Vor Jahren gab es mal eine Kredikarten-Werbung mit dem Slogan: „Bezahlen Sie einfach mit ihrem guten Namen!“ Überträgt man dies auf die Musikszene, so könnte Pino Palladino vermutlich überall auf der Welt problemlos Rechnungen begleichen. Es gibt nur wenige Musiker, die unter ihren Kollegen derart viel Respekt genießen wie der gebürtige Waliser – und das über sämtliche Genre-Grenzen hinaus! Seit Anfang der 80er-Jahre ist Palladino einer der begehrtesten Bass-Sidemen und veredelte mit seinem wandlungsfähigen Spiel unzählige Alben von Avantgarde bis Mainstream-Pop. In der langen Liste seiner Arbeitgeber findet man so illustre Namen wie Ed Sheeran, Elton John, Tina Turner, Eric Clapton, Phil Collins, Adele, Keith Richards, Herbie Hancock, John Legend, The Who, D’Angelo, Erykah Badu, John Mayer – und viele, viele andere. In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf Pinos Leben und die drei großen Schaffensepochen seiner beeindruckenden Karriere.

(Bilder: Gonzales Photo & Trinity Pix/Mirrorpix / Alamy Stock Photos)
- Pino Palladino: Die Anfänge
- Die 80er-Jahre: Was bewirkte Pino Palladino mit seinem Fretless-Sound?
- Die 90er-Jahre: Welche Bedeutung hatte Pino Palladino für den Neo-Soul?
- Die 2000er-Jahre: Was machte Pino Palladinos Bassspiel bei John Mayer, The Who etc. besonders?
- Pino Palladino: Weitere Credits
- Was macht den Personalstil von Pino Palladino aus?
- Welches Equipment benutzt Pino Palladino?
Pino Palladino: Die Anfänge
Pino Palladino kam am 17. Oktober 1957 in Cardiff mit dem klangvollen Namen Giuseppe Henry Palladino zur Welt. Seine Mutter stammt aus Wales, sein Vater aus Italien. Bereits als Kind erhielt er den Spitznamen Pino, der im italienischen für „Stärke“ und „Ausdauer“ steht. Wie in Wales vielerorts üblich, besuchte er eine katholische Schule, und interessierte sich im Teenageralter mehr und mehr für Musik.
Mit 14 Jahren begann Pino zunächst, Gitarre zu spielen, doch er merkte schnell, dass der Bass besser zu seiner Persönlichkeit passte. Im Alter von 17 Jahren wechselte er die Seite und schloss sich schon bald lokalen Blues- und Rhythm & Blues-Bands an. Klar, dass ein Ausnahmetalent wie Pino nicht lange ein Geheimtipp bleiben würde – die Kunde von dem neuen Bassisten machte daher schnell die Runde. Bald folgten weitere Engagements und regionale Tourneen.

Im Jahr 1981 war Pino mit Bandleader Jools Holland zum ersten Mal in den USA. Dort sah er im Music Store „Sam Ash“ einen Music Man Stingray Fretless an der Wand hängen. Nachdem Pino schnell klar geworden war, dass er den Laden nicht ohne dieses Instrument verlassen würde, bat er den Tourmanager um einen Gagen-Vorschuss und kaufte das Instrument.
Diese Entscheidung sollte sich als richtungsweisend für Pinos Karriere herausstellen. (Übrigens ist diese Geschichte natürlich ein tolles Argument, wenn man den eigenen Partner bzw. die eigene Partnerin vom Kauf eines neuen Instruments überzeugen muss!) Den Fretless-Bass spielte Pino noch am selben Abend während des Konzertes und hatte nach eigenen Angaben damals zum ersten Mal das Gefühl, eine eigene „Stimme“ am Instrument gefunden zu haben!
Pinos Karriere ist derart lang und vielfältig, dass eine ausführliche Beschreibung hier jeglichen Rahmen sprengen würde. Daher haben wir sie für euch in drei Hauptepochen mit den wichtigsten Stationen eingeteilt.
Die 80er-Jahre: Was bewirkte Pino Palladino mit seinem Fretless-Sound?
1982 wurde Pino Palladino gebeten, auf dem Album „I, Assasin“ von Gary Numan Fretless-Bass zu spielen. Pino erhielt viele Freiheiten, durfte sich austoben und prägte die gesamte Platte mit seinem Music Man Stingray plus Kompressor und Chorus massiv.
