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Keyboarder Dave Ball von Soft Cell: Kraftwerk sind genauso einflussreich wie die Beatles

Soft Cell war ein britisches Synthie-Pop-Duo bestehend aus David Ball (Keyboards) und Marc Almond (Vocals), gründete sich in 1979 im britischen Leeds und wurde 1981 mit dem Song ‘Tainted Love’ berühmt. Nach der Veröffentlichung von drei Alben trennte sich das Duo in 1984. Während Marc Almond solo weitermachte, involvierte sich Dave Ball neben seiner Arbeit als Produzent und Remixer in Bands und Projekten wie ‘Other People’, ‘English Boy on the Loveranch’, ‘Jack the Tab’ ‘The Grid’. Im Jahr 1989 kam es wieder zu einer ersten Zusammenarbeit der beiden Musiker, als ‘The Grid’ die Single Waifs & Strays von Marc Almond remixten. Zudem erfolgten 1991 weitere Mitarbeiten an Marc Almonds Album ‘Tenement Symphony’. Seit 1998 schrieben und arbeiteten Almond und Ball an neuen Songs, was in einigen Konzerten im Jahr 2001 in London gipfelte. Im April 2002 folgten die Veröffentlichung des Albums ‘Very Best Of…’ mit zwei neuen Tracks und eine Europa-Tournee. Im Herbst 2002 erschien das Album ‘Cruelty without Beauty’ und es fand eine weitere Tournee statt. Bis 2004 tourten Soft Cell dann weiter zusammen, danach trennten sich ihre Wege erneut.

Dave Ball von Soft Cell (Foto: Jim Dyson/Getty Images)
Dave Ball von Soft Cell (Foto: Jim Dyson/Getty Images)


“Die Studenten hatten Ende der 1970er Jahre einen besonderen Look”, erinnert sich Dave Ball von Soft Cell. “Als ich 1977 durch die Türen des Polytechnic College von Leeds ging, konnte ich nur Levis und langes Haar sehen. Das war die Standarduniform – komplett mit ‚Yes‘-Tour T-Shirt, einem Flaumbart und Dr. Marten Boots. Aber dann bemerkte ich diesen einen Jungen, der eine goldene Laméhose und ein Oberteil mit Leopardenmuster trug. Verdammt, er sieht interessant aus. Das war Marc Almond und er war der Erste, mit dem ich gesprochen habe!“

Trotz dieses ersten Treffens dauerte es fast ein Jahr, bis die beiden musikalisch zusammenarbeiteten. Wie Almond war Ball für den Kunstkurs eingeschrieben, aber nach einigen Monaten schien er die meiste Zeit im winzigen Aufnahmestudio des Colleges zu verbringen.

„Zu Hause in Blackpool kaufte ich einen gebrauchten Korg Maxi-Korg 800DV, von dem mir gesagt wurde, dass er einst Jethro Tull gehört hatte“, erklärt er. „Das hätte wahr sein können, weil Ian Anderson in Blackpool zur Schule gegangen ist. Wie auch immer, Marc hörte mich am College mit diesem Ding herumnudeln und bat mich, ein paar elektronische Geräusche für diese Performance-Kunstwerke zu machen, die er zu der Zeit machte. Wir haben uns hingesetzt, eine Tasse Tee getrunken und … ich nehme an, das war der Beginn von Soft Cell. Komisch, wie das Leben ausgeht … Was wäre passiert, wenn ich statt nach Leeds nach Newcastle gegangen wäre? Oder hätte eine Gitarre anstelle des Korg-Synths gekauft?”

Soft Cell in den 1980er Jahren (Foto: laut.de)
Soft Cell in den 1980er Jahren (Foto: laut.de)

Wie bei vielen war Balls erster musikalischer Kauf eine Gitarre, aber nachdem sein Vater – ein Ingenieur – ihn überredet hatte, seinen eigenen Verstärker zu bauen, fühlte sich Ball plötzlich von der aufstrebenden Welt elektronischer Klänge angezogen.

