Gitarre Hersteller_Marshall
Test
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03.12.2012

Marshall JVM410HJS Joe Satriani Topteil Test

Vollröhren-Topteil

Tausendsassa

Trotz einiger sehr erfolgreicher Jahre mit Peavey - immerhin gewann sein Signature-Amp JSX unter anderem den MIPA Award 2005 - zog es Joe Satriani 2009 wieder zurück zum europäischen Konkurrenten Marshall. Als ausgewiesener Soundgourmet und einer der ganz Großen im Gitarrenolymp entschied er sich nach seiner Rückkehr für den JVM210H und schließlich für den JVM410H, den er in modifizierter Ausführung im Studio und auf Tour einsetzte. Währenddessen arbeitete die R&D Abteilung der britischen Soundschmiede zusammen mit ihm unter Hochdruck an einer Version, die in der Lage sein sollte, die ganze klangliche und spielerische Bandbreite des Meisters wiederzugeben.

Ergebnis ist der Joe Satriani Signature Amp JVM410HJS, ein vierkanaliges Vollröhren-Topteil, das im Grunde genau so puristisch wie vielvältig daherkommt. Dieser scheinbare Widerspruch bedeutet nichts anderes, als dass der Signalweg nichts kennt außer purem Röhrensound, sogar alle Schaltvorgänge werden per Relais verwirklicht, während die Einstell- und Klangmöglichkeiten zumindest laut Papierform keine Wünsche offen lassen. Was das für die Satrianis unter uns bedeutet, zeigt der folgende Test.

Übrigens: Wir haben Joe vor einiger Zeit getroffen und ein ausgiebiges Workshop-Interview mit ihm geführt, das ihr hinter dem Link findet.

Details

Ich selbst besitze unter anderem einen JVM410 und verwende diesen recht häufig, daher ist es umso spannender, herauszufinden, wo genau die Unterschiede zwischen dem Original und der Signature-Version liegen. Auf den ersten Blick sind sich die beiden sehr ähnlich, der Unterschied liegt also wie so oft im Detail. Und was das anbelangt, haben sich Joe und Marshall tatsächlich einiges einfallen lassen.

Das Gehäuse ist Marshall-typisch und hat mit 750 x 310 x 215 mm (B x H x T) die gewohnten Abmessungen. Als Bespannmaterial kommt traditionell schwarzes Tolex zum Einsatz, im Gegensatz zum klassischen JVM410 allerdings auch oberhalb des Bedienfeldes. Schwarze Kunststoffschoner geben den Ecken Schutz und das in diesem Fall goldfarbene Piping verleiht dem Amp eine gewisse Vintage-Note. Auch beim Tragegriff auf der Oberseite präsentieren sich die Beschlagteile in Gold. Im Inneren glühen ganz klassisch fünf ECC83 Vorstufen- und vier EL34 Endstufenröhren. Das wirklich bahnbrechende der JVM-Serie liegt in den drei Modes, die jeder Kanal mitbringt und damit zum Beispiel einen Vierkanaler mit zwölf Soundvarianten ausstattet, die dazu noch per mitgeliefertem Fußboard oder MIDI abrufbar sind. Das bedeutet aber auch, dass man zum Einstellen der verschiedenen Klänge und Kanäle eine Menge Schalter und Regler benötigt, von Letzteren zieren satte 28 Stück die Front.

Die vier Kanäle sind mit Clean, Crunch, OD1 und OD2 bezeichnet, wobei jeder einzelne jeweils ein Gain- und ein Volumenpoti sowie eine eigene Klangregelung mit Bass, Middle und Treble besitzt. Jeder Kanal splittet sich wiederum in drei Modi, die sich nach der Farbe ihrer LEDs nennen, die den jeweils aktiven Satus anzeigen, also entweder grün, orangefarben oder rot. Multipliziert mit vier Kanälen ergibt das nach Adam Riese zwölf verschiedene Sounds. Eine Besonderheit hat sich Joe bei den beiden OD-Kanälen einfallen lassen: Sie sind beide identisch! Dazu aber im Praxisteil mehr.

An der Stelle, an der sich beim klassischen JVM410 die Reverb-Sektion befindet, hat Marshall eine Gate-Abteilung eingerichtet. Aktiviert wird sie per Enable-Button, geregelt wird dann jeder Kanal über ein eigenes Poti. Die Suche nach einem Hall an einer anderen Stelle ist allerdings auch nicht von Erfolg gekrönt, der Meister greift zu diesem Zweck bevorzugt auf externe Geräte zurück. Ganz links finden sich ein Resonance- und ein Presence-Poti, mit denen laut Manual das Klangverhalten der Endstufe von Mittenboost bis Scooped Sound gesteuert werden kann, was im Ergebnis wiederum sehr stark von den jeweils angeschlossenen Lautsprechern abhängig ist. Tatsächlich haben wir es hier im Grunde mit einer Endstufenklangregelung zu tun, bei der Presence die Hochton- und Resonance die Basswiedergabe steuert und man so unterschiedliche Speakervarianten klanglich anpassen kann. Oberhalb dieser beiden Potis warten zwei Master-Regler, die individuell jedem Kanal und Modus zugewiesen werden können, wobei die Umschaltung über die darunterliegende Master 2 Taste erfolgt. Der FX Loop Button darunter aktiviert die Effektschleife.

