Virtuelle Mikrofone sind faszinierend: Plötzlich hast du Zugriff auf einen Schrank rarer, sündhaft teurer Studioklassiker – und das für kleine Maus. Die Grenzen der Physik scheinen ausgehebelt und dein Workflow wird geschmeidig wie ein jagender Gepard. Dennoch: Es gibt kritische Stimmen und der Markt für herkömmliche Studiotechnik wirkt stabil. Was virtuelle Mics können, wer die Technologie anbietet und ob sich die Anschaffung lohnt – all dies erfährst du in unserem Feature.

- Schnelle Empfehlung
- Was ist eigentlich ein virtuelles Mikrofon?
- Wie funktionieren virtuelle Mikrofone?
- Welche Vorteile hat ein virtuelles Mikrofon?
- Sind virtuelle Mikrofone genauso gut wie echte?
- Welche Nachteile hat ein virtuelles Mikrofon?
- Welches virtuelle Mikrofon ist das Beste?
- Geht das alles nur virtuell?
- Kann ich das Modeling Plug-in auch ohne Mikrofon kaufen?
- Lohnt sich die Anschaffung eines virtuellen Mikrofons?
- Werden virtuelle Mikrofone echte Mikrofone ersetzen?
- Marktübersicht
Schnelle Empfehlung
Was ist eigentlich ein virtuelles Mikrofon?
Ein virtuelles Mikrofon besteht aus einer Hardware-Software-Kombi. Du kaufst also ein Bundle aus:
- einem ‘echten’ Mikrofon (physisches Objekt)
- und einer dezidierten Software.
Erwirbst du ein ‘normales’ Mikrofon, z.B. einen modernen Klassiker wie das Neumann TLM 103, steht dir ab sofort dieser eine besondere Klang zur Verfügung, für den das Mikro (im Beispiel: TLM 103) bekannt und beliebt ist. Natürlich kannst du den Sound beim oder nach dem Recording verändern, z.B. mithilfe eines färbenden Preamps, charakterstarken Kompressors oder durch EQ-Eingriffe. Ein virtuelles Mikrofon geht deutlich weiter, indem es dir eine Vielzahl an Mikrofonklängen als Bearbeitungsgrundlage bietet. In’s Spiel kommt dabei der eingangs erwähnte Schrank voller Klassiker. Natürlich bekommst du den nicht per Logistikunternehmen an die Haustür geliefert. Allein die Versicherung des Warenwerts wäre irrwitzig, so man die Originale denn ausfindig machen und den Besitzern abschwatzen könnte. Aber du erhältst Zugriff auf deren Emulationen (virtuelle Nachbildungen). Wie gut die klingen und wie nah sie dem physischen Original kommen (Beispiel: AKG C12 aus dem Jahr 1954), darüber entscheidet:
- die Akribie, das Know-how und die technischen Mittel mit der die Eigenschaften der echten Mikrofone (Beispiel: AKG C12) digital nachgebildet wurden.
Virtuelle Mikrofontechnologie verfolgt zudem noch ein anderes Ziel, das über die reine Nachbildung hinausgeht und kreative Säfte von Usern in Wallung bringt. Nicht nur jeweils ein separater Grundklang bzw. die eine besondere Klangästhetik lässt sich auf die Aufnahme legen (Beispiel: AKG C12). Stattdessen kannst du simultan mit den klanglichen Eigenschaften mehrerer Emulationen spielen und daraus ungewöhnliche Hybride kreieren (Beispiel: AKG C12 und Sony C-800G gemischt). Ob das alles klingt und passt, darüber entscheiden neben dem musikalischen Können des Sängers/Instrumentalisten, der angestrebten Stilistik und deinem ästhetischen Geschmack vor allem:
- die Qualität und Charakteristik des im Bundle mitgelieferten Mikros und
- die Qualität der mitgelieferten Software und die Optionen, die sie bietet.
Wichtig: Die Simulation des Vintage-Klassikers wird nicht durch trickreiche Mechanik oder das Verbauen von New-Old-Stock-Komponenten erreicht. Im Gegenteil: Das Ausgangsmikro soll möglichst neutral klingen. Da Vocals eine Hauptanwendung sind, enthält das Bundle oft ein Großmembran-Kondensatormikrofon mit einer oder zwei Membranen. Entsprechende Mikros gibt‘s aber auch als Kleinmembraner, dynamisches Mic und sogar mit mehreren Kapseln.