„Es gab da einen Jungen, der neben meiner Großmutter wohnte und Orgel spielte. Aber oben auf der Orgel hatte er dieses Ding namens Synthesizer. Eines Nachmittags ließ er mich mal da dran und ich war total fasziniert davon. Zu der Zeit hörte ich Sachen wie Status Quo – sie waren die erste Band, die ich jemals gesehen habe – aber das war Musik von einem anderen Planeten. In Verbindung damit kamen all diese neuen Bands in die Charts. Roxy Music, Bowie, Hawkwind … seltsame Geräusche, seltsame Texte. Dann ist Bowie 1972 an der Spitze des Pops und macht Starman. Er trägt einen Trikotanzug und legt seinen Arm um Mick Ronson. Diese Zeit der späten 1960er bis hin zu den frühen 1970ern war eine bemerkenswerte Zeit für die Musik. Die Dinge bewegten sich in einer neuen Phase.”
„Ein bisschen später gab‘s natürlich Kraftwerk. Ich weiß, es ist ein Klischee über Kraftwerk zu sprechen, aber ohne sie hätte moderne Musik ganz anders geklungen. Meiner Meinung nach sind sie genauso einflussreich wie die Beatles. Kraftwerk sind die Techno-Beatles! Man schaue sich an, wie einflussreich sie in Amerika waren. Da begann gerade der Hip-Hop, dann spielen diese vier deutschen Typen in Anzügen diese seltsame, eckige Musik. Eckig, aber gleichzeitig unglaublich funky. Arthur Baker, Afrika Bambaataa… alle hörten Kraftwerk. Sie nahmen ihre Beats und verwandelten Hip-Hop in Elektro. Und daraus entstand dann Planet Rock“.

Soft Cell
Soft Cell ‘One final Time’. In 2018 verkünden Soft Cell zum 40. Band-Jubiläum überraschend ein Farewell-Konzert in Londons O2 Arena (Foto: Cumbia Crack)

Ball gibt ohne Weiteres zu, dass seine Songwriting- und Produktionsmethoden den ersten Kraftwerk-Alben viel zu verdanken haben.

“Sie sind voller brillanter Songs, aber, wenn man sie richtig hört, merkt man sofort, wie viel Platz da ist … sehr einfache Arrangements. Dies gilt auch für viele dieser frühen elektronischen Aufnahmen. Human League‘s Dare; manchmal nur drei oder vier Instrumente auf der gesamten Begleitspur. Für mich ist das ein Zeichen für ein gutes, starkes Lied, gerade weil hier so viel Luft ist.”
„Wenn ich einen Song beginne – und das ist auch heute noch so, 40 Jahre nach unserer ersten Veröffentlichung -, halte ich die Dinge immer sehr einfach. Eine Drum Machine, ein paar Synthesizer. Wenn man nicht aufpasst, ist man bereits im Produktionsprozess, bevor man überhaupt einen anständigen Song zusammen hat. Und alles, was man tun muss ist die Tatsache zu maskieren, dass der Song nicht viel zu bieten hat. Man lässt sich von all den abgefahrenen Effekten täuschen. Wenn man mich mit dem tollsten Equipment unter der Sonne in ein riesiges Studio stecken würde und mir sagte, ich solle ein Lied schreiben, wäre ich verloren. Ich arbeite lieber mit einem Klavier und einem Metronom.“
„Um eine simple Analogie zu verwenden: Denk mal darüber nach, wie du ein Haus bauen würdest. Man beginnt nicht mit teuren Türen und Fenstern, oder der tollen Leuchte, die ins Badezimmer soll. Man startet ganz unten und baut eine gute solide Basis auf. Für mich sind das Schlagzeug und Bassline. Dann die Toplines, Hooks und Melodien. Das Ganze muss man einfach halten und viel Platz lassen! Schon aus diesen Gründen war ich noch nie ein Fan von Pad-Sounds. Der Hinweis liegt dort bereits im Namen … ‚Padding‘ (Polstermaterial). Das ist alles was es ist. Und sobald man versucht, das live zu spielen, wird der zu Song zu Brei. Je mehr Platz vorhanden ist, desto größer wird der Song.“

Wie, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, listet Ball das Soft Cell-Setup für diese frühen Singles auf, inkl. des Covers von Tainted Love, einer weltweiten Nummer „1“ und in 1981 die meistverkaufte Single in England.

„Es gab den Korg 800DV, ein Dual Stylus Stylophone, das ich in einem Second-Hand-Laden in Leeds gefunden habe, eine Melos Echo Chamber, einen Boss Dr. Rhythm und das beste Stück, das ich je besessen habe … einen Korg SB-100 Synthe-Bass. Ich habe den von einem Freund meines Hochschullehrers gekauft und der hat mich 20 Pfund gekostet. Ein Schnäppchen! Das war unser Bass-Sound für viele, viele Jahre.“

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Überraschenderweise hatte Soft Cell in diesen frühen Jahren einen ebenso einfachen wie vernünftigen Umgang mit der finanziellen Seite ihrer Karriere – trotz ihres hedonistischen Rufs!

