Früher gegen das Establishment, heute an der Seite konservativer Politiker und rechter Bewegungen. Einige der größten Rebellen der Rockgeschichte haben politisch eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Statt mit provokanten Songs sorgen sie inzwischen mit ihren Ansichten für Schlagzeilen und bringen damit auch ihre Fans ins Grübeln. Diese Rockstars sind im Laufe ihrer Karriere nach rechts gerückt und haben dabei nicht nur musikalisch für ordentlich Wirbel gesorgt.

Morrissey: Vom Indie Idol zum rechten Provokateur
Mit melancholischen Texten, bissigem Humor und Songs wie „There Is a Light That Never Goes Out“ oder „How Soon Is Now?“ wurde Morrissey in den Achtzigerjahren zur Stimme einer ganzen Generation von Außenseitern. Als Frontmann der Smiths sang er über Einsamkeit, unerfüllte Liebe und das Gefühl, in der konservativen Gesellschaft Großbritanniens nicht so recht dazuzugehören. Auch politisch hielt er sich nicht zurück. Seiner Abneigung gegenüber Margaret Thatcher verlieh er 1988 mit dem Solosong „Margaret on the Guillotine“ Ausdruck.
Doch Morrisseys Verhältnis zu Nationalismus und rechter Politik sorgte schon früh für Diskussionen. Anfang der Neunzigerjahre trat er mit der britischen Nationalflagge auf und veröffentlichte den Song „The National Front Disco“, der die Hinwendung eines jungen Mannes zur rechtsextremen National Front thematisiert. Kritiker warfen ihm damals vor, mit nationalistischer Symbolik und zweideutigen Texten zu spielen.
In den folgenden Jahrzehnten wurden seine politischen Aussagen deutlicher. Morrissey äußerte sich wiederholt kritisch über Einwanderung und sorgte 2018 mit seinen Aussagen über den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan für Kontroversen. Ein Jahr später trat er in der amerikanischen Fernsehsendung von Jimmy Fallon mit einem Anstecker der britischen Partei For Britain auf. Die Partei wurde von britischen Medien als rechtsextrem eingeordnet und vertrat insbesondere eine gegen den Islam gerichtete Politik. Morrissey bekannte sich öffentlich zu seiner Unterstützung für For Britain.
Für viele langjährige Fans war das schwer mit dem Künstler zu vereinbaren, dessen Musik ihnen einst das Gefühl gegeben hatte, mit ihrem Anderssein nicht allein zu sein. Morrissey selbst wies Rassismusvorwürfe zurück und verteidigte seine politischen Positionen. Seine Geschichte zeigt, dass die Entwicklung vom rebellischen Indie Idol zum Unterstützer einer rechten Partei nicht über Nacht geschah. Schon in den Neunzigerjahren gab es Diskussionen über seine Texte und sein öffentliches Auftreten. Für manche Fans klingt die Musik der Smiths seitdem wohl ein wenig anders.

Kid Rock: Harte Gitarren, wilde Partys und Donald Trump
Harte Gitarren, Hip Hop, jede Menge Attitüde und ein Rockstar Image, das nach Ärger riecht. Mit seinem Album „Devil Without a Cause“ gelang Kid Rock 1998 der internationale Durchbruch. Songs wie „Bawitdaba“ und „Cowboy“ machten Robert James Ritchie, wie er bürgerlich heißt, zum Star. Sein Erfolgsrezept: laute Musik, wilde Partys und möglichst wenig Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen.
Auch auf der Bühne provozierte Kid Rock gerne. Beim Super Bowl 2004 trug er eine amerikanische Flagge als Poncho, drei Jahre später geriet er bei den MTV Video Music Awards mit Mötley Crüe Schlagzeuger Tommy Lee aneinander. Auch die Konföderiertenflagge, die er jahrelang bei Konzerten zeigte, sorgte für Kritik. Kid Rock verteidigte sie als Hommage an Lynyrd Skynyrd und wies Rassismusvorwürfe zurück.