Wenn man sich das Album anhört, so kann man augenblicklich gut nachvollziehen, dass dies in der damaligen Zeit ein vollkommen neuer und frischer Basssound war. Bis dato war Fretless-Bass hauptsächlich mit dem Namen „Jaco Pastorius“ verbunden gewesen. Den komplett neuartigen Sound des bundlosen Stingrays in Verbindung mit verschiedenen Effekten gab es in dieser Form in der Popmusik zuvor noch nicht.
Kurz darauf wurde Pino gebeten, auf dem Debütalbum eines jungen Sängers namens Paul Young zu spielen – beiden kannten sich bereits aus der Band mit Jools Holland. Schon allein die Hits „Come Back And Stay“ und die Ballade „Wherever I Lay My Hat“ beinhalten legendäre Basslines und lassen Pino und seinem klagenden Fretless-Sound abermals sehr viel Raum. Die Kombinationen aus einem Music Man Stingray, Boss OC-2 Octaver, Kompressor und Chorus avancierte vor allem durch dieses Album zu Pinos Signature-Sound.
Von nun an konnte Pino sich vor Anfragen kaum mehr retten: Jeder wollte diesen neuen Basssound des „New Kid On The Block“ auf seiner Produktion haben. Neben weiteren Alben mit Paul Young folgten Kooperationen mit Don Henley, Go West, Tears For Fears, Elton John, David Gilmour, Pete Townshend, Chris De Burgh, Phil Collins und zahlreichen anderen Artists und Bands.
Pino und sein Fretless-Sound wurden geradezu zu einem eigenen Klischee – er selbst fühlte sich nach eigener Aussage irgendwann „wie ein dressierter Affe“. Nicht selten hatten Produzenten nicht wirklich einen Plan und sagten einfach, Pino solle „einfach irgendwas mit seinem Fretless machen“. Es dauerte nicht lange, bis Pino fühlte, dass es an der Zeit war, etwas Neues zu beginnen!
Die 90er-Jahre: Welche Bedeutung hatte Pino Palladino für den Neo-Soul?
Zu Beginn der 90er-Jahre war Pino Palladinos Karriere geprägt von zahlreichen Pop-, Blues- und Fusion-Produktionen. Der bundlose Music Man Stingray verschwand natürlich nicht ganz im Schrank, aber Pino spielte zusehends andere 4-, 5- und sogar 6-Saiter. Seine stilistische Wandelbarkeit zeigte sich nun immer mehr auch in der Wahl der Instrumente und des Sounds, und auffallend häufig kamen hierbei sein 1961er- und 1963er-Fender Precision Bass mit Flatwound-Saiten zum Einsatz.
Durch seine Arbeit in den verschiedensten Tonstudios überall auf der Welt verfügte Pino über ein beträchtliches Netzwerk, und jeder schätzte den Bassisten, der ein bekennender Fan von Motown- und Soul-Musik der 60’s und 70’s ist. Diese Faktoren brachte ihn schließlich mit einer neuen Generation an Soulmusikern um D’Angelo, Questlove und J Dilla zusammen. Das lose Musikerkollektiv um diese drei Hauptdarsteller nannte sich „Soulquarians“ und sollte einen ganz neuen Sound namens „Neo Soul“ (auch: „Progressive Soul“) definieren.
Ende der 90er- und Anfang der Nuller-Jahre waren die Soulquarians die Band hinter vielen Neo-Soul-Produktionen. Der Höhepunkt dieser neuen Bewegung war im Jahr 2000 D’Angelos Album „Voodoo“. Auf diesem wurden viele Elemente des Genres an und über ihre damals benannte Grenze getrieben. Im positiven Sinne „schlampige Beats“, bei denen einzelne Elemente zum Teil extrem „laid back“ gespielt wurden, komplexe Verzahnung der einzelnen Instrumente zu einem großen Ganzen, gefühlvoller und fragiler Gesang, jazzige Harmonik, Einflüsse von Gospel und Blues, etc.
Pino Palladino stellte auch hier einmal mehr seine immense Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit unter Beweis. Sein Spiel bei den Soulquarians hatte nichts mehr mit dem Stil zu tun, für welchen er in den Achtzigern bekannt geworden war.
