Bass Serie_Interview
Feature
9
13.07.2012

DAS INTERVIEW
(5 / 5)

Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit und geschätzten 20 Interviews vor uns treffen wir in Köln auf einen sehr wachen und aufmerksamen Geddy Lee, der jeder Frage sehr konzentriert folgt und sie nach kurzem Nachdenken präzise und umfassend beantwortet. Wir sitzen hier also nicht nur einer Rocklegende gegenüber, sondern gleichzeitig einem Medienprofi, der seinem Gegenüber genau so viel abverlangt wie der Interviewpartner ihm.

Leider fielen die Vorbereitungen zum Interview mager aus, denn wir bekamen das neue Album "Clockwork Angels" erst kurz davor zu hören - Raubkopien im Internet veranlassten das Label zu diesem Schritt.

Doch schon nach den ersten Tönen des neuen Werks entstand mein Fragenkatalog quasi von selbst. "Clockwork Angels" ist erdiger als viele der letzten Alben der Band, die bisher nicht gerade durch simple RocknRoll-Arrangements aufgefallen ist. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, überrasche ich Lee mit der Frage, ob die Zeit, die zwischen der ersten Studiosession im Sommer 2010 und dem gute zwei Jahre später erschienenen Album verging, Einfluss auf die musikalische Ausrichtung hatte.


VIDEO-CLIP 1 - CLOCKWORK ANGELS

Im Clip erzählt Geddy, dass die Band bereits fünf Songs als Demoversion fertiggestellt hatte, bevor sie auf ihre mehrmonatige "Time Machine" Tour gingen, zwei davon sogar schon in der endgültigen Fassung. Diese Songs lagen also über ein Jahr nahezu ungehört in der Schublade, was der Band die Gelegenheit gab, sie mit diesem zeitlichen Abstand ein Stück objektiver zu betrachten.

Man entschied sich, einige der eigentlich fertigen Songs zu überarbeiten, während andere schon die Richtung für das neue Album vorgaben. Unterm Strich, so Geddy, sei "Clockwork Angels" ein vergleichsweise gradliniges Rockalbum geworden, zwar immer noch mit überraschenden Wendungen im Arrangement, aber doch wesentlich sparsamer in der Instrumentierung. Auch wenn Rush in der Vergangenheit für exzessive Synthesizer-Einsätze bekannt war, sollte es diesmal das Ziel sein, ein beseeltes, erdiges Rockalbum abzuliefern.

"Headlong Flight" und "The Garden" beispielsweis spiegeln die emotionale Bandbreite des Albums gut wider, und wie er sagt, hätte die Band am liebsten das komplette Album auf der Bühne performt, würde aber dann wohl Probleme mit den Fans bekommen. Schließlich gäbe es eine Menge Klassiker, die live einfach von Rush erwartet würden.

VIDEO-CLIP 2 - SONGWRITING

Mit seiner fast 40-jährigen Bandgeschichte ist Rush längst eine zuverlässige Konstante im Rockgeschäft. Aber wie entsteht eigentlich ein Rush-Song?

Viele Besonderheiten des Songwritings der Band sind ja hinlänglich bekannt, zum Beispiel, dass Schlagzeuger Neil Peart für die Lyrics, Geddy und Gitarrist Alex Lifeson für die Musik zuständig sind. Aber Lee meint, dass bei diesem Album alles ein wenig anders gewesen sei. Er und Gitarrist Alex hätten Songideen zunächst im eigenen Tonstudio ausprobiert und diese dann als Demoversion mit allen drei Musikern gemeinsam aufgenommen. Im Studio wurden diese "Vorlagen" dann jedoch wieder komplett zerlegt und die Band baute die Songs anschließend Stück für Stück neu auf - quasi von null.

In diesem Zusammenhang möchte ich wissen, ob komplizierte Arrangements und Instrumentierungen in Hinblick auf die Live-Umsetzbarkeit angepasst werden oder ob der Song immer kompromisslos im Vordergrund steht. Geddy meint, dass die Liveumsetzung keine Rolle im Songwriting Prozess spiele, sondern dass eigentlich alles live umzusetzen sei, wenn man nur lange genug übt. Und dass sie sich mit einigen der neuen Songs wohl quälen müssten, aber er habe schon Extra-Proben angemeldet, um die Titel vor der nächsten Tour zu perfektionieren. Als Trio hat es sich Rush zur Aufgabe gemacht, die eigenen Klangwelten, die Geddy teilweise mit Spielberg-Inszenierungen vergleicht, live umzusetzen. Die Band verwendet dabei diverse Synthties, die von allen Musikern bedient werden. Das geschieht teilweise mit zusätzlichen Fußschaltern, mit Triggersystemen oder die an eine Kirchenorgel erinnernden Pedale eines Moog Taurus. Aber ist es der Kreativität der einzelnen Musiker zuträglich, dass jedes Instrument bei Rush nur einfach belegt ist? Geddy bejaht, schließlich könne sich so jeder Musiker voll und ganz auf sich und sein Instrument konzentrieren. Im Studio oder auch live würden sich diese Einzel-Elemente dann zu einem größeren Ganzen formen. Damit die Instrumente perfekt zueinanderfinden, sei allerdings sehr viel gemeinsames Spiel erforderlich. Er findet es auch unvorstellbar, wenn Freunde ihm erzählen, dass sie nur selten proben, um ihre Spontanität zu erhalten. Bei Rush sei das nicht möglich, weil eine Liveperformance dann regelmäßig im Chaos enden würde - was auch trotz Proben noch viel zu häufig passiere.

