Anzeige
ANZEIGE

Eine Liebeserklärung an den Tubescreamer

Dass der Ibanez Tubescreamer im nächsten Jahr seinen 40. Geburtstag feiert, mag man kaum glauben, so aktuell und präsent ist der Kult-Zerrer immer noch. Und kaum ein Verzerrerpedal wird nach wie vor so heiß und kontrovers diskutiert und auch nach all den Jahren so fleißig kopiert und geklont wie der kleine grüne Kobold aus Japan.

Eine_Liebeserklaerung_an_den_Tube_Screamer_Feature


Unzählige Mythen ranken sich um die verbauten Chips und hitzige Diskussionen entbrennen regelmäßig bei Fragen wie der nach dem Tubescreamer, der wohl am besten klingt oder wie Stevie Ray Vaughan ihn wohl eingesetzt haben mag. Für diese Folge haben wir einige Informationen über den grünen Klassiker ausgegraben, die hoffentlich etwas Licht in die Mysterien des Overdrives bringen.

History

Da man mit der Geschichte des Tubescreamers ganze Bücher füllen könnte, hier ein paar Eckdaten in aller Kürze:

Ibanez TS808 narrow box / TS808

Ibanez TS808 Original Tube Screamer
Ibanez TS808 Original Tube Screamer

Der erste Tubescreamer TS808 erschien 1979 Jahre als Nachfolger des orangefarbenen Overdrivepedals OD850, das jedoch in seinem Klangcharakter eher an ein Fuzzpedal erinnerte und im Gegensatz zum TS nur bedingt dem Namen “Overdrive” gerecht wurde. Auch wenn der Tubescreamer von Ibanez produziert wurde, stammte die Schaltung doch von Susumu Tamura vom Hersteller Maxon, an der Hoshino Gakki die Rechte erwarb. Diese ersten Modelle erschienen teilweise in schmaleren Gehäusen als der aktuelle TS808, waren mit einer anderen Schaltung versehen und trugen auch zwei MP1458 Chips.
Ein Jahr später wurden diese durch die legendären Op-Amps des Typs 4558 ersetzt, die anfangs von der Japan Radio Corporation gefertigt wurden und korrekterweise den Namen JRC4558D trugen. In manchen Modellen steckte aber auch der malaysische Texas Instrument RC4558P. Das Gehäuse wurde minimal vergrößert und entsprach in seiner Form dem auch heute erhältlichen TS808.

Ibanez TS9

Ibanez TS9 Tube Screamer
Ibanez TS9 Tube Screamer

1982 wurde der TS808 jedoch von der “9”er Serie abgelöst (der Name ist dem verwendeten 9V-Block zu verdanken), und der TS9 trat in die grünen Fußstapfen. Dieser unterschied sich auch optisch von den Vorgängermodellen und bekam einen neuen Fußtaster, angeblich, weil die alten Schalter nicht mehr erhältlich waren. Die Schaltung blieb weitestgehend gleich, wobei lediglich in der Output-Sektion kleine Veränderungen vorgenommen wurden, die den TS9 etwas höhenreicher und weniger weich klingen lassen. Die verbauten Chips waren anfangs noch die 4558 Modelle, allerdings kamen später auch andere Chips, wie z.B. der JRC2043DD zum Einsatz, die von den Usern jedoch eher verschmäht wurden. Da die Nachfrage nach dem TS9 eher moderat ausfiel, wurde die Produktion 1985 eingestellt.

STL / ST9

1985 folgte die Master- oder L-Serie, die das vierknöpfige STL enthielt und das sehr seltene ST9 Supertubescreamer-Modell, das nur in Europa erhältlich war.

Ibanez TS10

Ibanez TS10 Tube Screamer Classic
Ibanez TS10 Tube Screamer Classic

Ein Jahr später, 1986, erschien die “Power Series”, bzw. die 10er Reihe, zu der der TS10 zählt, mit mehr Veränderungen in der Schaltung. Hier wurden sehr kostengünstige Komponenten verbaut, die Stecker sind nicht am Gehäuse, sondern auf der Platine verschraubt und das Chassis ist dünner. Gegen Ende der Produktion wurden einige TS10 in Taiwan gebaut und mit dem MC4558 Chip versehen. Die frühen Made in Japan TS10 sind mittlerweile trotz der erwähnten Abstriche sehr gefragt, nicht zuletzt, weil auch John Mayer mittlerweile dieses Pedal benutzt.

TS5 / TS7

Im Prinzip endet hier die Geschichte der “begehrten” Tubescreamer Modelle. Weitere Modelle waren der TS5 aus der Soundtankserie mit Plastikgehäuse und der TS7 Tone Lok, mit “Hot”-Switch für eine Schippe Mehr an Verzerrung.

