Bei virtuellen Amps hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Anfang der 90er-Jahre war es noch kaum vorstellbar, mit digitalen Mitteln nur annähernd in die Nähe eines echten Röhrenamps zu kommen. Heute zeigen Hersteller wie Fractal Audio, Kemper, Avid und Line 6, dass der Abstand zwischen Amp-Simulation und klassischer Röhre immer kleiner geworden ist.

Das Grundprinzip ist gar nicht so weit von moderner Hardware entfernt: Rechenleistung trifft auf clevere Algorithmen, dazu kommen Impulsantworten für Cabinets, Räume und Mikrofonierungen. Entsprechend war es nur eine Frage der Zeit, bis reine Softwarelösungen in der DAW deutlich aufholen konnten.
Ganz trivial ist das im Rechner allerdings nicht. Die verfügbare CPU-Leistung setzt dem Amp-Modeling Grenzen, und auch Audiointerfaces, Wandler und Latenzen können das Spielgefühl beeinflussen. Trotzdem schreitet die Entwicklung unaufhaltsam voran – Grund genug, verschiedene Ampsimulationen auf Softwarebasis genauer vorzustellen.
Da die Zeit auch vor Plug-ins nicht haltmacht, sind einige der bereits früher getesteten virtuellen Amps, Cabinets und Effekte mittlerweile schon länger am Markt. Deshalb ergänzen und aktualisieren wir diesen Artikel regelmäßig um neuere Modelle, größere Updates und Software-Amps, die klanglich oder funktional spürbare Fortschritte mitbringen.
Inhaltsverzeichnis
- #1 Two Notes – Genome Suite 2.0 – Modeling trifft auf Captures
- #2 Universal Audio – der Spezialist
- #3 IK Multimedia – AmpliTube 5/ToneX – der italienische Klassiker und der Platzhirschprofiler
- #4 Overloud TH-U Full – der erste Profiler
- #5 Neural DSP – Archetype: Petrucci – Signature Sounds zu fairem Kurs
- #6 ML Sound Lab Amped Series – Ampsimulation made in Finland!
Die Software Ampsimulationen im Überblick:
#1 Two Notes – Genome Suite 2.0 – Modeling trifft auf Captures
Genome Suite 2.0 ist eine umfassende Amp-Modeling-Plattform für Gitarre und Bass, die virtuelle Verstärker, Effekte, Cabinets, Open-Source-Capture-Formate und Studio-Tools in einem flexiblen Rig vereint.




Mit neuen Features wie dem ParadeX-Block für AmpNet-Captures, zusätzlichen TSM-Ai-Amps, dem Mixfit-Block, Global Transpose und iPad-Unterstützung baut Two Notes den Funktionsumfang deutlich aus.
#2 Universal Audio – der Spezialist
Keine Frage, Universal Audio liefert im Gitarrensektor absolute Benchmark Plugins. Erst kürzlich schrumpfte die Company mit dem Dream ’65, Ruby ’63, Lion‘ 68und demWoodrow ’55 den Sound einiger ihrer hochgelobten UAFX Pedale auf Plugin Größe. Die Klangqualität aber auch das Konzept bleibt: ein ausgewählter Grundamp, dazu sechs Speakersimulationen und der eine oder andere Effekt.
#3 IK Multimedia – AmpliTube 5/ToneX – der italienische Klassiker und der Platzhirschprofiler
Auch IK Multimedia zählt zu den Mitstreitern, die schon sehr lange im Amp Plugin Business tätig sind, und so ist AmpliTube mittlerweile in der 5. Version erhältlich (hier geht es zum AmpliTube 5 Max Test). Auch hier zeigen sich neben einer Fülle an virtuellen Amp Simulationen auch diverse Effekte, Bodentreter und ein Mikrofon Controllroom, der sehr großzügige Eingriffe ermöglicht.
Neben dem etablierten AmpliTube sorgte IK Multimedia unlängst mit der ToneX Software für Furore. Mit dieser stellen die italienischen Musik-Soft- und Hardware-Spezialisten eine Computer-App vor, die das Erstellen digitaler Abbilder, sprich das Profiling, der eigenen Amps ermöglicht. Die unten aufgeführten Soundfiles wurden jedoch mit AmpliTube 5 erstellt.
#4 Overloud TH-U Full – der erste Profiler
Die italienische Firma Overload hat ein größeres Portfolio an Amp und Effektplugins. Bisher war das Flaggschiff das TH-3, doch seit kurzem ist mit dem TH-U eine revolutionäre Neuerung erhältlich, die neben eigenen Ampmodellen auch das Laden eigener Amp-Profile erlaubt und damit eine ähnliche Vorgehensweise ermöglicht wie beim Kemper.
89 Gitarrenamps, 4 Bassamps, 50 Gitarren-Cabinets, 2 Bass-Cabinets, 77 Pedal- und Rackeffekte sowie 18 Mikrofone mit bis zu vier Mikes pro Cabinet sind in der Software inkludiert. Neben klassischen Ampmodellen finden sich hier auch Kandidaten, die sonst eher selten in Amp-Kollektionen der Plugins anzutreffen sind, wie z.B. Randall, DV Mark oder Brunetti.
