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DVS für DJs: Software, Hardware, Rückblick, Ausblick, Status Quo

DVS (Digitale Vinyl Systeme) wie Serato DJ und Traktor Pro sind sehr beliebt, wenn es um das Thema Digital-Vinyl geht. Doch sie sind nicht die einzigen Möglichkeiten, die sich euch bieten. Bevor ich jedoch auf Hard- und Software eingehe und mögliche Alternativen zu den beiden Platzhirschen vorstelle, möchte ich diesen Artikel mit einer kleinen Zeitreise zurück in das Jahr 2010 beginnen, genauer gesagt in den Dezember. Zu diesem Zeitpunkt entstand nämlich dieser Text hier erstmalig und mittlerweile sind etliche Jahre ins Land gezogen. Seinerzeit eröffnete ich mit der Einleitung:

  • „Welches DVS passt zu mir? Eine schwierige Frage, die pauschal nicht zu beantworten ist. Naturgemäß stellt ein elektronisch verwurzelter Deejay andere Anforderungen an seine Arbeitsumgebung als ein Scratch-Enthusiast, Radio-, Party- oder Wedding-DJ. Daher verwundert es nicht weiter, dass sich Softwarehäuser der individuellen Schwerpunkte verschiedener Zielgruppen annehmen und maßgeschneiderte Lösungen anbieten…

    Zudem spielt das Budget für viele DJs – gerade während der ersten Gehübungen – eine entscheidende Rolle.“

Daran hat sich wohl grundsätzlich nichts geändert, jedoch ist die Marktsituation in Zeiten von Streaming Music für DJs und Standalone-Systemen mitunter eine andere, wenngleich es auch mit Desktop- und Rack-Mediaplayern sowie CDJs und DJ-Controllern natürlich stets Konkurrenz gab und gibt …

(Bild: Shutterstock /Credits: The Image Party
Inhalte
  1. My Daddy was an UFO
  2. FS Updates 1.5 und 2.0
  3. DVS-Kompatibilität, Dongle-Systeme, Interface, DVS-Mixer
  4. Marktüberblick für DVS-Systeme

  5. Mischpult oder Interface?
  6. Rekordbox, Traktor Pro 3 und der Status Quo
  7. Streaming und DVS-Kontrolle?
  8. Die Zukunft des DVS – Spielen digitale V…
  9. DVS auf dem iPad – sag bloß
  10. Produktempfehlungen für Einsteiger und Profis

My Daddy was an UFO …

Obwohl manches „Digital Vinyl System“ Paket früher auch mit Timecode-CDs im Gepäck ausgeliefert wurde, hieß es weitläufig DVS. Die Bezeichnung hat, so man das bei einer Entstehungsgeschichte von mittlerweile rund 20 Jahren sagen kann, historische Gründe. Zeit, den ersten Massenmarkt-kompatiblen Scratch-Amp für ein Foto vor die Kamera zu locken. Wo war er denn gleich noch mal …

Final_Scratch Bild

Spiritus-Rectus Final-Scratch DVS System

… lief zunächst nämlich ausschließlich mit Steuer-Vinyl auf speziell dafür angepassten Betriebssystemen. Weit entfernt von dem, was wir uns heute unter einem Plug & Play-fähigen, anwenderfreundlichen System vorstellen. Erst nachdem Stanton 2003 das System aufgekauft hatte und mit der Software Traktor-FS für die Betriebssysteme Windows, MacOS und Linux auch für den Normalbürger verfügbar machte, kam Bewegung in die Szene. 

Die Updates 1.5 und 2.0 brachten mehr Stabilität. Mit Version 2 hielt die Timecode-CD Einzug, die sich nach einiger Zeit zu einem beliebten Steuermedium entwickelt hatte, sodass manche Anwender ihr Musikprogramm statt mit einem Turntable mit einem Pioneer CDJ-Player oder einem ähnlichem Gerät dirigierten.

Heute funktionieren einige „Laufwerke“ – darunter der Denon SC6000 Prime oder der CDJ-2000NXS via USB als Software-Controller. WAV/AIFF Timecode-Signale gibt’s zudem auf manchen Hersteller-Websites – ready to burn. Hier mal ein Snapshot meiner diversen Timecodes, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben:

Timecodes20diverser20DVS-Systeme-1073724 Bild

Alcatech mach(t)en auch BPM-Studio – hatten seinerzeit ebenfalls eine eigene DVS-Software, die für die eigene Hardware als Dongle diente. Man mag es kaum glauben, aber hier kam ein Hammerfall-Chip zum Einsatz und das System bestand aus Interface plus PCMCIA (!) Laptop-Card. Das möchte ich euch nicht vorenthalten und wo ich schon einmal dabei bin, gleich noch den Firewire-tauglichen Scratch-Amp 2 erwähnen. Widmen wir uns nun dem Status Quo!