“Zum Glück hatten wir einen guten Buchhalter gefunden”, lacht Ball. “Tatsächlich ist er heute noch mein Buchhalter. Wenn die großen Lizenzgebührenschecks eingehen, denken man sofort: “Gut, was können wir kaufen?” Man sieht, wie viel auf der Bank ist, und möchte es nur ausgeben. Aber dieser Typ hat uns überzeugt, uns auf einen Wochenlohn zu setzen. Ich, Marc und Stevo, unser Manager, bekamen alle 90 Pfund pro Woche, was zu dieser Zeit nicht schlecht war. Mit dem Geld vorsichtig umzugehen bedeutete, dass ich eine Hypothek aufnehmen und meine erste Wohnung kaufen konnte. Es bedeutete auch, dass die Steuerrechnungen bezahlt wurden. Gott sei Dank habe ich nicht alles für ein Synclavier ausgegeben. Ich habe damals überlegt, eins zu kaufen, aber das waren 120 Riesen, doppelt so viel wie der Preis, den ich für die Wohnung bezahlt habe!“

Obwohl sich Soft Cell 1984 offiziell trennten, hat Almond eine erfolgreiche Solokarriere hinter sich gebracht. Zu den zahlreichen Projekten von Ball gehörte The Grid, das 1994 mit Swamp Thing einen Top-3 Hit hatte – und es gab mehrere Wiedervereinigungen und Veröffentlichungen. Tatsächlich könnten die letzten Jahre fast als „beschäftigt“ bezeichnet werden. Es gab die massive Live-Show in Londons O2 Arena, neue Compilation-Alben, frische Remixe von Tainted Love, neu veröffentlichte EPs und zuletzt die Neuveröffentlichung des 2002er Albums Cruelty Without Beauty. Cruelty, das erste offizielle “Reunion”-Album, war auch deren erstes digitales Album.

Eine der späten Soft Cell Live-Shows in Londons O2 Arena. (Foto: Electricity Club)
Eine der späten Soft Cell Live-Shows in Londons O2 Arena. (Foto: Electricity Club)

“Ja, die Technologie hat sich seit unserer Trennung im Jahr 1984 ziemlich weiterentwickelt. Als wir mit der Arbeit begannen, war ich zu Logic übergegangen. Ich nehme an, die größte Veränderung im Studio war, Audio in den Computer aufnehmen zu können. Das hat den Gesang sicherlich viel einfacher gemacht. Aber wie ich bereits sagte … musikalisch habe ich es immer vorgezogen, die Dinge einfach zu halten. Ja, ich hatte Logic auf dem Computer, aber die meiste Zeit war es nichts weiter als ein verherrlichter Sequenzer. Einige der ursprünglichen Songideen für Cruelty wurden tatsächlich auf einem Alesis MMT-8 zusammengestellt. Ich hatte ein paar zusätzliche Synthesizer wie den Korg Prophecy, aber das ganze ausgefallene Computer-Zeug wurde von Ingo Vauk erledigt, mit dem ich ein Studio in West-London teilte.”
“Ich bin nicht gegen Computer oder Software, nichts dergleichen. Ich benutze seit Jahren Soft-Synthesizer und arbeite viel im Computer. Mir ist aber auch bewusst, dass ich in Gefahr bin, in einem sehr tiefen Kaninchenbau zu verschwinden, wenn ich anfange, in das Herz von Logic zu graben oder den Computer mit jeder verfügbaren Software zu laden. Alles, was dann passieren wird, ist drei Tage lang Snare-Sounds zu hören oder herauszufinden, wie man einen ausgefallenen Effekt verwendet. Das fühlt sich für mich wie Zeitverschwendung an. Ich möchte einfach nur Songs schreiben.“

Die erweiterte Neuauflage von ‘Cruelty Without Beauty’ ist auf der Soft Cell-Website verfügbar.

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Dave Ball von Soft Cell (Foto: Jim Dyson/Getty Images)

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von Michael Geisel

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Profilbild von Wellenstrom

Wellenstrom sagt:

#1 - 31.08.2022 um 22:00 Uhr

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Dave Ball und Soft Cell. War während meiner musikalischen Sozialisation der Konterpart zu Martyn Ware und The Human League. Beide waren sie genial darin, elektronische Hymnen mit wenigen Mitteln zu generieren. In ihrer Gegensätzlichkeit ergänzten sie sich. Während The Human League vor allem eher zu düsteren Dystopien neigte, die Einsamkeit und das Leid des Individuums in der durchtechnologisierten Gesellschaft in Melodie und Rhythmus goss (die ersten beiden Alben bis einschließlich 1980), beschrieben Soft Cell (ab '81) eher den Hedonismus in einer sozial kälter werdenden Thatcher-Ära, die Käuflichkeit des Menschen und des Sich-Verlierens in Süchten und Triebhaftigkeit, die verborgenen Wünsche von Hausfrauen, Außenseitern und Adoleszenten. Im Prinzip deckten allein diese beiden Bands während dieser elektronischen Post-Punk Phase alle Tiefen und Untiefen der menschlichen Psyche ab. Und das tanzbar! Die 12 Inches von Soft Cell waren ihrer Zeit um einiges voraus.

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