Die Zeichen sind da, und sie sind deutlich: Hardcore, Punk und Metal kehren in den Mainstream zurück. Nachdem die Szene nach langer Beliebtheitsphase ab Mitte der 2000er allmählich wieder in ihrer Nische verschwand, bahnen sich einige Acts nun ihren Weg zurück. Bands wie Turnstile, Knocked Loose, Gojira oder Sleep Token sind neuerdings verstärkt in den Mainstream-Medien präsent. Freunde der harten Gitarrenmusik können jubeln – denn harte Zeiten brauchen harte Musik.

Nicht totzukriegen – die Subkultur der elektrischen Gitarre
Melodischere Rockmusik ist zwar seit den 60er-Jahren fest in der breiten Masse verankert – vom frühen Rock ‘n’ Roll und Beat mit Künstler*innen wie Elvis oder The Beatles über den Classic Rock der 70er, den Glamrock der 80er und dem Grunge in den 90ern bis zum Alternative Rock der Folgejahre. In den 80er- und 90er-Jahren füllten die ersten Metal-Bands wie Metallica bereits große Stadien. In den 2000er-Jahren erlebte das Genre mit der kurzen – und rückblickend sehr speziellen – Nu-Metal-Welle um Bands wie Slipknot und Korn noch einmal eine breitere Aufmerksamkeit. Danach verschwanden die härteren Gangarten des Genres jedoch zunehmend aus dem Mainstream und fanden abseits ihrer eingeschworenen Fangemeinde und von Festivals – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kaum noch in den großen Medien statt. Doch in den letzten Jahren scheinen sich diese „Ausnahmen“ wieder zu häufen.
Die ersten Vorboten – Turnstile
Einer der ersten Vorboten für diese Entwicklung war die Band Turnstile. Vom Geheimtipp in der Hardcore-Punk-Szene mauserte sich die Band zu einer der populärsten Vertreter eines Genres, das im Vergleich zu Metal und Rock noch stärker im Untergrund beheimatet ist. Spätestens mit ihrem vorletzten Album Glow On setzten Turnstile aber auf Eigenheiten, die die Band klar vom Rest der Szene abhob. Sie wurden melodischer, eingängiger und zugleich experimenteller, ohne dabei ihre Hardcore-Punk-DNA aus den 90er-Jahren abzulegen. Sie vereinten Hardcore, Alternative, Indie und Pop zu einem stimmigen und zugänglichen Sound und bauten sich ein Image abseits der typischen Szene-Klischees auf. Damit zogen sie ein größeres, bisher szenefremdes Publikum an. Vor ungefähr drei Jahren gipfelte dies in ihren Auftritten bei gleich zwei der größten US-amerikanischen Late-Night Shows – Jimmy Kimmel und Jimmy Fallon.
Herrlich deplatziert – Knocked Loose
Vor kurzem nahm sich Late Night Host Jimmy Kimmel erneut einer dieser Bands an – die jedoch selbst für die hartgesottensten Ohren extrem klingt: Knocked Loose. Die Band gehört ebenfalls dem Hardcore-Punk an, ist jedoch im Vergleich zu Turnstile mit der Zeit nicht zugänglicher geworden, sogar ganz im Gegenteil. Die Band hat ihren von Beginn an sehr harten, absolut unmelodischen und metallischen Sound über die Zeit stets extremer werden lassen. Im letzten Jahr erschien ihr drittes Album You Won’t Go Before You’re Supposed To – das allein schon innerhalb der Szene Rekorde brach und beinahe einstimmig als Meisterwerk gefeiert wurde. Das Album behandelt Themen wie Tod, Verlust und Verzweiflung – und stellt diese musikalisch wie textlich absolut ungeschönt dar, treibt sie sogar auf die Spitze des Unwohlseins.
