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Michael Jackson: 11 Tipps vom Mastering Engineer!

Wir waren in Hollywood bei dem Mann, der mit Michael Jacksons Thriller das meistverkaufte Studioalbum aller Zeiten gemastert hat: Bernie Grundman. Seine besten Tipps für’s Aufnehmen, Mischen und Mastern deiner Projekte bekommst du in unserem Feature!

Tipp 1: Weg damit!

Zu den in Köln kursierenden ‘elf Geboten’ zählt “Bruuche mer nit, fott domet.” Hochdeutsch paraphrasiert bedeutet das: Ist eine Sache dir nicht zuträglich, dann werde sie los. Einen ähnlichen Tipp hat Bernie Grundman seinerzeit bei Bruce Swedien, dem Recording und Mixing Engineer des Michael Jackson Albums Thriller aufgeschnappt: Filtere schon im Aufnahme- und Mischprozess das heraus, was musikalisch nichts zum Projekt beiträgt. Vor allem durch das Rausfiltern von “Bottom End-Kram” erhöhst du die Transparenz von Einzeltracks und Mischung, so Grundman: “Was auch immer die Klarheit von allem beeinträchtigt. Wenn du es nicht brauchst, filtere es raus.”

Gold und Platin für Michael Jacksons Thriller (Bildquelle: Autor)

Tipp 2: Bau’s nach!

Ein weiterer Tipp aus den Gesprächen mit Swedien. Wie man richtig mischt und mastert, sagt Grundman, “kommt aus deinem tiefsten Inneren und gründet sich auf dem, was du hörst. Es gibt keine Formel dafür. Du musst einfach wissen, aus Erfahrung und so weiter, was das Meiste für dieses Stück Musik machen wird.” Grundman ist sicher: Sinn und Gespür für Musik sind Begabungen, doch kannst du sie entwickeln, wenn du viel Zeit mit Musik verbringst und zwar aktiv und analytisch: “Finde heraus, was so gut ist an diesem Mix. Setz dich an’s Mischpult, nimm dir die Aufnahme von jemand anderem und versuche, es nachzumischen, mit denselben Lautstärken und so weiter. Experimentiere weiter und weiter und du lernst eine Menge. Es dauert vielleicht Wochen oder Monate, wer weiß. Es könnte ein nie endender Prozess sein, bei dem du besser und besser wirst. Aber du musst viel herumprobieren.”

Tipp 3: Weniger ist mehr!

Vermeide die additive Verschlechterung der Signalqualität. Was bedeutet das? Der Meister ist sicher, dass die Summe vieler Signalprozessoren beim Tracking und Mixing die Klangqualität des Produkts verschlechtert. Das erscheint nicht intuitiv, denn wir sind ja zunächst begeistert, wenn wir beispielsweise Kompressor und Reverb auf die Gesangsspur hauen. Doch oft werden Prozessoren im Übermaß genutzt, um eine mittelmäßige Performance besser dastehen zu lassen. Beim Recording des Thriller-Albums Anfang der 1980er gab es kein Autotune: Der King of Pop konnte einfach singen! Und auch der Rest der Musiker war absolut hochkarätig mit Steve Lukather, Eddie van Halen, Janet Jackson oder Paul McCartney, um nur einige Namen zu nennen. Fazit: Je spieltechnisch sauberer und musikalischer die Mitwirkenden, desto überflüssiger die Effekthascherei. Und das kann sich lohnen, denn zu viele Prozessoren auf den Einzelspuren und im Mix führen laut Grundman, der seit 2026 vier Grammys sein Eigen nennt, zum klanglichen Qualitätsverlust.

Der Master beim Mastering (Bildquelle: Autor)

Tipp 4: Finger vom Bus-Kompressor!