Reissues

1992 kam es dann zum Reissue des TS9, da die alten TS9 Modelle mittlerweile zu sehr hohem Kurs gehandelt wurden. Diese wurden anfangs mit dem ungeliebten Toshiba 75558 Chip ausgestattet, auch wenn die restliche Schaltung weitestgehend identisch blieb. Das aktuelle Modell trägt jedoch den JRC4558D als Herzstück. 1996 erfolgte dann die Trennung von Maxon, die selbst TS-Modelle produzierten. Auch der TS808 wurde als Reissue gefertigt, und zwar sowohl als Stangenware als auch in einer Handwired-Variante als TS808HW.
Weitere erhältliche Modelle sind der TS9DX, der TS9B für Bass, der TS808DX und der TS Mini.
Seit neustem ist auch das Nu Tubescreamer-Modell erhältlich, dass auf die Korg’sche NuTube anstatt auf Diodenclipping setzt und mit einem Mixregler ausgestattet ist. Alle aktuellen Modelle sind Made in Japan.

Fotostrecke: 2 Bilder Maxon OD-808 Overdrive Reissue Series
Fotostrecke

Harley Benton Vintage Overdrive

Harley Benton Vintage Overdrive

Kundenbewertung:
(1222)
Maxon OD-808

Maxon OD-808

Kundenbewertung:
(571)
Ibanez TS808

Ibanez TS808

Kundenbewertung:
(253)
Ibanez TS9

Ibanez TS9

Kundenbewertung:
(414)

Eigenarten:

Beim Tube Screamer wird die Verzerrung, wie bei vielen Overdrive-Pedalen, durch Softclipping generiert. Einfach gesprochen geschieht dies im Feedback-Pfad der Verstärkungsschaltung und die Wellenform wird nicht hart gecuttet, sondern abgerundet, im Gegensatz zu “Hardclippern” wie der ProCo Rat oder dem MXR Distortion+.
Auch wenn eine asymmetrische Verzerrung mehr nach Tubeamp klingen soll, liegt beim TS eine symmetrische Verzerrung vor, das heißt, beide Halbwellen werden gleich “verbogen” und nur ungerade Harmonische (=Obertöne) werden hinzugefügt.
Im Feedbackloop findet eine frequenzabhängige Verzerrung statt, denn unter 720 Hz wird weniger verzerrt, wohingegen Frequenzen über 720 Hz die volle Verzerrung erfahren. Höhen werden nach der Verzerrungs-Stufe abgedämpft.
Schaltungstechnisch wird das Eingangssignal mit dem Ausgangssignal des Clippers gemischt, was dem Tubescreamer diese charakteristische Klarheit und Transparenz verleiht, die andernfalls am Threshold des Clippings verlorengehen würde. Es wird also streng genommen kein cleanes Originalsignal durchgelassen, wie häufig kolportiert wird, auch wenn der Eindruck entsteht. Vielmehr ist kein extra Mischer in der Schaltung vorhanden, sondern die Wellenformmischung wird durch die nichtinvertierte Schaltung erzeugt. Bei Clipping und Verstärkung des Signals entsteht ein Mix aus dem geclippten Signal sowie den Wellenformen von geclipptem und Originalsignal. Die Dioden clippen erst ab etwa 0,7 Volt Durchbruchspannung. Die Mischung der beiden Wellenformen ergibt sich durch den IC und beim Nutube Screamer wurde sogar extra ein Poti hinzugefügt, um Original und OD Signal zu mischen.