Ungezügeltes Schreien, komplexe Arrangements, extreme Disharmonie und sehr deutliche Worte dominieren das Album. Die erste Single glänzte nicht nur mit dem düsteren Titel Suffocate (dt. Ersticken), sondern auch mit einem Feature der über das Genre hinaus bekannten Künstlerin Poppy. Und nachdem die fünf Hardcore-Kids aus Louisville mit dieser eigenwilligen Mischung erst einmal Taylor Swift aus den Single-Charts verdrängten und ausverkaufte Stadien in ganz Amerika füllten, schockten sie das US-amerikanische Fernsehpublikum mit einer absolut kompromisslosen Performance. Während sich also ein paar Millionen US-TV-Zuschauer mit Beschwerdebriefen Luft über diese musikalische Grenzerfahrung machten, jubelte die Szene über diesen Meilenstein ihrer heiß geliebten Musik.
Gojira – Progressive Metal bei den olympischen Spielen
Einige Monate zuvor erreichte die französische Progressive-Metal-Band Gojira globale Aufmerksamkeit, die für so extreme Musik bis dahin beispiellos war: Bei der Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele performten die französischen Metal-Lokalmatadoren den Song Mea Culpa (Ah! Ça ira!). Er basiert auf einer Revolutionshymne folgt damit der Anti-Establishment-Haltung, die sowohl ihrer Subkultur als auch der französischen Revolution zugrunde liegt. Gojira standen dabei nicht bloß auf irgendeiner einer Bühne, sondern auf den Balkons jenes Pariser Palastes, hinter dessen Mauern während der französischen Revolution tauschende Aufständische ihr Leben durch die Guillotine verloren. Die Inszenierung war spektakulär: Eine singende Puppe von Königin Marie Antoinette hielt ihren eigenen Kopf, während Flammenwerfer, Operngesang und eine mit roten Pappfäden inszenierte Blutfontäne den Auftritt begleiteten. So brachte man weltweit Metalheads zum Jubeln!
Harte Zeiten brauchen harte Musik
Ob diese Beispiele den endgültigen Durchbruch extremer Gitarrenmusik im Mainstream ankündigen, ist fraglich. Aber dass sich sowohl hier als auch in der Popmusik eine Tendenz zu extremeren Ausdrucksformen abzeichnet, (verzerrte) Gitarrensounds wieder in Nummer-eins-Alben zu hören sind (z. B. bei Billie Eilish) und radikalere Modetrends in der gesamten Popkultur zu beobachten sind, lässt sich weniger von der Hand weisen.
Ein möglicher Faktor, der zu diesem Phänomen beitragen könnte, ist das aktuelle gesellschaftliche Klima weltweit: Umbrüche, hitzige Debatten, politische Kehrtwenden, gegenläufige Trends und eine Flut negativer Nachrichten, die kaum zu verdauen sind – jeden Tag, egal wohin man schaut oder mit wem man sich unterhält. In so extremen Zeiten entstehen extreme Emotionen – und mit genau damit setzt sich extreme Gitarrenmusik auseinander. Als einstiges Auffangbecken für Außenseiter, Unverstandene und verlorene Seelen geht von dieser Szene vielleicht gerade deshalb heute ein stärkerer Sog aus als in den letzten zwanzig Jahren. In jedem Song dieser Subkultur steckt die Botschaft: Du bist nicht allein – hier darfst du alles fühlen. Hier wirst du verstanden.
FAQ
Warum kehren Hardcore, Punk und Metal in den Mainstream zurück?
Weil aktuelle Bands wieder große mediale Aufmerksamkeit erhalten und extreme Musik den Zeitgeist widerspiegelt.
Welche Bands treiben das Comeback harter Gitarrenmusik an?
Turnstile, Knocked Loose, Gojira und Sleep Token gehören zu den wichtigsten aktuellen Vertretern.
Was macht Hardcore Bands besonders erfolgreich im Mainstream?
Sie verbinden Hardcore mit eingängigen, melodischen und experimentellen Elementen und erreichen so ein breiteres Publikum.
Welche ungewöhnlichen Erfolge erzielte Knocked Loose zuletzt?
Sie verdrängten große Popstars aus den Charts und traten mit extrem harter Musik im US-Fernsehen auf.
Welche Rolle spielt das gesellschaftliche Klima für den Trend?
Krisen und Unsicherheiten verstärken das Bedürfnis nach intensiver, emotionaler Musik wie Hardcore und Metal.

