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Mal ehrlich: Müssen DJs wirklich mixen können?

Ich gebe zu: Es ist schon eine Zeit lang her, doch in der Vinyl-Ära galt das perfekte Mixen noch als Qualitätssiegels eines DJs. Angekommen im digitalen Zeitalter mit Controllern, Autosync und Streaming Music mit KI Titel-Vorschlagsystemen , scheint dieses Gütesiegel allerdings gebrochen zu sein. Denn auf nicht wenigen Dancefloors der Clubs werden DJs trotz mangelnder Techniken frenetisch gefeiert…

(Shutterstock, Credits@DisobeyArt)
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Inhalte

  1. Auf Spurensuche
  2. Warum mixen wir?
  3. Was macht einen guten Mix aus?
  4. Der Mix auf dem Abstellgleis?


„There’s not a problem that I can’t fix ’cause I can do it in the mix” – 1982 huldigten Indeep den Plattenaufleger, der es verstand, die Crowd auf der Tanzfläche nonstop bei Laune zu halten. Wer denkt, dass der ein paar Jahre zuvor gelaunchte Technics SL-1200 MK2 mit seinem Geschwindigkeitsregler den Startschuss für das fließende Ineinandergleiten der Songs gab, den möchte ich in Sachen DJ-Kultur etwas aufklären …

Bereits 1968 erlebten die Gäste im New Yorker „Salvation II“ von ihrem Resident Francis Grasso, was es heißt, als DJ kreativ zu sein. Dies bezieht sich nicht nur allein auf die Tatsache, dass er die rutschende Filzmatte unter der Schallplatte, sprich Slipmat, erfand, sondern auch als erster mixender DJ in die „Hall-of-Fame“ der doch noch recht jungen DJ-Kultureinging.

Mixing in the 1960s

Ich spreche hier nicht von belanglosen Blenden, die sich gähnend auf den acht Takten der spartanisch instrumentierten Intros und Outros eines Tracks betten. Nein, in seinen Übergängen vermischte er bereits mit den Vinyls Acapellas und Breaks verschiedener Tracks, einer Frühform des Remix und auch Mash-Up: Ein wahrer Meister des Cuts, mit dem sequenziell Elemente eines Tracks in den anderen geschnitten werden, war und ist Grandmaster Flash. Nicht uneigennützig kam er auf die Idee des Crossfaders.

Auf Spurensuche

In den letzten fast 50 Jahren perfektionierte sich das Mixing, beginnend mit den längeren, damit mixfreundlicheren Tracks in etlichen verschiedenen Versionen, die auf dem sattklingenden 12-Inch-Vinyl als Maxi-Single die DJ-Elite im Sturm eroberte. Die Evolution der Arbeitsmittel, beginnend mit DJ-freundlicheren Turntables, später CD-Playern, Samplern, DJ-Controllern und -Software unterstützte die wachsende Kreativität. Aber die dadurch einhergehende Vereinfachung des Handwerks sabotiert gleichzeitig zunehmend die Glaubwürdigkeit.

Der Zuhörer, von mitunter überflüssigem Schnickschnack wie Loops und Samples gesättigt und zudem von auf Teufel komm raus „Ich mixe mit vier Decks“ gequälten Übergängen überfordert, stellt sich die Frage: Ist das live, zum Teil vorproduziert oder gar ein fertiges Edit?

Es mangelt an Transparenz unserer Skills! Die üppig gefüllte digitale Library ermutigt außerdem, Tracks förmlich im Sekundentakt auf die Meute zu schießen. Ein Track baut sich auf und man sollte ihn auf sich wirken lassen und den Hörern Zeit gewähren, um auf die Tanzfläche zu gehen. Ist dies das Übel, welches die Notwendigkeit des Mixings in Frage stellt?

Warum mixen wir?

Mixing definiert sich als das pausenlose Überblenden von Tracks bei gleichbleibenden Tempo. Dabei erfüllt es drei Funktionen:

  • die Tanzfläche ohne Unterbrechung gefüllt zu lassen
  •  neue Tracks, die das Publikum noch nicht kennt, unauffällig unterzumogeln, damit sie nicht schon beim ersten Takt flüchten
  • den Stil und die Kreativität eines DJs zu definieren

Auch in der Gegenwart deklarieren die ersten beiden Argumente die Notwendigkeit des Mixings. Dagegen rückt die Kreativität eines DJs aufgrund der technischen Möglichkeiten zunehmend in den Hintergrund, was aber nicht einer kompletten Ignoranz gleichzusetzen ist. Denn schließlich erkennt man einen DJ nicht nur an seiner Musikauswahl, sondern auch an seiner künstlerischen Verarbeitung der Tracks, die vom Publikum verständlicherweise auch kritisch hinterfragt wird.