Über die Jahre hinweg hat Rush immer wieder neue Trends in der Musik gesetzt und war Mitbegründer des bereits erwähnten Progressive Rock Genres. Aber der exzessive Einsatz von Keyboards während der von Synthieklängen geprägten Achtziger hatte auch eine Vorbildfunktion für Bands wie Depeche Mode. Doch ganz gleich, in welcher Schaffensperiode: Rush gelingt es immer, wie Rush zu klingen.

Aber was macht den Signatur-Sound der Band tastsächlich aus?Wie Geddy betont, gibt es Elemente, die sich auf allen Alben wiederfinden, wie zum Beispiel sein sehr spezieller Basssound. Oder auch Neils - wie er sagt - hyperaktives Drumming und dessen Stimme, die jede Rush Produktion krönt. Zurückschauend mache ihn aber vor allem stolz, dass die Band es geschafft hat, für ein komplettes Musikgenre zu stehen.

VIDEO-CLIP 3 EQUIPMENT/STUDIORECORDING

Rush arbeitete stets langfristig mit Produzenten zusammen. Los ging es in der ersten Schaffensperiode mit Terry Brown, der die ersten neun Studioalben der Band produzierte, für weitere vier Alben war Peter Collins in der Pflicht. Diverse Produzenten zeichneten in der Folgezeit auch für nur jeweils ein Album verantwortlich, und erst mit dem aktuellen Produzenten Nick Raskulinecz scheint die Band sich wieder langfristig festgelegt zu haben. Ich frage Geddy, welchen Einfluss Nick auf die Arbeit am neuen Album gehabt hat, und er sagt, das Nick zunächst einmal wie ein großartiger Cheerleader sei, der die Band stets zu Höchstleistungen animiere und den Produktionsprozess stets am Laufen halte. Gerade bei der Arbeit mit einer erfahrenen Band sei das eine herausragende Eigenschaft. Und obwohl Nick bekennender Rush-Fan sei, würde er nie nachgeben, wenn die Band bei einer Aufnahme noch nicht das Maximum erreicht habe. Nick sei eine perfekte Ergänzung für die Band, weil er verstanden habe, was Rush ausmacht. Die meisten Produzenten würden immer versuchen, instrumentale Parts zu vereinfachen, während Nick ihn zum Beispiel auch frage, ob einige der Parts für einen richtigen Rush Song nicht zu simpel wären. Last, but not least die unvermeidliche Frage nach Geddys Equipment. Was kam für die Aufnahmen des Albums zum Einsatz und wie wird sein Livesetup für die kommende Tour aussehen? "Zusätzlich zu meinem Hauptinstrument, einem 1972er Fender Jazz Bass, habe ich während der Aufnahmen drei weitere Jazz Bässe benutzt. Einen weiteren 1972er Jazz Bass, der sich leicht vom Klang meines Hauptbasses unterscheidet, sowie zwei Bässe aus der Fender Custom Shop Schmiede, von denen sich einer durch mehr Tiefbass und einen sehr runden Ton auszeichnet. Der Zweite bietet leicht veränderte Mitten. Wenn ich im Studio den perfekten Bass für einen Song gefunden habe, nehme ich über einen Splitter vier Spuren auf. Für die erste Spur kommt eine Avalon U5 Tube DI-Box zum Einsatz, die zweite wird mit einem Palmer PDI Speaker Simulator eingespielt, die dritte mit einem SansAmp R.P.M Bass Preamp, der in der Regel leicht verzerrt eingestellt ist, und die letzte Spur nehme ich mit einem Orange Amp mit Box auf, den ich so weit aufreiße, dass man denken könnte, er würde jede Sekunde explodieren. Aus diesen vier Spuren mischen wir dann, dem jeweiligen Song entsprechend, den passenden Sound zusammen. In Verbindung mit zusätzlichem Live-Equipment, wie dem Moog Taurus und dem Mini Moog, geht dieses Setup auch mit auf Tour.

Fazit: Rush bleibt auch 2012, immerhin fünf Jahre nach dem letzten Studioalbum "Snakes & Arrows", eine feste Größe, mit der auch aktuelle Bands zu rechnen haben. Mit Geddy Lee haben wir einen Musiker getroffen, der sich seines Könnens und seiner Vorbildfunktion durchaus bewusst ist. Er lässt an sich und seinem Wissen über Klang und Wirkung keinerlei Zweifel und scheint trotz 40 Jahren Erfahrung immer wieder an neuen Entwicklungen interessiert zu sein, die er in seine eigene Musik integriert. Die Band verlangt sich selbst höchste Qualität ab und wird für diese Arbeit mit ausverkauften Stadionkonzerten und einer Fan-Base belohnt, die Ihresgleichen sucht. Wie sagte ein Freund von mir, 2000 bevor er zu einem der seltenen Deutschlandkonzerte der Band in Oberhausen ging: "Zu Rush geht man nicht, weil man einen tollen Abend verleben möchte, zu Rush geht man, weil man was fürs Leben lernen will." Recht hat er ...

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