Workshop_Folge Workshop_Thema
Workshop
2
26.04.2021

Workshop Klavier aufnehmen

Piano mikrofonieren – Mikrofon-Positionen mit Audio-Beispielen

Guter, ausgewogener Klaviersound ist erreichbar – Recording-Tutorial

Das Klavier gilt nicht unbedingt als einfach zu mikrofonierendes Instrument. Das liegt nicht nur an der Komplexität eines Pianos, sondern auch an seinen sehr unterschiedlichen Aufgaben in der Musik und in der Mischung. Und ein wenig ist es beim Aufnehmen eines Klaviers wie beim Gesangsrecording: Wir kennen sehr viele sehr unterschiedliche Charakteristiken und Einsätze des Klaviers.

Dieser Workshop zeigt jedoch, dass es nicht unmöglich ist, ein Klavier selbst so aufzunehmen, dass es gut klingt und der Sound zu dem passt, was das Stück und die Mischung benötigen. Und das klappt auch mit normalen Klavieren im Wohnzimmer und mit Mikrofonen, die man auch bezahlen kann.

In diesem Tutorial geht es um Piano-Recording, also um das Aufnehmen eines Standklaviers (auch: Pianino). Das Mikrofonieren eines Flügels behandelt ein weiterer Artikel.

Um was für ein Instrument handelt es sich genau?

Klaviere können sich in ihrem technischen Aufbau, ihrem Zustand und ihrem Klang enorm voneinander unterscheiden. Klaviere verschiedener Hersteller haben oft eine unterschiedliche Klangsignatur, nach der sie meist auch beim Kauf ausgewählt wurden. Über die Jahre können sich Instrumente verändern, nicht selten kommen auch Probleme hinzu. Das können hervortretende Mechanikgeräusche sein, Nachlassen der Zugbelastbarkeit des Rahmens, was in geringerer Stimmhöhe resultiert oder sogar Defekte wie Risse im Resonanzboden des Klaviers, die sich durch einen ungünstigen Aufstellort ergeben können.

Wichtig ist in jedem Fall, das Instrument möglichst gut zu kennen. Besonders bei nicht so hochwertigen und gepflegten Instrumenten ist es von Vorteil, vor dem Mikrofonieren die Stärken und Schwächen genau einschätzen zu könn

Stimmen!

Unumgänglich ist, dass das Klavier vor der Aufnahme von einem Klavierstimmer gestimmt wird. Manche Pianisten und Tontechniker sind dazu in der Lage, doch sollte man diese Aufgabe wirklich den Profis überlassen. Ist das Klavier transportiert worden, ist es im Regelfall ratsam, einige Tage mit der Aufnahme zu warten, einmal ein paar Tage vor der Aufnahme stimmen zu lassen und dann noch einmal eine Kontrolle vor der Aufnahme durchzuführen. Das klingt jetzt nach vermeidbaren Ausgaben, doch wer sich schon mal am geplanten Aufnahmetag über ein stellenweise nicht ganz chorreines Piano geärgert hat, der wird diese Ausgaben zukünftig nicht mehr scheuen.

Die wesentlichen akustischen Eigenschaften eines Pianos

Ein wenig sollte man sich mit der Instrumentalakustik des Instruments beschäftigen – also mit der Art und Weise, wie das Klavier seinen Klang generiert und was dabei wichtige Parameter sind.

Das Spektrum eines 88-Tasten-Klaviers reicht vom tiefsten A (A2, 1. Teilton bei 27,5 Hz) bis zur Grenze des menschlichen Hörbereichs (meist um die 20 kHz), wo die Pegel allerdings sehr gering sind und sich die höchsten Obertöne der höheren Lagen und Geräuschanteile gleichermaßen befinden.

