Wer aktuell auf der Suche nach einem Verzerrer ist, steht vor einem unüberschaubaren und geradezu erschlagenden Angebot. Während ich diese Zeilen schreibe, stehen beispielsweise bei Thomann allein in dieser Kategorie über 600 Pedale zur Auswahl!
Im besten Fall habt ihr euch bereits mit der Materie auseinandergesetzt und euer Ziel ist ein ganz bestimmter Overdrive-, Distortion- oder Fuzz-Sound. Im Thomann-Webshop trefft ihr zu diesem Thema nicht nur auf die üblichen Klassiker, sondern auch auf ein riesiges Sortiment an Kopien, Interpretationen und Weiterentwicklungen bekannter Schaltungen. Deshalb sind die angebotenen Filterfunktionen kaum irgendwo hilfreicher als hier. Denn für die meisten Gitarrist*innen heißt es am Anfang der Suche nach dem Wunschverzerrer: „Sortieren nach → Günstigste zuerst.“ Doch was können wir von Budget-Verzerrern aus fernöstlicher Fertigung erwarten, deren Preise sich zunehmend auf das Niveau eines Restaurantbesuchs inklusive Getränk zubewegen? Soviel vorweg: Einiges!

Wir haben für euch 5 Verzerrer bis 30 Euro unter die Lupe genommen, die nicht bloß ihren Zweck erfüllen, sondern deutlich teurer klingen als ihr Preisschild vermuten lässt. Außerdem haben wir darauf geachtet, dass aus allen Gattungen (Overdrive, Distortion, Fuzz) etwas dabei ist. Im dazugehörigen Video stellen sich unsere Kandidaten auch optisch vor.
- Soran Mini Analog Drive / Super Drive – der etwas andere grüne Overdrive
- Tone City Mandragora – Boutique fürs schmale Budget
- Harley Benton Ultimate Drive – Vollgas mit großer Dynamik
- Harley Benton American TrueTone / American Sound – Amp-in-a-(Budget-)Box
- Behringer SF300 Super Fuzz – Kult-Fuzz-Klon mit Booster-Qualitäten
- Fazit
So werden die Audiofiles aufgezeichnet
Aufgenommen werden unsere Budget-Verzerrer vor einem Budda Superdrive 45 in Kombination mit einem RedSeven Amp Central EVO. Alle Reverb-Sounds kommen von einem Neunaber Wet Reverb. Als Gitarren stehen eine Maybach Texonian T54, eine Maybach Lester und eine Patrick Eggle Berlin Plus (PRS-Style) bereit.
Soran Mini Analog Drive / Super Drive – der etwas andere grüne Overdrive
Die chinesische Marke Soran ist seit 2024 am Markt und sorgt seitdem mit einem beachtlichen Portfolio an günstigen Stompboxen, Multieffekten und Modelern für Aufsehen. Für unter 30 Euro präsentiert sich das Super Drive (Mini Analog Drive) als Vertreter des „Green-Overdrive-Sounds“, womit natürlich der legendäre Ibanez Tube Screamer gemeint ist.
Tatsächlich setzt sich das Super Drive in meinen Ohren aber deutlich vom Tube Screamer ab. Es liefert einen sehr artikulierten und direkten Sound mit hohen Treble-Reserven, der sich hervorragend für durchsetzungsstarke Rhythmusgitarren eignet. Mit einer recht deutlichen Beschneidung der tiefen Frequenzen empfiehlt sich das kleine Grüne außerdem zum „Tightening“ eines bereits verzerrten Amps oder Pedals. Obendrein bietet das (B × H × T) 50 × 50 × 95 mm große und 182 Gramm schwere Pedal einen schaltbaren Super-Mode mit zusätzlichen Gain-Reserven. Wer seine Gitarre perfekt im Mix platzieren möchte, bekommt hier eine Menge für sein Geld. Und das bei absolut zufriedenstellender Verarbeitung.
Tone City Mandragora – Boutique fürs schmale Budget
Schon etwas länger am Markt ist die ebenfalls chinesische Firma Tone City, deren Pedale seit 2015 vor allem über das englische Musikhaus Andertons Music und dessen Youtube-Kanal in Erscheinung treten. Seitdem genießt die Marke einen hervorragenden Ruf, den sie bereits mit Signature-Modellen für Greg Koch, Rabea Massaad oder Peter „Danish Pete“ Honoré untermauert hat.
Das Tone City Mandragora ist eine Interpretation des Lovepedal Kalamazoo, eines eher weniger bekannten Overdrive-Pedals, das vor allem Boutique-Fans ein Begriff sein dürfte. Auf dem Programm stehen dynamische und transparente Medium-Gain-Sounds, die sich mithilfe einer sehr effektiven Höhenregelung (Pre-Poti) perfekt an den jeweiligen Amp anpassen lassen. Das (B×H×T) 45 × 47 × 95 mm große Mandragora bringt stolze 260 Gramm auf die Waage und hinterlässt einen sehr robusten Eindruck. Das Pedal stand übrigens Pate bei der Entwicklung des deutlich bekannteren (und auch teureren) Tone City Durple Signature-Pedals von Pete Honoré.
