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22.12.2014

Workshop Software für Live-Keyboarder #1: Die Hardware

Der Computer als Instrument auf der Bühne

Das richtige Equipment für ein stabiles System

Willkommen zum bonedo-Workshop "Software für Live-Keyboarder", in dem wir uns mit dem für viele immer noch heiklen Thema Computer als Instrument auf der Bühne beschäftigen werden. Was muss man beachten, wenn man live statt einer Workstation oder eines Stagepianos einen Laptop als Klangerzeuger einsetzen möchte? Welche Programme gibt es und welches ist das richtige für mich? Und überhaupt – ist das nicht viel zu riskant? Bevor wir uns in den nächsten Folgen den verschiedenen Software-Lösungen widmen, soll es zunächst um die richtige Hardware gehen, denn sie ist die Basis eines stabilen Systems.

In die Studios haben Computer schon lange Einzug gefunden, ob nun als DAW oder als Klangerzeuger. Auch auf der Bühne setzen immer mehr Bands Notebooks ein, meistens zum Abspielen vorproduzierter Playbacks. Doch trauen sich bisher nur wenige Keyboarder, virtuelle Instrumente live einzusetzen – lange Zeit galt der Rechner dafür als zu störungsanfällig. „Du spielst live mit einem Laptop? Das wäre mir ja zu instabil.“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört und wenn man nicht die entsprechenden Vorkehrungen trifft, mag das auch durchaus zutreffen. Eine gute Konfiguration und etwas Disziplin vorausgesetzt, kann ein Computer aber vielseitiger und leistungsfähiger als aktuelle Workstations sein. Immense Fortschritte in der Prozessortechnik und Entwicklungen wie SSD-Speichermedien tragen zu einer besseren Performance und Zuverlässigkeit bei, so dass ich hier mit diesen Vorurteilen aufräumen möchte. Dieser Workshop soll euch helfen, selbst ein stabiles Computer-Setup für den Bühneneinsatz als Keyboarder aufzubauen.

Bevor ihr jedoch mit der Planung des Systems anfangt, solltet ihr euch einige grundlegende Gedanken machen. Zuerst steht die Entscheidung zwischen den Betriebssystemen Mac OS X und Windows an. Für Linux gibt es ebenfalls Lösungen. Da diese jedoch den Konkurrenten in allen Punkten unterlegen sind und Linux immer noch vergleichsweise wenig verbreitet ist, verzichte ich in diesem Workshop auf dieses Betriebssystem. Als nächstes solltet ihr euch überlegen, was ihr mit eurem Setup erreichen wollt. Ein einzelner Pianosound benötigt weniger Rechenleistung als komplexe Top-40-Setups mit vielen gleichzeitig verwendeten Sounds und Split- und Layer-Zonen. Daraus ergibt sich die Rechnerkonfiguration. Dann: Ist bereits Equipment vorhanden und falls ja, könnt / wollt ihr dieses einbinden? Wieviele Audioein- und -ausgänge benötigt ihr? Und – last but not least: Wie groß ist euer Budget?

Laptop / PC

Der Laptop bzw. PC ist das „Gehirn“ des Setups und kann sensibel auf Veränderungen im System oder in der Umgebung reagieren. Ich empfehle einen Prozessor mit mindestens vier Kernen (Intel i5 oder höher), mindestens 8 GB RAM und ein 64bit-Betriebssystem, um mehr als 4 GB Arbeitsspeicher nutzen zu können. Während das aktuelle OS X Yosemite und seine Vorläufer Lion, Mountain Lion und Mavericks nur als 64bit-Versionen erschienen sind, ist es nach wie vor möglich, Windows in 32bit zu erwerben.

Bei der Festplatte rate ich zu einer SSD (Solid State Drive). Herkömmliche Festplatten sind langsam und anfällig gegenüber Erschütterungen. Das kann zu Aussetzern und Hängern beim Gig führen. Daher ist eine SSD ein Muss. Sie ist nicht nur wesentlich schneller als herkömmliche HDDs, sondern besitzt auch keine beweglichen Teile und ist deshalb stoßfest. Hier sollten je nach Anwendung 64-512 GB genügen – die Größe eurer Sound Librarys ist hier der entscheidende Faktor. Wie eine Festplatte sollte auch eine SSD aber nie bis zum Anschlag gefüllt werden, weil das Betriebssystem im Hintergrund freien Platz zum Zwischenspeichern benötigt.

Wenn ihr euren Rechner für den Liveeinsatz konfiguriert, schaltet zunächst sämtliche Energiesparmodi aus. Auch Systemsounds sind auf der Bühne unerwünscht (der berüchtigte Mac-Volume-Änderungs-Sound über eine PA ist kein schönes Erlebnis). Weiterhin empfehle ich, den Bühnenrechner wirklich nur für diese Anwendung zu benutzen. Es gibt zwar Kollegen, die ihren Bühnencomputer auch für Office, Mails und Surfen verwenden, ich hingegen sehe den Rechner als Instrument. Ich benutze meine Keyboards auch nicht als Bücherregal. Virenscanner, Bildschirmschoner, Firewall und zeitgeplante Dienste wie z.B. automatische Updates und Backups sollten abgeschaltet werden. Punkte bringt auch das Deaktivieren des Indexingservice von Spotlight und der Mitteilungszentrale (Mac). Faustregel: Updates nur, wenn keine Gigs bevorstehen und / oder etwas nicht funktioniert. Never change a running system.