Auf einem Piano kann sehr dynamisch gespielt werden, schließlich hat diese Eigenschaft zu seinem Namen beigetragen: Auf einem Pianoforte, wie es ursprünglich heißt, lässt sich sowohl piano als auch forte spielen. Mit Dämpferpedal können Töne so sanft angespielt werden, dass es bei entfernteren Mikrofonierungen in diesem Fall zu Rauschprobleme vor allem mit dynamischen Mikrofonen kommen könnte. Allerdings bewegt sich die typische Dynamik eines Klaviers meist zwischen 50 und 100 dB SPL. Das stellt weder für Mikrofone noch für Preamps ein Problem dar, weder, was die absoluten Pegel angeht, noch, was die Unterschiede angeht. Sehr, sehr nah an den Hämmern mikrofoniert, können vor allem bei harten Filzen die Pegel kurzzeitig geringfügig höher sein.

Die Attackzeit kann im sehr gering sein und im einstelligen Millisekundenbereich liegen, liegt aber meist etwas darüber. Das ist nicht zuletzt dann wichtig, wenn die Mikrofone eingepegelt werden. Manche Pegelanzeigen besitzen Integrationszeiten oder Messeigenschaften (RMS), die zu behäbig sind, um derartige Impulse zuverlässig anzuzeigen.

Als wichtigstes schallabstrahlendes Element ist der Resonanzboden zu nennen. Dieses oft aus Fichte hergestellte Holz ist bei Vorderansicht unter den Saiten zu erkennen. Bei den meisten Klavieren ist er von der Rückseite frei zu sehen. Der Resonanzboden nimmt die Schwingungen der Saiten vor allem über den Steg auf und dient quasi als akustischer Verstärker. Je nach Instrument geschieht das im Wesentlichen zwischen 150 und 1500 Hz. Auch ein ausgewogenes Instrument ist wandnah aufgebaut etwas pegelstärker zwischen etwa 100 und 500 Hz, abgerückt wirkt ein Klavier daher im Vergleich etwas dünner.

Umgebung des Klaviers für die Aufnahme, Veränderungen

Der Raum, in dem ein Klavier steht, hat natürlich Einfluss auf seinen Sound und somit auch auf die Aufnahme. Bei besonders ungünstigen Verhältnissen, beispielsweise einem besonders halligen Wohnzimmer oder Nebengeräuschen, die man nicht so einfach abstellen kann, ist eine eher nahe, fokussierte Mikrofonierung des Pianos zu bevorzugen.

Eine Frage, die sich stellt, ist die nach der Mobilität des Instruments. Sicher ist ein Piano nicht mal eben bewegt, doch mit entsprechend bodenschonenden Rollen oder Gleitern lässt es sich auch mal im Raum verschieben. Das kann vor allem bei etwas entfernter aufgebauten und weniger richtenden Mikrofonen von Vorteil sein. Interessant ist es aber, wenn das Klavier etwas freier im Raum stehen kann als mit dem Rücken an einer Wand. Dann ist nämlich der Resonanzboden von der Rückseite her frei zugänglich – und somit eine nicht zu unterschätzende Mikrofonierungsoption.

Eine wesentliche Form der Veränderung der Mikrofonierbarkeit ergibt sich durch die Entfernung der verschiedenen Deckel. Natürlich ändert sich durch den Wegfall von Luft-Resonanzräumen und von Reflexionen der höheren Frequenzen der Klang des Pianos generell, er wird konkreter, aber auch weniger rund und warm.

Wie soll das Klavier denn eigentlich im Song klingen?

Es kann nicht den einen, "richtigen" Klaviersound geben. Daher ist es wichtig, dass man sich vor dem Mikrofonieren Gedanken darum macht, wie das Instrument überhaupt klingen soll. Handelt es sich um ein Stück mit solo Piano oder vielleicht Klavier und Gesang, wird das Signal deutlich voller sein müssen, als wenn es als Begleitinstrument in einer kompletten Besetzung mit Bass, Gitarren, Drums, Vocals und weiteren Signalen verwendet werden soll. Und es muss nicht immer die volle Stereobasis ausgenutzt werden – auch dass das Panorama nach der Tastatur angeordnet ist, muss nicht des Ziel einer jeden Stereoabbildung sein.   