Fotostrecke: 2 Bilder Alcatech Digiscratch: Die eingepackte Adapter-Karte für den Desktop-PC gehörte übrigens nicht zum Lieferumfang…
Fotostrecke

DVS-System Kompatibilität, Dongle-Systeme, Interface, DVS-Mixer – wer mit wem?

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen Hardware-gedongelten (Komplett-) Systemen und offenen Architekturen, wo meist nur die Software angeboten wird. Letztgenannte bedürfen zum Teil eines erhöhten Konfigurationsaufwandes, dafür besteht Wahlfreiheit, was das Audiointerface respektive den Mixer und die Timecode-Medien angeht.

Wer folglich schon eine Vierkanal-Soundkarte besitzt – oder auch ein Mischpult mit integriertem Mehrkanal-Audiointerface – kann sein Setup so unter Umständen kostengünstiger aufbauen, als würde er zu einem Flaggschiff-Bundle greifen. Die bekanntesten Vertreter der „offenen“ DJ-Software sind Virtual-DJ, neuerdings auch Traktor, Veteran PCDJ und das kostenlose MIXXX. Dagegen stehen die Systeme, die ausschließlich mit zertifizierter Hardware laufen. Das Paradebeispiel ist Serato DJ.

Zu unseren DJ Software-Tests

Marktüberblick für DVS-Systeme

Als ich den ersten Marktüberblick für DVS-Systeme mit Interface geschrieben habe, waren Turntables noch einigermaßen gut verbreitet und der Controllerism steckte quasi noch in den Kinderschuhen.

Stanton, Vestax, American Audio und M-Audio waren noch recht stark im DJ-Sektor tätig, Stanton hatte allerdings schon den Betrieb des Final Scratch mit Scratch-Amp eingestellt, das System ging in NI Traktor auf.

Folgende Firmen hatten seinerzeit Produkte für den DVS-User im Portfolio:

  • M-Audio Torq mit Conectiv

  • Mixvibes Cross mit U46MK2

  • Mixvibes DVS-Ultimate mit UMIX44

  • Hercules Scratch Starter Kit für VirtualDJ mit Deejay Trim 4/6
  • Serato Scratch Live mit Rane SL1

  • Serato Scratch Live mit Rane SL3

  • Traktor Scratch Duo mit Audio 4DJ

  • Traktor Scratch Pro mit Audio 8DJ

Was gibt´s noch ?

Nachdem unlängst auch Denon DS1 und Rane SL 2 sowie SL4 eingestellt wurden, sind aktuell als DVS-Audiointerfaces nur das Native Instruments Traktor Scratch A6 für Traktor und das Pioneer DJ Interface 2 für rekordbox dj übrig geblieben.

Das mag zum einen daran liegen, dass es immer schwieriger wird, mit einem DJ-Audiointerface am Veranstaltungsort, im Club, Bar oder Disco aufzulaufen und auf gut gewartete und gepflegte Plattenspieler samt Systemen zu treffen, die man mal eben mit seinem Laptop und Interface verkabeln kann. Ein zweiter Aspekt ist hier, dass der Trend in den letzten Jahren dazu ging, das Audiointerface direkt ins Mischpult zu integrieren oder DJ-Controller mit DVS-Option auszurüsten.

Mischpult oder Interface?

Das „traditionelle“ DVS besteht also aus einem USB-Audiointerface mit Timecodes, ganz einfach auch deshalb, weil Mixer mit integriertem, DVS-zertifiziertem Interface früher absoluten Seltenheitswert hatten. Und dann gab es auch immer den Battle zwischen Traktor und Serato. Welche Mixer/Soundcard läuft mit welchem System? Ist das Pult „Traktor Scratch Pro“ zertifiziert oder „Scratch Live“ (Vorgänger von Serato DJ) zertifiziert?

Rane – damals noch nicht bei InMusic und traditionell der Turntablism-Schiene zugewandt, setzte hier auf Serato. Allen&Heath, Denon und Pioneer hingegen eher auf Traktor. Legendär in diesem Zusammenhang: Der Xone:3D Mischer, der zwei fette Sidewings an MIDI-Controllern mit integrierten Jogwheels an den Mischer pappte.

