Bei der Plugin-Entwicklung stellt Peter Vorländer alias Dawesome Kreativität, Emotion und Inspiration klar über technische Perfektion. Der promovierte Mathematiker und klassisch ausgebildete Fagottist aus Hamburg entwirft neue Synthese-Konzepte und tolle visuelle User-Interfaces – mit einer Vorliebe für spielerisches sowie visuell-orientiertes Klangdesign.

Der Name „Dawesome“ ist aus einem Wortspiel entstanden. Bereits seit den 1980er-Jahren sammelt Peter Vorländer Erfahrung im Homerecording. Damals war elektronische Musik noch mit großem Aufwand verbunden und wurde mit zahlreichen, oft umständlichen Geräten produziert. Aus dieser Perspektive erschien ihm die moderne DAW geradezu wie ein kleines Wunder – DAWs sind für ihn schlicht „awesome“. Daraus leitete er den Firmennamen Dawesome ab.
Musik und Mathematik sind seine größte Passion – zwei unterschiedliche Disziplinen, die für Vorländer im Zusammenspiel Glück und Zufriedenheit bedeuten. Im Interview sprechen wir mit ihm weniger als Entwickler, sondern mehr als kreativer Kopf hinter Dawesome.
Wie kam es zur eigenen Softwarefirma?
Ich hatte einen “normalen” Job bei einer großen Firma für Medizintechnik. Das war in den 2010er Jahren und sehr gut bezahlt, aber ich war sehr unglücklich: keine Musik, keine Farben, dafür aber eine endlose Folge von langweiligen Meetings und höfischen Ritualen.
Irgendwann habe ich mich entschieden: lieber bescheiden leben und glücklich meiner Leidenschaft folgen als viel Geld verdienen – das war die beste Entscheidung meines Lebens! Jeden einzelnen Tag wache ich auf und freue mich auf meine Arbeit.
Dawesome habe ich bewusst als “tiny Business” aufgebaut, sozusagen als “Indie Band”. Die meisten Startups wollen immer schnell wachsen und groß werden. Ich möchte klein bleiben, winzig – und persönlich. Die ersten vier Jahre war ich ganz allein, erst seit gut einem Jahr beschäftige ich zwei Entwickler. Besonders wichtig ist mir die Zusammenarbeit mit außergewöhnlichen Musikern und Sounddesignern wie Arovane, Databroth oder Yuli Yolo von Expressive E.
Eine bestimmte Vision oder Philosophie von Dawesome lautet wie?
Ja, ich bin überzeugt, dass “Sounddesign” keine Ingenieursdisziplin sein sollte, sondern ein kreatives Spiel. Hand aufs Herz: Wann haben wir uns entschieden, Klänge “programmieren” zu wollen? Ich möchte Instrumente bauen, die sich expressiv spielen lassen, die extrem flexibel sind – und bei denen man Klänge eben nicht programmiert, sondern spielt, entdeckt, improvisiert, bei denen man im Flow ist. So, dass Klanggestaltung sich genauso anfühlt wie Musikmachen.
Noch etwas: Manche User wünschen sich, dass alle Regler einen Zahlenwert anzeigen. Aber das geht gegen meine Philosophie: Musikalische Ohren behalten immer Recht, nicht irgendwelche mathematischen Zahlen. Es gibt wenige Ausnahmen, wie das Tempo in BPM, da ist es ein Mehrwert. Aber ein “Reso”-Regler wird bei meinen Plugins niemals Werte zwischen null und eins anzeigen.
Welche Komponisten, Sounds, Geräusche oder Instrumente haben dich geprägt?
Das Rauschen von Wind in Baumwipfeln. Am schönsten klingen Pappeln und Tannenwälder. Ungefähr alles in “Rite of Spring” von Stravinsky, insbesondere die außerirdisch schönen klanglichen Tremoli in “Spring Rounds“. Genauso aber auch die Klangästhetik aus Grains von Alva Noto und sicher auch Klaus Schulze oder Depeche Mode.