Software-seitig werden je nach Hersteller unterschiedliche Eingriffsmöglichkeiten geboten. Die Software kommt als DAW-Plug-in, das Processing wird Cloud-basiert und in Ausnahmefällen nativ durchgeführt.
Wie funktionieren virtuelle Mikrofone?
Im englischsprachigen Raum spricht man von Mic Modeling, was es ganz gut fasst. Bestimmt kennst du das von deinen Prozessor-Plug-ins in der DAW oder benutzt einen Amp Modeler für die Gitarre: Die akustischen Eigenschaften des physischen Objekts (Beispiel: Kompressor, Verstärker) werden erfasst, digital nachgebildet und stehen dann anhand veränderbarer Parameter im User Interface der Software oder via Screen und Regler deines Multieffektpedals für die Bearbeitung des eingehenden Signals zur Verfügung. Um ein Mikrofon zu modellieren, werden mit analogen und digitalen Signalprozessoren Aspekte wie der Frequenzgang, sein Verhalten gegenüber Transienten, Direkt- und Diffusschall, oder der Nahbesprechungseffekt analysiert und nachgebildet.
Welche Vorteile hat ein virtuelles Mikrofon?
Die Hauptvorteile sind:
- die Klangcharakteristiken unzähliger Mics stehen dir zur Verfügung
- das Bundle kostet einen Bruchteil der Originale
- der Workflow ist einfach und Software-basiert
- du hast keinen Terz mit Störanfälligkeiten und der Wartung von Vintage-Equipment
- einige Einstellmöglichkeiten sind nur schwer auf herkömmliche Art zu bewerkstelligen
- die Bearbeitungsmöglichkeiten sind nahezu grenzenlos (Stichwort: Kreativität)
- zeitaufwändiges Mic Swapping fällt weg
- zusätzliche Takes für Soundexperimente werden unnötig
Nicht nur kannst du rückwirkend dem neutralen Sound des mitgelieferten Mikros ein komplett anderes Klangkostüm überstreifen. Das geht auch schon während bzw. vor der Aufnahme. Der indirekt eintreffende Schall lässt sich bearbeiten, ohne, dass der Klang des Direktschalls sich ändert. Auch den Nahbesprechungseffekt, also wie Bass-lastig die Aufnahme wird, kannst du frei und unabhängig von der Position des Singenden oder der Richtcharakteristik verändern. Apropos Richtcharakteristik: Selbst, wenn der Klassiker eigentlich eine feste Richtcharakteristik (Beispiel: Niere) hatte, kannst du in der Software bis zu 9 Richtcharakteristiken anwenden, also alles von Kugel bis Acht.
Und natürlich klangliche Hybriden durch die Überblendung der Signale exotischer Mikrofontypen erzeugen, was sonst nur wenigen Tonstudios dank ihrer Sammlung kostbarer Originale vergönnt ist. Das Hin- und Herrennen zwischen Konsole und Mikroständer, bis der optimale Schallwandler gefunden ist, fällt weg. Und aus rein klangtechnischen Gründen, sprich sofern du das mitgelieferte Mikro richtig positionierst und einpegelst, brauchst du keine weiteren Takes zu machen – sämtliche Soundeinstellungen sind nicht-destruktiv, das heißt, jederzeit änderbar.
Sind virtuelle Mikrofone genauso gut wie echte?
