Alle Bassisten, die bereits in den 80er- und 90er-Jahren aktiv waren, haben vermutlich ähnliche Erinnerungen wie ich an einen überaus glanzvollen Namen: Sadowsky. Damals kamen noch sämtliche Instrumente exklusiv aus Sadowskys Werkstatt in New York, und in Deutschland kam man eigentlich so gut wie nie in den Genuss, einen dieser sagenumwobenen Bässe zu sichten – geschweige denn zu spielen. Entsprechend sagenumwoben war der Ruf der Instrumente aus dem „Big Apple“. Seit die deutsche Firma Warwick im Jahr 2019 begann, die erlesenen Bässe in Lizenz herzustellen, hat sich bezüglich Popularität und Verbreitung der Sadowsky-Instrumente zum Glück vieles zum Guten gewendet. Mit dieser „Liebeserklärung“ möchten wir dem edlen Sadowsky J-Style Bass huldigen – hat Roger Sadowsky hiermit doch fraglos das Erbe des seligen Leo Fender auf ein ganz neues Qualitätsniveau gehoben!

- Wie verlief die Geschichte von Sadowsky-Bässen?
- Was ist die Philosophie von Roger Sadowsky?
- Warum nennt man Roger Sadowsky „Mr. Late Night“?
- Warum ließ Sadowsky in den 2000er-Jahren Instrumente in Japan fertigen?
- Was macht den legendären „Sadowsky-Sound“ aus?
- Welche berühmten Bassistinnen und Bassisten spielen Sadowsky-Bässe?
- Welchen Stand hat die Marke Sadowsky heute?
Wie verlief die Geschichte von Sadowsky-Bässen?
Um den „Mythos Sadowsky“ zu verstehen, muss man eine Zeitreise in die 80er-Jahre unternehmen. Der Fender Jazz Bass und der Fender Precision Bass genossen trotz neuerer Entwicklungen den Status absoluter Platzhirsche. Es existierten bereits zahlreiche Kopien dieser beiden Klassiker, doch handelte es sich hierbei fast ausschließlich um günstige Nachbauten aus Fernost. Einen Premium J-Style Bass suchte man zur damaligen Zeit vergebens.