Wie man sieht, bietet der Amp jede Menge Einstellmöglichkeiten, die aber zum größten Teil selbsterklärend sind. Dazu kommt, dass die wichtigsten Schaltzustände gespeichert werden, sodass bei einer Rückkehr von einem Kanal in einen vorher gespielten genau das Setting wieder aufgerufen wird, in dem sich dieser vorher befand. So erinnert sich der Amp bei jedem der zwölf Modi, ob beim letzten Mal der Noise-Gate aktiv war oder nicht, ob Mastervolume-Auswahl 1 oder 2 eingeschaltet und ob der Effekt-Loop an- oder ausgeschaltet war.

Näheres gibts in der Bedienungsanlietung, die auch deshalb sehr lesenswert ist, weil es sich Joe Satriani nicht hat nehmen lassen, persönliche Kommentare zur Entwicklung des Amps und diverse Tipps und Tricks zu dessen Gebrauch zum Besten zu geben. Auch beim Betrieb aufkommende Fragen werden eingehend erklärt.

Weiter geht es mit der Rückseite:

Ganz links befinden sich fünf Klinkenbuchsen, die auf den Anschluss einer oder mehrerer Boxen warten:

16 Ω: Hier kann eine 16 Ω Box angeschlossen werden.

8 Ω: Hier können eine 8 Ω oder zwei Boxen mit 16 Ω betrieben werden.

4 Ω: Hier können eine 4 Ω oder zwei 8 Ω Boxen angeschlossen werden.

 Prinzipiell sollten man nur folgende Kombinationen verwenden, da sonst der Amp Schaden nehmen könnte:

1x 16 Ω, 1x 8 Ω, 1x 4 Ω, 2x 16 Ω oder 2x 8 Ω

Das gilt im Übrigen für die allermeisten Röhrenverstärker!

Beim seriellen Effekt-Einschleifweg, der mit einer Send- und einer Return-Buchse aufwartet, hält ein Return-Level-Poti Letztere bei Bedarf in Schach.  Am Preamp Out/Send kann man die Vorstufe vor dem Power Amp ausleiten oder über den Power Amp In/Return komplett umgehen und direkt auf die Endstufe zugreifen.

Am symmetrischen Line Out wird ein Signal zur Verfügung gestellt, das eine 4 x 12“ Lautsprecherbox emuliert, sodass man darüber direkt in ein Mischpult spielen kann. WICHTIG: Auch beim Recording immer eine Lautsprecherbox anschließen, da die Endstufe im Leerlauf Schaden nehmen kann. Die F/S-Buchse ist die Heimat des mitgelieferten Fußschalters, und last, but not least, stehen eine MIDI In und MIDI Thru Buchse bereit, um den Amp per MIDI steuern zu können.

Ein letztes Wort noch zur Fußschalter-Leiste: Die ist Marshall-typisch für die Ewigkeit gebaut und verrichtet ihren Dienst klag- und problemlos. Verbunden wird sie mit einem (mitgelieferten) Mono-Klinkenkabel, das zum Glück nicht fest verbunden ist und daher im Notfall durch ein herkömmliches Klinkenkabel ersetzt werden kann.

Sämtliche Schalterstellungen am Amp lassen sich auch im Pedal abspeichern, das mit seinen sechs Fußtastern zwei unterschiedliche Betriebsarten beherrscht. Im Preset-Speicher Betrieb (Preset Store Modus) wird der jeweilige Status von Kanal, Master, Effektloop und Noise-Gate einem Fußschalter zugewiesen und beim erneuten Betätigen wieder aufgerufen. Das heißt, der komplette Schaltzustand eines Kanals wird als Preset gespeichert. Im Fernsteuermodus (Switch Store Modus) kann jedem der Schalter eine beliebige Schaltfunktion der Front zugewiesen werden, sodass einzelne Schaltvorgänge per Fuß genau so funktinieren wie per Hand auf der Front.

Sieben mehrfarbige LEDs zeigen auch hier entsprechend den Anzeigen auf der Verstärkerfront den Status der Kanäle und der schaltbaren Funktionen an. Durch seine MIDI-Fähigkeit lassen sich diese Optionen natürlich noch um ein Vielfaches erweitern, bis zu 128 Presets kann man so konfigurieren und abspeichern. Da alle Statusinformationen im Pedal gespeichert werden, kann dieses auch abgenommen und an einen beliebigen anderen JVM410HJS angeschlossen werden, um dort exakt die gleichen Setups aufzurufen.

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