Workshop_Folge Workshop_Thema WS_Piano_Theorie
Workshop
3
07.09.2018

Melodien auf dem Klavier komponieren lernen

Wie komponiert man eine Melodie?

Eigene Melodien auf dem Klavier komponieren lernen

Die Eigenschaften des Klaviers als Melodieinstrument

Vom Subcontra-A bis zum fünfgestrichenen C kommt man beim Klavier auf sage und schreibe 88 Tasten. Damit ist es zusammen - was den Tonumfang betrifft - mit der Kirchenorgel das größte Instrument überhaupt. Und obwohl man auf diesem königlichen Instrument wirklich alles spielen kann, hat es in der Tat auch schwächen. Denn das Klavier ist alles andere als ein Melodie-Instrument. 

Zum einen ist die Tonhöhe nicht modulierbar, hier sind gerade die Gitarre oder die menschliche Stimme klar im Vorteil. Auch verklingen die Töne recht schnell, somit sind sie ohne erneut angeschlagen zu werden rein physikalisch auf eine recht kurze Zeitdauer begrenzt. Zum anderen kann die Dynamik des Tons nach seinem Anschlag nicht mehr beeinflusst werden. Zwar lassen sich der Anschlag selbst und damit auch der Klang des Klavierspiels durchaus flexibel gestalten, die flexible Dynamik, wie man sie von Blas- oder Streichinstrumenten her kennt, sind beim Klavier oder beim Digitalpiano allerdings nicht möglich. Hinzu kommt, dass man beim Spielen nicht vom eigenen Atem abhängig ist, wie z. B. der Spieler eines Blasinstruments, schnell verzettelt man sich in viel zu langen und damit unmusikalischen Phrasen. Außerdem besteht die Gefahr, dass man von den zu spielenden Akkorden abgelenkt wird. Wenn es um Melodien, Phrasierung und musikalischen Ausdruck geht, sind dem Klavier viele andere Instrumente und die menschliche Stimme  haushoch überlegen.

Geht es allerdings darum Melodien zu komponieren, spielt das Instrument erst einmal keine wirklich große Rolle. Hier zählt nur, was der Komponist über dieses Thema weiß. Und sicherlich mag es Musiker geben, die völlig intuitiv und dabei sehr erfolgreich komponieren. Falls du aber zu den Musikern gehörst, denen so etwas nicht ohne weiteres gelingt, bleibt dir immer noch, dich in diesem Bereich zu bilden. Und dabei will dir dieser Artikel helfen. Woraus bestehen Melodien, wie komponieren erfolgreiche Musiker unserer Zeit, welche Fähigkeiten benötigst du dafür und wie kannst du diese erlangen? All das verrate ich dir jetzt. Los geht’s!

Details

Melodien analysieren lernen

Was ist eine populäre Melodie und wie ist sie aufgebaut?

Am besten schauen wir uns zuerst einmal ein paar Melodien an. Wir untersuchen verschiedene Songs und analysieren die dort verwendeten Melodien. Natürlich kann man dafür auch Instrumentalmusik untersuchen, dort sind die Melodien aber meist komplizierter. Deshalb bleiben wir zunächst bei gesungenen Pop-Songs verschiedener Genres und Erscheinungsjahren. 

Beispiel I: Eine populäre Melodie und ihr Aufbau (Justin Bieber)

Starten wir mit dem aktuellen Song „Love Yourself“ von Justin Bieber

Video: Justin Bieber – Love yourself

Der Song steht in E-Dur, deshalb können wir alle Töne der E-Dur-Tonleiter nutzen.

Natürlich gibt es leichtere Tonarten, aber wir bleiben in der Originaltonart, damit du zum Video mitspielen kannst. In der Realität wird die Tonart eines Songs hauptsächlich vom Stimmumfang des Sängers oder von produktionstechnischen Aspekten bestimmt. Notiert sieht der Refrain dann so aus.

Beispiel I: Welche Töne werden in der Melodie verwendet?

Hier fällt sofort auf, dass der Refrain nur aus drei verschiedenen Tönen besteht, nämlich E, Fis und Gis. Und diese drei Töne kommen fast ausschließlich stufenweise vor, das heißt, wie in einer Tonleiter ist der nächste Ton immer eine Stufe höher oder tiefer. Ein Takt sticht dabei aber heraus. An der Stelle „you should go and…“ kommt es zu drei kleinen Sprüngen, diese kleine Änderung bringt Abwechslung in die vielen Tonschritte. Höre dir den Refrain jetzt noch einmal an und achte darauf, wie diese Stelle dadurch auch klanglich heraussticht.