Bei den Instrumenten fallen mir als erstes ein: Klavier, Fagott, Handpan/Hang, Bassklarinette, Marimba. Ich höre selbst gerne melancholische Musik, egal welcher Art. Im Ensemble spiele ich am liebsten späte Romantik und frühe Moderne: schon sehr farbig, aber noch nicht atonal.
Ich liebe die Plugins von PureMagnetic – verspielt, ungewöhnlich. Sie machen Spaß. Ich mag die Module von Make Noise. Ich liebe das Expressive E Osmose Keyboard. Zudem bin ich Ableton Live User. Ich mag Arturia Pigments für „Bread & Butter“. Ich mag die Libs von Spitfire Audio und Orchestral Tools, aber bin immer wieder enttäuscht, wie unflexibel Sampling-Bibliotheken sind.
Wie gehst du bei der Softwareentwicklung vor?
Es ist ein wenig so wie Songwriting: Am Anfang hat man eine Hookline oder eine Textzeile – irgendetwas, was man ausarbeiten möchte. Bei der Entwicklung könnte das etwa eine bestimmte Klangästhetik wie „organische Fusion von Klang mit Field Recordings“ sein. Oder eine mathematische Idee wie „dieses interessante Verfahren aus der Radartechnik anwenden, um die Resonanzen von Klängen präzise zu replizieren.“
Danach kommt eine Phase der Improvisation. Ich fange einfach an, probiere verschiedene Dinge aus – vieles funktioniert nicht, aber es entwickelt sich stückweise. Manchmal kann das ziemlich frustrierend sein: Man vergleicht sein halbfertiges Demo-Tape mit professionell produzierten Tracks.
Irgendwann hat sich etwas herauskristallisiert – man spürt: Dieser Song beziehungsweise dieses Plugin funktioniert! Dann schaltet man innerlich um und begibt sich in den Produzentenmodus. Features werden verfeinert und man fügt all die kleinen Details hinzu, die niemand direkt bemerkt, die aber in Summe den Unterschied ausmachen.

Was war für dich die größte Herausforderung bei deinen Plugins?
Die größte Herausforderung ist immer, die Bedienung für den User einfach zu halten. Man kann jedes Feature mit wenig Aufwand implementieren, wenn man sich nicht darum schert, ob es komplex oder intuitiv in der Benutzung ist.
Mein Endgegner ist FM-Synthese. Ich arbeite bereits seit fünf Jahren an einem FM-Synth, dessen Bedienung eher “poetisch” ist – im Sinne von visuell, intuitiv und so einfach zu bedienen wie der Cutoff-Regler am Minimoog. Ich habe inzwischen vier solcher FM-Prototypen entwickelt, aber ich bin immer noch nicht zufrieden. Allerdings habe ich jetzt eine neue Idee und ich hoffe, dass es am Ende des Jahres so weit sein wird – schauen wir mal.
Welche deiner Plugins magst du selbst am meisten – und warum?
Das ist, als ob man einen Vater fragt, ob er ein Lieblingskind hat. Ich mag Abyss, weil das Prinzip mit den “SoundColours” auf einem Gradienten so einfach und vielseitig ist. Ich mag Novum, weil man wirklich jedes Sample da reinwerfen kann und mit wenigen Handgriffen ein expressiv spielbares Instrument bekommt, das nach teurer Sampling-Lib klingt – aus Trash mach Gold.
Besonders stolz bin ich auf Kontrast, weil es das Prinzip der Wavetable-Synthese erweitert, und man so einfach ungewöhnliche, organische Klänge machen kann.
Tatsächlich mag ich das Instrument, an dem ich als nächstes arbeiten werde, immer am liebsten – schon aus reiner Vorfreude.

Wie sollen Musiker den Plugins von Dawesome idealerweise begegnen?
Viele Leute glauben, ein richtig guter Sounddesigner muss das technische Innenleben verstehen und jeden Sound immer von einem Sinus-Ton aus beginnend “programmieren”. Aus meiner Sicht ist das Gegenteil der Fall.
Dawesome-Instrumente sind für Sounddesign durch Exploration gebaut. Es gibt meist mächtige Regler, mit denen man Klänge sehr stark verändern kann, aber ohne, dass da sofort akustischer Garbel-Schmarbel rauskommt. Man braucht nicht alles zu verstehen, man kann ja auch Auto fahren, ohne genau zu wissen, wie ein Motor funktioniert.
Ein sehr mächtiges Konzept ist die Kombination von Presets – es gibt “Sektionen” wie Oszillator, Modulation oder Filter. Die haben eigene “Subpresets”. Man baut sich also seinen Klang aus Komponenten zusammen, anstatt jede kleine Schraube selbst einzudrehen.
Wie stehst du zu künstlicher Intelligenz – kann KI wirklich kreativ sein?
Ich nutze ChatGPT als eine Art besseres Google für kleine Programmieraufgaben: Ich sage, was ich genau wie will, die KI sucht raus, wie die genaue Aufruf-Syntax ist. Das spart manchmal Zeit. Und ich nutze KI, um Fehler in der Software zu finden. Darüber hinaus nutze ich sie nicht.