Das ist turbulentes Fahrwasser, denn zu jeder gefundenen positiven Antwort lassen sich Einwände formulieren und Anschlussfragen stellen. Hier zunächst noch einmal die gängigen Vorteile von Mic Modeling bzw. die Bereiche, wo virtuelle Mics dir keine nennbaren Nachteile gegenüber der Arbeit mit den teuren Originalen bescheren. Fassen wir zusammen und ergänzen sinngemäß:
- Selbst wenn virtuelle Mics nicht hundertprozentig den Klang des Originals treffen und geschulte Ohren Unterschiede wahrnehmen – was Profis immer wieder behaupten – sind modellierte Mics im Preis-Leistungs-Verhältnis unschlagbar
- Noch irrelevanter wird der Unterschied zwischen Sim und Real Thing bei stark komprimierter Musik, also mp3s, Low-Res Streams usw. Die akustischen Unterschiede sind primär mit guten Abhören und von kritischen Hörern (Musiker, Tontechniker) wahrnehmbar. Musikkonsumenten interessieren und beeindrucken diese Dinge im Regelfall nicht
- Bezüglich Workflow übertreffen virtuelle Mics den echten Mikrofonschrank – besonders, wenn du am Anfang der Recording-Karriere stehst und unsicher bist, was das Matching von Mikrofon und Quelle betrifft: Ein Mic Swapping, das die Musiker möglicherweise irritiert ist passé – du machst deine Aufnahme mit dem mitgelieferten Mikro und entscheidest dann in aller Ruhe, welches virtuelle Mic und gegebenenfalls welche Richtcharakteristik für die Quelle (Gesang, Instrument) am besten passt. Das Modeling kann vor, während und nach der Aufnahme geschehen/gehört werden
- Vintage-Mics haben ihre Besonderheiten, mit denen du umgehen können beziehungsweise für die du eine Lösung oder ein Workaround parat haben musst. Denk nur mal an ihr Rauschverhalten (Signal-to-noise Ratio) oder bei Röhren-Mikros Ersatzteile wie NOS tubes, die du im Zweifel parat haben und wechseln können musst. Allein die Instandhaltung / das Servicing benötigt umfangreiches Know-how und einiges an Geld

Oh ja, es gibt sie, die klassischen Mikrofone, die für Gesangsaufnahmen in Tonstudios gerne benutzt werden. Und, oh ja: Sie sind teuer bis unbezahlbar. Wir zeigen hier die Klassiker – und preiswerte Alternativen.

Es gibt einige Mikros, die besonders häufig für die Sprachübertragung benutzt werden. Hier sind diese Klassiker!

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Es gibt ein paar Kleinmembraner, die sich getrost "Standards" nennen dürfen. Hier sind sie!
Welche Nachteile hat ein virtuelles Mikrofon?
Schauen wir uns nun die Nachteile an, die Mic Modeling gegenüber den hochpreisigen Einzelmikros mit sich bringt. Wenn man so will, sind es primär psychologisch oder psychoakustisch relevante Aspekte:
- In der Studioumgebung sind möglicherweise doch klangliche Unterschiede wahrnehmbar – ob sie nun im Blindtest als besser oder schlechter eingestuft werden, ist zunächst nebensächlich. Bei der Auflösung des Rätselratens werden aber fast alle Teilnehmer:innen behaupten, das Original klinge besser – weil es eben das Original ist. Damit wird ihm eine höhere Wertigkeit zugesprochen
- Wenn du ein kommerzielles Studio betreibst, ist die Wirkung eines echten Neumann U 47 oder Sony C-800G auf die Kunden eine andere – allerdings bringt dich dahingehend ein physischer Klon auch nicht viel weiter, selbst, wenn er so gut ist wie das Peluso 2247 oder das Golden Age GA-800G. Das Original macht nicht zuletzt ein extramusikalisches Statement im Sinne von: Der Studiobetreiber ist informiert, der Laden seriös. Natürlich wissen Eingeweihte, was so ein Original kostet und wie rar es ist. Sie sind eher bereit, dir ein paar hundert Euro pro Tag für den Tag im Aufnahmestudio hinzulegen. Schließlich können sie später damit prahlen, in ein echtes ABC-Mikro der renommierten Firma XYZ aus dem Jahre 19XX gesungen oder gespielt zu haben! Das macht sich auch in der Vermarktung ihrer Musik gut