Politisch unterstützte er 2012 zunächst den Republikaner Mitt Romney. Mit Donald Trumps Aufstieg wurde seine Haltung noch deutlicher. Bereits 2016 verkaufte er Merchandise zur Unterstützung Trumps. Ein Jahr später kündigte er sogar eine Kandidatur für den US Senat an, die sich allerdings als PR Aktion für sein Album „Sweet Southern Sugar“ entpuppte. Vom Rockstar zum Senator wurde also erst einmal nichts.
Inzwischen gehört Kid Rock zu den prominenten Unterstützern der MAGA Bewegung. Auf seinem Album „Bad Reputation“ kritisierte er 2022 die Regierung von Joe Biden. Bei der Konzertreihe „Rock the Country“ 2024 war Donald Trump sogar mit einer Videobotschaft auf der Bühne zu sehen. Sein Image als unangepasster Rockstar ist geblieben. Nur richtet sich seine Provokation heute verstärkt gegen politische Gegner der amerikanischen Rechten.

Nena: Wenn „99 Luftballons“ auf Querdenker treffen
Mit „99 Luftballons“ und „Nur geträumt“ wurde Nena in den Achtzigerjahren zu einer der bekanntesten Stimmen der Neuen Deutschen Welle. Ihre Musik stand für Aufbruch, Jugend und ein Lebensgefühl jenseits gesellschaftlicher Konventionen. Besonders „99 Luftballons“ wurde mit seiner Kritik an militärischer Eskalation und der Angst vor einem Atomkrieg zu einer Hymne der Friedensbewegung.
Während der Coronapandemie sorgte die Sängerin allerdings zunehmend mit politischen Aussagen für Schlagzeilen. Im März 2021 bedankte sie sich auf Instagram bei den Teilnehmern einer Demonstration gegen die Coronamaßnahmen in Kassel, an der auch Anhänger der Querdenker Bewegung teilgenommen hatten. Ihr Management erklärte daraufhin, dass Nena keiner politischen Gruppe angehöre und sich nicht mit rechten Demonstranten gemeinmachen wolle.
Wenige Monate später kam es bei einem Konzert in Berlin zum nächsten Eklat. Als sich Teile des Publikums nicht an die vorgeschriebenen Abstandsregeln hielten, stellte Nena ihren Fans frei, ob sie diese einhalten wollten. Die Veranstalter brachen das Konzert vor der Zugabe ab. Weitere Auftritte wurden abgesagt, bevor Nena schließlich auch ihre Tournee für 2022 wegen der damaligen Coronabeschränkungen absagte.
Für weitere Diskussionen sorgte ihr Besuch einer Veranstaltung im August 2021, bei der auch Personen aus der Querdenker Szene und dem Reichsbürgermilieu anwesend waren. Darunter befand sich der durch seine Aktivitäten gegen die Coronamaßnahmen bekannt gewordene Arzt Bodo Schiffmann. Anders als John Lydon oder Kid Rock hat sich Nena allerdings nicht öffentlich als Unterstützerin einer rechten Partei oder eines rechten Politikers positioniert. Ein eindeutiger politischer Rechtsruck lässt sich aus ihren Äußerungen und Auftritten deshalb nicht ableiten. Fü r Kontroversen hat die einstige Popikone der Friedensbewegung trotzdem reichlich gesorgt.

John Lydon: Vom Punkrebellen zum Trump Fan
Punk gab es vor und nach den Sex Pistols, doch kaum jemand hat das Genre so geprägt wie John Lydon. Als Johnny Rotten wurde er in den Siebzigerjahren zur Symbolfigur einer Jugend, die vom britischen Establishment die Nase voll hatte. Mit ihrer ersten Single „Anarchy in the U.K.“ lieferten die Sex Pistols 1976 den Soundtrack für eine Generation, die unter Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Unsicherheit und fehlenden Perspektiven litt. Der Song dauerte gerade einmal dreieinhalb Minuten, seine Wirkung reichte weit darüber hinaus.
