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Schallplatten auflegen: Warum Vinyl DJs nie verschwinden werden

Mit Schallplatten und Plattenspieler auflegen? Zugegeben: Im Zuge der digitalen Evolution mutiert das Handwerk des DJings zum buchstäblichen Kinderspiel. Einst konnte nur der auflegen, wer eine fundierte Plattensammlung besaß. Auf diesem Weg sind auch etliche berühmte DJs zu ihrem ersten Gig gekommen, durch den sie fortan Blut leckten. Und es kommt wieder mehr in Mode. Ob aus Überzeugung, wegen Klang, Haptik oder auch Marketingzwecken – man sticht damit aus der Unzahl von DJs hervor...

Schallplatten auflegen: Warum Vinyl DJs nie verschwinden werden
(Credits: Shutterstock / Von: MR.Worawuth Yupapong)

Mit wachsender Popularität der DJ-Kultur, deren Wurzeln bis zum Ende der 1960er reichen, frickelte man an seinen Mixing-Skills. Die 1970er lösten mit aufkommenden Discotheken und Block Parties einen wahren Boom aus, auf denen DJs erstmals den Ruhm genossen, der in den 1980ern beginnend zum Personenkult avancierte. Selbst beim Einzug der CD blieben die Aufleger standhaft und ihrem Plattenspieler samt Vinyl treu und nahmen das Schleppen der schweren Cases, das Knistern und Springen, dazu die wachsenden Preise der Schallplatten gern in Kauf.

Mit dem zwar weniger gut klingenden, dafür sehr komfortablen MP3-Format wendete sich das Blatt und die günstige Beschaffung, das leichte Handling, die flexible Set-Gestaltung und letztlich die Anarchie, die Tracks hinsichtlich ihrer Eigenschaften komplett auf den Kopf stellen zu können, verdrängte das Vinyl zunehmend.

Discjockey = Plattenreiter?

Discjockey stand einst für den, der auch tatsächlich die Schallplatten „ritt“. Aber wie auch das früher per Compact-Kassette verbreitete Mixtape mittlerweile nur noch aus Daten besteht und via Download- oder Streaming Link geteilt wird, steht DJ generell für den Music Maker hinter den Decks (hier findet ihr übrigens einen Artikel zum Wandel des DJ-Jargons im Laufe der Jahre).

Turntable und Schallplatten oder DJ-Controller?

Den Stellenwert, den man einst dem Plattenspieler beimaß, haben heute CDJs und DJ-Controller. Der Plattenspieler nimmt hingegen eine Nischenstellung ein, die er seit den 2010ern nicht nur würdig verteidigt, sondern zunehmend zurückgewinnt.

Nicht ohne Grund setzen auf DJ-Equipment spezialisierte Firmen wieder zunehmend auf die Produktion von Schallplattenspielern. Ein Phänomen, das aber nicht allein auf die stetig wachsende Vinyl-Beliebtheit zurückzuführen ist, sondern auch aus Folgendem daraus resultiert.

Vinyl-Schallplatten auflegen – optisch anziehend!

Wenn ich mit meinen Plattenspielern bei Business-Gigs oder auch privaten Veranstaltungen anrücke, erlebe ich jedes Mal ein großes Staunen. Denn man erwartet gewöhnlich einen DJ mit Controller oder CDJs. Entsprechend ist die Neugierde groß, was sich auch beim Auflegen bestätigt, wenn mir die Leute auf die Finger schauen. Deswegen verstecke ich meine Technik auch nicht hinter einer Blende, sondern positioniere sie als Eye-Catcher.

Zum DJing am Plattenspieler gehört aber nicht nur das reine Abspielen, sondern eine Routine, beginnend mit dem Graben im Koffer, dem Herausziehen aus dem Cover, dem anschließenden Auflegen samt Säubern der Platte und Absenken der Nadel. Das Cuen und die Moves der Platte sind nicht wie bei digitalen Controllern durch Drücken von Tasten von statischer Natur, sondern sehr geschmeidig. Die gesamte Prozedur gleicht schon Entertainment. Zudem verfällt man nicht dem Schraubwahn an EQs und wechselt alle 30 Sekunden den Song, sondern gönnt ihm die Aufmerksamkeit, die er verdient. 

Schallplatten und die besondere Haptik

Eine 12-Zoll-Schallplatte mit ihrer Rillenstruktur anzufassen, vor allem damit aufzulegen, ist schon etwas Besonderes, was viele DJs bei Controllern vermissen. Ihre kleinen, größtenteils nicht motorisierten Jogwheels bieten weder die gleiche Oberfläche noch die gleiche Haptik. Entsprechend nutzen viele DJs als Hybrid-Lösung digitale Vinyl-Systeme, Phase, Rane Twelve oder Controller wie Pioneer DJ DDJ Rev7 oder Rane One.