- Nein, auch wenn die Marktschreierei das gerne behauptet – du singst oder spielst nicht über das Mikro ein, das auch schon die Beatles oder andere berühmte Künstler genutzt haben, sondern nutzt allenfalls eine Emulation dessen spezifischer Klangcharakteristik. Das ist mehr als genug für die meisten Zwecke, aber doch niemals dasselbe
- Der Pluspunkt, dass im virtuellen Reich alles nicht-destruktiv ist, kann auch ein Kritikpunkt sein. Denn ein frühes commitment im Aufnahmeprozess, wie es im Zeitalter von Acht- oder Sechzehnspur-Tonbandgeräten notwendig war, tötet Aufschieberitis. Eine restriktive Palette kann befreiend sein, doch gezielte Reduktion liegt außerhalb des Fokus von virtuellen Mikrofonen, es sein denn du selbst bist diszipliniert, findest kurzerhand heraus, welche Konstellationen im virtuellen Setup für dich perfekt sind und bleibst streng bei ihnen. Die Hersteller virtueller Mikrofone fokussieren das genaue Gegenteil, denn das Spiel mit den unendlichen Möglichkeiten bedeutet ihnen unabschließbare Erweiterbarkeit: Immer neue Expansion Packs kommen auf den Markt. Hand auf’s Herz: Brauchst du sie wirklich alle? Folgst du noch deinem natürlichen inneren Spieltrieb oder birgt die Suche nach DEM ultimativen Sound vielmehr ein von FOMO getriebenes Suchtpotenzial? Wird dein Leben wirklich einfacher durch endlose Optionen? Alternativ dazu könntest du mit einem bewährten analogen Setup arbeiten und die frei gewordene Lebenszeit in den Ausbau kompositorischer oder instrumentaler Fertigkeiten investieren
- Lernpsychologie: Die Arbeit mit virtuellen Mikrofonen ist stärker Ergebnis- als Prozessorientiert. Damit entspricht sie der gängigen Haltung ökonomischer Effizienz. Der künstlerisch-kulturelle Bereich, in den das Musikmachen fällt, sofern es nicht zum Kommerz verkommt, bietet jedoch eigentlich die Möglichkeit zum Ausgleich: Dem entschleunigten Entdecken, langsamen Entwickeln, iterativen Erkenntniszuwachs auf einem Weg, der selbst zum Ziel wird. Hat man alle Lösungen ständig parat, nimmt die kreative Intelligenz ab, eigene Lösungen finden zu müssen
- Ein anderer Aspekt ist ökonomischer Natur und wird in einem eigenen Abschnitt erörtert – die Frage der Investitionssicherheit
Welches virtuelle Mikrofon ist das Beste?
Das bleibt zwangsläufig eine subjektive Einschätzung. An dieser Stelle seien zumindest drei Firmen genannt, die aktuell diese spezielle Marktnische dominieren und deren Mic Modeling Produkte auch von professionellen Anwendern genutzt werden: Universal Audio, Slate Digital und Antelope Audio. Slate Digital waren der First Mover auf dem Markt der virtuellen Mikrofone. Wie du auf dem Bild siehst, lassen sich auch modellierte Mic-Preamps in die Software integrieren. Das Slate Digital Virtual Microphone System verfolgt den Ansatz, mithilfe von Sättigung und EQing die nicht-linearen Eigenschaften und das Frequenzverhalten der klassischen Mics nachzubilden. Das Slate Digital ML-1A ist ein Großmembran-Kondensatormikrofon, bei dessen Kauf du unbegrenzten Zugriff auf 18 Emulationen erhältst. Für drei Monate kannst du zudem kostenlos auf das Complete Access Bundle mit 20 weiteren Mikrofonmodellen zugreifen, danach musst du dafür ein eigenes Abo abschließen. Das Slate Digital ML-2A bietet dir ein Kleinmembran-Stereopaar mit Nierencharakteristik. 27 Emulationen sind enthalten und eine Stereoschiene ist auch im Lieferumfang.

Im Gegensatz zur Konkurrenz bietet Antelope Audio neben den üblichen Verdächtigen auch ein USB- und ein Stereo-Mikrofon als physisches Basis-Mikrofon an. Das “Quadro” hat zwei drehbare, aufeinander sitzende Köpfe mit jeweils einer Doppelmembran-Kapsel. Daraus ergibt sich die Option, vierkanalige Aufnahmen in unterschiedlichen Stereo-Konfigurationen zu machen, die du separat bearbeiten kannst. Ähnlich wie das Slate ML-1A ist das Antelope Edge Solo ein Großmembraner mit 18 emulierten Mics. Damit es reibungslos bei dir läuft, solltest du mindestens 4GB RAM und eine Core 2 Duo CPU zur Verfügung haben. Das Edge Note ist der Kleinmembraner unter Antelopes virtuellen Mikrofonen. Es kommt mit 13 Emulationen.