Gleiches gilt für seinen Sound: Pino nutzte jetzt hauptsächlich Fender-Bässe – entweder seine beiden Vintage-Precisions oder einen Fender Jaguar Bass. Diese bestückte er mit Flatwound-Saiten, dämpfte die Strings oft zusätzlich mit einem Schwamm und spielte ausgiebig mit der Palm-Mute-Technik. Wie bereits in den 80er-Jahren prägte er damit ein neues Soundideal und einen neuen Stil, dem bald Heerscharen an Bassistinnen und Bassisten nacheifern sollten.

(Bild: ZUMA Press, Inc. / Alamy Stock Photo)
Die 2000er-Jahre: Was machte Pino Palladinos Bassspiel bei John Mayer, The Who etc. besonders?
Auf zur nächsten 180°-Wende in Pinos Karriere: Nachdem der legendäre The-Who-Bassist John Entwistle im Juli 2002 (nur einen Tag vor Beginn einer US-Tournee!) überraschend verstorben war, wurde Pino kurzerhand gefragt, den Job des Bassisten zu übernehmen. Von der Neo-Soul-Welle ging es also direkt in eine der legendärsten Rockbands!
Laut Pino war er selbst mehr als überrascht, diesen Anruf zu bekommen, denn er kannte nur wenige Songs von The Who und war bis dato kein ausgewiesener Fan der Band gewesen. Gitarrist Pete Townshend ließ ihm einen Stapel CDs zukommen, und wenige Tage später ging es bereits los. Pino war bis ins Jahr 2016 festes Mitglied von The Who und spielte mit der legendären Gruppe sowohl live, als auch im Studio.
Parallel stellte der Gitarrist und Sänger John Mayer im Jahr 2004 für ein Benefizkonzert eine neue Rhythmusgruppe für seine Band zusammen. Seine Wahl fiel auf Pino Palladino und Drummer Steve Jordan, die sich bereits seit vielen Jahren von gemeinsamen Sessions kannten.
Der gemeinsame Gig gefiel John so sehr, dass er mit den beiden kurzerhand das John Mayer Trio gründete. Auf der folgenden Tour entstand das grandiose Livealbum „Try“, welches mit einem Grammy für die beste Rock-Performance ausgezeichnet wurde.
Das erste gemeinsame Album „Continuum“ aus dem Jahr 2006 markierte eine Kehrtwende des bis dahin hauptsächlich für Popmusik bekannten John Mayer hin zu seiner Herzensangelegenheit: Blues, Bluesrock und Soul.
Das Zusammenspiel von Pino Palladino und Steve Jordan auf „Try“ und „Continuum“ setzte einen neuen Standard in diesem Genre. Seither nutzen Gitarristen, Bassisten und Schlagzeuger weltweit dieses Trio als Studienobjekt.
Palladino bewies mit seiner Arbeit einmal mehr, dass er ein musikalisches Chamäleon ist. Vergleicht man sein kraftvolles und sehr dichtes Spiel im Song „Who Do You Think I Was“ mit dem luftigen Ansatz der Ballade „Gravity“, kann man gut sehen, dass Pino ein untrügerisches Gespür für die stilistische Richtung hat, die ihm ein Song vorgibt.

(Bild: ZUMA Press, Inc. / Alamy Stock Photo)
Pino Palladino: Weitere Credits
Neben den bereits genannten Namen hat Pino Palladino in allen drei genannten Epochen natürlich noch auf unzähligen weiteren Alben verschiedenster Artists und Bands mitgewirkt. Die nachfolgende Liste umfasst nur die Wichtigsten davon:
Eric Clapton, Pete Townshend, Ed Sheeran, Beyonce, Don Henley, Go West, Elton John, Jeff Beck, David Gilmour, Jools Holland, Chris De Burgh, Joan Armatrading, Tears For Fears, Peter Cetera, Melissa Etheridge, David Crosby, Michael McDonald, Steve Lukather, Richie Sambora, Nikka Costa, Eddie Brickell, Paul Simon, Garry Rafferty, Adele, Kelly Clarkson, Nine Inch Nails, Keith Richards, John Legend, Harry Styles, etc.
Was macht den Personalstil von Pino Palladino aus?
Pinos größte Fähigkeit dürfte sein, sich wie ein Chamäleon der jeweiligen musikalischen Situation anzupassen. Er verfügt über einen umfangreichen Background aus Motown, Soul, R&B, Rock, Blues, Jazz und Fusion, und ist mit seinem hervorragenden musikalischen Gespür jederzeit in der Lage, genau das zu spielen, was ein Song benötigt.
