ein Synthesizer dem Beatles-Klassiker „With A Little Help From My Friends“ ein klangliches Alleinstellungs-Merkmal verlieh. Das liegt nicht zuletzt an den mit speziellem Lack gehärteten Hammerfilzen, die für einen ein besonders klaren, harten Sound sorgen. Das Piano wird seit den 1960er Jahren auch liebevoll „Mrs. Mills Piano“ genannt, da es in zahlreichen Aufnahmen der gleichnamigen britischen Pianistin genutzt wurde. Der Sound ist so speziell, dass sich kürzlich sogar die renommierte Sample-Schmiede „Spitfire Audio“ daranmachte, das Klavier akkurat zu samplen und es so der ganzen Welt digital zugänglich zu machen. Diesen Luxus hatte Joe Cocker nicht, als er den Song 1969 coverte. Deshalb griff er lieber zur Orgel, aber hatte auch damit einen Riesen-Erfolg! Gute Songs bleiben nun einmal gute Songs. Dennoch hat die Beatles-Version in meinen Augen dank des Mrs. Mills Pianos einen wesentlich einprägsameren, spezielleren Sound.

Joe Cocker – With A Little Help From My Friends

The Beach Boys – Good Vibrations

Durch die komplexen Visionen und Ideen von Mastermind Brian Wilson avancierte der Aufnahme-Prozess für das 1966 erschienene Beach Boys-Album „Pet Sounds“ zum revolutionären Mammut-Projekt und setzte neue Maßstäbe in Sachen Musikproduktion, Sound Design und Studio-Technik. Ein herausstechender Song des Albums ist das florierende „Good Vibrations“, in dessen Refrain ein alien-artiges Instrument zu hören ist. Hierbei handelt es sich um das von Studiomusiker Paul Tanner entwickelte „Tannerin“ - eine vereinfachte Version des Theremins. Im Gegensatz zum Theremin wird beim Tannerin die Tonhöhe nicht mittels Änderung der Handhöhe, sondern durch einen Schieberegler festgelegt. Der ungewöhnliche Theremin-Sound war bis dato hauptsächlich in Science Fiction-Filmen zum Einsatz gekommen und erstrahlte im Pop-Gewand von Good Vibrations plötzlich in völlig neuem Licht. Ein schlauer Schachzug!

Donna Summer – I Feel Love

Der von Giorgio Moroder für Donna Summer produzierte und 1977 erschienene Song gilt bis heute als Wegbereiter der elektronischen Tanzmusik. Da er ausschließlich mit elektronischen Mitteln produziert wurde, war der Track ein wichtiger Vorläufer der später aufkommenden House- und Techno-Musik. Im Mittelpunkt des Instrumentals steht eine Bass Line-Sequenz, die auf einem Moog 3p Modular-Synthesizer programmiert wurde. Der sperrige Boutique-Synthesizer gilt bis heute als einer der best-klingendsten Moog-Synthesizer überhaupt und ist aktuell sogar im Handel als Reissue-Version erhältlich, jedoch muss man dafür den Preis eines Mittelklasse-Wagens aufbringen.

Lionel Richie – All Night Long

Lionel Richies Ode an die Leichtigkeit, Partys und das Vergessen der Arbeit eroberte Anfang der 1980er Jahre die weltweiten Charts im Sturm. Für das lockere „Carribean“-Feel sorgt gleich zu Beginn ein Marimba-artiger Keyboard-Sound. Wenn wir dem Vinyl-Booklet glauben wollen, wurde dieser Part auf einem Yamaha GS-1 FM-Synthesizer eingespielt, der als Vorläufer des legendären Yamaha DX-7 gilt. Die digitale FM-Synthese war nach den Analog-Synthesizern der 70er Jahre der prägende Sound für die Popwelt der 1980er und erlebt aktuell mit Geräten wie dem Yamaha Reface DX oder dem Korg Opsix eine große Renaissance.

Michael Bolton – How Am I Supposed To Live Without You

Michael Bolton komponierte den Song ursprünglich für die Sängerin Laura Branigan, interpretierte ihn jedoch 1989 selbst neu und landete damit einen Riesen-Erfolg. Durch den Song begleitet uns ein glockiges E-Piano, welches entfernt an ein Fender Rhodes erinnert und uns unmissverständlich sagt: Wir sind in den 80er Jahren! Für den Sound ist der legendäre FM-Synthesizer Yamaha DX-7 verantwortlich. Sein markanter E-Piano-Klang verlieh diversen Hits der 80er eine besondere Note und wird aktuell von vielen Künstler*innen wiederentdeckt, weshalb Yamaha mit dem Reface DX eine moderne, portable Version des FM-Klassikers anbietet. 

Peter Gabriel – Sledgehammer

Als der Produzent Daniel Lanois Mitte der 1980er Jahre mit Peter Gabriel an dessen „So“-Album arbeitet, steckt die Technik des Sampling noch in den Kinderschuhen. Sperrige Keyboards werden mit Disketten gespeist, auf denen die entsprechenden Samples enthalten sind. Ein derartiger Workflow ist im heutigen Computer-Zeitalter unvorstellbar. Für den Song „Sledgehammer“, der später zu einem der Album-Hits werden sollte, nutzte Gabriel ein markantes Flöten-Sample,aus dem E-MU Emulator II Sample-Keyboard. Das Sample selbst stammt von einer Shakuhachi, einer japanischen Bambusflöte. Immer, wenn ich diesen Sound höre, muss ich sofort an „Sledgehammer“ denken. Das mit dem Wiedererkennungs-Wert hat hier ganz besonders gut funktioniert!