Galt es früher als Handwerkskunst, zwei Tracks fast unhörbar länger als vier Phrasen, also 32 Takte, ohne Patzer spielen zu lassen, ist es heute per Sync-Knopf kinderleicht. Dazu haben Controller keinerlei Gleichlaufschwankung und die Drifting-Stabilisierung für DVS tut ihres dazu. Für jeden App-User ist dies zuhause praktizierbar.

Mit der Vereinfachung des Handwerks fühlt sich der DJ im Club an seinen Decks unterfordert, sogar gelangweilt, sodass man lieber die für das sonst notwendige Beatmatching eingesparte Zeit nutzt, um den Mix schneller einzuleiten oder beim Übergang skill-technisch eine Schippe draufzulegen. Die Ohren der Gäste ertragen nicht immer diese Last, sodass die Crowd auch schon mal weniger bewundert und sich dafür mehr empört. Denn die Tracks stehen im Vordergrund, nicht der Mix!

Music-Selector Vs. DJ

Auch aus diesem Grund erfreuen sich in Locations immer mehr Music-Selector-Abende großer Beliebtheit. Denn gegenüber dem DJ steht der Music-Selector speziell für seine Plattenauswahl und das Ausspielen der Tracks, ohne Hand anzulegen. Diese Form des Auflegens ist die Rebellion auf den Mix-Scratch-Cut-Wettlauf mit der Attitüde: höher, schneller, weiter!

Was macht einen guten Mix aus?

Mit der Blende zwischen zwei Tracks kann der DJ seinen künstlerischen Status fundamentieren. Ein gelungener Mix definiert sich nicht über die Länge, sondern darüber, wie er klingt. Musikstil, Groove, Struktur, Position und Tonart sind die zu beachtenden Parameter. Nicht den Mix dem Zufall überlassen, sondern genau wissen, wo und womit steige ich in einen Track ein und wann gehe ich aus einem Track heraus, um den Mix auf den Beat oder Breakdown zu beenden.

Auch gebt lieber mal dem knallharten Cut den Vorzug statt einer aufgezwungenen weichen Blende. Um euren Skills mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, verzichtet auch auf ausgefallene Edits, legt auch mal wieder Originale auf, wodurch jeder auf Anhieb heraushört, was ihr gerade mit dem Track künstlerisch anstellt. Kickt nicht nach einer Minute Spielzeit jeden Track aus dem Deck, sondern gebt ihm eine Chance, sich zu entfalten. Und scheut euch nicht, auch mal vom Jogwheel per Pitch-Bending den Mix in Phase zu halten. Denn diese kleinen zu hörenden Schönheitsfehler geben eurer DJ-Kunst die vermisste Transparenz und einhergehende Glaubwürdigkeit zurück, denn es wird live aufgelegt. Schließlich unterstellt man auch einer Band bei ihrem Konzert, wenn sie perfekt klingt, mitunter ein Voll-Playback.

Der Mix auf dem Abstellgleis?

Natürlich fährt man mit dem Mix als elementarer Bestandteil des DJings eine sichere Party, die ohne ihn ins Stocken geraten kann. Aber in der Hierarchie der Zutaten für ein gelungenes DJ-Set rangiert der Mix nicht auf dem ersten Platz. Früher feierte man auch so in den Clubs den „nicht mixenden“ DJ. Warum? Weil er es verstand, die Meute mit seiner Musikauswahl und der dramaturgischen Reihenfolge der Tracks zu begeistern. Schließlich wird kaum ein Gast, ausgenommen von DJ-Skills verfallenen Nerds, den Abend ausschließlich am Mixing beurteilen, sondern vorrangig an der Musik und der Stimmung.

Letztlich ist der Mix das i-Tüpfelchen als Maß für die Qualität eines DJs. Er entpuppt sich auch zu seinem Alleinstellungsmerkmal, wenn er das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ verdient, um sich von den unzähligen, 08-15 mischenden Mitbewerbern hervorzuheben.
Also: I will always do it in the mix!

Eure Meinung

Wie steht ihr zu der Thematik? Lasst es uns gern über die Kommentarfunktion wissen.

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von Dirk Duske

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Profilbild von Phil Phader

Phil Phader sagt:

#1 - 22.02.2019 um 15:38 Uhr

Empfehlungen Icon 0

Dich, lieber Dirk, würde ich auch gerne mal nachsitzen lassen. ; )

Profilbild von Peter Voegeli

Peter Voegeli sagt:

#2 - 28.10.2020 um 09:50 Uhr

Empfehlungen Icon 0

Dieselbe Frage könnte man auch so stellen: Muss ein Musiker oder eine Musikerin wirklich ein Instrument spielen können? Natürlich soll ein DJ mixen können. Schon 1986 in einer Discothek in Riccione hielt mich das auf der Tanzfläche, selbst wenn mal ein Lied dazugemixt wurde, das mir nicht gefällt. Wenn da die Platten mit Unterbrüchen abgespielt worden wären, hätte ich die Tanzfläche verlassen.

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