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Play-Alike Steve Vai – Gitarren Workshop

Kein Zweifel, dass Eddie van Halen Ende der 70er Jahre mit seinem Erscheinen auf der gitarristischen Weltbühne einen Paradigmenwechsel im Gitarrenspiel einleitete. Einer faszinierenden Schockwelle gleich traf uns die neue Herangehensweise an die Gitarre und es dauerte nicht lange, bis die Szene nahezu täglich neue Gitarrenhelden hervorbrachte. Es schien tatsächlich so, als sei die Zeit reif dafür.

Foto: Copyright Rough Trade Distribution
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Heute, knapp 35 Jahre später, sieht die Situation etwas nüchterner aus. Viele der damaligen Sternchen sind komplett von der Bildfläche verschwunden und nur die konnten sich an der Oberfläche halten, die in erfolgreichen Bands unterkamen oder dort bereits ihren Ursprung hatten, wie z. B. Eddie van Halen oder Steve Morse.
Für das Gros der talentierten Solo-Instrumentalkünstler, die damals die Szene bevölkerten, stellte sich die Situation mit der Zeit zunehmend schwieriger dar. Einer der wenigen, die es dennoch geschafft haben, bis heute populär zu bleiben, ist Steve Vai. Und das nicht ohne Grund, denn dem Ausnahmemusiker gelang es, das E-Gitarrenspiel der Post-Eddie-Van-Halen-Ära noch einmal auf ein neues Level zu heben. Triebfeder für dieses Kunststück waren sein absolut eigenständiger Stil und eine aufregende Mischung aus Virtuosität, Extravaganz, Spielhumor und unbändiger Musikalität.
Aber auch Steve Vai hat seinen Einstand im Musikbusiness mit sehr erfolgreichen Bands feiern dürfen. Und genau darauf möchte ich das Augenmerk in diesem Workshop lenken, denn anders als in meinen bisherigen Play Alikes werde ich mich diesmal auf die ersten beiden David Lee Roth Platten beschränken, nämlich auf „Eat ´Em and Smile“ und „Skyscraper“. Meiner Meinung nach repräsentieren diese Platten am eindrucksvollsten die bedeutendsten Neuerungen, die Steve Vai der Gitarrenwelt schenkte.

Biografie

Steve Vai wurde am 6.6.1960 auf Long Island/New York geboren (das heißt, er war am 6.6.66 genau 6 Jahre alt) und spielte schon sehr früh Gitarre – seine erste Band gründete er angeblich bereits mit sieben Jahren. Da Steves Schwester ein großer Led Zeppelin Fan war, kam er sehr früh mit Rockmusik in Berührung und so nennt er auch Jimmy Page als seinen ersten Haupteinfluss, daneben Jimi Hendrix, Jeff Beck, Ritchie Blackmore und Brian May. Allerdings fand Vai auch in Jazzrock und Avantgarde wichtige Idole, die ihn prägen sollten, wie z. B. Allan Holdsworth und natürlich Frank Zappa.
Nach sehr fruchtbarem Gitarrenunterricht bei Fast-Nachbar Joe Satriani ab seinem 13. Lebensjahr besuchte Vai für kurze Zeit das Berklee College of Music, dem er ein fundiertes musiktheoretisches Wissen sowie sehr profunde Notations- und Transkriptionsfertigkeiten zu verdanken hat. Letztere konnte er sich zunutze machen, als er sich bei Frank Zappa um einen Posten in dessen Band mit einer Transkription der gefürchteten „Black Page“ (einer Instrumentalnummer mit sehr komplexen polyrhythmischen Elementen) bewarb. Dieser war so tief von Vais Talent beeindruckt, dass er ihn sofort als Transkriptionisten in sein Team holte und später als festen Gitarristen für „Strat-abuse“ und „impossible guitar parts“ einstellte. Gestählt durch die harte Zappa-Schule verließ Vai die Band 1982, um Solopfade zu beschreiten und 1983 sein erstes Solowerk „Flexable“ aufzunehmen. 1985 kam der Anruf von Graham Bonnets Band „Alcatrazz“ – dort war der ausgeschiedene Yngwie Malmsteen zu ersetzen – keine Aufgabe, die leicht zu bewältigen gewesen wäre. Doch Vai schaffte es, auch diesen Job zu meistern und sich nach anfänglichen Akzeptanzproblemen den Respekt der Fans zu erspielen. Noch im gleichen Jahr wurde das Album „Disturbing the Peace“ aufgenommen. Ganz nebenbei trug Vai außerdem Gitarrenparts zu John Lydons Public Image Ltds Album mit dem Titel „Album“ bei.
Ebenfalls 1985 kam, vermittelt durch seinen Freund und Kollegen Billy Sheehan, das Angebot, beim neuen Projekt des ehemaligen Van Halen Sängers David Lee Roth dabei zu sein. Für Vai war es nach Alcatrazz kein wirklich neuer Umstand mehr, in die Fußstapfen eines sogenannten Gitarrenhelden zu treten, und auch anfängliche Vergleiche mit Eddie van Halen musste er nicht scheuen, war er doch selbst ein großer Bewunderer von Eddies Spiel.
Mit David Lee Roth erschienen zwei Platten, zum einen 1986 „Eat ’em and Smile“, das in den Billboard Charts sogar Platz 4 erreichte, und 1988 „Skyscraper“, nach dessen Veröffentlichung Billy Sheehan jedoch bereits seinen Hut genommen hatte. Das Zweitwerk bescherte mit „Just like Paradise“ zwar einen Charterfolg und kletterte auf Platz 6 der Albumcharts, war jedoch etwas keyboardlastiger und poppiger als „Eat ’Em and Smile“, was die Fans zum Teil mit Skepsis quittierten. Steve Vai verließ am Ende der Skyscraper Welttournee 1989 die David Lee Roth Band, und an dieser Stelle möchte ich mit meinem Workshop ansetzen. Die beiden genanten Roth-Scheiben markieren nach Eddie van Halen einen neuen Quantensprung im Rockgitarrenspiel und trugen dazu bei, Steve Vai vom Insidertipp zu einem der weltweit bekanntesten Gitarristen zu machen.