Eines der wichtigsten Kriterien ist das Verhältnis von Anschlaggeräusch zu tonalen Komponenten, welches sich im Nachhinein nicht mehr so gut regeln lässt. Es ist durchaus kein Tabu, sich entsprechende Produktionen zuvor anzuhören.

Wer spielt das Klavier?

Was bei allen Mikrofonierungen gilt, hat natürlich auch hier Bestand: Der Klang unterscheidet sich mit dem Spieler. Es ist also sinnvoll, den Soundcheck mit dem tatsächlichen Pianisten durchzuführen. Manchmal ist das nicht möglich oder wird vom Spieler als zu lang und aufwändig empfunden, dann kann man natürlich entsprechende Vorarbeit leisten – und sei es nur mit einem „Flohwalzer“.

Das Klavier für unsere Audiobeispiele 

Die Mikrofonierungen für diesen Workshop wurden im Studio „Die Klangschmiede“ im Westerwald auf einem Schimmel 118T aus dem Jahr 2017 durchgeführt, gespielt hat Studiobesitzer Raimund Häveker. Dieses Instrument hat sich im Studio über die Jahre im „stripped“-Zustand bewährt, also ohne die Deckel. Insgesamt ist es recht ausgewogen. Und weil es nicht zu spitz und nicht zu wollig ist, konnte es schon für sehr unterschiedliche Produktionen eingesetzt werden. Ganz nebengeräuschfrei ist es nicht, teilweise lassen sich vor allem die Filze hören, besonders bei den umsponnenen Saiten. Und bei diesen fallen stellenweise Obertöne höherer Ordnung auf, die sich nicht mehr so gut ins harmonische Gesamtbild einfügen. In den Aufnahmen bei manchen Mikrofonpositionen zu hören sind die Fingerkuppen und -nägel des Pianisten. Bei Flügelaufnahmen sind diese natürlich im Regelfall nicht zu hören.

Welches Material steht für die Piano-Mikrofonierung zur Verfügung?

Man muss kein Arsenal an verschiedenen Mikrofonen bereithalten, um ein Klavier mit unterschiedlichen Klangeigenschaften abbilden zu können. Sicher ist es hilfreich, wenn man mit tendenziell weicheren und wärmeren Bändchenmikrofonen einen derartigen Soundcharakter unterstützen kann, aber es geht immer auch anders. Für diesen Workshop haben wir bewusst auch mit etwas preiswerteren Kondensatormikrofonen von Rode und von Oktava gearbeitet, anstatt zur Oberklasse von Schoeps oder DPA zu greifen. Und ob Kleinmembran, Großmembran oder sogar Tauchspulen – mit allen Mikros kann man ordentliche Ergebnisse erzielen. Typisch sind aber Kleinmembraner und Bändchen.

Neben dem nachvollziehbarem Equipment ist der Einsatz von Korrelationsgradmesser und Stereosichtgerät anzuraten – ansonsten noch häufiger auf Mono schalten und darauf achten, ob und wie stark das Spektrum Löcher bekommt.

Equipment zum Aufnehmen eines Klaviers

  • Gestimmtes, stimmstabiles und intaktes Instrument
  • Ein, besser zwei (oder auch mehr) Mikrofone, typischerweise Kleinmembran-Kondensatormikrofone, Bändchenmikrofone oder Großmembran-Kondensatormikrofone
  • Ausreichend stabile und flexibel einstellbare Mikrofonstative
  • Mikrofonkabel
  • Audio-Interfaces mit entsprechender Anzahl Mikrofonvorverstärker
  • Audio-Software zum Aufnehmen
  • (Alternativ: Field-Recorder)
  • Möglichst: Korrelationsgradmesser, Stereosichtgerät (auch als Plug-In)
  • Abhörmöglichkeit (Speaker oder Kopfhörer)