Besonders erfreulich ist hier eine sehr intuitive, grafische Benutzeroberfläche, das flexible Routing der Signalkette und natürlich die Möglichkeit, neben eigenen Profilen auch noch eigene IRs zu laden.
#5 Neural DSP – Archetype: Petrucci – Signature Sounds zu fairem Kurs
Die finnische Softwarecompany, die sich durch das Neural Quad mittlerweile auch im Hardwarebereich austobt, ist inzwischen zur etablierten Anlaufstelle im virtuellen Amp-Plugin-Business avanciert und wird von allen Seiten mit Lob überhäuft. Das Firmenkonzept sieht nicht vor, ein umfassendes Plugin mit allen erhältlichen Amps abzuliefern. Stattdessen beinhaltet es stilistisch spezialisierte Software für individuelle Soundvorlieben.
So wurden bereits unzähligen Künstlern wie Cory Wong, Plini, Tosin Abasi oder Gojira eigene Custom-Plugins auf den Leib geschneidert. Diese kommen zwar mit einer begrenzten Amp-, Cab- und Effektauswahl daher, bieten dafür aber eine relativ hohe Flexibilität und unterstützen auch das Laden eigener IRs. Als Stellvertreter für die gesamte Bandbreite der Neural Plugins haben wir euch den jüngsten Streich, das Archetype: Petrucci Plugin, ausgesucht. Die anderen Neural Softwares haben selbstverständlich nichts an Aktualität eingebüßt.
#6 ML Sound Lab Amped Series – Ampsimulation made in Finland!
Der finnische Softwarehersteller ML Sound Lab bietet mit der Amped Serie diverse Amp-Plugins, die neben der Simulation jeweils eines klassischen Gitarrenverstärkermodells noch einen Cabblock und diverse Bodentreter bietet. Optisch und konzeptionell lässt sich hier die Nähe zu Neural DSP nicht ganz leugnen, allerdings trumpfen die Plugins mit einem deutlich niedrigeren Preis und ebenfalls fantastischen Sound.



Soundbeispiele der Amp-Simulationen
Dies soll kein wirklicher Vergleich mit Bewertung oder Ranking der einzelnen Plugins sein, da diese teilweise andere Modelle und auch andere Faltungen benutzen und somit keine wirkliche 1:1 Gegenüberstellung ermöglichen. Vielmehr sollen die Soundbeispiele die einzelnen Software-Ampsimulationen vorstellen, die sich für meinen persönlichen Geschmack auch je nach Disziplinen und Amptypen unterschiedlich gut schlagen.
Auch wenn die Plugins diverse Effekte an Bord haben, soll es in dieser Auflistung in erster Linie um den reinen Amp-Sound gehen und daher wurde die Effektsektion weitestgehend ausgespart.
Für die Beispiele wurde das Gitarrensignal direkt durch einen API 512c HiZ Eingang in eine RME Fireface UFX geschickt. Innerhalb einer Disziplin wird das exakt identische DI Gitarrenfile mit dem Plugin belegt und die Dateien wurden in der Lautstärke normalisiert. Bei den Einzelfiles kamen keine Effekte oder EQs zum Einsatz und beim Beispielsong wurde in der gedoppelten und hart links-rechts gepannten Gitarrenspur lediglich ein Low Cut angesetzt. Die Songbeispiele wurden ganz rudimentär gemastert.
1. Clean Picking – Fender Stratocaster – Bridge
2. Blues Low Gain – Telecaster – Neck
3. Rock Midgain – Les Paul – Bridge
4. Vintage Rock – Stratocaster – Neck
5. Metal – Les Paul – Bridge (Drop D)
6. Lead – Ibanez AZ2204 – Bridge
7. Sound im Bandkontext – Ibanez AZ2204 – Bridge (double tracked)
Tabellarische Übersicht der Kernfeatures
| Two Notes Genome Suite 2.0 | UA diverse | IK Mult-imedia ToneX | Overloud TH-U | Neural DSP diverse | ML Sound Lab Diverse | |
| Kategorie | Allrounder | je nach Modell, spezialisiert | Allrounder | Allrounder | je nach Modell, spezialisiert | je nach Modell, spezialisiert |
| Ampmodelle | 42, Captures (unbegrenzt) | 1-3 | Captures (unbegrenzt) | 93 | 1-3 | 1-2 |
| Effekte | Ja | teilweise (Booster, Reverb, Tremolo) | Ja | Ja | Ja | Ja |
| Laden eigener IRs | Ja | Nein | Ja | Ja | Ja | Ja |



























Marce sagt:
#1 - 23.10.2023 um 14:09 Uhr
Ich bin total fasziniert davon, dass die Produkte von ML Sound Lab hier fehlen. Die Amps sind der Hammer! Unbedingt mal antesten! :-)
Haiko (Bonedo) sagt:
#1.1 - 25.10.2023 um 09:50 Uhr
Hi Marce, danke für den Hinweis! Ist schon in Arbeit;)!