Ganz untechnisch und aus Sicht des Gitarristen gesprochen zeichnen den Tubescreamer ein paar ganz handfeste Eigenarten aus, die man entweder liebt oder hasst:
1. Zum einen besitzt er einen ganz charakteristischen Sound, der sich vor allem durch sehr prägnante, vokale Mitten auszeichnet. Da die Gitarre im Bandspektrum ohnehin im Mittenbereich ihren Platz findet, besitzt der TS die Qualität, das Instrument hier etwas in den Fokus zu heben, was ihn als Booster und “always-on” Pedal natürlich hervorragend qualifiziert.
2. Viele Gitarristen stören sich an dem “Bassklau”, den das grüne Pedal mit sich bringt und in der Tat sorgt der Tubescreamer dafür, dass der Sound etwas an Low-End verliert. Doch gerade in seiner Funktion als Solo-Boostpedal kann das natürlich Vorteile haben, da der TS dadurch als natürliche Low-Cut-Funktion in Erscheinung tritt und bestimmte Gitarrenpassagen aufgeräumter wirken.
3. Setzt man den Tubescreamer vor einen extrem cleanen Amp, evtl. auch noch mit einer Humbuckergitarre, so bekommt man subjektiv den Klangeindruck, dass sich zum verzerrten Signal ein cleanes Direktsignal hinzugesellt, als ob man zwei verschiedene “Soundschichten” gewinnen würde. Diese Eigenschaft wird zurecht von vielen Gitarristen als extrem unattraktiv empfunden. Allerdings liegen die Hauptqualitäten des Pedals auch nicht in einem solchen Setup, sondern vielmehr im Einsatz mit einem Amp, der im Prinzip kurz vor dem Break-Up steht. Dreht man nun am Pedal den Level jenseits der 12-Uhr-Marke, erhält man den Sound, für den der Tubescreamer so bekannt ist und den übrigens auch Stevie Ray Vaughan so populär gemacht hat. Der pegelte den Volume seines Amps so, dass dieser knapp vor der Verzerrung war, setzte das Volume des Tubescreamers auf Maximum, während der Overdrive-Regler extrem niedrig stand. Bei Belieben kann man auch den Tone-Regler herunterfahren.
4. Im Inneren befinden sich ein Input- und ein Outputbuffer, das heißt, der TS ist kein True-Bypass-Pedal.

In folgendem Analyzer-Vergleich habt ihr links den reinen Amp, einen Fender Bassman, und rechts das gleiche Riff mit Tubescreamer. Sehr schön sieht man, wie die Bass-Frequenzen bis 216 Hz abgesenkt und die Mitten bis 4,5 kHz angehoben werden:

Analyzer-Vergleich: Fender Bassman vs. Tubescreamer
Analyzer-Vergleich: Fender Bassman vs. Tubescreamer

Tubescreamer-Gitarristen

Fotostrecke: 2 Bilder Stevie Ray Vaughan
Fotostrecke

Der erste Player, der dem Tubescreamer zu internationalem Ansehen verhalf, war sicherlich Stevie Ray Vaughan, der im Studio auch gerne mal zwei davon hintereinander schaltete. Stevie setzte seit 1982 sowohl das erste Modell TS808 ein, allerdings später auch den TS9, der überwiegend und auch in Vaughans Fall den etwas unbeliebten JRC2043DD Chip enthielt. Selbst der TS10 wurde in den letzten Jahren (88-90) von Vaughn’schen Füßen getreten, was auch dieses eigentlich günstige Modell zu einem beliebten Sammlerobjekt machte.
Andere bekannte Spieler sind Joe Bonamassa, Eric Johnson, Santana, Trey Anastasio, Keith Urban und viele mehr.
Interessanterweise gibt es einige Gitarristen, die den TS9 zu bevorzugen scheinen, wie z.B. The Edge von U2, Noel Gallagher oder Buddy Guy.
Der TS10 war aufgrund der billigen Bauweise eher verpönt, doch nachdem es von Vaughans altem Gitarren-Tech Rene Martinez eingesetzt wurde und dieser mittlerweile auch für John Mayer arbeitet, der nun auch ein TS10 spielt, gewinnt dieses Pedal einen immer höheren Wert in Sammlerkreisen.
Weitere TS10-User sind bzw. waren neben Vaughan und Mayer übrigens auch Gary Moore.

Voodoo:

An dieser Stelle sei kurz der Hype um diverse Pedal- und Chipreihen angesprochen.
Auch wenn es unbenommen ist, dass qualitative Unterschiede herrschen, so möchte ich doch auch zu bedenken geben, dass diverse Bauteile auch in sich Streuungen unterliegen und zum Beispiel Werte diverser unselektierter Gainpotis unter Umständen bis zu 20% differieren, sodass auch zwei identische Modelle mit identischen Chips bei gleichem Setting unterschiedlich klingen können. Wie erwähnt: Vaughan hat ohne Bedenken sowohl den TS808, als auch den TS9 und den TS10 verwendet und sein Platten sind toll. Und das – man höre und staune – obwohl die Pedale keinen True Bypass hatten. Insofern – immer das Ohr entscheiden lassen und alle Behauptungen erst einmal mit einer Prise Salz genießen!