Harley Benton Ultimate Drive – Vollgas mit großer Dynamik
Das Ultimate Drive könnte man schon fast als modernen Klassiker unter den Budget-Verzerrern bezeichnen. Das ursprünglich von Joyo hergestellte und seit vielen Jahren unter der Thomann-Hausmarke vertriebene Overdrive/Distortion-Pedal ist ein Klon des Fulltone OCD. Das OCD gilt vielen als „Mutter des Amp-like-Overdrives“ und zeichnet sich durch seinen dynamischen Fullrange-Charakter aus. Klanglich schlägt das Ultimate Drive in die gleiche Kerbe und macht eine extrem gute Figur als „zweiter Kanal“ vor einem cleanen Amp.

Wer beerbt den Fulltone OCD? Mit dem Warm Audio ODD, dem MXR Super Badass und dem Harley Benton Ultimate Drive bewerben sich drei Kandidaten um die Nachfolge.
Die Gain-Reserven reichen dabei von Crunch bis High-Gain, gepaart mit enorm hohen Output-Reserven zum Anblasen der nachfolgenden Amps oder Pedale. Wie das Original sorgt auch das Harley Benton Ultimate Drive mit zwei Gain-Modi für Abwechslung. Das (B×H×T) 70 × 57 × 120 mm große und 293 Gramm schwere Pedal gehört nicht zu den Kandidaten, die ihren Sweetspot in der 12-Uhr-Stellung haben (siehe Video). Hier sind etwas Feingefühl, Geduld und Mut zu Extremsettings gefragt. Wer einen vielseitigen Kompromiss aus Overdrive und Distortion mit amp-ähnlichen Qualitäten sucht, findet hier den perfekten Budget-Partner unter 30 Euro.
Harley Benton American TrueTone / American Sound – Amp-in-a-(Budget-)Box
Harley Benton, die Zweite. Auch das American Sound (American True Tone) stammt ursprünglich vom chinesischen Hersteller Joyo und ist mittlerweile Teil des Thomann-Hausmarken-Line-ups. Wie der Name vermuten lässt, widmet sich das Pedal dem Sound amerikanisch geprägter Amps und soll laut Hersteller einen weiten Bereich zwischen Crunch und Medium-Gain abdecken.
In der Praxis macht das American TrueTone einen hervorragenden Job als Amp-in-a-Box-Pedal vor einem komplett clean eingestellten Amp. Das (B×H×T) 95 × 55 × 120 mm große und 377 Gramm schwere Pedal überzeugt sowohl im Edge-of-Breakup-Bereich als auch bei höheren Zerrgraden und entpuppt sich als extrem vielseitiger Verzerrer. Verantwortlich hierfür ist die umfangreiche Klangregelung, mit der sich alleine aus der Interaktion von Drive- und Voice-Poti eine Menge Sounds erzeugen lassen. Das Harley Benton American TrueTone kann man getrost als das Schweizer Taschenmesser unter den Budget-Overdrives bezeichnen.
Behringer SF300 Super Fuzz – Kult-Fuzz-Klon mit Booster-Qualitäten
Die Marke Behringer, heute Teil des Dachkonzerns Music Tribe, ist seit vielen Jahrzehnten eine feste Konstante im Bereich des bezahlbaren Audio-Equipments. Auch für Gitarrist*innen hat der in China ansässige Hersteller ein breites Angebot an günstigen Stompboxen im Angebot. Das Behringer SF300 Super Fuzz ist ein Klon des Boss FZ-2 Hyper Fuzz, das nur von 1993 bis 1997 hergestellt wurde. Das Hyper Fuzz gilt vielen Vintage- und Stonerrock-Fans als unerreichtes Kultpedal und erzielt auf dem Gebrauchtmarkt mittlere dreistellige Summen.
Das Behringer Super Fuzz genießt den Ruf einer originalgetreuen Kopie. Im Fuzz-1-Modus erzeugt es einen sehr mittenlastigen Old-School-Fuzz-Sound, während der Fuzz-2-Modus mit einem dichten Mid-Scoop-Sound aufwartet. Im dritten Modus präsentiert sich das Super Fuzz ganz nebenbei als hervorragend klingender Booster, womit das Pedal ein extrem weites Feld an Einsatzmöglichkeiten absteckt. Kompromisse muss man dafür bei der Fertigungsqualität in Kauf nehmen. Das (B×H×T) 70 × 55 × 120 mm große Gehäuse des SF300 besteht komplett aus Plastik und wurde für einen vermeintlich wertigeren Eindruck mit einer Metallplatte am Boden beschwert (Gesamtgewicht 314 Gramm). Wer sich davon nicht stören lässt, findet hier ein kultiges und extrem günstiges Fuzz-Pedal, das sich – persönlicher Tipp – hervorragend als Geburtstagsgeschenk für befreundete Musiker*innen eignet.
Fazit
Wie man sieht, verstecken sich unter den günstigsten Overdrive-, Distortion- und Fuzz-Pedalen einige Perlen, die es klanglich mit deutlich teureren Kandidaten aufnehmen können. Wer also über ein kleineres Budget verfügt oder die ersten Gehversuche im Verzerrer-Jungle unternimmt, kann heutzutage ohne Bedenken die „Günstigste zuerst“-Option wählen. Wenn ihr euer Equipment frei von Statussymbolik zusammenstellt und die kritischen Blicke der „Gear-Polizei“ ignorieren könnt, findet ihr zum Preis eines Restaurantbesuchs vielleicht den Verzerrer fürs Leben.
Wie lauten eure Geheimtipps bei den Verzerrern unter 30 Euro? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen!
