Antwort auf #1 von Marce
Melden Empfehlen Empfehlung entfernenStefan sagt:
#2 - 03.11.2023 um 21:34 Uhr
Moin liebe Tester, Vandal VST programmiert von Sascha Eversmeier nutzt keine Impulsantworten sondern simuliert den kompletten Amp mit Boxen inklusive aller Schaltkreise, Lautsprecher etc. physikalisch. Ich kenne keine Simulation, die in Sachen Sound und Spielgefühl an dieses Plugin herankommt.
Rootnix sagt:
#2.1 - 04.11.2023 um 23:34 Uhr
Ich habe mir den Vandal sogar ohne Samplitude gekauft und damals war er herrausragend. Leider ist er nicht großartig weiterenwickelt worden und erreicht heute nicht die Klasse von Neural DSP. Mit Apple ist man eh außen vor.
Antwort auf #2 von Stefan
Melden Empfehlen Empfehlung entfernenMichael Elwert sagt:
#3 - 29.11.2023 um 16:55 Uhr
Warum findet der "Neural Amp Modeler" keinerlei Erwähnung? Auf diversen Youtube Kanälen schlägt er klangtechnisch alle anderen Anbieter. Liegt es vielleicht daran,dass das Plugin kostenlos ist?
Nadine sagt:
#4 - 04.02.2024 um 03:14 Uhr
Mixwave Milkman Creamer, bester Fender Cleansound Und Helix Native ist an Vielseitigkeit nicht zu überbieten.
Sascha Franck sagt:
#5 - 26.02.2024 um 11:56 Uhr
Schon mal was von Helix Native (Line 6) gehört? Wenn man einen Artikel über die besten Amp-Simulationen schreibt, gehört das da zwingend rein. Auch S-Gear sollte mMn nicht fehlen. Und der Murks von Positive Grid darf gerne weg, das Plugin versucht bei jedem Start, über 20 Webadressen anzutelefonieren, darunter so schöne Dinge wie Facebook, Googleadservices und Co.
Greco sagt:
#6 - 06.05.2024 um 12:04 Uhr
Cosa pensi di Tonocracy?
Wolfgang sagt:
#7 - 11.05.2024 um 12:31 Uhr
Danke für die Übersicht. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass auch Tonocracy von Atomic vorgestellt wird. Die Software ist mittlerweile frei erhältlich und klingt erstklassig. Kein Abo, keine Lizenzgebühren und viele User Presets, von denen einige sehr gut sind.
Torsten E sagt:
#8 - 11.11.2024 um 18:57 Uhr
Wenn der Artikel das Jahr 2024 im Titel trägt, dann sollte auch bei den Mercuriall-Plugins berücksichtigt werden, dass sich deren Angebot massiv verändert hat: die Basis ist nun das AmpBox-Plugin, in das die einzelnen Module wie Reaxis, Engl etc (inzwischen auch deutlich breitere Auswahl mit Marshall, Boogie, Bogner, Fender, ...) eingeklinkt werden. Inzwischen eine der besten und realistischsten Gitarren-Plattformen IMHO. Außerdem nicht vergessen: die ganze Palette von Igor Nembrini - auch sehr gute Modeling-Plugins. Last not least: die ganze Reihe an "Sampling"-basierten Plugins, die auf NAM basieren, wie NAM Plugin, Tonocracy oder Genome. Oder sind hier nur die Plugs gefragt, die man auch beim großen T erwerben kann??
STRomzAeHLEr sagt:
#9 - 18.12.2024 um 06:34 Uhr
Bei mir ist VANDAL nach wie vor eine feste Größe im Plug-in-Garten, hat eigenen Charakter, mehr Einstellungsmöglichkeiten am Amp als man anfangs glaubt und arbeitet ohne IRs (reines Modelling). Manchmal nutze ich auch nur den Octaver für Synths o.ä.
Abi sagt:
#10 - 28.05.2025 um 21:26 Uhr
Zu den Universal Audio Plugins hinzu zu fügen ist, dass diese exakt die gleichen sind, wie die von Brainworx/Plugin Alliance. Die Sachen sind alle von Igor Nembrini programmiert. Auf https://www.nembriniaudio.com finden sich eine Reihe weiterer Simulationen in ähnlicher Qualität. Am besten direkt seine eigenen Veröffentlichungen beziehen, dann müssen nicht so viele Plugin-Riesen wie Universal Audio oder Plugin Alliance sinnlos mit verdienen.
Hansi sagt:
#11 - 07.08.2025 um 20:21 Uhr
netter Test, aber es ist nicht fair, wenn man Beispiele in S-Gear mono und NI Rig stereo abspielen lässt!
Wolfgang sagt:
#12 - 23.10.2025 um 13:58 Uhr
Hallo Positive Grid Bias FX 2 ist nicht mehr am Markt und wurde eingestellt. Es wird durch BIAX X ersetzt. Außerdem fehlt hier GENOME von Two Notes. Groovige Grüße Wolfgang