Foto: Copyright Rough Trade Distribution
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Techtalk

Auch wenn er mittlerweile zig Signatureprodukte in seinem Portfolio hat, gab es Zeiten, in denen auch ein Steve Vai kleinere Brötchen backen musste. Für die Platte „Eat ’Em and Smile“  musste sich Vai einen modifizierten 100W Plexi Marshall von Ted Templeman besorgen, der ihn wiederum von keinem geringeren als Steve Stevens erhalten hatte, seines Zeichens Gitarrist von Billy Idol. Dieser und andere Marshalls wurden angeblich von Lee Jackson (der Modifizierguru der 80er und 90er) oder Jose Arrendondo getunt. Bei den Endstufenröhren handelte es sich wohl um KT88, bei den Speakern meist um 30W Celestions (möglicherweise Vintage 30), gelegentlich auch 50W Celestions (das exakte Modell ließ sich leider nicht recherchieren) in einer 4×12“ Marshall Box. Hier und da kam ein Carvin X100B mit passender Carvin Box zum Einsatz.
An Effekten benutzte Vai gelegentlich Verzerrpedale (wie z. B. den Boss Super Overdrive), ein Cry Baby WahWah sowie ein Roland SDE 3000 Digital Delay. Für Skyscraper kamen dann größere Racks zum Einsatz, bestückt mit dem Eventide Harmonizer, Yamaha SPX 90 oder T.C. Electronic Effekten.
Bei den Gitarren auf dem Debütalbum handelte es sich zum einen um eine grüne Charvel (genannt: „Green Meanie“, die auch als Vorlage für die erste JEM diente), mit Floyd Rose Tremolo und einer DiMarzio Humbucker-Singlecoil-Humbucker-Bestückung. Steve Vai hatte den Cutaway weiter ausgefräst, um in höheren Lagen bequemer spielen zu können – der Hals war übrigens aus Ahorn. Gelegentlich kamen jedoch auch Modelle von Jackson oder Tom Anderson zum Einsatz.
Nach dem Erfolg des Erstlingswerks begann für Vai eine sehr fruchtbare und bis heute anhaltende Zusammenarbeit mit Ibanez, die der Gitarrenwelt die Ibanez JEM bescheren sollte – anfangs mit Ahorn-, dann mit Palisanderhals. Später kam dann die 7-saitige „Universe“ hinzu, die zu DLR-Zeiten allerdings noch nicht ihren Weg unter die Finger des Meisters gefunden hatte. Endorsement hin oder her, auch auf „Skyscraper“ kamen neben der JEM eine Tom Anderson Custom Gitarre, B.C Rich 12-Saiter, eine Coral Sitar sowie Guild- und Martin-Akustikgitarren zum Einsatz, also beileibe kein Kleinbesteck, das hier aufgefahren wurde.
Für unsere Zwecke reicht jedoch ein Amp mit ausreichend Gain, eine Gitarre mit vorzugsweise Humbucker in Steg- und Halsposition sowie ein verstimmungsfreies Tremolo, das im Idealfall auch nach oben hin bewegt werden kann. Für gewisse Gimmicks darf sich ein Wah hinzugesellen, und für Stücke wie „Good Times“ wäre eine Akustikgitarre nicht schlecht, idealerweise 12-saitig.
Gleich zu Beginn des Debütalbums finden wir einen witzigen Gitarre-Vocal-Dialog, den Vai in Kombination mit seinem Tremolohebel und einem WahWah Pedal kreiert. Einen ähnlichen Effekt zeigt er uns übrigens auch auf seinem Solowerk „Passion and Warfare“ im Intro zu „The Audience is listening“. Versucht, den Ton nur mit Tremolo und Hammer On bzw. Pull Offs zu erzeugen, das funktioniert am leichtesten. Möglicherweise ist es hilfreich, sich gesprochene Worte oder ein Lachen, Weinen etc. vorzustellen:

The Audience is listening
The Audience is listening
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The Audience is listening

Das Riff von „Yankee Rose“ ist ein klassisches Rockriff mit ein paar kleinen Gimmicks. In Takt 9 hört ihr ein Flageolett, das mit dem Tremolohebel in verschiedene Tonhöhen herabgedrückt wird. Das Lick, das in den Pre-Chorus führt, ist eine elegante Verquickung aus Stretchpentatonik und Slides:

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Yankee Rose Yankee Rose – Jam Track

Übrigens: Da das Notenbeispiel etwas länger ist, stellen wir es als PDF zum Download zur Verfügung. Achte grundsätzlich auf das folgende Zeichen. Immer wenn es erscheint, liegen die Noten als PDF vor!

Im Stück „Goin’ Crazy“ finden wir ein sehr flippiges zweistimmiges Riff, das Vai mit den Fingern spielt – hier entsteht bei der Originalaufnahme eine kleine rhythmische Illusion, da man beim ersten Hören den Riffstart auf der Zählzeit 1 vermutet, doch weit gefehlt. Es ist die 1+, ein Trick, den sich auch Kollege Eddie van Halen bei einigen Songs zu eigen macht.

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Goin’ Crazy

„Ladies’ Nite in Buffalo?“ beschert uns eine schöne Mischung aus Singlenotes und zweistimmigen Gitarrenparts.

Ladies’ Nite in Buffalo
Ladies’ Nite in Buffalo
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Ladies’ Nite in Buffalo Ladies’ Nite in Buffalo – Jam Track

Auch jazzige Akkorde können in Rocksongs ihre Nische finden, verbunden mit jazzig-funkigen Oktaven:

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Play Alike Vai 5a Play Alike Vai 5b

Das Riff von „Big Trouble“ zeigt uns einen schönen offenen C#m7 Akkord und ein sehr schönes Sextenabschlusslick:

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Big Trouble Big Trouble – Jam Track

Auf “Skyscraper” präsentiert bereits der Titeltrack schöne sphärische Open-String-Akkorde, leicht mit dem Tremoloarm bearbeitet. Hier lautet die Devise: Die hohe E-Saite soll als Pedalton immer dabei sein:

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Skyscraper Skyscraper – Jam Track

Ein sehr cooler Rocker ist „Two Fools a Minute“. Achtet vor allem auf den ausgeschlafenen Groove sowie die Backslides in Takt 3. Meine Fingerangaben sind nur Vorschläge, aber ich denke, dass ihr damit am besten fahrt:

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Two Fools a Minute

Auf „Damn Good“ legt uns Steve eine regelrechte Gitarrenwand vor die Füße. Laut eigenen Angaben sind hier sieben Gitarrenspuren zu hören, und das nur im Hauptriff! Dabei kommen eine Coral Sitar, zwei Steelstrings, zwei 12-saitige in doppelter Geschwindigkeit (also in halber Geschwindigkeit aufgenommen) und eine normal aufgenommene aufs Band. Dazu eine cleane E-Gitarre mit auf D heruntergestimmter E-Saite. Auch die tollen Flageoletts solltet ihr auf jeden Fall beachten:

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Damn Good

Betrachten wir nun ein paar Soloelemente in Vais Spiel. Anders als bei anderen Gitarristen, die ein spezifisches technisches Element als Hauptcharakterzug ihres Spiels erkennen lassen, beherrscht Vai so ziemlich alle Techniken der modernen Rockgitarre in unglaublicher Präzision.
Sweeps finden bei Vai gerne in folgender Form statt, wie z.B. in „Perfect Timing“. Dabei handelt es sich um ein m7 Arpeggio-Shape, das innerhalb der Tonleiter verschoben wird. Da wir in jeder Durscale drei m7-Akkorde finden, nämlich auf der II., III., und VI. Stufe, können wir dieses Shape an verschiedenen Positionen einsetzen:

Perfect Timing
Perfect Timing
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Perfect Timing

Ganz ähnlich auch im ersten Refrain von „Skyscraper“. Das „Schnalzgeräusch“ entsteht dadurch, dass ihr den Tremoloarm von euch weg in Richtung Gurtpin dreht, nach hinten drückt und dann nach oben eben „schnalzen“ lasst. Erinnert ihr euch noch daran, wie ihr diesen Sound in der Schule mit einem Lineal an der Tischplatte gemacht habt?

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Skyscraper Skyscraper – Jam Track

Im Outro von „Big Trouble“ gehts ähnlich zur Sache. Den Double-Stop am Ende zieht ihr mit dem Tremolohebel nach oben:

Big Trouble
Big Trouble
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Big Trouble

Aus der Pentatonik entstammende Repeating-Pattern gibt´s im Hause Vai natürlich auch.
Hier ein Beispiel aus „Elephant Gun“:

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Elephant Gun

Oder in leichter Variation bei „Stand up“:

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Stand up

Sequenzläufe beschert uns „the little italian virtuoso“, wie Zappa ihn zu nennen pflegte, in ganz verschiedenen Ausführungen.
Mal legato wie hier in „Shyboy“ – achtet darauf, die rhythmischen Ebenen der Triolen und Sechzehntel deutlich zu machen. Das Lick in Takt 5 und 6 zeigt uns wieder, wie Vai eine Phrase an verschiedene Stellen der Scale platziert und mit identischem Fingersatz abfeuert:

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Shyboy Shyboy – Jam Track

Oder am Ende von „Big Trouble“, wo Vai die C# aeolische Skalensequenz zweistimmig in Quinten harmonisiert, im Notenbild sind beide Stimmen übereinander transkribiert. Analysiert diese Sequenz und spielt sie in jedem Skalenpattern, so könnt ihr sie am besten in euer eigenes Spiel integrieren:

Big Trouble
Big Trouble
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Big Trouble

Oder auch gerne mal getappt, wie hier in „Bump and Grind“:

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Bump and Grind Bump and Grind – Jam Track

Auch Chromatik sorgt für frische Sounds, wie wir hier im Solo von „Bump and Grind“ hören können. Die Rhythmik mit ihren häufig auftretenden Quintolen solltet ihr über das Gehör ins Gefühl bekommen, denn ob Vai hier wirklich an Quintolen gedacht hat, ist schwer zu sagen. Fakt ist allerdings: Wer bei Frank Zappa in der Band spielen wollte, der musste polyrhythmisch sehr fit sein, weshalb es auch durchaus möglich ist, dass Vai sehr bewusst spielte. Die Chromatik entsteht in diesem Lick durch das Mischen der F# dorischen-, F# aeolischen- und der F# Blues-Tonleiter.

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Bump and Grind Solo Bump and Grind Solo – Jam Track

Pentatonik-Licks mit Überstreckungen sind uns ja bereits im Intro von „Yankee Rose“ unter die Finger geraten. Bei „Stand Up“ finden wir sie auch:

Stand Up
Stand Up
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Stand Up

Zum Abschluss möchte ich euch noch zwei komplette Soli kredenzen, in denen viel Steve Vai Charakteristik versteckt ist und die eigentlich schon fast eine Steve-Vai-Lick-Enzyklopädie darstellen.
Einer meiner persönlichen Favoriten ist das Solo von „Ladies’ Nite in Buffalo?“. Die Schlussphrase habe ich eine Oktave nach unten transponiert, da ich davon ausgehe, dass nicht jeder von euch eine Gitarre mit 24 Bünden hat:

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Ladies’ Nite in Buffalo Solo Ladies’ Nite in Buffalo Solo – Jam Track Ladies’ Nite in Buffalo Solo – Slow

