Keyboards
Test
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17.02.2021

Praxis

Zen-Core Bedienoberfläche für Mundakrobaten

Nahezu alle Sounds des neuen Roland Digital Kosmos sind untereinander austauschbar. Mit der Verselab MV-1 Hardware gibt es ne ordentliche Ladung Trap/Drill Stock-Content dazu – ohne in klebrige Klischees zu verfallen. Die MC 707 ist hingegen „4 the floor“ mäßig abgeschmeckt, wenn ich mich recht entsinne.

Die mitgelieferten Synths klingen jedenfalls alle erschreckend gut und analog, viele der Pads und Chöre ebenfalls knackig-modern. Die restlichen Brot/Butter-Sounds klingen aber teilweise sehr nach 90er-Alleinunterhalter-Keyboard, inflationär viele "Schlager D50 Sachen" sind auch bei, komische Seinfeld-Ebässe und so, aber nun gut.

Die Auswahl an geilen Sub-Bässen und Portamento, Pop Smoke Style, ist gelungen. Auch hochwertige World und Orchester-Sounds gehören zum Lieferumfang und bieten wiederum alles für klassischen „Fifty-Sound“. Besonders ausgefallene Kits, so Ronny J mäßig, gibt es aber auch nicht.

Die Drum-Pads spielen sich gut und die Velocity wird gut erkannt – allerdings viel mir bei einigen Patches auf, dass die Velocity-Verknüfpungen teilweise sehr zittrig waren, man sie also nicht sehr feinfühlig spielen konnte.

Anders ausgedrückt: Mehr Sounds möchte ich hier über den simplen Kategorie-Browser per Push-Encoder und Shift-Befehl auch gar nicht auswählen wollen – böse Zungen werden behaupten, dass man für Trap ohnehin nicht viele unterschiedliche Instrumente benötigt. Was man aber durchaus für Trap Hats gebrauchen könnte, wäre ne 1/64 Scale für das Sequenzer-Grid, bro!

Preamp und Vocal-Effekte machten eine gute Figur, High-End-Sound darf man aber nicht erwarten. Die Tune und Harmony-Effekte machen Spass, kommen an echtes Autotune aber nicht heran. Für weitere Informationen empfehle ich den Roland VT-4 Test, denn hier gibt es viele klangliche Überschneidungen, wenn auch deutlich weniger elegant zu bedienen.

Bei vielen der letzten Roland Kisten die ich testen durfte, spürte man die gleiche Hintergrundstruktur der Zen-Engine, sodass man sich auch auf unbekannten Geräten grundsätzlich schnell heimisch fühlt, die Unterschiede häufen sich aber in den Details. Die Hardware hier wurde für ihren spezifischen Workflow jedenfalls gut entwickelt und ich bin gespannt, wie manch einer das kreativ missbrauchen wird. Man hat hier jedenfalls viele Möglichkeiten auch ohne sich in das Parameter-Grab komplett einzulassen.

Workflow-Pony

Den nächsten Blick möchte ich auf die folgende „unauffällige Offensichtlichkeit“ lenken; den weißen Workflow-Bereich. Von links nach rechts durchläuft man alle kreativen Stufen, um am Ende einen finalen Mix aus Einzelspuren (WAVs) auf der SD-Karte zu finden.

Erst ein paar Sequenzen schrauben, dann zu Sections kredenzen und diese für nen Song aneinanderreihen. Mix und Mastering hier und da – und Stem-Export via WAVs! Das kleine File-Symbol visualisiert das schön. Das musikerfreundliche Konzept gefällt mir äußert gut, ist es doch so praxisnah! Auch schön: Macht ein Tastendruck in gewissen Kontext keinen Sinn, sagt es einem das Display auch!

Hier und da, insbesondere in den Menü-Tiefen, gibt es aber auch durchaus die ein oder ander Workflow-Bremse – bspl. Effekte-Browsen während man das Pad manuell triggert –, wo man sich dann fragt: bin ich zu blöd oder ist das einfach blöd umgesetzt ?!

Leichter Overkill

Demo-Songs und Promo-Videos zeigen, man kann auch ganze Songs mit dem MV-1 realisieren. Eine Liebe für Minimalismus und ein gewisser Hang zum Masochismus sind dazu aber sicherlich unumgänglich, da die vielen Optionen und Funktion unter der Haube an Overkill grenzen – und damit gibt es zu viel zu er-kurbeln! Spätestens das Editing der Aufnahmen macht keinen Spaß mit dem Display! Aber ey, wer halbwegs singen oder rappen kann, sollte nicht allzu viel zum Schneiden haben, oder?

Ich verstehe das Ganze jedenfalls einfach als mega-cooles Vorproduktions-Tool. Und mit den 16 Takes im Song-Mode kann man sicherlich auch ernsthafte Vor-Produktionen abliefern. Kurz gesagt: Man sollte das Kerlchen nicht unterschätzen! Lediglich die langen Ladezeiten zwischen den Projekten und beim Start-up fordern mein ADS hart heraus. Und ob und wie ich den Song loopen kann, hab ich auch noch nicht herausgefunden …

Einmal Extensions, bitte!

Grundsätzlich kann man auch Sounds vom Workstation-Flaggschiff Fantom importieren oder andere Packs aus der Roland-Cloud herunterladen. Der Plan von Roland Sounds, losgelöst von der Hardware zu handeln, geht immer mehr auf. Hat man sich erst an die Hardware gewöhnt, muss man sich neuer Sounds wegen nicht gleich eine neue Maschine kaufen. Die Zen-Sounds selbst kann man hier am Gerät aber nicht weiter groß verändern, immer nur anpassen, dass muss einem bewusst sein. Aber allein mit den vielen vorhanden Effekten (Multi-FX) kann man auch noch einiges Sounddesign-mäßig erreichen.

Der Roland-Cloud-Preis von 200 Euro pro Jahr im Abo ist bei der aktuellen Fülle und Qualität jedenfalls mehr als gerechtfertigt, denn da es sich in den meisten Fällen nicht nur um einfache Multi-Samples handelt, ist die Authentizität enorm. Eine Plug-and-Play Symbiose mit Zenbeats ist auch angekündigt, das werden wir an entsprechender Stelle noch nachholen, versprochen!

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