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25.06.2018

Warm-up am Schlagzeug - Muss das sein?

Warum es sinnvoll ist, sich vor dem Schlagzeug Spielen aufzuwärmen

Auf die Frage, ob und wie sich Trommler vor dem Gig oder einer Übe-Session am Schlagzeug aufwärmen, erhält man ganz unterschiedliche Antworten. Sie reichen von „Ja klar, in den ersten zwei Songs des Konzerts wärme ich mich auf, danach läuft es wie geschmiert.“ bis hin zu der Auskunft, dass kein Schlag auf dem Drumset ohne intensives Warm-up-Programm absolviert wird. Dabei gibt es immer wieder Überraschungen, beispielsweise wenn im Vier-Augen-Gespräch mit einem für seine grandiose Technik bekannten Trommler oder Trommlerin heraus kommt, dass er oder sie sich niemals aufwärmt. Oder wenn der gestandene Punker einräumt, sich minutiös auf Gigs vorzubereiten, wozu ein kurzes Joggen plus 20-minütiger Einspielphase im Backstage-Raum gehört. 

 

Mit solchen Extremen konfrontiert, fragen sich natürlich viele Trommler, was denn nun die richtige Herangehensweise ist. Schließlich ist es dem Spiel in den allermeisten Fällen weder anzusehen noch anzuhören, ob sich der Drummer vorher aufgewärmt hat. Und überhaupt, woraus besteht denn nun eigentlich ein Warm-up, wie unterscheidet es sich vom „normalen“ Üben? Ich möchte in diesem Workshop auf einige dieser Fragen eingehen, eines aber gleich vorweg klarstellen: sich aufzuwärmen ist sinnvoll! Warum, lest ihr auf den folgenden Zeilen. 

Was ist ein Warm-up?

Bevor es losgeht, versuche ich mich mal an einer kleinen Definition des Begriffs Warm-up. „Als Warm-up wird eine dem eigentlichen Spiel vorgeordnete Bewegungsroutine verstanden, die sowohl dem Aufwärmen von Muskeln, Sehnen und Nerven dient, als auch als mentale Vorbereitung auf eine bevorstehende Darbietung am Instrument. Ein Warm-up kann aus dem Umsetzen von Rudiments auf dem Pad mit Sticks bestehen, aber auch aus Fußübungen, die bestimmte Bassdrum-Figuren abbilden. Auch körperliche Ertüchtigung in Form von leichtem Joggen und anderen Leibesübungen wird gern der Aufwärmroutine hinzugefügt.“ Großartig, nicht wahr? 

Sich aufzuwärmen ist gut!

Im Gegensatz zu anderen Workshops, wie beispielsweise jenem zum Thema Open Handed Playing, gibt es hier keine Gliederung, in der sowohl Vor- als auch Nachteile besprochen werden. Das liegt daran, dass es keine Nachteile gibt. Selbst eingefleischte Warm-up-Muffel können ihren Verzicht darauf eigentlich nicht wirklich begründen. Ob ich mich selber immer aufwärme? Nein. Ob ich es anderen empfehle? Klar! Warum ich mich selber nicht immer aufwärme? Manchmal aus Zeitgründen, manchmal vergesse ich es, manchmal bin ich inspiriert von etwas und möchte es sofort richtig am Drumset umsetzen. Aber das sind alles keine Argumente gegen ein gutes Warm-up. Argumente dafür gibt es aber etliche. 

Warum sollte man sich überhaupt aufwärmen?

Klare Antwort: Der Körper funktioniert danach einfach besser. Denn eine der wichtigsten Funktionen eines ausgewogenen Warm-ups ist das sanfte Erreichen der optimalen Betriebstemperatur des Körpers, bevor es mit dem Gig oder dem Üben am Drumset richtig losgeht. Wie ein Dieselmotor bei Kälte, mag es auch der menschliche Körper nicht, wenn die Leistungskurve schlagartig ansteigt. Jeder, der mal vor einem Rock- oder Metalgig im Winter draußen stand und sich dann drinnen hinters Sets geschwungen und direkt Vollgas gegeben hat, weiß, wovon ich spreche. Verkrampfungen, Schmerzen in den Kapseln und Gelenken und spielerische Ungenauigkeiten sind oft die Folge. Je nach persönlicher Konstitution nur für einige Songs, manchmal über Tage oder sogar Wochen. Der Grund dafür ist schnell erklärt. Während unsere Normaltemperatur bei etwa 36,5 Grad liegt, lassen sportliche Aktivitäten die Körperwärme auf bis zu 39 Grad ansteigen. In dem Bereich arbeiten alle bewegungsrelevanten Teile sowie die Nerven am besten zusammen. Zwingt man sich also unaufgewärmt Höchstleistungen ab, „ruckelt“ das System. Das bedeutet natürlich nicht, dass ihr vor jedem Schlagzeugspielen eure Körpertemperatur um zwei Grad ansteigen lassen sollt, schließlich erfordern auch nicht alle Stile dieselbe Bewegungsintensität. 