Zumindest gilt die Aussage im Mixing der meisten Musikstile. “Wenn du eine Menge Kompression und Limiting verwenden und in den Mix einbauen willst”, sagt Grundman, “schränkt das meine Möglichkeiten beim Mastering ein. Das ist nicht zwingend schlecht, vorausgesetzt du weißt wirklich ganz genau, was du tust und kannst das richtige Maß bestimmen. Deine Monitore müssen präzise genug sein, damit du sie auch zum Mischen verwenden kannst und hörst, was das Processing mit deinem Mix macht.” Gegen Kompression oder Limiting auf Einzeltracks hat Grundman gar nichts einzuwenden, zum Beispiel um die Transienten der Snare Drum oder Peaks in der Gesangsperformance zu kontrollieren. Das macht absolut Sinn. Sofern du keine dynamisch eingeschränkte Musik wie harten Rap machst, solltest du aber vor der Anlieferung des Mixes beim Mastering Engineer den Bus-Kompressor wieder rausnehmen.

Sonst ist das Problem Folgendes: “Viele Mixing Engineers bauen bereits Plug-Ins in ihren Mix ein, um es laut zu machen, weil die Produzenten oder der Künstler das so wollen. Denn die vergleichen es mit etwas, das bereits gemastert ist. Keiner will schlecht aussehen, also haut der Mixer ein Plug-In rein, das den Sound zwar verdreckt, aber dafür ist es laut. Wir können das meistens wieder korrigieren, nur gibt es ein paar mehr Einschränkungen für uns, denn jetzt gibt es bereits Qualitätseinbußen. All diese Dinge wirken sich auf die Qualität aus. Während du also talabwärts fährst und Plug-Ins und was weiß ich dazu addierst, also Kompressoren, Limiter, sonstige Prozessoren, wirst du den Sound weniger natürlich machen. Es wird grobkörniger, es wird verschmierter. Es ist vielleicht laut, aber weniger musikalisch.”

Tipp 5: Alles beginnt im Ohr!

Vertrau deinen Ohren und schule sie. Vertraue auf dein Empfinden, wenn du musikalisch komplexe Signale durch Audiogeräte wie Mikrofon-Vorverstärker jagst. Das verrät dir mehr, als das Lesen der technischen Details in Handbüchern und auf Produktseiten. Denn Menschen mögen das Unperfekte wie bestimmte Arten von Verzerrung. Grundman: “Diese ganzen alten Mikrofone, die jedem gefielen, in den 1950ern, die hatten eine ganze Menge mehr Verzerrung als die neuen. Sie klangen besser. Wir mögen das. Diese alten Bandmaschinen hatten 4 Prozent Verzerrung! Wir lieben viele von diesen alten Aufnahmen. Es ist auch die Art der Verzerrung, die den Unterschied macht. Das ist etwas, das viele Leute nicht so ganz verstehen, wenn es um Audio geht. Alles beginnt wirklich im Ohr. Es ist die einzige Methode.”

Tipp 6: Mach Vocal-Up-Mixe!

Falls du mit einem Mastering-Ingenieur zusammenarbeitest: Schick ihm den Mix, bei dem deiner Meinung nach die Gesangsspur genau richtig ausgesteuert ist, und dann schick ihm noch einen mit +0,5 dB und einen mit +1 dB auf den Vocals. Warum? Du hast vermutlich bereits soviel Zeit mit den Vocals, die für Popularmusik in der Regel das wichtigste Element sind, verbracht, dass du sie nicht mehr korrekt beurteilen kannst. Wahrscheinlich kennst du jedes Wort und sogar jede Silbe, die gesungen wurde und der Refrain beginnt unter Umständen schon, dich zu nerven und in den Schlaf zu verfolgen. Als Resultat machst du die Spur unbewusst leiser – zu leise für Ohren, die den Track bzw. den Mix zum ersten Mal hören.

Und es gibt noch ein interessantes psychoakustisches Phänomen dahinter, das dich betrifft, wenn du das Recording mit den Singenden durchführst: Die Optik verzerrt den Höreindruck. Bernie Grundman dazu: “Wenn ich 5.1 oder so was mache und das Video da habe, wenn ich dann nur auf die Musik höre… nehmen wir an, mein Urteil ist, die Vocals sind ein wenig zu leise. Ich blicke rüber auf den Bildschirm und sehe den Sänger singen: Zack! Schon höre ich es. Dann ist es laut genug. Verrückte Sache. Sobald du denjenigen siehst, der es singt, hörst du es auch.” Und schätzt die Lautstärke anders bzw. für den reinen Höreindruck ohne Visuals falsch ein. Denn das Gehirn ergänzt die eigentlich fehlende Information. Crazy!  