Klang – Ob Vinyl besser klingt?

Ob Vinyl besser klingt als digitale hochauflösende Formate, wird oft heiß diskutiert. Schließlich kommt es auch auf die Wiedergabetechnik an, angefangen beim Tonabnehmer (zum Testmarathon), über den Plattenspieler und alle weitere Audio-Gerätschaften, die sich anschließen. Die einst nervig empfundenen Begleiterscheinungen wie Knistern und Rauschen bescheren die akustische Authentizität. Und Vinyl klingt analog, damit dynamischer, wärmer und satter, das steht außer Frage.

Daher schwören Betreiber angesehener Clubs, dass aus ihren Funktion-One-Türmen vorrangig Vinyl-Signale schallen. MP3s wären ja quasi „Perlen vor die Säue“. Damit wird Vinyl mitunter zum Auswahlkriterium beim Booking.

Die Struktur der Rille – als Hilfe klebte ich Sticker mit den gezählten Phrasen im Intro und Outro auf das Label

Vinyl auflegen schult das Gehör

Beim Auflegen mit Vinyl verlässt man sich ausschließlich auf sein Ohr, beginnend beim Beatmatching. Ohne einigen DJs der jüngeren Generation auf die Füße zu treten, aber manche beherrschen es gar nicht, warum auch, wenn man sich auf Sync, Phase-Meter und parallele Wellenformdarstellung verlassen kann, was auch nicht schlimm ist. Jedoch bleibt dadurch das musikalische Verständnis und ein sensibilisiertes Gehör auf der Strecke, besonders, wenn man blind der Software vertraut.

Mit Vinyl aufzulegen, heißt, die Beats per Gehör anzugleichen und beim Mixing ständig die Phasenlage der Drums beider Tracks zu verfolgen, mitunter häufig zu korrigieren. Wobei sich Letzteres als weniger schwierig erweist, sondern eher das Heraushören, welcher Track vornweg- beziehungsweise hinterherläuft. Diese grundlegenden Skills erweisen sich auch sehr hilfreich, wenn man back2back auflegt und vom Partner mixend übernehmen soll, ohne von dessen Laptop die aktuellen BPM zu spicken oder den Kollegen danach zu fragen.

Eine weitere Herausforderung besteht im Kennen der Titelstruktur eines Tracks. Lediglich die straffierte Rille lässt Intros, Outros und Breaks erahnen. Aber deren genaue Länge und Position sollte man schon wissen, um den perfekten Übergang hinzulegen, besonders, wenn die Struktur nicht generell dem herkömmlichen Phrasenmuster folgt.

Sich von der Masse abheben

Klappern gehört zum Handwerk! Allein die Tatsache, mit Plattenspielern aufzulegen, schenkt euch besondere Beachtung und man zollt euch mitunter mehr Respekt. Schließlich ist es die ehrlichste, transparenteste Form des DJings und damit authentisch. Fehler können nicht kaschiert werden. Gepitchte BPMs erlauben eine Spanne von maximal vier Prozent, um vor allem Vocals von ihrer Tonhöhe nicht ins Unkenntliche zu transformieren.

Die Struktur und die Tonart eines Tracks sind Gesetz, das nicht auf Biegen und Brechen zum Wohle eines perfekten Übergangs gebrochen werden kann. Dies schätzen Publikum als auch Veranstalter, die in euch als Vinyl-DJs durchaus etwas Außergewöhnliches sehen, womit ihr euch mit diesem Alleinstellungsmerkmal in diesem sehr überfluteten Markt profiliert.

Besserer Überblick über das Repertoire

Weniger ist mehr! Mit einer riesigen Library an MP3-Musik ist man sicherlich der flexiblere DJ, aber kennt man sich in diesem Wulst an Daten auch wirklich aus? Viele DJs, die vom klassischen Vinyl-DJing auf digital wechselten, vermissen die bildlich visuelle Orientierung am Plattencover. Die beschrifteten MP3s werden meistens nur überflogen, Track-Namen bleiben kaum im Kopf, zumal die Musik immer kurzlebiger wird.

Mit einem bestückten Plattenkoffer ist man zwar mengenbegrenzt, aber man kennt sich in ihm in- und auswendig aus. Aus diesem Stoß Platten sein Set zu bestreiten, gleicht auch einer Herausforderung. Es sei denn, man steht als Vinyl-DJ für einen gewissen Stil, den man auch ohne Kompromisse durchzieht. Dann schaffe ich es auch, mit einem zweistündigen Set aus 30 Schallplatten die Crowd zu begeistern.