Hier zeigt Anika Nilles eines ihrer Warm-up Programme:

Technische Vorbereitung auf das, was kommt

Ein weiterer, offensichtlicher Vorteil einer passenden Aufwärmphase ist eine grundlegende technische Vorbereitung auf den bevorstehenden Gig oder die Session am Drumset. Die „Verschaltung“ von Kopf und Händen ist dann bereits vollzogen, wenn es ernst wird. Wolfgang Haffner hat mal bei einer Masterclass erzählt, dass er versucht, möglichst immer Stöcke in den Händen zu halten, damit sie quasi mit ihm verschmelzen und sich immer angenehm anfühlen, wenn er am Schlagzeug sitzt. Ein ganz ähnliches Argument für ein Warm-up ist, dass nicht nur die Hände, sondern eben auch die Sticks angewärmt werden und sich damit eher wie ein Teil des Körpers anfühlen. Davon abgesehen, helfen die technischen Bewegungsabläufe beim Aufwärmen auch, sich schnell in die Standardteilungen der meisten Songs einzufühlen. Schließlich beinhaltet ein einfacher Single-Stroke-Roll meistens schon alles, was bewegungsmäßig für uns Schlagzeuger relevant ist. Darüber hinaus bietet es sich natürlich auch an, bestimmte Handsätze und Figuren einzubauen, die beim Gig auch vorkommen. Zum Aufbau des Warm-ups selbst gehe ich weiter unten aber noch gesondert ein. 

Mentale Vorbereitung

Neben den mechanischen, körperlichen Aspekten kann ein Warm-up auch mentale Unterstützung bieten, besonders in Live-Situationen. Das Wissen darum, vor dem Gig „schon etwas getan“ zu haben, ist für viele Drummer sehr wichtig und stärkt das Selbstbewusstsein. Auch das Gefühl, durch das Warm-up schon mittendrin zu sein, kann Lampenfieber abbauen und helfen, sich auf das zu konzentrieren, was man da auf der Bühne eigentlich machen wollte, nämlich mit maximalem Spaß Schlagzeug zu spielen. 

Woraus sollte ein gutes Warm-up bestehen?

An dieser Frage scheiden sich die Geister, und jeder Trommler beantwortet sie für sich etwas anders. Ich möchte hier aber ein paar Ansätze vorstellen, die ich sowohl selber verwende, als auch bei den Masterclass-Dozenten meiner Schule, dem Trommelwerk Bremen regelmäßig sehe. 

Der Unterschied zwischen Aufwärmen und Üben

Auch bekannte Schlagzeuger, die für ihre technische Brillanz bekannt sind, nutzen Aufwärmphasen in der Regel nicht, um ihre Fähigkeiten zu erweitern. Stattdessen werden meistens einfache Figuren gespielt, um die Hände – und manchmal auch die Füße – auf Betriebstemperatur zu bekommen. Das ist logisch, denn es hat vor einem Gig wenig Sinn, an die mentalen und körperlichen Limits zu gehen, die das Üben mit sich bringt. 

Rudiments: „Singles, Doubles, Paradiddles“

Diese drei Begriffe sind tatsächlich das, was ich mit Abstand am häufigsten höre, wenn ich Kollegen nach ihrer Aufwärm-Routine befrage. Je nach Können sind natürlich auch unzählige weitere, gerne auch komplexe, Patterns erlaubt, in den Basis-Schlagfolgen steckt aber eigentlich schon alles, was für ein gutes Warm-up nötig ist. Die meisten Trommler sind damit vertraut, es bedarf also keiner besonderen Konzentration, und die Energie kann in den Aufwärmvorgang fließen. Beliebt sind Blöcke aus sich wiederholenden Kombinationen, beispielsweise vier Takte Einzelschlagwirbel, gefolgt von vier Takten Doppelschlagwirbeln. Je nach Fähigkeiten empfehlen sich auch akzentuierte Figuren der genannten Rudiments. 