Beispiel I: In welcher Verbindung stehen Melodietöne mit verwendeten Akkorden?

Jetzt finden wir heraus, was die jeweiligen Melodietöne mit den verwendeten Akkorden zu tun haben. Du hast sicher schon mal davon gehört, dass man unseren Ton H im Englischen B nennt. Also wundere dich nicht, wenn du in den Notenbeispielen den Buchstaben B liest, bei uns heißen der Ton und der Akkord H. 

Der Refrain besteht aus diesen vier Akkorden.

Nach den drei Auftakttönen landen wir im ersten Takt auf einem Gis, das ist die Terz des ersten Akkordes.

In der zweiten Akkordhälfte landen wir auf dem Melodieton Fis. Das entspricht der Quinte des H-Dur Akkords.

Weiter geht es mit einem Gis, das ist wiederum die Quinte von Cis-Moll.

In der zweiten Takthälfte des zweiten Taktes finden wir einen A-Dur-Akkord, dieses Mal mit einem E in der Melodie, das entspricht wiederum der Quinte.

Es folgt ein erneuter E-Dur-Akkord, wie am Anfang zusammen mit dem Melodieton Gis (Terz). Dann wieder H-Dur ebenfalls mit Fis in der Melodie (Quinte). Zum finalen E-Dur-Akkord landen wir mit der Melodie dann auf dem Grundton E.

Was habe ich im ersten Schritt über Melodieanalyse gelernt?

An diesem Beispiel gewinnen wir also folgende Erkenntnisse: Erstens werden fast ausschließlich Tonleiter-Elemente benutzt, die mit wenigen Sprüngen aufgelockert werden. Dadurch wirkt die Melodie recht einfach. Zweitens, werden bis auf den Schluss immer die Terz oder Quinte des jeweiligen Akkords in der Melodie angesteuert. 

Beispiel II: Eine populäre Melodie und ihr Aufbau (The Beatles)

Dieses Mal untersuchen wir einen Song, der schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat.

Video: The Beatles – Let it be

In diesem Fall befinden wir uns in C-Dur. So sieht die dazugehörige Tonleiter aus.

Beispiel II: Welche Töne werden in der Melodie verwendet?

Hier sehen wir ein ähnliches Bild wie beim Justin Bieber-Song. Hauptsächlich wurden Tonschritte auf- und abwärts verwendet, durchsetzt von zwei Sprüngen, einer Quarte und einer Terz. Insgesamt ist die Spanne der Töne mit einer kleinen None dieses Mal aber wesentlich größer. Und auch rhythmisch passiert hier ein bisschen mehr, neben gebundenen Noten gibt es auch Punktierungen.

Das ist die Melodie der Strophe des Songs.

Beispiel II: In welcher Verbindung stehen Melodietöne mit den verwendeten Akkorden?

Die harmonische Grundlage bilden auch bei "Let it be" vier Akkorde. 

Hier schauen wir und an, in welcher Verbindung die jeweiligen Melodietöne mit den verwendeten Akkorden stehen. Dazu interessieren wir uns jetzt dafür, welche der jeweiligen Akkordtöne in der Melodie vorkommen.

Wie wir sehen, landet auch bei "Let it be" die Melodie bei einem Harmoniewechsel meist auf der Quinte des neuen Akkords. Lediglich beim zweiten Akkord des ersten Taktes wird dieses System ausgesetzt. Und bis auf zwei kleine Sprünge verläuft die Melodie auch hier stufenweise. In Takt zwei habe ich beim F-Dur Akkord erst die zweite Note rot markiert. Der vorhergehende Ton D gehört in diesem Fall nicht zum F-Dur-Akkord, genau deshalb entsteht klanglich eine interessante Färbung. Der Ton entspringt der stufenweise geführten Abwärtsbewegung der Melodie. Man spricht von einem Vorhalt, einer Technik, die schon im Barock sehr häufig verwendet wurde.

Was habe ich im zweiten Schritt über Melodieanalyse gelernt?

Jetzt kennst du die Bausteine einer Melodie. Das Hauptelement sind stufenweise geführte Töne oder Tonwiederholungen, die wirken vertraut, sind leicht zu merken und mitzusingen. Hin und wieder begegnet man einem Intervall-Sprung, dadurch wird eine Signalwirkung erzeugt und man verleiht der Melodie Charakter. Im Zusammenhang mit Text werden Tonsprünge meist bei textlich interessanten Stellen eingesetzt.