Schritt-für-Schritt-Anleitung: nicht möglich und nicht sinnvoll

Vielleicht liest es sich in Workshops dieser Art nur wie eine Art „Disclaimer“, dabei ist es sicher die wichtigste Aussage: Es gibt nicht die eine, immer gut klingende und überall passende Mikrofonierung. Welche Mikrofone wo aufgestellt werden, ist von sehr vielen Faktoren abhängig. Daher können die vorgestellten Mikrofonierungen ein Ausgangspunkt für eigene Versuche sein und darüber aufklären, mit welchen Klangeigenschaften typischerweise an dieser Stelle mit entsprechenden Mikrofonen gerechnet werden kann.

MIKROFONIERUNGSBEISPIELE MIT BILDERN UND AUDIOS

XY über dem geöffneten Deckel

Für diesen Mikrofonierungstyp werden zwei Kleinmembran-Kondensatormikrofone (oder auch andere, nur keine Kugeln, hier sind es Rode NT5) in einem Punkt mittig über das Instrument mit geöffnetem Deckel gehängt. Der Winkel zueinander ist dabei variabel, der Abstand natürlich auch. In den Audiobeispielen zeigt sich, dass bei der gezeigten Variante die Mitten sehr präsent sind. Wenn das gewünscht ist, ist die Welt in Ordnung, ansonsten müsste man weiter weg vom Instrument und den Versatzwinkel der Mikrofone vergrößern.

Nieren-AB

Mit den gleichen Mikrofonen lässt sich schnell eine interessante klangliche Variante aufbauen. Im folgenden Beispiel wird ein Nieren-AB verwendet. Die Mikrofone stehen dazu senkrecht über dem Klavier mit geöffnetem Deckel. Sie sitzen etwa au einem und zwei Dritteln der Breite des Instruments, etwa 15 cm darüber. Das Ergebnis ist ein ausgewogeneres Frequenzbild und ein schlüssigeres Stereoabbild des Instruments. Variieren lässt sich besonders mit einem (vor allem höheren) Abstand. Anstatt die Abstände zu stark zu erweitern oder zu verringern (Stereoabbildung dabei im Blick haben!) ist es auch möglich, die Mikrofone mehr nach innen (=mittiger) oder nach außen (="badewanniger") zu neigen. Beim Neigen immer beachten: Nicht einfach am Halter den Winkel ändern, sondern zur Vergleichbarkeit die Mikrofonkapsel (hier: ganz unten) im Winkel verändern. Dazu muss man oft die kompletten Mikrofonstative verrücken.

Starttipp zur schnellen Mikrofonierung

"Echtes" AB

Ein AB-Stereo wird üblicherweise mit Druckempfängern durchgeführt, die immer die Richtcharakteristik Kugel besitzen. Dadurch fokussieren die weniger, klingen aber neutraler und liefern natürlichen Bass und feine Höhen. Hier wurden die Mikrofone etwa in Brusthöhe eines stehenden Menschen aufgebaut, auf einer Linie mit den Tasten, der Deckel ist geschlossen, wie bei typischem Übungsspiel. Der Raum kommt stärker zur Geltung, das Signal klingt voluminöser. Variieren lässt sich natürlich der Abstand zum Instrument, besonders aber der Mikrofone zueinander. Wir haben Oktava MK012 verwendet.

Als Audios sind noch etwas weiter entfernt aufgebaute Nierenmikrofone zu hören, die den Unterschied zwischen Nieren und Kugeln gut darstellen. 