Mr. Vai zeigt uns sehr schön, wie er sein Whammybar als Gestaltungsmittel zur Tonformung nutzt.
In den Takten 4 und 5 sweept – bzw. “raket” er ein Dm-, G-, F- und erneut Dm-Arpeggio und definiert damit eindeutig die Tonart D-dorisch, um anschließend in Takt 6 eine Skalenmixtur aus D-aeolisch und D-dorisch abwärts zu spielen. Die Takte 9 und 10 bestehen aus einem Cmaj7- und einem Fmaj7-Arpeggio Repeatingpattern, (was man auch durchaus auf andere Akkordtypen oder Tonarten übertragen sollte) und sind erneut ein Beispiel dafür, wie Vai ein und dasselbe Fingershape an verschiedene Stellen des Griffbretts diatonisch verschiebt. Auch Takt 11 zeigt uns ein ähnliches Motiv, bestehend aus vier rhythmisch identischen Einzelbausteinen, das Vai an verschiedene Stellen in der Tonleiter platziert. 
Richtig viel Nutzen von der Transkription eines solchen Solos erlangt ihr, wenn ihr versucht, diese Einzelteile in andere Tonarten, über andere Akkorde oder andere Rhythmen zu übertragen – wir wollen das mal “kreatives Klauen” nennen. Aber Spaß beiseite, die Großen im Gitarrenolymp haben es nicht anders gemacht.
Ein weiteres Paradesolo finden wir in “Big Trouble“, vollgestopft mit einem bunten Blumenstrauß an Licks, Tricks und Melodien:

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Big Trouble Solo Big Trouble Solo – Jam Track Big Trouble Solo – Slow

Hui, das ist ein ganz schöner Apparat! Von den Whammybar-Stunts mal abgesehen findet ihr hier zuerst in Takt 8 eine rasant gepickte Sequenz aus C# dorisch.
In Takt 9 hört ihr eine Melodie, bei der mit der rechten Hand konstant in den 19. Bund getappt wird, während die linke Hand ein Bending auflöst (aus diesem Grund steht in den Tabs auch eine 21 beim Tapping, da der getappte Ton durch das Bending klingt, als wäre er im 21. Bund – er wird jedoch im 19. Bund getappt!) und anschließend eine fallende Melodie spielt.
Besonderes Augenmerk möchte ich jedoch auf diese unfassbare Tappingorgie am Ende des Solos richten (etwas ganz ähnliches spielt Vai wenige Jahre später in dem Whitesnakestück “Wings of the Storm” / Slip of the Tongue”). Dazu möchte ich eine kleine Übung vorausschicken, da man sowohl bei der Wahl der Tapfinger als auch bei der Wahl der Greiffinger sehr wohlüberlegt handeln sollte.
Vai hat, nachdem Van Halen sein Tapping der Welt vorgestellt hatte, seine eigenen Ideen, wie er den Tapping-Gedanken voranbringen könnte – übrigens auch ein Beispiel für kreatives Klauen. Er verwendete zwei Finger seiner rechten Hand, vorzugsweise benachbarte Finger – ihr könntet zum Beispiel das Plektrum wie gewohnt zwischen den Daumen und den Zeigefinger nehmen und den Mittel- und Ringfinger zum Tappen verwenden, im Notenbeispiel TM oder TR genannt. Einen Fingersatz für die linke Hand habe ich euch ebenfalls als Vorschlag eingetragen:

Play Alike Vai 22
Play Alike Vai 22
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Play Alike Vai 22

So viel, liebe Kollegen, zu unserem heutigen Gitarrenhelden. Nehmt euch Zeit für die vorgestellten Parts, Steve Vai ist ein ganz schöner Brecher, und wer die Länge seiner Finger einmal in der Realität sehen konnte, der weiß auch, warum ihm der eine oder andere Lauf oder Stretch leichter von der Hand geht. Vieles von dem, was ihr hier seht und hört, läuft natürlich unter der Rubrik “80er Jahre Glitzergitarre” und wird heute – vorsichtig ausgedrückt – von einem Plattenproduzenten nicht unbedingt für die Hit-Radiosingle erwartet. Deshalb gehört es auch dazu, ein Gespür zu entwickeln, was man heute “tasty” anwenden darf. Aber was soll’s, Geschichte wiederholt sich bekanntlich und wer weiß, ob wir eine solche Phase nicht noch einmal erleben dürfen. Gitarristen wie Guthrie Govan beweisen schließlich, dass man heute wieder einiges “darf”.