Mitunter sind das nur wenige ausgewählte Töne, an anderer Stelle wiederum spielt Pino sehr dichte Basslines und ist sich auch für ein gelegentliches Basssolo nicht zu schade. Pino denkt nicht in Klischees und falschen Glaubenssätzen wie „Weniger ist mehr!“, sondern hört tief in jeden Song hinein. Manchmal kann eben auch „More is more“ die bessere Wahl sein!
Die immense Wandelbarkeit Pino Palladinos betrifft gleichermaßen auch seinen Sound: Betrachtet man seinen Signature-Sound der 80er mit Fretless, Octaver, Kompressor und Chorus, so hat dieser rein gar nichts mit dem Basssound der Soulquarians zu tun, wo Pino Precision-Bässe mit dicken geschliffenen Saiten und gelegentlichen Drop Tunings spielte.

(Bild: Alessandro Bosio / Alamy Stock Photo)
Ähnliches gilt für seine Grooves: Wenn nötig, spielt Pino nur Akzente der Bassdrum mit – oder er verzahnt sich maximal mit dem Schlagzeug, wie etwa bei den Bassgrooves von D’Angelo.
Eine weitere seiner zahlreichen Stärken ist, dass er über ein fundiertes harmonisches Wissen verfügt und das Griffbrett seines Instruments in- und auswendig kennt. Pino beschränkt sich keinesfalls nur auf die Dur- oder Moll-Pentatonik, sondern nutzt bei Bedarf auch komplexes Jazz-Vokabular, um möglichst viele verschiedene Klangfarben anbieten zu können.
Allgemein lässt sich sagen, dass Pino Palladino ein hochmelodischer Bassist ist, ohne dabei jemals aufdringlich zu werden. Auch wenn mitunter statische Basslines, wie z. B. Grundton-Achtel gefragt sind, fügt er diesen stets das spezielle Etwas hinzu. Je nach Song spielt Pino mit den Fingern oder dem Pick, aber auch die Palm Mute Technik gehört zu seinem umfangreichen Spieltechnik-Arsenal. In seinen Anfangsjahren hörte man Pino auch ab und an slappen, was jedoch im Laufe der Zeit immer weniger wurde.
Welches Equipment benutzt Pino Palladino?
Wie jeder Studiobassist spielt Pino je nach Anforderung natürlich ständig verschiedene Bässe. Dennoch scheint es ein paar eindeutige Favoriten zu geben, auf die er immer wieder zurückgreift:
- Music Man Stingray Fretless Bass (gekauft 1981)
- Music Man Stingray Fretless Signature Bass
- 1961 Fender Precision Bass
- 1963 Fender Precision Bass
- 1957 Fender Precision Bass
- Fender Jaguar Bass
- Moon Jazz Bass
- Lakland 44-60 Bass
- Lakland 55-94 Bass
- u.v.a.
Auch an Verstärkern und Bassboxen kam im Laufe der Jahre einiges zusammen:
- Ampeg B15
- Ampeg VST
- Ampeg 8×10
- Fender Super Bassman
- Fender Bassman 8×10
- Ashdown ABM 1200
- Ashdown 8×10
- Phil Jones 8T/16B
- etc.

(Bild: Gonzales Photo / Alamy Stock Photo)
In Sachen Effekte ist der Name Pino Palladino natürlich für immer untrennbar mit einem Octaver und einem Chorus verbunden. Doch er benutzt auch andere Effekte – wenn auch zumeist eher subtil:
- Boss OC-2 Octaver
- TC Electronic Chorus
- Analog Alien Alien Bass Station Multi-Effect
- Emma DiscomBOBulator
- Origin Effects Cali76 TX
- MXR M82 Bass Envelope Filter
Definitiv hat Pino eine Vorliebe für Flatwound-Saiten, zu denen folgende Modelle gehören:
- Thomastik-Infeld Flatwounds
- LaBella Flatwounds
- Ernie Ball Flatwounds
- Ernie Ball Signature Flatwounds
- Rotosound Swing Bass Roundwounds
Vielen Dank für deine großartigen Basslines und die niemals versiegende Inspiration, lieber Pino!
Thomas Meinlschmidt