Lydon, ein junger Mann aus der Arbeiterklasse mit gefärbten Haaren, kaputten Klamotten und einer großen Klappe, verkörperte den Punk wie kaum ein anderer. Die Sex Pistols provozierten mit chaotischen Auftritten, öffentlichen Beschimpfungen und einer demonstrativen Verachtung für Autoritäten. Mit „God Save the Queen“ legten sie 1977 noch einmal nach und machten auch vor der britischen Monarchie nicht halt.
Jahrzehnte später sorgte Lydon erneut für Aufregung. Diesmal allerdings nicht mit rebellischen Songs, sondern mit seiner politischen Haltung. Im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2020 bekannte sich der ehemalige Sex Pistols Sänger öffentlich zu Donald Trump. Auch den Brexit unterstützte er und begründete seine Haltung unter anderem mit den Interessen der britischen Arbeiterklasse. Für viele Punkfans war das eine überraschende Entwicklung. Schließlich hatte Lydon einst gegen das Establishment gewettert und mit den Sex Pistols eine ganze Generation zum Widerspruch ermutigt. Nun unterstützte er ausgerechnet einen Politiker, der selbst an der Spitze der amerikanischen Regierung gestanden hatte.
Lydon selbst sieht darin keinen Widerspruch. Er versteht sich nach wie vor als jemand, der gegen den Strom schwimmt und sich nicht vorschreiben lässt, welche Meinung er zu haben hat. Seinem Selbstverständnis als Rebell ist er damit treu geblieben. Nur die politische Richtung seiner Rebellion hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich verändert. Aus der Sicherheitsnadel ist gewissermaßen eine MAGA Kappe geworden.

Vom Punk zum Populismus
Wie kommt es, dass Musiker, die einst als unangepasste Rebellen berühmt wurden, später konservative oder rechte Positionen unterstützen? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Jeder dieser Künstler hat seine eigene politische Geschichte und eine andere Vorstellung davon, was es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Während frühere Rockgenerationen häufig gegen konservative Moralvorstellungen und traditionelle Autoritäten aufbegehrten, richten manche Musiker ihren Protest heute gegen progressive Bewegungen und gesellschaftliche Veränderungen. Das rebellische Selbstverständnis bleibt, nur die politischen Gegner haben gewechselt.
Für die Fans ist das nicht immer einfach. Wer mit den Sex Pistols aufgewachsen ist oder die Smiths seit Jahrzehnten hört, muss die politischen Ansichten seiner Idole schließlich nicht teilen. Ob man die Künstler trotzdem weiterhin unterstützen möchte, muss jeder selbst entscheiden. Am Ende bleibt die Frage, was Rebellion in der Rockmusik heute eigentlich bedeutet. Wer früher gegen das Establishment wetterte, kann Jahrzehnte später selbst an der Seite der Mächtigen stehen. Die Gitarren mögen noch genauso laut sein wie früher, doch die politische Begleitmusik klingt inzwischen ziemlich anders.

























Walter sagt:
#1 - 24.09.2026 um 14:17 Uhr
Morissey konnte ich nie ab, Kid Rock ist keine Erwähnung wert. Lydon hatte zumindest mit PIL was für die Entwicklung der Musik getan. Ist halt stehen geblieben. Da passt der Schwenk. Nena ist einfach etwas verstrahlt.