Hier eine kleine Auswahl aus Steve Vais Diskografie:

Als Sideman:
Frank Zappa – Tinsel Town Rebellion (1981)
Frank Zappa – Shut Up ’N Play Yer Guitar (1981)
Frank Zappa – You Are What You Is (1981)
Frank Zappa – Ship Arriving Too Late to Save a Drowning Witch (1982)
Frank Zappa – The Man from Utopia (1983)
Frank Zappa – Them or Us (1984)
Frank Zappa – Thing-Fish (1984)
Alcatrazz – Disturbing the Peace (1985)
Frank Zappa – Frank Zappa Meets The Mothers of Prevention (1985)
David Lee Roth – Eat ’Em and Smile (1986)
Public Image Ltd. – Album (1986)
David Lee Roth – Skyscraper (1988)
Frank Zappa – Guitar (1988)
Frank Zappa – You Can’t Do That On Stage Anymore Vol. 1 (1988)
Whitesnake – Slip of the Tongue (1989)
Alice Cooper – “Hey Stoopid” (1991)
Motörhead – Inferno (2004)

Und als Solo-Künstler:
Flex-Able (1984)
Flex-Able Leftovers (1984)
Passion and Warfare (1990)
Sex & Religion (1993)
Alien Love Secrets (1995)
Fire Garden (1996)
The Ultra Zone (1999)
The 7th Song – Enchanting Guitar Melodies – Archives Vol. 1 (2000)
Alive in an Ultra World (2001)
The Elusive Light and Sound Vol. 1 (1972-2002)
FZ Original Recordings; Steve Vai Archives, Vol. 2 (2001)
The Infinite Steve Vai – An Anthology (2003)
Real Illusions: Reflections (2005)
Sound Theories (2007)
Naked Tracks (2008)
Where The Wild Things Are (2009) – Live in Minneapolis
The Story of Light (2012)

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von Haiko Heinz

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slashgad sagt:

#1 - 10.05.2014 um 12:15 Uhr

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Krasser Workshop!!! Exakte Analysen. Super! Vielen Dank! Sag mal qualen dir nicht auch die Finger! ...gut Fingersätze haben bei mir keine Kreis drum... komme halt von der Klassik, wo das für die Saiten bestimmt ist. Aber ich hab's kapiert, denke ich.

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Virtu-ossi sagt:

#2 - 13.05.2014 um 17:44 Uhr

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Schließe mich meinem Vorredner an!!@Haiko: Hast du die Soundbeispiele selber eingespiel?Das wäre krass!!!

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Haiko sagt:

#3 - 14.05.2014 um 00:47 Uhr

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Vielen Dank für eure Beiträge. Das ist korrekt -entgegen der klassischen Schreibweise sind die Fingersätze in diesem Fall eingekreist.
Die Soundfiles habe ich selbst eingespielt und das musste ich auch üben, das ist echt kein leichter Kram :)

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Jan sagt:

#4 - 15.05.2014 um 12:36 Uhr

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Er ist ein Gitarrengott! Echt heftig, dass du das selbst eingespielt hast! Jetzt werde ich das auch üben.

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Christopher Arndt sagt:

#5 - 26.08.2015 um 00:07 Uhr

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Haiko, deine Workshops lassen mich immer wieder in Ehrfurcht erstarren ob der Detailfreude mit der analysiert wird und der Virtuosität, mit der die Hörbeispiel eingespielt sind. So hat es mich diesmal besonders gefreut, dass du dich mit mit zwei meiner Lieblingsalben aus den späten 80ern beschäftigt hast. Diese waren in den damals schon zu spürenden Ermüdungserscheinungen des Hairmetals ein toller frischer Wind und DLR und Steve Vai haben sich mit beiderseitigen ihrer Experimentierfreudigkeit wunderbar ergänzt. Schade, dass es nur bei den zwei Alben geblieben ist. Bei Whitesnake danach, war Steve Vais Talent irgendwie fehl am Platz (dort gab sowieso schon genug Gitarrengenies).

    Profilbild von Haiko Heinz

    Haiko Heinz sagt:

    #5.1 - 27.08.2015 um 09:35 Uhr

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    Hi Christopher, vielen Dank, das freut mich sehr, dass dir der Workshop so gefällt - ich werde weiterhin mein Bestes geben:) Die bedien Platten gehören auch zu meinen Favs!

    Antwort auf #5 von Christopher Arndt

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