Auch an Michael Jacksons “HIStory” Album waren Grundman und Swedien beteiligt (Bildquelle: Autor)

Tipp 7: Offen, klar, dynamisch!

Das ist laut Grundman das Klangideal einer guten Audioproduktion. Vielleicht ist es auch ein winziger Teil des Geheimnis, warum Michael Jacksons Thriller-Album heute noch frisch und lebendig klingt. Die Dynamik des musikalischen Ereignisses im Aufnahmeraum sollte so gut und dreidimensional wie möglich eingefangen und bewahrt werden: “Das Ziel ist jedenfalls, die Qualität zu erhalten, und diese Sache, die eine ziemlich gute Qualität hat, auf ein Level zu bringen, wo dir nicht mehr auffällt, was alles getan werden musste, um es hierhin zu bringen. So, dass es sich immer noch so dynamisch, offen, klar und natürlich anhört wie am Anfang. Da wollen wir hinkommen: Dieses Gesamtpaket in einem kompetitiven kommerziellen Bereich zu platzieren und es dabei immer noch wirklich gut klingen zu lassen ist unser Ziel. Deshalb ist es schön, mit etwas zu beginnen, das pur und klar und gut klingt, denn es ist ein additiver Prozess, wie schon gesagt.”

Anknüpfend an Tipp 5 bestimmt die Art und Quantität der Verzerrungsartefakte, ob wir eine Produktion als warm, dynamisch und natürlich empfinden oder als leblos und überkomprimiert. Grundman: “Wenn du viel mit Kompressoren und Limitern arbeitest, fügst du Verzerrung hinzu. Wenn wir hier im Mastering dann mehr davon einsetzen müssen, weil es nicht vollständig gemacht wurde, kommt also mehr Verzerrung und Effekt zum Signal hinzu. Das hörst du überall: Wenn die Musik direkt über die Mikrofone gewandelt und abgehört wird, klingt es nicht einmal so, als käme sie aus den Lautsprechern. Sie ist im Raum, füllt den Raum. Sie ist klar, die Speaker haben eine gute Transienten-Wiedergabe, das gibt Darstellung und Präsenz. Durch den weiteren Prozess wird alles ‘verdreckt’ und klingt so, als käme es aus kleinen Löchern.”

Tipp 8: Mach Pause!

Frische Gehörgänge wirken Wunder. Denn im Arbeitsprozess gewöhnst du dich schrittweise an winzige klangliche Verschlechterungen. Grundman: “Das ist ein großes Problem für Mix Engineers, weil sie eine lange Zeit an einem Projekt arbeiten. Du kannst dich an einen schlechten Klang gewöhnen! Schaff dir für das, was du machst, Vergleiche, zurück zu etwas, das besser klingt. Es ist mir selbst schon passiert. Ich arbeite also an einer Single und bin nicht glücklich damit. Ich mache dies und jenes, addiere EQ. Jetzt muss ich aber auf der anderen Seite auch EQ anwenden, muss kompensieren. Endlich bringe ich es dahin, wo ich denke, jetzt müsste es OK sein. Und dann schalte ich um zum Original und denke: Au weia!” Das einfache und bewährte Gegenmittel: Mach regelmäßige Pausen, geh an der frischen Luft spazieren. Zeitverschwendung? Keineswegs, denn sonst läufst du Gefahr, irgendwann wieder ganz von vorne anfangen zu müssen. Besser rechtzeitig ein Break!

Übrigens: Laut Wikipedia dauerte der Aufnahmeprozess des legendären Michael Jackson-Albums rund sieben Monate, vom 14. April bis 8. November 1982. Veröffentlicht wurde Thriller am 29.11. Es blieben also drei Wochen für’s Mischen und die Finalisierung im Mastering-Prozess. Grundman deutete an, dass die Mixe von Swedien hervorragend waren, was ihm die Arbeit erleichterte und die Notwendigkeit von Pausen minimierte.