Roger Sadowsky hatte sich bereits seit Ende der 70er-Jahre einen hervorragenden Ruf mit seiner mittlerweile in New York ansässigen Werkstatt erarbeitet. Dort modifizierte und optimierte er vorwiegend alte Fender-Bässe. Mit Einsatz des Vintage-Hypes kam diese Arbeit allerdings abrupt zum Erliegen.
Der Grund: Rogers Modifikationen verbesserten die Instrumente zwar erwiesenermaßen, sie minderten aber dummerweise ihren Wert in einer Zeit, in der Sammler bereit waren, hohe Summen für Fender-Bässe im Originalzustand zu berappen. Die logische Konsequenz war, dass Roger begann, seine eigenen Bässe zu entwickelte, auch wenn dies ursprünglich eigentlich nie sein Ziel gewesen war.
Was ist die Philosophie von Roger Sadowsky?
Zur Umsetzung seines Plans nutzte Roger Sadowsky seine zahlreichen Kundenkontakte, die Stars wie Will Lee, Marcus Miller, John Patitucci, Jimmy Earl, Mike Merritt, Don Was etc. umfasste. Diese viel beschäftigten Session-Bassisten hatten oft lange Arbeitstage, mussten zwischen verschiedenen Locations mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxi oder sogar Inlandsflügen hin und herpendeln, und hatten nicht selten mit schwierigen Umständen, wie bescheidener Backline, Neonlicht, schlechter Stromversorgung etc. zu kämpfen. Um all diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, entschied Roger Sadowsky, dass seine Bässe über folgende Features verfügen sollten:
- Fender Design: In Tonstudios waren Fender der absolute Standard und Toningenieure sämtlicher Couleur rümpften die Nase, wenn Bassisten mit anderen Instrumenten auftauchten. Um nicht für Unmut bei Sessions zu sorgen, entschied sich Roger für eine Anlehnung an das altbekannte klassische Design von Fender-Bässen.
- Geringes Gewicht: Aufgrund der langen und anstrengenden Arbeitstage wünschten sich viele von Rogers Kunden leichte Instrumente. Auch hatte Roger Sadowsky die Erfahrung gemacht, dass die leichten Instrumente, welche für Modifikationen den Weg in seine Werkstatt fanden, häufig über die beste Tonansprache verfügten. Daher legt er bei der Selektion der Hölzer einen großen Wert auf ein möglichst geringes Gewicht.
- Downsized Bodies: In New York war und ist es nicht nur für Session-Musiker üblich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxis unterwegs zu sein – hier spielen platzsparende Designs folglich eine große Rolle. Daher verkleinerte Roger seine Instrumente im Vergleich zu den Bodies der Fender-Bässe, die seine Kunden zu ihm brachten (Downsized Body).
- Unempfindlich gegen klimatische Schwankungen: Um zu gewährleisten, dass Sadowsky-Bässe auch auf Tour immer perfekt bespielbar waren und die Stimmung hielten, verwendete Roger von Anfang an gut abgelagerte Hölzer. Zudem begann er nach einigen Jahren, zwei Graphitstreifen in die Hälse einzubauen, um diese abermals stabiler und widerstandsfähiger gegen klimatische Schwankungen zu machen.
- Hum Cancelling Pickups: Schlechte Stromversorgung, Brummschleifen, Neonlicht, etc. sind Gift für Singlecoil-Tonabnehmer. Um ungewollte Nebengeräusche zu vermeiden, ließ sich Roger von seinem Freund Larry DiMarzio spezielle Hum Cancelling (= brummfreie) Bass-Tonabnehmer bauen, welche die klangliche Vorzüge von Singlecoils besaßen, den Alltag von arbeitenden Bassisten aber deutlich erleichtern, da sie Brummprobleme eliminierten.
- Legendäre Elektronik: Den eigenen Sound selbst bei schwierigen Bedingungen wie schlechter Backline etc. vollkommen unter Kontrolle zu haben – das ist fraglos ein Wunsch von uns allen! Aus diesem Grund ließ Roger Sadowsky von seinem Freund Alex Aguilar eine aktive Elektronik entwickeln. Diese umfasste mit „Bass“ und „Höhen“ zwei Bänder, welche sich ausschließlich anheben ließen (Boost Only). Diese Art von Elektronik hat den entscheidenden Vorteil, dass sie mehr Dynamik ermöglicht. In späteren Jahren wurde die Elektronik um eine passive Tonblende (VTC: Vintage Tone Control) ergänzt, welche die tonalen Möglichkeiten abermals erweitert.
Gesagt, getan: Fertig war der erste High-End J-Bass, in den nicht nur die jahrelange Erfahrung von Roger Sadowksy selbst, sondern auch viele Wünsche von renommierter Session-Bassisten eingeflossen waren. Schnell war der Werbeslogan “Instruments For The Working Musician“ geboren. Man sieht: Sadowsky-Bässe sind nie einfache Fender-Derivate gewesen. Stattdessen nahm Roger Sadowsky die Vorlage von Leo Fender als Ausgangsbasis und entwickelte diese konsequent weiter.