Vor dem Gig: Aufwärmen zum Tempo des ersten Songs

Eine immer gern angewandte Methode, um einen guten Einstieg in das Konzert zu finden, besteht darin, zum Warm-up ein Metronom anzuschalten (zum Beispiel mit einer dieser Drummer Apps) und es im Tempo des ersten Songs laufen zu lassen. Diese Vorgehensweise hilft, sich nicht vom Adrenalinschub in viel zu hohe Tempi treiben zu lassen. 

Aufwärmen ohne Stöcke

Es kommt immer mal wieder vor, dass einem erst kurz vor dem Gig einfällt, dass man sich eigentlich gerne aufwärmen würde. Leider liegen aber die Stöcke am Schlagzeug, und das Publikum wartet bereits gespannt auf das Erscheinen der Band. Da stört es die Dramaturgie, wenn der Trommler schonmal kurz auf die Bühne kommt, um seine Stöcke zu schnappen. In diesem Fall könnt ihr eure Figuren einfach mit den flachen Händen auf den Knien spielen. Oder ihr macht es wie Jojo Mayer, der einfach seine Unterarme senkrecht vor dem Körper zusammen bringt und dann vor dem Gesicht in die Hände klatscht. Hier ist ein Video zu dieser erstaunlich effektiven Methode: 

Wie lange sollte man sich aufwärmen?

Hier gilt: besser ein ganz kurzes Warm-up als gar keins. Ansonsten hängt es davon ab, welche Musikrichtung ihr spielt, wie viel Zeit ihr habt und auch davon, wo ihr spielt. Steht euch ein bewegungsintensiver Rock- oder Metalgig bevor, empfiehlt es sich, den Aufwärmprozess so zu gestalten, dass ihr anschließend auch wirklich aufgewärmt seid. Geht es um leisen Bar Jazz, kann es reichen, sich zwei Minuten hinzusetzen und ein paar Handsätze zu spielen. Patentrezepte gibt es keine, ihr solltet einfach auf euren Körper achten und registrieren, wann Hände und/oder Beine sich gut durchblutet und warm anfühlen.

Einige Drummer schwören darauf, nicht nur Hände und Füße aufzuwärmen, sondern zusätzlich leicht zu joggen, entweder auf der Stelle oder ein paar Meter am Veranstaltungsort. Diese Methode ist bei Drummern beliebt, die auch körperlich an ihre Grenzen gehen, also laute und schnelle Stile spielen. Ihr Vorteil ist – ähnlich wie beim Sport – dass der ganze Körper auf die bevorstehenden Belastungen eingestellt wird. Aber auch hier gilt: nicht übertreiben, der Gig steht schließlich noch bevor. 

Wichtig ist, zwischen Warm-up und Gig oder Übe-Session nicht zu viel Zeit verstreichen zu lassen, dann verpufft der Effekt. Ich selber mache unmittelbar vor dem Gig eine etwa fünfminütige Routine und gehe dann auf die Bühne. Wenn es draußen kalt ist, versuche ich zu vermeiden, mich vor dem Spielen im Freien aufzuhalten, denn die Hände kühlen schnell aus, und es braucht länger, um sie geschmeidig zu bekommen.  

Fazit

Sich vor dem Spielen aufzuwärmen, ist sinnvoll. Ein passendes Warm-up bringt den Körper auf Betriebstemperatur und sorgt dafür, dass sich ein Konzert oder eine Übe-Session am Instrument vom ersten Schlag an gut anfühlt. Außerdem beugt es Verletzungen vor, die dadurch entstehen können, dass Muskeln, Sehnen und Nerven zu schnell zu viel abverlangt wird. Auch mental kann es Vorteile haben, sich schon vor dem Gig mit Bewegungsabläufen und Tempi auseinander zu setzen. Das schafft ein Gefühl guter Vorbereitung, was wiederum Stress abbaut. Woraus euer Warm-up besteht, liegt ganz bei euch. Bewährt sind einfache, in moderaten Tempi gespielte Hand- und/ oder Fußsätze, wie beispielsweise Einzel- und Doppelschläge sowie Paradiddles. Manche Drummer  absolvieren dazu auch leichtes Laufen, Stretching oder gymnastische Übungen. Wie auch immer ihr es haltet, euer persönliches Aufwärmprogramm wird euch besser und entspannter spielen lassen. 

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