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25.05.2018

Produce-alike #30 - Robin Schulz & Marc Scibilia

Der Hit "Unforgettable" zerlegt und nachproduziert

Mit „Unforgettable“ landeten Robin Schulz und Marc Scibilia einen Riesenhit. Der eingängige Song ist die vierte Single aus dem Album „Uncovered“ und dominiert zur Zeit die Airplay-Charts. In dieser Folge der Serie Produce-alike haben wir den Hit auseinandergepuzzelt und nachgebaut.

Für Dance-Verhältnisse ist „Unforgettable“ mit 110 BPM ein recht langsamer, chilliger Titel. Zum großen Erfolg auch jenseits der Clubcharts dürften der melodiöse Charakter, die klassische Songstruktur und die markante Stimme von Marc Scibilia einen großen Teil beigetragen haben. Das Arrangement ist recht einfach gehalten und der Mix wird von viel Hall dominiert. Aus welchen Elementen der Hit genau besteht, sehen wir uns jetzt Stück für Stück an.

Intro

Gleich am Anfang begegnet uns eines der markantesten Elemente des Songs: ein kurzes Vocal-Sample, genau genommen einfach ein herausgeschnittener Vokal, der mit viel Hall versehen wird und im Verlauf des Titels noch oft zum Einsatz kommen wird. Richtig eingesetzt, kann so etwas einen enormen Wiedererkennungswert haben, was sicherlich einer der Gründe dafür ist, dass „Unforgettable“ direkt damit beginnt: So weiß jeder schon nach Sekundenbruchteilen, welcher Song jetzt kommt. Ich habe für die nachgebaute Version einen kurzen Ausschnitt aus einem Vocal-Sample aus der Apple-Loops-Library verwendet. Da wir es später noch in verschiedene Tonlagen transponieren müssen, habe ich daraus in Logics EXS24 Sampler ein Programm gebaut, sodass das Sample auf der Tastatur gespielt werden kann. Hier hört ihr zuerst das ganze Sample, dann den Ausschnitt, das daraus gebastelte Samplerprogramm und schließlich die Version mit Hall für das Intro.

Es folgt ein Piano, das ebenfalls zu den tragenden Elementen des Arrangements gehört. Es wird hier noch recht leise gespielt und mit Hilfe eines EQs ziemlich dumpf gemischt. Ich habe dafür den Steinway-D-Flügel aus dem Nord Stage 2 genommen. Auch das Piano bekommt eine ordentliche Portion von dem großen Hall.

Damit ist das Intro schon fertig:

Strophe 1

Nun kommt die erste Strophe, in der das Piano aus dem Intro unverändert weiterläuft. Dazu kommen Drums, die in der ersten Hälfte der Strophe mit einem Tiefpassfilter so weit heruntergefiltert werden, dass so gut wie keine Höhen übrig bleiben und praktisch nur eine dumpfe Bassdrum zu hören ist. Zur Mitte der Strophe geht das Filter dann auf. Im Einzelnen bestehen die Drums in der Strophe aus:

  • einer Bassdrum, die einen recht deutlichen Kickanteil hat,

  • einem Clap auf 2 und 4 mit sehr viel Hall

  • und einer Figur, die beinahe wie von einem echten Schlagzeug gespielt klingt. Hörbar sind hiervon vor allem die kurze Ghostnote-Snare und das Tom. Hier stammt der Sound aus Logics Drum Kit Designer.

So klingen die Drums zusammen:

In der ersten Hälfte der Strophe wird auf den kompletten Drum-Mix ein Tiefpassfilter gelegt. Dazu habe ich alle Drums auf einen gemeinsamen Bus geroutet, dort das Filter als Insert-Effekt eingesetzt und an den passenden Stellen mit der Spurautomation aktiviert.

Hinzu kommt ein Bass, der beinahe wie ein E-Bass klingt. Ich habe dafür einen Fretless-Bass genommen, den ich vor etlichen Jahren mal selbst gesampelt habe. Er hat kaum Obertöne und klingt recht dumpf, spielt wie die Bassdrum Viertelnoten und bleibt, anders als die Piano-Akkorde, immer auf dem Grundton E.

In der zweiten Hälfte der Strophe geht wie bereits erwähnt das Filter auf den Drums auf. Außerdem spielt nun alle zwei Takte auf der 4-und ein hoher Piano-Akkord, der einen rhythmischen und harmonischen Akzent setzt. Wie fast alles in diesem Song bekommt auch dieses Piano eine gute Portion Hall:

Jetzt fehlt uns jetzt noch ein Synthesizer-Effektsound, der wie ein Becken eingesetzt wird. So etwas lässt sich auf jedem Synthie, der über einen Rauschgenerator verfügt, im Handumdrehen programmieren. Ich habe dafür den Software-Synthesizer TAL U-NO-LX genommen und ihn mit einem zweiten Sound aus dem Sequential Prophet-6 gedoppelt. Die Filterhüllkurve mit langem Decay steuert jeweils das Tiefpassfilter:

Wo wir schon dabei sind, können wir die Hüllkurve auch gleich noch etwas anders einstellen (lange Attack-Zeit) und erhalten eine Art Rückwärtsbecken, das wir im weiteren Verlauf des Songs für verschiedene Übergänge gebrauchen können:

Damit haben wir alles beisammen, was wir für die erste Strophe brauchen. Hier ist sie:

Chorus 1

Wie bei vielen der aktuellen Dance-Pop-Hits üblich, setzt auch bei „Unforgettable“ im Chorus zunächst der Beat aus. Das Prinzip stammt aus der Clubmusik, wo der spannungsgeladene „Drop“ ein Stilmittel ist. Wenn der Groove später wieder einsetzt, kann sich diese Spannung entladen. Im Fall von „Unforgettable“ spielt am Anfang des Chorus von den Drums lediglich noch der Clap weiter. Das Piano bleibt, ist hier aber nicht mehr ganz so dumpf gefiltert und spielt andere Akkorde:

Zur Unterstützung kommt ein wabernder Synth Bass hinzu, den ich aus dem Sequential Prophet-6 habe. Der Sound besteht aus zwei pulsbreitenmodulierten Oszillatoren plus Suboszillator. 