AB mit komplett entfernten Deckeln

Um mit einem Klavier einen schön natürlichen, aber dennoch durchsetzungsfähigen und formbaren Klang zu erhalten, ist ein AB  mit geöffnetem Instrument in jedem Fall einen Versuch wert. Die beiden Audiobeispiele machen deutlich, wie man alleine über den Abstand den räumlichen Charakter ändern kann. Dass die Mikros auf den Bildern gewinkelt sind, hat übrigens nur sehr wenig Einfluss, und das auch nur auf die absoluten Höhen. Und wer vor allem mit richtenden Mikrofonen arbeitet, der wird vielleicht die Unterschiede im Bass vermissen: Druckempfänger haben aber keinen Nahbesprechungseffekt, der zu stärkerem Bass bei größerer Nähe zur Schallquelle führt. 

Kleinmembraner in Brusthöhe

Vorausgesetzt, dass die Deckel abgenommen wurden, klingt dieser Mikrofonierungstyp an den meisten Klavieren recht ordentlich. Ähnlich wie beim zweiten Beispiel wird auch hier ein Nieren-AB verwendet. Als Ausgangsbasis ist es sinnvoll, wieder eine Drittelung zu verwenden und nicht zu nah zu mikrofonieren. Als Startpunkt sind 30 cm Abstand nicht verkehrt. Varriert werden kann vor allem über den Abstand zum Instrument (näher: mehr Bass, weniger Räumlichkeit, separierteres Stereobild, lautere Geräusche). Dass die Mikrofone hier teilweise eingedreht sind, liegt an der gewünschten Verstärkung der Höhen des Anschlaggeräusches. 

Etwas weicher und runder mit Bändchenmikrofonen

Es ist zwar nur eine Pi-mal-Daumen-Aussage, doch sind Bändchenmikrofone gegenüber Kleinmembran-Kondensatormikrofonen meist etwas runder und behäbiger im Klangcharakter. Einem Klavier kann das zugute kommen. Hier haben wir sogar zwei verschiedene Mikrofone eingesetzt (Ja, das geht!). Ein etwas färbenderes, dichteres, das Shure KSM313, nimmt den Höhen dabei etwas an Schärfe, ein recht transparentes Shure KSM353 ist auf der linken Seite im Einsatz. Bändchen haben weiterhin den Vorteil, recht natürlich zu klingen und unabhängig vom Schall-Einfallswinkel kaum Klangfarben zu verändern. Das ist bei der großen räumlichen Ausdehnung des Instruments auch nicht unwichtig! Zudem lassen sich Störgeräusche "ausnullen", also im Pegeleinbruch bei 90 und 270 Grad verstecken. Allerdings sind sie bei naher Besprechung oftmals sehr bassig und rauschen ein wenig mehr als viele kapazitive Mikrofone.

Niveauwechsel

Wer weiter entfernt von der Tastenmechanik des Klaviers seine Mikrofone aufbauen will, wird auf der Suche nach geeigneten Mikrofonpositionen zum Beispiel im Fußraum fündig. Der Klang kann hier voller sein als weiter oben – ein Flügel wird schließlich auch gerne an dieser Stelle mikrofoniert! Vorsicht jedoch mit Geräuschen durch die Pedallerie, Schuhen auf den Pedalen und harten Reflexionen durch den Fußboden. 

Komplett geschlossen und innen mikrofoniert

Für den Fall, dass man keinerlei Mikrofone sehen soll, gibt es die Möglichkeit, Mikrofone im Inneren zu verstecken. Selbst mit dem eigentlich für Flügelaufnahmen gedachten Earthworks PianoMic, einem hervorragenden Mikrofon für seine eigentliche Aufgabe, muss man erkennen, dass es sich dabei um einen Kompromiss handelt. Das Ergebnis, hier noch ohne den bei dieser Mikrofonierung notwendigen EQ, ist zwar durchaus brauchbar, steht aber im Vergleich mit einigen anderen zurück. Der Deckel war für die Beispiele nur fast geschlossen, da das Kabel noch herausgeführt werden musste, ohne dass es gequetscht wird. 