Universal Audio profitieren vom Know-how eines der Vorreiter der Mic Modeling-Technologie, Townsend Labs, den sie 2021 aufkauften und als Marke auflösten. Das Townsend Labs Sphere L22-System heimste immerhin einen renommierten TEC-Award ein. Wir hatten es damals im Test. Mit ihm lassen sich, wie bereits erwähnt, von jedem virtuellen Mic jeweils neun Richtcharakteristiken erstellen – egal, welche beim Original zur Verfügung standen – sowie der Nahbesprechungseffekt gegenkorrigieren oder die Off-Axis-Besprechung unabhängig von der axialen Besprechung verändern. Auf dem folgenden Bild siehst du, dass die Technologie jetzt unter dem Universal Audio Label firmiert. Das UA DLX entspricht von den Spezifikationen dem Townsend L22. Das LX ist eine abgespeckte und entsprechend günstigere Version.

Geht das alles nur virtuell?
Vieles geht auch mit herkömmlichen Mitteln, allerdings musst du dich einarbeiten und es ist weniger convenient. Wenn das für dich klargeht, kannst du hervorragende Ergebnisse erzielen. Stichwort Doppel- oder Mehrfachmikrofonierung: Zwei oder mehr Mikros an einer Schallquelle ausrichten – beispielsweise dem Gitarren-Amp, der Kickdrum oder dem Gesang – und die Signale später nach Gusto ineinander mischen, geht natürlich auch mit nicht-virtuellen Mikros und wird von Profis seit Jahrzehnten gemacht.
Allerdings ist es gegenüber der reinen Software-Lösung mit entsprechendem Know-How und Aufwand verbunden. In unserem Workshop zur Aufnahme von Gesang mit zwei Mikros erfährst du, wie man bei nicht-virtuellen Mikrofonen die Richtcharakteristik post-Recording noch ändern kann beziehungsweise die “stufenlose Überblendung von der Kugel über alle Nierentypen bis hin zur Acht” nachträglich erreicht! Fairerweise muss erwähnt werden, dass bei emulierten Mics bestimmte dort diskutierte Probleme wie mögliche Klangveränderungen durch Veränderungen im Phasenfrequenzgang nie auftreten werden – sie sind ja gewissermaßen ‘nicht echt’ und eben auch ‘nicht echt’ im physischen Raum vor dem Singenden aufgebaut.
Es gibt, zugegebenermaßen in der Regel teure oder sonderangefertigte, Mikrofone, bei denen die Richtcharakteristik stufenlos schaltbar ist: Lies dir den Abschnitt zur Richtcharakteristik in unserem Beitrag zur richtigen Verwendung von Mikrofon-Einstellungen und Schaltern durch und schau dir die entsprechenden Fotos an. Dort erfährst du auch, bei welchen Mikros eine Umschaltung aus der Ferne möglich ist, bzw. was es mit der Twin-Funktionalität des Microtech Gefell UM 930 twin auf sich hat. Nicht zuletzt hat der innovative österreichische Hersteller Lewitt mit dem “Ray” das Problem des Nahbesprechungseffekts auf seine ganz eigene Art und Weise gelöst.
Kann ich das Modeling Plug-in auch ohne Mikrofon kaufen?
Slate Digital, Antelope Audio und Universal Audio bieten ihr Mic Modeling nur als Hardware-Software-Bundle an, das heißt, dort bist du automatisch an den Kauf des jeweiligen Mikrofons gebunden. Du willst aber lieber bei deinem eigenen Mic bleiben und Modeling nur mal ausprobieren? Mit dem “Mic Mod” Plug-in der Firma Antares, die mit Autotune so richtig bekannt wurde, geht das. Die Emulation erfolgt, ähnlich wie bei Slate Digital, anhand von EQ- und Sättigungsparametern. Im Idealfall hast du natürlich ein hochwertiges und vom Frequenzgang her möglichst neutrales Mikrofon zur Hand, denn das Plug-in verbessert nicht die Signalqualität, sondern verändert rückwirkend die Charakteristik – den subjektiven Klangeindruck, könnte man sagen – der Aufnahme. In der besten aller möglichen Welten steht dir z.B. das Kleinmembraner CMC-System von Schoeps (Colette) zur Verfügung, das immer wieder als Referenz in unseren Tests zum Einsatz kommt, da es an Neutralität kaum zu schlagen ist. Im Antares Plug-in stellst du linkerhand ein, welches Mic du für die Aufnahme verwendest, also z.B. dein Shure SM58 und wählst dann rechterhand dein Zielmikrofon (wie es klingen soll), also z.B. ein Telefunken TELE U47. Du kannst das Antares Plug-in hier ausprobieren.

