Workshop_Folge
Workshop
2
30.07.2013

Produce-Alike #21 - Jessie J

Der Song "Wild" zum Nachproduzieren.

Willkommen zu einer neuen Ausgabe unserer Produce-Alike-Reihe! Diesmal haben wir Jessie Js neue Single "Wild" auf dem Operationstisch. Nach ihrem Riesenerfolg mit dem vorangegangenen Album "Who You Are" und den Singles "Price Tag" und "Domino" widmete sich die Britin zuletzt ihrem Job als Coach bei der UK-Ausgabe von "The Voice". Jetzt ist sie mit neuem Look und neuer Single zurück in den Charts und wir schauen uns den Song einmal genauer an.

Als Gastrapper holte sich Jessie J für "Wild" Big Sean ins Studio. Auf der UK-Version der Single ist außerdem noch Dizzee Rascal zu hören. An den Reglern saß der Amerikaner Ammo aus dem Umfeld von Dr. Luke. Neben Jessie J stehen auf seiner Credit-Liste unter anderem Katy Perry (mit der Jessie J ja häufig verglichen wird), Ke$ha, Britney Spears und Jason Derulo. "Wild" ist eine Uptempo-Nummer, die gewisse Parallelen zum Groove und Arrangement von Beyoncés "Run The World (Girls)" nicht verhehlen kann. Wir haben das wieder einmal ziemlich simple Arrangement für euch auseinander gebaut.

1. Strophe

Zuerst benötigen wir eine Kickdrum. Dem Ausgangssample aus dem Stylus RMX habe ich mit einem EQ ziemlich viele Mitten herausoperiert. Danach durchläuft der Sound ein Enveloper-Plug-In, das die recht lange Abklingphase etwas absenkt und die Kick damit knackiger macht. Ein ganz leichter Bitcrusher-Effekt sorgt noch für etwas zusätzlichen Punch. Hier hört ihr die Kick vor und nach der Effektkette:

Obwohl die ebenfalls aus dem Stylus kommende Snare schon recht hoch und dünn klingt, senken wir die Bässe und tiefen Mitten mit einem EQ noch weiter ab und drehen stattdessen ein paar Höhen hinein:

Nach vier Takten kommt eine zweite Kick hinzu, die den gleichen Rhythmus wie die andere Bassdrum spielt. Die verzerrte, lang ausklingende Kick aus der Roland TR-808 darf im Verlauf der Strophen immer wieder mal für vier Takte mitspielen und wird danach wieder gemutet. Man nehme ein relativ hoch gestimmtes 808-Sample, das von der Länge her passt, und schicke es durch einen Verzerrer. Danach habe ich einen Kompressor eingesetzt, der per Sidechain von der ersten Kick getriggert wird. Er senkt die verzerrte und recht schwammige 808-Kick etwas im Pegel ab, wenn die kürzere erste Kick spielt, wodurch deren Punch und Attack nicht zugedeckt wird.

Diese Kombination aus kurzer, knackiger Kick und einer gelegentlich dazu kommenden langen 808-Variante ist die erste Parallele zu „Run The World (Girls)“ – es wird nicht die letzte bleiben... So klingt der Strophen-Groove:

Als nächstes brauchen wir einen Synthesizer, der ein perkussives Pattern mit ein paar Portamento-Effekten spielt. Ich habe einen Trance-Leadsound aus Logics eingebautem Synth ES2 genommen, mit einem Bitcrusher recht stark verzerrt und dann mit einem EQ fast alles unterhalb von 500 Hz weggeschnitten. Damit die „Rutscher“ passen, muss man auf die richtige Einstellung der Portamento- bzw. Glide-Zeit achten. So klingt der Synth vor und nach der Effektkette:

Wer diesen Workshop schon eine Weile verfolgt, fühlt sich vielleicht an den Sound erinnert, den wir damals bei Beyoncé aus einem Schnipsel Gesang gebastelt haben. Vielleicht hat Ammo ja meinen Artikel gelesen!