Außerdem ist das Vocal-Sample wieder da, das uns schon ganz am Anfang begegnet ist. Es wird hier transponiert und melodisch eingesetzt, was durch das daraus entstandene Sampler-Programm leicht umzusetzen ist. Am Ende klingt das dann so:

In der zweiten Hälfte des Chorus kommen die Drums wieder hinzu. Die Attack-Bassdrum aus der Strophe wird hier von einer zweiten Kick unterstützt, die im Bassbereich für den nötigen Druck sorgt. Damit es keine Karambolagen gibt, wird die Strophen-Bassdrum mit einem Hochpassfilter bearbeitet.

Außerdem debütiert eine Hi-Hat, die geschlossen auf den Offbeats spielt, aufgelockert durch einige offen gespielte Noten:

Das sind die Drums im Chorus:

Der Synth Bass spielt weiter und das Filter wird etwas geöffnet. In der DAW habe ich dem Sound zusätzlich einen Chorus spendiert, der für den Stereo-Effekt sorgt.

Nun benötigen wir noch eine hohe Fläche, die entfernt an die String Machines der 1970er Jahre erinnert. Dafür habe ich zwei Software-Synthesizer kombiniert. Zum einen den TAL U-NO-LX, der einen Roland Juno-60 emuliert. Das Plug-in bietet auch den legendären Juno-Chorus, der selbstverständlich aktiviert ist. Zusätzlich arbeitet in der DAW ein dezenter Phaser auf dieser Spur.

Zum anderen kommt der exzellente Freeware-FM-Synthesizer dexed zum Einsatz:

Im Chorus durchlaufen das Piano, der Bass und die Pads einen gemeinsamen Bus, auf dem ein Kompressor arbeitet. Sein Sidechain-Eingang wird von der Bassdrum gespeist, wodurch der markante, Dance-typische Pumpeffekt zustande kommt. Am besten ist es, dafür eine „stille“ Bassdrum zu verwenden, die im Mix nicht zu hören ist: So kann der Effekt auch weiterlaufen, wenn die eigentliche Bassdrum aussetzt. Der Releasezeit des Kompressors kommt bei dieser Technik eine entscheidende Bedeutung zu, denn sie bestimmt, wie lange es dauert, bis der Pegel, der mit jeder Bassdrum nach unten gedrückt wird, wieder nach oben kommt. So klingen die Harmonieinstrumente mit dem Pump-Kompressor:

In der zweiten Hälfte des Chorus beschränkt sich der Leadgesang auf das Wort „Unforgettable“. Stattdessen rücken die Vocal-Samples in den Vordergrund, die hier zwar nichts Anderes spielen als bisher, aber deutlich präsenter werden. Und damit ist der Chorus dann auch fertig. Hier hört ihr ihn in voller Länge:

Strophe 2, Chorus 2

Die zweite Strophe entspricht ziemlich genau der ersten. Allerdings kommen in ihrer zweiten Hälfte zwei neue Drumsounds hinzu: ein Schellenkranz und ein anderer Clap, der etwas knackiger klingt als der bisherige und nicht ganz so viel Hall bekommt. Außerdem darf hier im Gegensatz zur ersten Strophe die tiefe Kick aus dem Chorus mitspielen. So klingt das Drumpattern:

Ebenfalls in der zweiten Hälfte dieser Strophe ist der aus dem Chorus bekannte Bass wieder da, der hier aber etwas dumpfer gefiltert wird und natürlich die Strophen-Akkordfolge mitmacht.

Hier kommt die komplette zweite Strophe:

Auch der zweite Chorus ist beinahe eine exakte Kopie des ersten, mit dem Unterschied, dass die Hi-Hat nun einige Sechzehntelnoten einstreut. So klingt das im Ganzen:

Danach hat "Unforgettable" nicht mehr viel Neues zu bieten, weshalb ich davon abgesehen habe, das im Detail nachzubauen. Es folgen eine achttaktige Bridge und ein Schlusschorus, der aus drei jeweils achttaktigen Blöcken besteht. Das Arrangement besteht jeweils aus verschiedenen Kombinationen der bisherigen Elemente – in der Bridge eher zurückgenommen und ohne Drums, im letzten Chorus dafür mit allem. Ganz am Ende bleiben neben den Leadvocals bloß noch das Piano, die Bassdrum und der Bass übrig und setzen nach und nach aus, sodass am Schluss der Titel „Unforgettable“ von den Vocals allein steht – und sicherstellt, dass bestimmt niemand vergisst, wie dieser Song heißt!

Damit sind wir am Ende dieser Folge angekommen und es ist Zeit, den nachgebastelten Hit von Robin Schulz und Marc Scibilia anzuhören. Ich hoffe, dass euch diese Folge Spaß gemacht hat! Bis zum nächsten Produce-alike!

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