KI hat das Potential, technische Aufgaben in kreative zu verwandeln. KI ist nicht wirklich kreativ: Vor 120 Jahren hätte sie noch mehr Musik im Stil von Wagner produziert, aber sie hätte den Jazz nicht erfinden können.
Aber viel wichtiger ist eine andere Frage: Wollen wir denn, dass KI kreativ ist? Kreativität ist per se menschlich und emotional – etwas, das uns glücklich macht. Der Prozess des Selbermachens hilft uns in der Entwicklung. Nur durch Übung, Widerstand und das eigene Tun, wie beim Musizieren, entwickeln wir uns geistig weiter. Wer das Schaffen an die Maschine delegiert, formt nicht mehr seinen Geist, sondern wird zum bloßen Konsumenten. Wir würden uns der menschlichen Selbstentfaltung berauben!
Mit welchem Plugin von Dawesome können wir demnächst rechnen?
Ich arbeite gerade an einer Art “akustischer Alchemie-Maschine”. Das Plugin heißt SYMBIONT und ist eine Liebeserklärung an die Schönheit der Imperfektion. Im Grunde ein Instrument für das Unmögliche: Wir nehmen die DNA völlig fachfremder Geräusche, zum Beispiel das Knirschen einer U-Bahn oder das Klackern einer alten Schreibmaschine, und verschmelzen sie mit der Resonanz klassischer Instrumente. Das Ergebnis ist eine Art “Unphysical Modelling”. Es klingt organisch, zerbrechlich und absolut cineastisch, aber man muss kein Physiker sein, um es zu bedienen – keine Zahlen, reines Gefühl!

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?
Wenn ich jetzt schon einmal träumen darf: Ich male mit Pinseln, Kreide, Farbe auf Papier. Die Pinselstriche, die Farben, die Texturen werden in Klänge übersetzt. Das Ergebnis ist nicht statisch, sondern expressiv spielbar.
Menschen verwenden die gleichen Adjektive, um Klänge und Oberflächen zu beschreiben: warm/kalt, glatt/rau, dunkel/hell, sanft/hart und so weiter. Das bedeutet, wir haben eine visuelle Metapher für Klang fest einprogrammiert.
Ich hoffe, dass ich einen solchen visuell-basierten Synthesizer in etwa zehn Jahren releasen kann, darauf arbeite ich jedenfalls hin.
Generell denke ich, dass digitale Musiksoftware ihre eigentliche Form noch nicht gefunden hat. Wahrscheinlich wird die Software künftig wesentlich visueller sein – also deutlich weniger technisch. Und es wird neue Controller geben, die Gesten und Bewegungen einfangen.
Abschließender Tipp für den Nachwuchs?
Einfach machen. Trau dich, auch Fehler zu machen. Denn bei Musik liegt in den Unvollkommenheiten oft die größte Schönheit. Am Ende geht es nicht um technische Perfektion, sondern um Momente des Staunens.
Ich bin unendlich dankbar, dass ich heute genau das tun darf, was mich erfüllt. Dawesome ist für mich kein Job, sondern ein Lebensprojekt, das durch den Austausch mit der Community erst richtig lebendig wird. Vielen Dank an alle, die diesen Weg mit mir gehen und mit meinen Instrumenten ihre ganz eigenen Klangwelten bauen.
Plugins von Dawesome im Bonedo-Test

Schon wieder ein Granulareffekt? Mag sein – doch Dawesome Love 2 gehört zu denen, die man unbedingt ausprobieren sollte. Musikalische Presets, ein simples Handling und ein günstiger Preis machen dieses Plugin zu einem der besten Deals im Bereich der granularen Synthese.

Schon wieder ein Wavetable-Synthesizer? Jein – Dawesome verfolgt mit Kontrast einen neuen audiovisuellen Ansatz, bei dem Wellensätze als Graustufenbilder dargestellt werden. Tatsächlich schafft dieses spannende Plugin wortwörtlich einen Kontrast zur klassischen Wavetable-Synthese.

Tracktion Myth ist der bisher komplexeste und vielseitigste Software Synthesizer aus dem Hause Dawesome. Wie er klingt und was Myth so besonders macht, zeigen wir im Test.

Der Granular-Synthesizer Tracktion Novum zerteilt Audio-Clips automatisch in ihre Bestandteile und macht jedes einzeln spielbar. Wie das klingt und wie gut der Workflow von Novum ist, haben wir getestet.

Tracktion Kult ist ein Soft Synth mit Chaos-Faktor. Nach Abyss und Novum kommt hier das nächste Dawesome-VST. Alles dazu bei Bonedo im Test!

Tracktion und Sinee sind die Corperations, Peter V und Björn Torwellen die Creatives dahinter. Und Chop Suey das Ergebnis einer Kooperation: ein Plugin-Tool für fette Kicks und Rumbles!

Das Freeware-Plugin Dawesome SOL kann als Cloud-Reverb eingesetzt werden und klingt dabei fantastisch. Nutzt man zusätzlich das Granular-Delay, entstehen Ambient-Wolken und Synth-Pads, die einzigartig und organisch klingen. Das GUI ist skalierbar und eigene Preset können abgespeichert werden.

Mit Re-Synthese und FM-Features erlaubt Dawesome Zyklop sehr individuelle Sounds. Hinzu kommen zehn kreative Effekte und auch der Import eigener Audio-Dateien ist möglich.

