Für die erste Strophe ist das auch schon alles. Keep it simple!

Chorus

Der Chorus beginnt mit einem Drop, wo der Beat aussetzt. Auf die „1“ setzen wir zwei Effekte – einen tiefen „Boom“ und einen Effekt aus gefiltertem Rauschen, der ein Becken ersetzt. Solche Gimmicks kann man mit jedem Synth leicht selbst bauen, der einen Rauschgenerator hat – eine der nächsten Folgen der Synthesizer Basics wird sich mit dem Thema befassen. Es gibt sie aber auch küchenfertig in etlichen Sample-Libraries.

Auch der perkussive Synth-Sound setzt im Chorus aus. Stattdessen kommt ein tiefer, leicht modulierender Bass hinzu, für den der Spectrasonics Trilian zum Einsatz kommt. An dieser Stelle hat der Bass den unteren Frequenzbereich für sich allein. Wenn später die Kick wieder einsetzt, könnte es aber zu Zusammenstößen kommen. Daher bekommt auch der Bass einen Sidechain-Kompressor verpasst, der ihn auf jedem Schlag der Kick etwas im Pegel nach unten drückt.

 

Als nächstes brauchen wir zwei E-Gitarren, die jeweils eine einfache Single-Note-Line spielen. Die Gitarren sind leicht im Panorama verteilt – eine links, eine rechts. Aufmerksame Leser dieses Workshops wissen ja, dass das Gitarrenspiel nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört. Ich habe es trotzdem versucht und dank Logics FlexTime-Funktion klingt es sogar gar nicht ganz so stümperhaft. Mit einem Amp-Modeler bekommen die beiden Gitarren ähnliche, aber leicht unterschiedliche Sounds verpasst. (Bei mehreren Gitarrenspuren und/oder Dopplungen kann es ein einfaches, aber wirkungsvolles Mittel sein, den Amp mal ein bisschen anders einzustellen oder einfach einen anderen Pickup an der Gitarre zu verwenden – es klingt dann ein bisschen wie zwei Gitarristen.) Außerdem erhalten beide Gitarren ein Delay.

Nun noch eine ganz leise gemischte, hohe Streicherlinie aus dem Omnisphere, und fertig ist der Drop.

In den letzten vier Takten, bevor die Drums wieder einsetzen, wird eine dünne, 808-artige Snare langsam eingeblendet, die den Groove von Kick und Snare übernimmt und für eine kleine Steigerung sorgt:

Nach acht Takten kommen die Drums wieder hinzu. Die Snare bekommt im Chorus Unterstützung von einem ziemlich satten Clap:

Außerdem brauchen wir einen Schellenkranz, der leise gemischt und mit viel Hall versehen ist. Er soll nicht unbedingt auffallen, sondern eher subtil für Schub und Brillianz sorgen (es gibt ja wieder mal keine Hi Hat). Dafür nimmt man am besten einen Loop aus einer der unzähligen Percussion-Libraries – auch in den GarageBand-Jampacks finden sich etliche geeignete Loops.  

So klingt der Groove im Chorus:

Und damit ist der Chorus auch schon fertig:

2./3. Strophe und Bridge

Die zweite Strophe entspricht im Wesentlichen der ersten – bis auf die ersten vier Takte. Hier sind die Drums durch einen Percussion-Loop ersetzt. Ich habe einen Loop herausgesucht, der in eine ähnliche Richtung geht. Um die „1“ und die „3“ zu markieren, brauchen wir noch etwas Percussion:

Interessanter ist, was darüber passiert: Ein Vocoder-Flächensound. In einem Vocoder wird ein Trägersignal (in diesem Fall die Fläche) mittels mehrerer Bandpassfilter von einem Modulatorsignal moduliert. Klassisch kommt als Modulator eine menschliche Stimme zum Einsatz (die Reduktion der Bandbreite von Telefongesprächen war das ursprüngliche Motiv bei der Entwicklung). Dadurch beginnt das Trägersignal quasi zu sprechen, wie bei den Roboterstimmen in unzähligen Science-Fiction-Filmen zu hören ist. In diesem Fall benutzen wir als Modulator aber keine Stimme, sondern den Schellenkranz aus dem Chorus, sodass die Fläche wie ein Tambourin tänzelt. Ich habe Logics Vocoder-Synth EVOC 20 PolySynth angeworfen, ein Vocoder-Plugin mit eingebautem Synthesizer für die Erzeugung des Trägersignals. Alternativ könnte man eine Kombination aus einem beliebigen Synth und einem Vocoder-Effektplugin nehmen. Damit der Schellenkranz als Modulatorsignal zum Einsatz kommen kann, muss er auf den Sidechain-Eingang des Plugins geroutet werden. Und dann klingt das so:

Vocoder eignen sich also längst nicht nur für Roboterstimmen, sondern stellen eine tolle Möglichkeit dar, statische Sounds zu „rhythmisieren“. Einfach ein rhythmisches Element wie einen Drumloop als Modulatorsignal benutzen und ausprobieren, was passiert!

In der dritten Strophe, die Rapper Big Sean gehört, läuft ein weiterer Loop mit. Ansonsten unterscheidet sie sich nicht von der ersten. Doch, Moment – es gibt ein kleines Break, das den immer gleichen Groove von Kick und Snare an einer Stelle aufbricht:

Nach der dritten Strophe folgt ein kleines, viertaktiges Interlude, das man gar nicht richtig als Bridge bezeichnen kann. Und doch brauchen wir dafür noch drei neue Synthesizer-Sounds. Es beginnt mit einem Bass, den der empfehlenswerte, weil gut klingende und blitzschnell zu programmierende Freeware-Synth TAL U-NO-62 liefert. Im Verlauf der vier Takte wird das Filter per Automation etwas geöffnet.

In den letzten beiden Takten kommt eine Fläche hinzu, die ebenfalls aus dem U-NO-62 stammt. Hier steuert der Rauschgenerator des Synths ein bisschen Schmutz bei.

Zu guter Letzt brauchen wir noch einen Leadsound, der aus dem ebenfalls kostenlosen TAL Elek7ro stammt. Jeder sollte diese Plugins auf dem Rechner haben.

Und danach geht's ab in den letzten Chorus, in dem außer noch mehr Gesang nichts Neues mehr passiert. „Wild“ reiht sich also nahtlos ein in die Liste der hier untersuchten Songs, an denen bei genauerem Hinsehen recht wenig dran ist. Ein groovendes Pattern, dem mit einigen gut platzierten Hinhörern etwas Abwechslung eingepflanzt wird, reicht absolut aus – vorausgesetzt, die Hookline und die Vocal-Produktion stimmen. Aber dafür ist unser Vocal Production Workshop zuständig! Den musikalischen Wert solcher Minimal-Arrangements mag manch einer in Frage stellen. Ich persönlich mag es sehr, wenn eine Produktion ohne viel Schnickschnack auskommt. Ich glaube, ich habe es bei J.Lo schon einmal gesagt: Mehr hinzuzufügen ist keine Kunst. Man kann ein Arrangement immer weiter verdichten und um zusätzliche Instrumente erweitern. Wenn man nicht gerade Trevor Horn oder Michael Cretu heißt, kommt dabei am Ende aber allzu oft ein völlig überfrachteter Sound heraus, der von den Vocals ablenkt, und das ist in der Popmusik das letzte, was man erreichen möchte. Deshalb ist ein guter Produzent vor allem auch einer, der die wesentlichen Elemente erkennt und herausstellt und alles andere weglässt.

Mal sehen, was wir uns als nächstes vornehmen! Bis zum nächsten Mal!

Verwandte Artikel

User Kommentare