Alternative: Resonanzbodenmikrofonierung

Eine häufig vergessene Alternative zu den gezeigten Mikrofonierungsarten ist es, direkt den Resonanzboden von außen zu mikrofonieren. Das hat durchaus Vorteile: Die Mechanikgeräusche, Atmen, Mitsummen und dergleichen des Pianisen finden ihren Weg kaum in das Signal. Allerdings ist das Stereobild nicht mehr so klar und eindeutig, aber das muss auch nicht immer sein. Das erste Beispiel zeigt auch, dass das Signal ganz und gar nicht attackarm sein muss, nur weil die Hämmer auf der anderen Seite sitzen. Das zweite Audiobeispiel zeigt eine gemischte Variante, bei der eines der Shure KSM-Bändchen hinten, ein weiteres vorne liegt. Hier lassen sich zwar sehr gut Klangcharaktere mischen, doch das Stereobild taugt hier kaum – daher wurden auch für das Beispiel die beiden Signale etwas zur Mitte hin gepannt. 

Effektmikrofonierung

Wer sagt denn, dass ein Klavier immer möglichst naturgetreu klingen muss? Eben. Wir haben zwei sehr spezielle Mikrofone benutzt, um zu zeigen, dass es durchaus lohnenswert sein kann, auch mal um die Ecke zu denken. Ein Placidaudio Copperphone verleiht gibt dem Klang des Pianos eine 30er-Jahre-Note, das Scope Labs Periscope verändert den Klang weniger durch den Frequenzgang, sondern durch die harte Kompressione, die den Attackbereich des Klaviers deutlich verändert. Mono zusammengemischt oder auch einzeln ergibt sich eine spannende Note, die auch in manchen Mixings zu den "braven" Mikrofonen hinzugemischt werden kann. Die Frage lautet: Wann ist vintage zu viel vintage?

Weitere Möglichkeiten

Selbstverständlich sind die Möglichkeiten hier noch nicht ausgeschöpft. Denn wenn eine Mikrofonierung gut klingt und in den Mix passt, dann war sie richtig. Allerdings werden beispielsweise Blumlein und MS häufiger an Flügeln durchgeführt. Und natürlich sagt niemand, dass man sich auf zwei Mikrofone beschränken muss. So wäre es möglich, sehr nah am Resonanzboden zu arbeiten und mit einem entfernten AB. Auch ungewöhnlich wirkende Positionen können genau richtig sein für das klangliche Vorhaben. Auch mit Grenzflächen, Kontaktmikrofonen und vielen weiteren Systemen kann man arbeiten. 

Selbst die Verwendung eines einfachen Mikrofons kann funktionieren. Ein Shure SM57 ist manchmal vielleicht sogar die bessere Wahl als ein teures Neumann-Mikrofon. Und generell sind dynamische Tauchspulen-Mikrofone nicht zu verachten. Für ein Beispiel haben wir den Allrounder Sennheiser MD441 verwendet. 

Nach der Mikrofonierung

Nun muss man nicht mit dem, was die Mikrofone aufgenommen haben, bis in den Mix leben. Mit dem Equalizer lassen sich einige Dinge regeln, besonders Dynamic EQs bieten sich hier an, wenn es unauffällig sein soll. In Pop-Produktionen sind auch Kompressionen, Transientenbearbeitungen, Exciter/Enhancer, Overdrive und sogar starke Effekte (ausprobieren: Leslie!) kein Tabu. Und auch Räume sind mittlerweile einfach und hochwertig zu verändern!

Für den Einsatz in Mischungen gilt: Keine Angst davor haben, das Instrument kleiner zu machen, als es ist. Das bedeutet: Es müssen nicht immer die vollen Bässe und knackige Höhen durch den Mix kommen, auch muss nicht die Ausdehnung vom linken bis zum rechten Speaker gehen, im Gegenteil.

Verwandte Artikel

User Kommentare