Auf Schallplatte exklusiv erschienene Tracks

Man glaubt es kaum, aber etliche Songs der Vergangenheit, auch selbst der Gegenwart, sind nur auf Vinyl verfügbar. Ältere Tracks fallen mitunter durch das Beliebtheitsraster der Streaming- und Download-Dienste, sodass sie nicht digital auffindbar sind.

Bei neuen Tracks handelt es sich oft um Überzeugung, aber auch um eine Marketing-Strategie, zumal sie dadurch nicht von Musikerkennungsdiensten wie Shazam scanbar sind. Wenn ihr euch musikalisch auch abheben wollt, indem ihr nicht das Gleiche wie alle anderen auflegt, dann greift auch zum Vinyl.

Besondere Veranstaltungsformate

Neben besagten Clubs, die sich „Vinyl only!“ auf ihre Hausordnung schreiben, rückt das schwarze Gold auch bei Veranstaltungen mehr in den Motto- und Vermarktungsfokus. Es geht nicht nur um den Klang und die Ästhetik, sondern auch um eine Grundhaltung und besonderen Stil. Schließlich bescheinigt man Vinyl-DJs einen gewissen Flow und ruhigeren Mixstil, der mehr Fokus auf Tracks als auf Effekthascherei legt.

Der Plattenkoffer beschränkt die Menge an Tracks naturgemäß

DJing von der Pike auf lernen

Seit 2005 unterrichte ich das Fach „DJing“ an der städtischen Musikschule Chemnitz, dies konsequent am Schallplattenspieler. Die Beweggründe der Schüler, das Auflegen zu erlernen, sind unterschiedlich. Ebenso auch ihre Erfahrungen, sei es, sie kommen vom DJ-Controller oder nur einer Smartphone-App. Sicherlich wäre der Plattenspieler als DJ-Tool nicht ihre erste Wahl, aber letztlich lassen sich alle Skills auch auf die anderen Wiedergabegeräte anwenden, allerdings einfacher.

Das Beatmatching praktizieren sie ausschließlich nach Gehör. Beim Mixing stehen ebenfalls keine weiteren digitalen Hilfen zur Verfügung. Schließlich geht man auch nicht zu einem Zeichnen-Kurs, um „Malen nach Zahlen“ zu erlernen. Auch Scratching fühlt sich mit Vinyl deutlich direkter an, selbst im Vergleich zu einem fast latenzfreien DVS. Die Kehrseite der Medaille sind natürlich der Verschleiß der Schallplatte und das Springen, dem man nur mit viel Gefühl gegenwirkt.

Letztlich kaufen sich nicht wenige Schüler noch während der Ausbildung ihren ersten Plattenspieler oder wechseln vom Controller auf den Turntable, weil es sich für sie einfach besser anfühlt und ihnen mehr Spaß bereitet.

Vinyl – eine Investition

Schallplatten sind auch eine Investition, sie sich langfristig auszahlt. Denn ihr Wert steigt aufgrund der limitierten Auflagen. Beim Auflegen solltet ihr mit ihnen entsprechend pfleglich umgehen, damit sie im heruntergerockten Zustand nicht mehr als die Ramschkiste verdienen. Aber letztlich kauft man sich die Schallplatten nicht als Kapitalanlage, sondern weil man mit ihnen auflegen und damit deren Musik teilen möchte, ferner, um einer Sammelleidenschaft nachzugehen.

Zu jedem Vinyl gehört auch sicherlich eine Geschichte, die man gern Freunden erzählt. Außerdem beeindruckt ein mit Vinyl bestücktes Kallax-Regal. Oder gewinnt ihr mit dem Spruch „darf ich dir meine MP3-Sammlung zeigen?“ einen Blumentopf? Eher kassiert ihr einen Korb.

Resümee

Mit Vinyl und Schallplattenspieler aufzulegen, kommt wieder mehr in Mode. Man entscheidet sich dafür aus Überzeugung, wegen Klang, Haptik oder auch Marketingzwecken und sticht damit aus der Unzahl von DJs hervor. Vinyl ist von der Investition langfristig teurer, zudem schwieriger, aber letztlich wird man mit Respekt und manchem exklusiven Booking belohnt.

Solltet ihr mit Vinyl auflegen, dann findet ihr unter diesem Link noch ein paar hilfreiche Tipps.

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von Dirk Duske

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