In der Regel sind Windows-Rechner anfälliger für Viren & Spyware als Macs. Deshalb empfehle ich, mit dem Bühnenrechner möglichst wenig online zu arbeiten. Manche Software benötigt zur Registrierung eine Internetverbindung, aber es sollte die Ausnahme bleiben. Bei Mac-Systemen ist dieser Punkt entspannter, aber auch hier empfiehlt es sich, den Rechner aufgeräumt zu halten und für möglichst wenig andere Anwendungen einzusetzen.

Audio-Interface

Wenn wir uns mit Audio-Interfaces befassen, spielen Begriffe wie Latenz, Puffergröße und Samplerate eine entscheidende Rolle. Die Latenz beschreibt die Zeit, die das Betriebssystem und das Interface brauchen, um das eingehende Notensignal in ein hörbares Audiosignal umzuwandeln und auszugeben. Ist sie zu groß, nimmt man das beim Spielen als störende Verzögerung wahr. Zu diesem Thema möchte ich euch einen Artikel meines Kollegen Felix Klostermann ans Herz legen. Hier werden alle Begrifflichkeiten gut erklärt.

In der Kürze:

  • Je geringer die Puffergröße, desto geringer die Latenz
  • Je höher die Samplerate, desto geringer die Latenz
  • Eine zu niedrig eingestellte Puffergröße führt zu Knacksern und Drop-Outs

Der Core-Audio-Treiber von Mac OS X eignet sich bereits, um kleine Vorproduktionen zu erstellen und „live“ Instrumente einzuspielen. Der Windows-Treiber hingegen ist hierfür nicht brauchbar. Abhilfe schafft der kostenlose ASIO-Treiber namens ASIO4ALL. Mit diesem ASIO-Treiber erreicht man auch unter Windows ohne Audio-Interface gute Latenzen.

In der Regel haben Computer Miniklinken-Ausgänge. Grundsätzlich spricht nichts gegen eine Miniklinke, ich persönlich bevorzuge jedoch eine mechanisch stabilere Bauform wie 6,3mm Klinke oder gar XLR, die man bei externen Audiointerfaces findet. Neben den stabileren Anschlüssen bringen euch externe Interfaces weitere Vorteile. Ihr profitiert in der Regel von besseren Latenzen durch spezielle, für das Interface angepasste Treiber. Sofern das Interface über mehrere Audioein- und ausgänge verfügt, könnt ihr hierüber eure eingebundenen Hardwareklangerzeuger verwalten, dem Schlagzeuger einen separaten Klick-Track schicken oder euren Monitorsound mischen. Ich habe stellenweise schon komplette Bands über meine externe Soundkarte gemischt.

Obwohl viele Audio-Interfaces „Bus-Powered“ sind, also nicht zwingend eine externe Stromversorgung benötigen sondern direkt über das USB- bzw. Firewirekabel mit Strom versorgt werden, halte ich den Anschluss eines Netzteils für sinnvoll, um den Bus des Rechners zu entlasten. Der Bus ist eine Fehlerquelle, die wir dadurch eliminieren. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für Masterkeyboards, so praktisch der USB-Anschluss hier auch ist. USB (oder gar MINI-USB) ist keine bühnentaugliche, mechanisch stabile Verbindung.

Externe Audio-Interfaces gibt es in vielen Größen, Bauformen, Ausstattungen und für jeden Geldbeutel. Ein weiteres Kriterium für den Liveeinsatz könnte sein, ob sich das Interface in ein stabiles Case einbauen lässt. Auf Bonedo wurden schon viele Interfaces getestet. Hier ein paar Empfehlungen, natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

RME:

Babyface

Fireface UCX

Fireface UFX

MOTU:

Ultralite

Track16

Universal Audio:

UAD Apollo Twin Duo

Apogee:

Apogee Duet 2

MIDI-Controller

Nachdem die klangerzeugende Hardware steht, folgt jetzt die Frage, wie ihr die Sounds in die Finger bekommt. Dafür braucht ihr ein Masterkeyboard. Hier darf ruhig nach dem Prinzip „erlaubt ist, was gefällt“ ausgesucht werden. Dabei muss nicht von reinen Masterkeyboards ausgegangen werden. Jedes Stagepiano und jeder Synth verfügt in der Regel über einen MIDI-Ausgang und kann für diesen Zweck verwendet werden. Da sich Split- und Layer-Zonen in den gängigen Softwareprogrammen für den Liveeinsatz bequem realisieren lassen, muss das Keyboard nicht unbedingt mit umfangreichen eigenen Funktionen dafür ausgestattet sein. Sucht euch also das Keyboard aus, das euren Vorstellungen von Größe und Gewicht, Tastatur und Ausstattung mit weiteren Controllern am besten entspricht.