Vocals professionell produzieren lernen: Dieser Workshop erklärt alles von der Planung bis zu Mix und Mastering.
Lohnt sich die Anschaffung eines virtuellen Mikrofons?
In punkto Investitionssicherheit musst du darauf vertrauen, dass die Technologie regelmäßig upgedatet wird, um mit den neuesten Betriebssystemen von Computern bzw. deren jeweiligen System-Updates und denen der DAWs kompatibel zu bleiben. Es lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit konstatieren, dass Universal Audio als Konzern gute Chancen hat, weiterhin lange am Markt zu bleiben. Ob UA allerdings immer in die Mic Modeling Technologie investiert sein wird, oder sich dies als vorübergehender Trend erweist, bleibt abzuwarten. Dahingegen kannst du mit hochwertigen physischen Mikrofonen von Marken wie DPA, Neumann oder Schoeps eigentlich kaum etwas falsch machen. Sie werden einen hohen Wiederverkaufswert erzielen, solange es professionelle Anwender gibt. Aber auch deine Anfangsinvestition ist in diesem Fall höher.
Firmen wie Neumann bieten zudem immer wieder sehr gute Reissues der Originale an (U 67, U47 FET, oder das vorbestellbare M 50). Dass es aktuell nur drei ernstzunehmende Hersteller virtueller Mikrofone am Markt gibt, deutet darauf hin, dass es von den Wettbewerbern als Nische eingestuft wird – die immerhin seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich besteht: Das Slate Digital Virtual Microphone System wurde erstmals auf der Winter NAMM 2014 vorgestellt. Und fairerweise muss man Universal Audio zu Gute halten, dass sie der virtuellen Mikrofon-Technologie zumindest momentan Einiges abgewinnen: Auch dynamische Mikros werden von ihnen modelliert (die SD-Serie). Andererseits spricht auch nichts dagegen, direkt ein paar dynamische Mics (z.B. gute gebrauchte) zu erstehen – wie viele unterschiedliche wirst du davon realistischerweise brauchen? Selbst für die Mikrofonierung von Drum Kits gibt es erschwingliche, empfehlenswerte Komplettsets.
Du siehst – es ist eine offene Diskussion mit viel Für und Wider.

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Werden virtuelle Mikrofone echte Mikrofone ersetzen?
Leider hat bonedo keine Glaskugel. Doch ist es recht unwahrscheinlich.
Die hier in einer Nische der Audiotechnik geführte Diskussion hat gezeigt, dass es sich beim virtuellen Mikrofon um keine disruptive Innovation handelt, die die Spielregeln des Marktes über den Haufen wirft. Dennoch kann die zunehmende ‘Virtualisierung des Alltags’, auch des Studioalltags, als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung verstanden werden, die gleichermaßen für Euphorie wie Verunsicherung sorgt – je nach Grad an Technologieoptimismus oder -pessimismus, konservativer oder progressiver Haltung Veränderungen gegenüber.
Dass die Digitalisierung die Sehnsucht nach Analogtechnologie neu geschürt hat, dürften gerade wir Musiker wissen: Schallplatten sind nie ausgestorben, Kassetten erleben ein Comeback. Dass künstliche Intelligenz den Wunsch nach echter Begegnung und menschelnder Fehlerhaftigkeit weckt, wird immer deutlicher. Als Beispiel sei nur die Renaissance des analogen Bucket Brigade Delays genannt: Die Perfektion der digitalen Signalkopie entfachte das Verlangen nach analoger Signaldegradierung, die der räumlichen Orientierung des menschlich unperfekten Gehörs viel eher entspricht. Nüchterner Transparenz stehen die Artifakte analoger Verzerrung (‘Wärme’) gegenüber, was das Beispiel des virtuellen Mikrofons verdeutlicht: Die Originale waren und sind alles andere als technisch oder klanglich perfekt – aber es ist der Sound, den wir kennen, schätzen und lieben, weil er das Hörerleben von Generationen geprägt hat. Weswegen wir ihn auch in der digitalen Domäne nicht missen wollen.
Marktübersicht
Virtuelle Großmembran-Kondensatormikros
Virtuelle Kleinmembran-Kondensatormikros
Dynamische für Toms, Percussion, Kick u.a. Instrumente