Tipp 9: Drossel die Lautstärke!

Gehört zum vorherigen Tipp dazu: Wenn du ständig laut abhörst, entsteht ‘ear fatigue’ und auch das beeinträchtigt dein Urteilsvermögen betreffend Klang und Balance der Spuren. Zudem solltest du natürlich dein Gehör in jedem Fall unbedingt schützen. Also niemals aufdrehen? Das wiederum sagt keiner. Grundman erklärt, warum wir laute Tracks lieben und wie sie uns möglicherweise in die Irre führen: “Es ist in Ordnung, ab und an aufzudrehen, aber ich nenne das Mastering immer den ‘ernüchternden Teil des Geschäftes’. Denn wenn du mischst und im Studio bist, dann, hey, versuchst du, alle zu beeindrucken. Immer, wenn jemand neues in den Raum kommt, drehst du die Lautstärke auf: Hör dir das an! Hört dir das an!

Wenn die Leute dann zu ihm kommen, ist das ernüchternd, sagt Grundman: “Denn jetzt ist es so, dass man sich fragt: Was genau haben wir denn hier eigentlich? Wie ist es wirklich im Vergleich zu anderem Material? Denn wenn es erstmal da draußen auf dem Markt ist, dann können wir nicht jedes Mal die Lautstärke aufdrehen, wenn es im Radio läuft. Was machen wir also damit, damit es da hineinpasst und noch eine Chance hat? Es gibt eine physiologische Reaktion deines Körpers, wenn etwas laut ist. Es beeinflusst dich, es ist eine Spannung. Und es kann sogar sein, dass du das fälschlicherweise für eine musikalische Eigenschaft hältst, wenn es sich lediglich um Power, eine Macht oder Energie handelt. Es ist bloß Klang, den du spürst, und du meinst, das sei etwas Besonderes. Aber der fertige Track muss allein stehen können, ohne das.”

Konzentriert bei der Arbeit und nahm sich trotzdem Zeit für Espresso und Plauderei: Bernie Grundman (Bildquelle: Autor)

Tipp 10: Hip-Hop? Misch Mono!

“Die Leute müssen lernen, dass es unterschiedliche Arten zu mischen für unterschiedliche Musikrichtungen gibt”, erklärt Bernie Grundman. Beim Hip-Hop wird beispielsweise “weitgehend in Mono gemischt, weil man die maximale Power auf beiden Lautsprechern will. Daher hat es die ganze Zeit ‘Full Impact’, und es ist nicht diese andere Art von Erfahrung, wo die Dinge [auf der Stereobühne] ausgebreitet werden und du kannst quasi hineinlaufen.” Daher der eigentliche Rat, der inhaltlich an Tipp 2 anknüpft: “Schneide es wirklich genau auf den jeweiligen Markt zu und für den entsprechenden Misch-Stil, der erfolgreich war. Denn der wird dir die wichtigen Elemente vor Augen halten. Nimm dir Zeit. Hör dir verschiedene Arten von Musik an. Und zwar immer das Beste, das der jeweilige Musikstil zu bieten hat. Nach einer Zeit kannst du dann auf dein Gefühl vertrauen, ob es wirklich die Emotionen kommuniziert, die du rüberbringen willst.”

Tipp 11: Starte mit der höchsten Quali!

Halte die Signal- und Datenverarbeitungsqualität beim Tracking, also im Recording-Prozess hoch. Denn das lässt sich später nicht durch vermeintliches Upsampling gutmachen. Für Stereo-Audiodateien empfiehlt Grundman 88,2 kHz als Vielfaches von 44,1 kHz, falls du mit dem Endprodukt auf 44,1 kHz/16 Bit als ‘CD-Quali’ herunter möchte. Die Ausgangsbittiefe sollte bei 24 liegen oder du arbeitest direkt auf 32bit fp.

Was hältst du von diesen Tipps? Lass es uns in deinem Kommentar wissen!

Über diesen Link gelangst du zur Bernie Grundman Mastering Website.

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