Sounds:

Zum Abschluss möchte ich euch noch ein paar Beispiele zu den gängigen Tubescreamer-Modellen im Vergleich präsentieren, inklusive einiger Exemplare von anderen Herstellern:

Liebeserklaerung_TS_2a
YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Beispiel 1:

Audio Samples
0:00
TS808 – JTM45 – Stratocaster TS9 – JTM45 – Stratocaster Nu Tubescreamer – JTM45 – Stratocaster Maxon OD808 – JTM45 – Stratocaster Harley Benton Vintage Overdrive – JTM45 – Stratocaster

Beispiel 2:

Audio Samples
0:00
TS808 – JTM45 – Les Paul TS9 – JTM45 – Les Paul Nu Tubescreamer – Les Paul Maxon OD808 – JTM45 – Les Paul Harley Benton Vintage Overdrive – JTM45 – Les Paul

Quellen und weiterführende Links zum Tubescreamer findet ihr hier:

Hot or Not
?
Eine_Liebeserklaerung_an_den_Tube_Screamer_Feature Bild

Wie heiß findest Du diesen Artikel?

flame icon flame icon flame icon flame icon flame icon
Your browser does not support SVG files

von Haiko Heinz

Kommentieren
Kommentare vorhanden
Schreibe den ersten Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Für dich ausgesucht
Eine Liebeserklärung an den Marshall Guv’Nor
Gitarre / Feature

Der Marshall Guv’nor ist ein Zerrpedal mit wechselvoller Geschichte, aber seit eh und je ein charaktervoller und selbstbewusster Begleiter für die Gitarre.

Eine Liebeserklärung an den Marshall Guv’Nor Artikelbild

Ende der 80er Jahre war die Produktion verschiedenster Overdrive- und Distortionpedale diverser Herstellern bereits in vollem Gange und als Gitarrist konnte man aus einer Fülle von Modellen jeglicher Couleur auswählen. Nichtsdestotrotz war der Druck, der aus einem verzerrten Amp gewonnen wurde, dem Pedalsound in der Regel deutlich überlegen und häufig wurden die Pedale zum damaligen Zeitpunkt als Booster eingesetzt.

Eine Liebeserklärung an den Boss GE-7
Gitarre / Feature

Der Boss GE-7 ist eine Legende im Pedalboard und verbiegt als grafischer Equalizer seit über 40 Jahren verlässlich den Gitarrenton in die gewünschte Richtung.

Eine Liebeserklärung an den Boss GE-7 Artikelbild

Es gibt auf dem Pedalmarkt diverse Bodentreter, über die man sich sicherlich trefflich streiten kann. Bei einigen wenigen Modellen scheint jedoch eine sehr harmonische Einigkeit über deren Nutzen oder Qualität zu bestehen, und in genau diese Kategorie fällt der grafische Equalizer GE-7 aus dem Hause Boss.

Eine Liebeserklärung an den Booster
Feature

Eine Liebeserklärung an den Booster ist schon lange überfällig. Kaum ein Gitarreneffekt arbeitet im Hintergrund so kräftig und effektiv am perfekten Sound.

Eine Liebeserklärung an den Booster Artikelbild

In dieser Folge soll es um eine Pedalkategorie gehen, die selbstverständlich jeder Gitarrist kennt, besitzt, und vermutlich auch benutzt: den Booster.Viele wissen vermutlich aber nicht, dass der Booster zu den ältesten Gitarreneffekten überhaupt gehört, sich seine ursprüngliche Konzeption aber stark von der aktuellen unterscheidet. Er war in der Vergangenheit wesentlich prägender für die frühen Gitarrensounds der Rockgeschichte als dies später der Fall war.

Eine Liebeserklärung an den Big Muff
Bass / Feature

Perfekte Mixes mit Kopfhörern verspricht Dear Reality dearVR MIX. Dafür bekommt ihr neun virtuelle Umgebungen und das sogenannte SHC Feature.

Eine Liebeserklärung an den Big Muff Artikelbild

Es gibt E-Bässe, Bassverstärker und Effektgeräte, die über die Jahre Kult geworden sind und auf der "haben wollen"-Liste fast aller Bassisten ganz oben stehen. Die Gründe für die Beliebtheit liegen entweder an dem sehr speziellen Sound, an berühmten Songs oder Vorbildern - oder einfach daran, dass diese Instrumente, Verstärker oder Effekte eben die ersten ihrer Art in der Rock- und Pop-Geschichte waren. In unserer neuen Rubrik "Eine Liebeserklärung an ..." möchten wir derartiges Equipment vorstellen und auf die Geschichte, berühmte Benutzer oder Songs sowie die Anwendungsmöglichkeiten eingehen. Unser erster Kandidat ist der legendäre Electro Harmonix Big Muff, der schon Gitarristen wie Jimi Hendrix zu ihrem sagenumwobenen Sound verholfen hat. Aber auch das Thema "verzerrter Bass" wäre ohne dieses kleine Helferlein aus den Händen des legendären Soundtüftlers Mike Matthews nicht das, was wir heutzutage damit assoziieren!

Bonedo YouTube
  • Boss RE-2 Space Echo - Sound Demo (no talking)
  • Gibson G-Bird | Generation Collection - Sound Demo (no talking)
  • Best Cyberweek DEALS for Guitarists! - 2022