Franky Goes To Hollywood – Relax

Nachdem in den 1970er Jahren vor allem das Prinzip vorherrschte, Bands live in einem Raum zu recorden, kamen mit der Digital-Technik der 80er neue Workflows auf. So wurde der wohl größte Hit von Franky Goes To Hollywood tatsächlich gar nicht von der Band selbst eingespielt, sondern separat von Produzent Trevor Horn und seinem Team programmiert und produziert. Nach dem ersten Gesangs-Part werden wir von einer markanten Synth Brass-Line überrascht. Diese wurde auf einem der 80er Flaggschiff-Analogsynthesizer eingespielt: Dem achtstimmigen Roland Jupiter-8. Sein voluminöser Sound ist bis heute in der Analog-Welt das Maß vieler Dinge und wurde schon mehrfach in Software-Emulationen digital interpretiert. 

Eric Carmen – Hungry Eyes

Als der Song von Eric Carmen 1987 für den Film „Dirty Dancing“ verwendet wird, erlangt er weltweite Bekanntheit. Gleich im Intro hören wir eine verträumte Synthesizer-Melodie mit einem glockigen Klang. Auch dieser Sound ist sehr typisch für die 80er Jahre und dürfte auf dem Yamaha DX-7 mit dem Preset „Tubular Bells“ eingespielt worden sein. Da die FM-Bells in hoher Lage alleine oft etwas dünn klingen, wurden sie meist mit einem unauffäligen Saw/Sine-Synth oktaviert, was auch hier passiert sein dürfte.

Vangelis – Blade Runner Soundtrack

Vangelis – Blade Runner Blues

Als die Menschen weltweit Anfang der 1980er Jahre in die Kinos stürmen, um sich „Blade Runner“ anzuschauen, haut sie nicht nur der Film selbst, sondern auch sein auch sein innovativer und besonderer Soundtrack um. Verantwortlich hierfür zeigt sich der griechische Filmkomponist Vangelis. Ein wichtiger Charakter-Sound des Films sind die immer wieder auftauchenden Brass/Pad-Sounds, die Vangelis an seinem Lieblings-Instrument, dem Yamaha CS-80 eingespielt hat. Der achtstimmige Analog-Synthesizer war Mitte der 70er Jahre einer der ersten kommerziell vertriebenen Poly-Synths und galt später als Pendant zu Rolands Jupiter-8.

Faithless – Insomnia

Die 1990er Jahre waren das Jahrzehnt der elektronischen Tanzmusik. Die Rave-Szene, Techno-Musik, schlaflose Nächte in den Clubs ... Ein Aushängeschild dieser Zeit ist der Song Insomnia (engl.: Schlaflosigkeit) der britischen Gruppe Faithless. Nach der Veröffentlichung 1996 eroberte das Lied nicht nur die Dance-, sondern auch die Pop-Charts im Sturm. Und das ganz ohne große Melodien, sondern eher durch eine durchgehende, fast meditative Stimmung. Hierbei spielt unter anderem der Roland JD-990 eine Rolle, eine erweiterte Rack-Version des Roland JD-800 Keyboards. Der futuristisch dreinblickende Synthesizer verband erstmals den Workflow analoger Synthesizer mit der aktuellen Digital-Technik und bot viele Knöpfe und Regler, nachdem viele Digital-Synths der 80er Jahre lediglich mit kryptischen Displays auskommen mussten. Der Roland JD-800 wurde nicht nur von Faithless, sondern auch von anderen bekannten 90er Jahre-Acts wie etwa The Prodigy oder Vangelis verwendet.

Robin S – Show Me Love

Der 1993 erschienene Song konnte für einen House-Track ungewöhnlich große Chart-Erfolge verbuchen und erlebte kürzlich durch die aufgefrischte Version von Robin Schulz ein Revival. Die markante Keyboard-Hook erinnert an ein Fender Rhodes E-Piano, klingt jedoch etwas synthetischer und dumpfer. Dahinter steckt die Ende der 1980er Jahre vorgestellte Korg M1 Music Workstation, die neben dem Yamaha DX7 bis heute bis heute als meist hergestellter Synthesizer gilt. Der Digital-Synth war einer der ersten erschwinglichen Kompakt-Synthesizer, die als „Workstation“ betitelt wurden und deren Konzept bis heute weiterentwickelt wird.

Nelly – Hot In Herre

Wenn wir schon bei Workstations sind: Diese Keyboard-Gattung war prägend für den Hip-Hop Sound der 2000er Jahre. Vor allem die Sounds des Korg Triton haben es Produzenten wie Timbaland oder Pharell Williams/The Neptunes besonders angetan. Die Workstation ist auf diversen Hit-Produktionen der 2000er zu hören. So auch in dem Track „Hot In Herre“ von Nelly.

Justin Timberlake – My Love

Mit dem neuen Jahrhundert kam auch neue Technik: Der Einzug des Computers in die Musikproduktion war schnell unausweichlich und ist heutzutage Gang und Gebe. Als Justin Timberlake Mitte der 2000er mit Timbaland und Danja an seinem Album FutureSex/LoveSounds arbeitet, steckt die Welt der Software-Instrumente im Vergleich zu heute noch in den Kinderschuhen. Dennoch gibt es bereits einige Software-Synths, die zu innovativen Sounds im Stande sind. So etwa der reFX Vanguard, den Timberlake für den charakteristischen Sound in seiner Hit-Single „My Love“ auserkoren hat.

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