Gegen Weihnachten 2012 kam Native Instruments selbst mit dem Z2-Pult heraus, lieferte also einen eigenen DVS-Mixer mit MIDI-Buttons aus und die TSP-Zertifizierungen nahmen im Laufe der Zeit etwas ab.

Im Umkehrschluss war dadurch auch der Weg für weitere SSL-Mixer, begünstigt durch den Release von Serato Pro, geebnet. Pioneer – mittlerweile mit dedizierten DJ-Mischpulten für rekordbox dvs am Start – beschlossen 2018, weitere Modelle ihrer USB-Mixerpalette für NI zu öffnen.

Rekordbox, Traktor Pro 3, Serato und der Status Quo

Die Frage, ob ein DVS-System mit TSP oder Serato läuft, hat sich mit der Einführung von rekordbox dvs und Traktor Pro 3 verlagert. Letztgenannte Software verzichtet nämlich in der neusten Generation auf Dongle-Hardware und Pioneer haben mittlerweile ihr eigenes Package geschnürt. Mixvibes ist ein weiterer DVS-Veteran, der mittlerweile nur noch Software und Timecode anbietet und freie Wahl hinsichtlich des Audiointerfaces gewährt, ebenso wie das bereits erwähnte Virtual DJ,das aber auch problemlos mit timecodes von Serato, Traktor, ms Pinky und läuft.Und nicht zu vergessen die kostenlose DJ-Software MIXXX, die ebenfalls DVS-Steuerung erlaubt.

Dazu gesellt sich mit MWM Phase ein weiteres System, dass euch statt Tonarm und Nadelsystemen eine Übertragung per Funk ermöglicht. Keine Kratzer mehr an den Platten, keine Nadeln kaufen, eine Alternative für euch? Sagt es uns gern in den Kommentaren.

Ihr seht also: Auch wenn sich die Software teils immer mehr annähert, so arbeiten die Häuser im Kern mit eigens definierten Schwerpunkten und Update-Philosophien und verbessern ihre Produkte konsequent. Dabei differenziert sich naturgemäß das Produktportfolio und es gibt für unterschiedliche Einsatzszenarien und individuelle Geldbeutel die passenden Lösungen. Was noch vor einigen Jahren aufgrund mangelnder Rechnerleistung undenkbar gewesen wäre, ist heute oftmals kein Problem mehr. Ausgefallene, gut klingende Effekte, Echtzeit-Videoscratching, Multi-Controller MIDI-Kompatibilität, Broadcasting, Online-Playlists und vieles mehr.

Streaming und DVS-Kontrolle?

Beim Thema Streaming stellt sich die Sache noch etwas anders dar, denn hier kann meiner Meinung nach nur diejenige Software punkten, die eine Offline-Speicherung von Musikstücken zulässt und eine kommerzielle Nutzung erlaubt. Davon sind manche Streaming-Anbieter jedoch noch weit entfernt.

Okay, sicher lässt sich ein gepufferter Track auch in der DJ-Software mit den typischen Bordmitteln bearbeiten, aber wer auf Nummer sicher gehen möchte, der will den Track auf Harddisk und nicht aus dem möglicherweise vor Ort unzuverlässigen WLAN puffern. Auf der anderen Seite ist Streaming im Turntablism-Sektor und DVS-Bereich nicht so ein relevanter Punkt.  

Die Zukunft des DVS – Spielen digitale Vinyl-Systeme noch eine Rolle?

Eine gute Frage und nicht ganz leicht zu beantworten: Wir sahen zu Beginn des Controllerism eine rasante Miniaturisierung des DJ-Equipments. Auflegen ging auf einmal mit einem Vestax VCI-100 (zum Test aus 2009) plus Laptop. Nun gibt es immer besser werdende Lösungen mit USB-Stick und großen Jogwheels, siehe Pioneer CDJ-3000 und SC6000M usw. 

Heute buhlen zudem auch iPads um die Gunst der Hobbyisten und semiprofessionellen Anwender, in den Techno Clubs wird nach wie vor auch mit Schallplatten aufgelegt, komplexe DJ-Workstations wie der Denon Prime 4 und Pioneer XDJ-RX3 erfreuen sich großer Beliebtheit. Das DVS scheint im Gesamtmarkt etwas an Bedeutung zu verlieren. Seine ganz eigene Sicht zu diesem Thema hat uns Friedemann Becker im großen Traktor Special mit Mijk van Dijk geschildert.

