Dawesome verspricht mit Abyss 2 einen intuitiv bedienbaren Software-Synth für Musiker anstelle eines Werkzeugkastens für Ingenieure. Die Idee dahinter klingt logisch: Klänge sind wie Farben – man beschreibt sie mit Adjektiven wie kalt, warm, düster oder hell.

Wie bei Dawesome üblich, taucht ihr in cineastische, ambiente, hybride und experimentelle Klangwelten ein – so auch bei den bisher getesteten Plugins Novum, Kontrast oder auch bei Love 2. Mehr über die Instrumenten-Philosophie von Dawsome und insbesondere über den Entwickler Peter Vorländer erfahrt ihr in unserem Interview.
Ob das Plugin Dawsome Abyss 2 in der Praxis tatsächlich für schnelle Erfolgserlebnisse sorgt, klären wir in diesem Test – inklusive eines Dutzends hörenswerter Soundbeispiele.
- Individuelles Tone-Color-Konzept
- Sample Import
- Pads, Drones, Soundscapes
- Charakter-Regler Brute, Velvet und Synthify
- Effekt-Sektion
- Eingewöhnung, da anders als klassische Subtraktiv-Synthese
Dawesome Abyss 2, ein klassisch aufgebauter Synthesizer?
Nein, anstelle von typischen Oszillatoren, Filter oder einer Modulationsmatrix stellt Abyss 2 die Klangfarbe schon optisch in den Mittelpunkt. Das Plugin präsentiert sich schick, modern und wohltuend anders als etwa die üblichen Minimoog- oder Prophet-Klone. I
m Zentrum von Abyss 2 steht der sogenannte Tone Colour Gradient. Hier lassen sich Samples beziehungsweise mehrere Tone Colours hinzufügen und mit dem Position Slider ansteuern. In einer sogenannten Palette könnt ihr aus zahlreichen Punkten gezielt eine Klangfarbe auswählen und sie dem Gradienten zuweisen. Im Grunde erinnert es an eine Wavetable-Synthese, bei der ihr einzelne Wellenformen selber aussuchen könnt.

Ehrlich, ich musste mich auf dieses Konzept einstellen. So einfach wie es gedacht ist, erschließt es mir beim Design neuer Sounds nicht ganz – ich vermisse eine präzisere technische Kontrolle über die wichtigsten klangbildenden Parameter, denn neue Sounds entstehen bei Abyss 2 eher zufällig als nach einem bestimmten Plan. Bitte aber nicht falsch verstehen – klassische Filter, Hüllkurven oder ein LFO stehen zur Hand, wenn ihr sie braucht.
Abyss 2 bietet vor allem mehr Soundpotenzial mit User-Samples
Die erste Version wurde inzwischen durch Abyss 2 ersetzt. Wer Abyss 1 im Jahr 2026 erworben hat, erhält das Upgrade allerdings kostenfrei. Konzeptionell hat sich zwar nicht viel verändert, klanglich sind jedoch große Fortschritte zu erkennen: So lassen sich nun eigene Samples auf den Gradienten ziehen, um daraus Tone Colours und vollständige Klangpaletten zu erzeugen. Darüber hinaus können sogar komplette Ordner mit eigenem Ausgangsmaterial als Basis für neue Presets dienen. Auf diese Weise werden Samples vergleichsweise einfach in neue Klangfarben verwandelt.

Dawesome Abyss 2 macht das Sounddesign auch mit den den drei neuen DSP-Algorithmen attraktiver. Mit Brute, Velvet und Synthify lässt sich der Basisklang charakterlich schnell abwandeln – er wird aggressiver, weicher oder synthetischer. Dies funktioniert in der Praxis sehr gut.
Bietet Abyss 2 auch einen Sequenzer und Effekte?
Tatsächlich gehören ein polyrhythmischer Sequenzer und eine verbesserte Effektsektion zu den Neuerungen. Beim Sequenzer lassen sich unterschiedliche Längen für Tonhöhe, Dauer und andere Parameter kombinieren.

Für Ambient und generative Phrasen ist das besonders interessant. Die Pads und Soundscapes von Abyss 2 sind aber so eindrucksvoll, dass der Sequenzer leider bei einigen Usern schnell vergessen gehen könnte.
Bei der Effektsektion bekommt ihr vier Slots für rund 20 FX-Module wie Shimmer, Cloud oder Grains, die sich spielend einfach verwenden lassen. Dies macht den Sound noch breiter und sphärischer. Wer sich mit dem Plugin beschäftigt, wird noch viele weitere nützliche Funktionen entdecken – so etwa die Undo/redo-Funktion oder ein Mono-Synth-Mode.

Dawesome Abyss 2 klingt tief, offen und abstrakt
Abyss 2 integriert auch die Patches der ersten Version und kommt aktuell auf total 447 Factory Presets. Nicht alle der mitgelieferten Sounds gefallen mir, das eine oder andere Preset habe ich aber klar als Favorit markiert. Die Library solltet ihr unbedingt mehrfach anspielen.

Oft erschließt sich erst beim zweiten Hinhören, wie das Klangprogramm musikalisch funktioniert. Noch besser ist es freilich, anhand von neuen Samples eigene Sounds zu kreieren – dafür ist ein Synthesizer wie Abyss 2 gedacht.
Tief, abstrakt, spährisch, komplex und manchmal auch dystopisch – so präsentiert sich der großartige und individuelle Klang des Dawesome Abyss 2. Manche Sounds machen sich im Mix schon ziemlich breit. Das Plugin liefert aber ebenso – und dies für mich eher überraschend – kantige Sequenzerphrasen. Was dies alles konkret bedeutet, zeigt unser Querschnitt mit zwölf Audio-Demos.
Alternativen sind meist teurer und besser als Synth fürs Brot und Butter
Mit seinem hohen klanglichen Niveau konkurriert Dawesome Abyss 2 durchaus mit etablierten Software-Synthesizern wie Arturia Pigments 7, Spectrasonics Omnisphere 2 oder Xfer Records Serum 2, die deutlich mehr kosten.

Ein klarer Unterschied liegt bei der Library und der Sound-Programmierung – die namhaften Instrumente bieten etliche Vorlagen aus unterschiedlichen Klangsparten und eine klassische Bearbeitung aller Presets. Für Soundexperimente ist wiederum Abyss 2 offener und auch gerade für den Einsatz mit einem MPE-Controller oft die bessere Wahl.
Dawesome Abyss 3 – wie sollte die nächste Version ausschauen?
Die Benutzer-Oberfläche darf gern noch einfacher ausfallen. So werden noch mehr Musiker zum Klangdesign motiviert werden, die normalerweise nicht programmieren wollen. Auf dem GUI wünsche ich mir nur vier Punkte mit jeweils wählbaren Samples, die sich nach Art der Vector-Synthese blenden lassen.
Der Zusammenhang zwischen Farbe und Klang muss klarer werden – so zum Beispiel: „schwarz“ für obertonarme und ruhende Sounds sowie „weiß“ für strahlende oder schnell pulsierende Klänge. Idealerweise sollten die kombinierten Effekte direkt als Presets abrufbar sein – etwa 50-70 Vorlagen, sortiert nach Soundcharakter. Vielleicht liest Peter Vorländer mit oder hat sicherlich bereits bessere Ideen?

