Auf Bonedo haben wir auch hierfür schon viele Kandidaten getestet. Hier einige Beispiele, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

AKAI MPK88

Novation Impulse 49

Studiologic Numa Nero / Numa Nano

Doepfer LMK 4+ GH

Alesis Vortex Wireless

Potis, Fader und Drumpads können bei Bedarf auch durch weitere MIDI-Controller nachgerüstet werden:

AKAI Mini Controller LPD8 / LPK25, Drumpad MPD18

Korg Nano Serie

Eine universelle Controller-Lösung ist das iPad, das entweder über WLAN oder per Kabel mit dem Rechner verbunden wird. Mit Apps wie Lemur oder TouchOSC könnt ihr euch euren ganz persönlichen MIDI-Controller zusammenstellen.

Ich empfehle für die Verwendung externer Controller, die über einen MINI-USB Anschluss verfügen, immer die Verwendung eines aktiven USB-Hubs mit eigener Stromversorgung. Auch dadurch wird der Bus des Rechners entlastet und es steht immer genügend Leistung für die angeschlossenen Geräte zur Verfügung. 

Software

Die Software muss anderen Ansprüchen als im Studio genügen: Wir wollen zwischen Sounds und Setups in kurzer Zeit umschalten, Parameter mit Hilfe von MIDI-Controllern zuweisen und intuitiv fernsteuern und möglichst schnell und flexibel Splitzonen und Layer erstellen. Cubase, Logic und andere DAWs sind dafür nicht ausgelegt. Aber es gibt verschiedene, speziell für den Liveeinsatz konzipierte Programme, die ich in den nächsten Folgen dieses Workshops im Einzelnen vorstellen werde.

Für Windows gibt es Cantabile und Brainspawn Forte. Die Programme liegen zwischen 130-150 US-Dollar. Sounds oder Effekte werden hier nicht mitgeliefert.

Für 27 Euro gibt es für Mac-User das mit Logic Pro X verwandte Programm MainStage mittlerweile in der Version 3.0.4 (Stand 26.11.2014). Nach dem Download und der Installation können nochmals 35 GB an Instrumenten, Loops und Effekten heruntergeladen werden.

Der von der Firma Muse Research entwickelte Receptor läuft auf Linux-Basis. Es handelt sich hierbei um einen Rechner in einem 2HE 19“ Gehäuse, auf dem eine von Muse eigens entwickelte Software läuft. Eine ganze Batterie an Sounds ist auch hier vorinstalliert.

Die Nachteile

Ganz ohne Drawbacks ist die Software-Lösung natürlich nicht. Der wohl größte Nachteil ist der Verkabelungsaufwand. Eine Synthesizer-Workstation stellt man auf den Keyboardständer, schließt im Optimalfall lediglich Pedale, Strom und Audio an und kann loslegen. Bei der Nutzung eines Laptops sieht das ganz anders aus: Der Laptop muss auf etwas drauf gestellt werden, damit man jederzeit Zugriff darauf hat – in der Regel braucht man also einen zusätzlichen Ständer oder einen Tisch. Der Laptop, die Soundkarte, die Keyboards und MIDI-Controller benötigen Strom. Dann werden die Strecken gelegt: MIDI, Audio, USB, Firewire, Pedale. Der Rechner muss hochgefahren und alle Geräte angeschaltet werden. Dann wird die entsprechende Software geladen... und dann kann man auch „schon“ loslegen, wenn alles gut gegangen ist.

Ein weiterer Faktor ist die Inspiration. Eine Workstation lädt zum Spielen und Jammen ein. Auf Knopfdruck sind zig Sounds in allen Farben und Formen verfügbar, die eingebauten Fader und Potis sind direkt mit Parametern belegt. Software hingegen ist leer, sofern man sie nicht entsprechend vorbereitet.

Plug-ins und Librarys, besonders im synthetischen Bereich, gibt es noch und nöcher, die Auswahl erschlägt einen förmlich. Während man also bei einer Workstation gezwungen ist, sich mit den gegebenen Mitteln auseinander zu setzen, kauft man sich ein neues Plug-in und schaut, ob sich dort genau das Preset befindet, das man gerade sucht. Vor- oder Nachteil? Das entscheidet ihr.

Software erfordert intensive Einarbeit. Um euch dabei zu helfen, euch einen Einblick und somit eine Entscheidungshilfe zwischen den Programmen zu geben, behandeln die nächsten Folgen dieses Workshops die Möglichkeiten der verschiedenen Software-Lösungen. Gestartet wird mit dem Logic Pro X Bruder Mainstage. Anhand eines Live-Setups für die Keyboardsounds für den Hit „Get Lucky“ von Daft Punk werde ich euch zeigen, wie die Live-Hosts aufgebaut sind, wie schnell sich Parameter zuweisen lassen und wie die Song-Organisation für den Livebetrieb gestaltet ist. 

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