DVS auf dem iPad

Und auch das ist mittlerweile möglich, zumindest mit den Apps Edjing und iMect DJ Player. In letzterer könnt ihr ein Audiointerface und sogar einen frei wählbaren Timecode (kHz lassen sich im Programm einstellen) mit euren Turntables nutzen.

Video

Unbestreitbar sind die Programme und Hardware heute leistungsfähiger und die Gesamtperformance der DVS-Systeme und der DJ-Software im Allgemeinen ist effizienter. Ein gewisser Innovationsstau im Bereich der DJ-Gear – vielleicht auch weil einige innovative Firmen weggebrochen sind und die Corona Pandemie ihre Spuren hinterlassen hat– lässt sich dennoch wohl ausmachen. Auch wenn Denon/Numark gerade mit WLAN-Streaming in der Hardware dem Markt neue Impulse geben.

Ich möchte diesen Artikel dann noch mit einer Anregung beschließen: Wie wäre es denn in absehbarer Zukunft mit einem geeigneten Protokoll, das es dem DJ ermöglicht, über das Internet mit einem Gleichgesinnten einen DJ-Battle inklusive Live-Stream auszutragen.

In diesem Sinne – nach dem Update ist vor dem Update.

Happy Mixing everybody.

Produktempfehlungen für Einsteiger und Profis

Du möchtest dir ein DVS-Setup zusammenstellen? Hier einige Vorschläge, Testberichte und Produktlinks (Stand 08/2022)

DVS-Einsteiger Setup mit MIXXX oder Mixvibes

oder

*MIXXX ist kostenlos verfügbar, für Mixvibes zzgl. 99,- Euro für Cross DJ 4 Pro Lizenz (Produktseite auf thomann.de)

Screenshot Cross 4 Pro

DVS-System Hardware-Setup mit Serato oder Traktor

oder für Traktor

*für Traktor ist obendrein noch das Native Instruments Traktor Scratch A6 verfügbar (Kostenpunkt 299 Euro), das ihr mit Mischpulten ohne integriertes Audio-Interface verbinden könnt.

Screenshot Serato DJ

Pioneer DJ rekordbox dvs System

  • 2x Pioneer PLX 500 zum Preis von je 349,- Euro
  • 1 x Pioneer DJM-450 zum Preis von 699,- Euro

*rekordbox core plan mit DVS-Support für 99,- pro Jahr wird nicht benötigt, da der 450er als Dongle fungiert

*für rekordbox dvs ist obendrein noch das Pioneer DJ Interface 2 verfügbar (Kostenpunkt 309 Euro), das ihr mit Mischpulten ohne integriertes Audio-Interface verbinden könnt.

Screenshot rexordbox

Beispiel Flaggschiff-Setup für Serato, Traktor, rekordbox etc.

oder

oder

  • Pioneer DJ DJM-900NXS2 zum Preis von 2599,- Euro

*je nach genutzter DJ-Software u.U. zzgl. benötigter Softwarelizenzen und Timecodes wie oben beschrieben

Screenshot Traktor Pro 3

DVS-System in Kombination mit einem Rotary-Mixer?

Auch das ist möglich, allerdings lässt sich das Angebot an Rotary-Mixern nebst integriertem Audio-Interface mit lediglich dem SuperStereo DN48dvs an einer Hand abzuzählen. Wäre schön, wenn RANE den MP2015 neu auflegen würden oder Omnitronic, MasterSounds, Formula Sound oder Ecler USB-Editionen ihrer aktuellen Rotary-Mischpulte auf den Markt bringen würden.

Stattdessen könnt ihr jedoch eines der bereits genannte Audiointerfaces von Native Instruments oder Pioneer DJ einsetzen. Somit habt ihr freie Wahl beim Rotary-Pult. Schaut einfach mal in unseren Berater, welche Modelle eventuell für euch interessant sein könnten.

Screenshot Virtual DJ

Keine Plattenspieler oder Echtvinyl gewünscht? Mögliche Alternativen mit motorisiertem Jogwheel

Mediaplayer-Mixer-Kombi

  • 2x Denon DJ SC6000M DJ-Mediaplayer mit motorisiertem Jogwheel zum Preis von 1999,- Euro (Produktseite auf thomann.de)
  • 1x Denon DJ X1850 Prime Clubmixer zum Preis von 1459,- Euro

oder

  • Pioneer DJ DJM-900NXS2 zum Preis von 2599,- Euro

dazu

Controller mit Serato

oder

Controller mit Traktor

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von Peter Westermeier

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