Warum nennt man Roger Sadowsky „Mr. Late Night“?
Amerikanische „Late Night TV Shows“ sind bekannt für ihre hervorragenden TV-Bands, die nahezu ausschließlich aus Top-Profis bestehen. Jeder Musiker in Amerika sitzt regelmäßig gebannt vor dem Fernseher und lauscht seinen Vorbildern. Natürlich wird akribisch darauf geachtet, welches Equipment die TV-Musikerinnen und Musiker verwenden.
Roger Sadowsky schaffte es, dass seine Instrumente dank illustrer Kunden wie Will Lee und Marcus Miller in so gut wie jeder „Late Night Show“ zu sehen waren. Eine derartige Promotion ist im wahrsten Sinne „unbezahlbar“ und sorgte schnell für eine landesweite Nachfrage nach Sadowsky-Bässen. In der Szene erhielt Roger Sadowsky in der Folge den Spitznamen “Mr. Late Night“.
Warum ließ Sadowsky in den 2000er-Jahren Instrumente in Japan fertigen?
Schon bald stieß Roger jedoch auf zwei Herausforderungen: Zum einen war die Nachfrage nach seinen Bässen extrem hoch, zum anderen konnten sich viele Interessenten jedoch den Preis für ein handgefertigtes Instrument aus dem New Yorker Custom Shop nicht leisten.
Da Roger bereits einen eigenen „Custom Shop“ für Gitarren im japanischen Tokio etabliert hatte, wurde die Idee geboren, dort auch Bässe zu einem günstigeren Preis herzustellen. Unter den Namen „Metro“ waren ab Anfang der 2000er-Jahre nun Sadowsky-Bässe aus japanischer Fertigung erhältlich.
Um Rogers Ansprüchen an die Qualität seiner Instrumente zu genügen, wurde der Chef der Tokioter Zweigstelle ein ganzes Jahr in New York ausgebildet. Zudem war die komplette Hardware der Metro-Serie inklusive Tonabnehmer und Elektronik identisch mit den Instrumenten, die in New York entstanden.
Was macht den legendären „Sadowsky-Sound“ aus?
Während meines Bass-Studiums in München kam ich Mitte der 90er-Jahre zum ersten Mal in Berührung mit einem in den USA gefertigten Sadowsky-Bass. Alles war genauso, wie ich mir es erträumt hatte: Der Bass ließ sich kinderleicht spielen, klang über das komplette Griffbrett enorm ausgewogen und besaß dank der legendären Elektronik einen druckvollen und quasi „fertig produzierten“ Sound, den man so auf Tonträger hätte pressen können. Vor allem die tiefe H-Saite des Fünfsaiters ist mir in extrem guter Erinnerung geblieben.
Weitere Jahre vergingen, bis ich selbst Besitzer eines Sadowsky-Basses aus der japanischen Metro-Serie wurde. Es war sofort auffällig, wie unproblematisch Soundchecks, Gigs und Studio Sessions im Vergleich mit so machen anderen Bässen waren. Bereits nach Sekunden kam vom Mischer ein „Daumen hoch“, der Bass saß perfekt ausbalanciert im Mix, und es waren wenige bis keine Anpassungen nötig. Leider ließ ich den Bass irgendwann ziehen, um etwas Neues anzuschaffen, an das ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann. Derartige Dummheiten kennt sicher jeder von uns!
Doch was ist besser, als über Sound zu reden? Natürlich: Hörproben! Hier könnt ihr einen fünfsaitigen Sadowsky von Rogers Werkbank in New York City hören; die Beispiele hat unser Redakteur Rainer Wind eingespielt:
Welche berühmten Bassistinnen und Bassisten spielen Sadowsky-Bässe?
Die Qualität von Rogers Instrumenten und die Vorteile, die sie für den „Working Musician“ brachten, sprachen sich schnell herum: Viele renommierte Bassisten wünschten sich einen Sadowsky-Bass in ihrem Arsenal.
Hier ist nur eine kurze Liste von Fans der Marke: Will Lee, Marcus Miller, John Patitucci, Jimmy Earl, Mike Merritt, Don Was, Al Turner, Verdine White, Alex Rodriguez, Dave Bronze, Hugh McDonald, Jason Newsted, Mike Merrit, Oscar Cartaya, Tal Wilkenfeld und viele mehr.

Welchen Stand hat die Marke Sadowsky heute?
2019 wurde abermals ein ganz neues Kapitel in der Sadowsky-Geschichte aufgeschlagen: Roger war schon länger frustriert darüber, dass er immer weniger Zeit an seiner Werkbank verbringen konnte und sich viel um Bürokratie bezüglich Vertrieb, Verkauf, Versand, Zoll-Abwicklungen etc. kümmern musste. Es entstand die Idee, sich einen Partner zu suchen, der bereits über ein weltweites Vertriebsnetz verfügen und idealerweise über Erfahrungen im Bassbau verfügen sollte.

Die Wahl fiel auf den deutschen Hersteller Warwick beziehungsweise den renommierten Vertrieb W-Distribution. Dieser kümmert sich seither überaus erfolgreich um den Bau der hervorragenden MetroLine- und MetroExpress-Serie, während Roger mit einem kleinen Team im New Yorker Custom Shop noch immer ca. 5-10 Instrumente pro Monat in Handarbeit fertigt. Doch auch im sächsischen Markneukirchen gibt es einen Sadowsky Custom Shop, und die Zusammenarbeit zwischen Warwick und Roger Sadowsky wird äußerst engmaschig abgestimmt.
Übrigens: Wer noch tiefer in die Geschichte und vor allem die unterschiedlichen aktuellen Modellreihen eintauchen möchte, findet in diesem Sadowsky-Firmenporträt viele weitere nützliche Informationen.