Gerald sagt:
#2 - 24.09.2026 um 19:17 Uhr
Soso, Nena ist auf Rechtskurs weil sie sich offen gegen die Corona-Maßnahmen ausgesprochen hat und auf Veranstaltungen war, auf denen die falschen Personen anwesend waren? Teile der Autors scheinen in den frühen 20er Jahre stecken geblieben zu sein und er mag gelegentlich das Wort “Kontaktschuld” nachschlagen. Möglicherweise spielt es bei dieser Einordnung auch eine Rolle ob man für seinen Lebensunterhalt zwangsläufig in Kontakt mit anderen Menschen kommt oder problemlos, auch über Monate, von Zuhause arbeiten kann. Witzig ist die Aussage: “Wer früher gegen das Establishment wetterte, kann Jahrzehnte später selbst an der Seite der Mächtigen stehen”. Wie “Punk” und wirtschaftlicher Erfolg zusammen geht, habe ich nie verstanden. Bands wie die Ärzte oder die Toten Hosen stehen schon seit Jahren fest an der Seite des Establishments und der Mächtigen. Wie man damit umgeht muss jeder für sich entscheiden. Wenn Grönemeyer läuft schalte ich um oder ab. Ähnlich bei den Ärzten oder Toten Hosen. Das sind allerdings die einfachen Fälle, bei denen die Musik ja weitestgehend beliebig und austauschbar ist. Schwierig sind Fälle wie Fela Kuti, dessen Aussagen und Handlungen teils unappetitlich oder bizarr und teils absolut inakzeptabel waren, der aber auch ein genialer Musiker war.
ErrJott sagt:
#2.1 - 25.09.2026 um 00:24 Uhr
Zum Thema Fela Kuti: Genialität schützt vor Dummheit nicht. Und da gäbe es noch zig Beispiele aus der Nazi-Zeit...
Antwort auf #2 von Gerald
Melden Empfehlen Empfehlung entfernenFatima Huelkin sagt:
#3 - 24.09.2026 um 20:23 Uhr
Anderer Blickwinkel: Nicht die betreffenden Musiker sind vermeidlich nach „rechts“ (rechts = konservativ, früher CDU) verrückt, sondern der gesamte Mainstream ist nach links gerutscht. Aus dieser Perspektive ergibt sich folgende Ableitung: Alles, was nicht links ist, ist automatisch rechts. Wobei das Wort „Rechts“ erfolgreich als „Nazi“ in der Mentalebene der meisten Menschen geframed (NLP-Technik) worden ist. Hier haben die Sozialingenieure einen wirklich guten Job über die Mainstreammedien in der Bevölkerung hinterlassen. Herzlichen Glückwunsch ihr Deutschen...
MartY ATARI sagt:
#3.1 - 26.09.2026 um 13:38 Uhr
leider hier in Österreich ebenso. eine Partei spricht über Migration, Natürlich die "rechte Partei", alle anderen nicht. aber wenn wundern, warum die immer mehr stimmen bekommen. die Mitte verschwindet, nur noch "links" oder "rechts" anscheinend gibt's nix anderes mehr
Antwort auf #3 von Fatima Huelkin
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#4 - 27.09.2026 um 21:21 Uhr
Leute die Worte wie „Mainstream“ in den Mund nehmen und via pauschaler Links-Rechts Schemen argumentieren, sind mir im Voraus schon mal suspekt, weil es ziemlich nach vereinfachter ideologischer Denkweise riecht. Ich meine wir haben viele Probleme bzw. Herausforderungen, die sich über diese ausgeleierten Schablonen gar nicht mehr vernünftig erfassen lassen, sondern vielmehr eine sehr nüchterne, pragmatische Sicht- und Handlungsweise erfordern. Wer sich in die ideologischen Ecken zurückzieht, hat darum meistens einfach Angst vor der Konsequenz dieser ideologiefreien Betrachtung. Weil dann Gezeter und Gemaule nicht mehr reichen, sondern konkrete konstruktive Überlegungen und das eigene Handeln im Fokus stehen. Das ist viel anstrengender. Gerade bei den arrivierteren Künstlern ist zudem oft das ganz profane Thema Steuervermeidung der Hauptgrund für das Abdriften in neolibertäres Gedankengut. Die haben wir auch in der Schweiz und auch in Frankreich gibt es sie, wie z.B. Depardieu. Also meisten sind es eher niedrige Instinkte und kaum eine schlüssige Gesamtidee, von einer Gesellschaft. Schon gar nicht von einer, in der Alle eine faire Chance auf Prosperität haben, was ja fast ausnahmslos die Idee hinter den meisten Rebellionen war. Oder nicht? Naja, nicht selten ist es eben doch nur ein äusserlicher Anstrich. Mit über 60 macht mir diesbezüglich jedenfalls keiner mehr etwas vor.