Sequenzen: Ein weiteres Element beim Komponieren von Melodien

Eine weitere Melodiestruktur haben wir in den beiden bisher analysierten Songs noch nicht sehen können. Es handelt sich dabei um Sequenzen. Bei einer Sequenz wird eine musikalische Phrase wiederholt, lediglich die Tonhöhe wird dabei verändert.

Der bekannte Titel "Autumn Leaves" ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Welche Wirkung haben Sequenzen?

Die Wirkung von Sequenzen hat einen psychoakustischen Hintergrund. Dein Gehirn sucht in allem nach Mustern. Dadurch kann es Energie sparen, weil dann schon vorher klar ist, was wahrscheinlich als nächstes passieren wird. Entdeckt dein Gehirn ein Muster, fühlst du dich gut. Deshalb gefallen uns Sequenzen in der Musik. Allerdings besteht die Gefahr, dass man es übertreibt und die Melodie somit vielleicht schnell langweilig wird. Der große Johann Sebastian Bach hat das erkannt und sich deshalb selbst die Regel auferlegt, etwas maximal zweimal zu wiederholen. Statt der dritten Wiederholung hat er immer eine Variation komponiert. Das lässt sich durch sein gesamtes Werk beobachten. 

Welche Funktion haben Töne der verwendeten Akkorde in der Melodie?

Als viertes Element ist bei Melodien noch interessant, welche Akkordtöne der jeweiligen Begleitakkorde in bekannten Melodien verwendet wurden. In den beiden analysierten Beispielen landete die Melodie bei einem Akkordwechsel meistens auf der Quinte oder seltener auf der Terz des jeweiligen Akkords. Nur zum Schluss wurde meist der Grundton komponiert. Dadurch schließt sich der Kreis melodisch.

Jetzt ist es an der Zeit, uns im nächsten Teil praktisch mit Melodien auseinanderzusetzen.

Praxis: Melodien üben, umsetzen des Gelernten

Wie kann ich leicht Melodien üben?

Auch das Thema Melodie werden wir, wie in meinen anderen Artikeln, jetzt in deren verschiedene Aspekte zerlegen und sie so gut es geht einzeln üben. Das ist gehirngerecht und führt schneller zu Ergebnissen. Wir bleiben der Einfachheit wegen in C-Dur, so kommen nur weiße Tasten zum Einsatz. Spielen wir erst einmal mit den Stufen und Sprüngen.

Praxis: Tonstufen und Tonsprünge verwenden

Hier experimentieren wir mit Tonstufen und Tonsprüngen.

In diesem Beispiel habe ich bis auf einen Sprung kurz vor Schluss nur Stufenschritte gespielt. Im folgenden Beispiel beginne ich mit einem Sprung, mal sehen, wo uns das hinführt.

Praxis: Experimentieren mit Sequenzen

Jetzt experimentieren wir mit Sequenzen.

Anfangs habe ich zwei Sequenzen aus Stufenschritten verwendet. Dann bin ich in eine Tonleiter übergegangen, die insgesamt eine kleine None umfasst und schließlich wieder zum Grundton fällt. So haben wir zwei unterschiedliche Hälften erzeugt. Man nennt das auch Vorder- und Nachsatz.

Im zweiten Sequenz-Beispiel habe ich die Sequenz aus Sprüngen gestaltet und im zweiten Teil wieder mit Tonleiterelementen fortgeführt. Das steigert den Kontrast im Vergleich zu Beispiel 1 zusätzlich.

Praxis: Üben von Akkorden und Tönen der Melodie

Kommen wir nun zum Thema der in einer Melodie verwendete Akkordtöne. Du kannst folgende Vorübung in deine Übe-Routine einbauen. In der linken Hand spielst du einen Akkord, in der rechten Hand erst einmal nur die Quinte dieses Akkords. Nehmen wir zum Beispiel diese Akkordfolge.

Im nächsten Schritt verbindest du die Töne in der rechten Hand über die Töne, die zwischen den Quinten liegen.

So ergibt sich schon eine kleine Melodie. Im nächsten Schritt mischen wir in der rechten Hand jetzt mit den Terzen und Grundtönen der jeweiligen Akkorde.

Im letzten Schritt verbindest du nun alle Techniken und etablierst zusätzlich einen freien Rhythmus.

Wo hole ich mir weitere Ideen für das Komponieren von Melodien?

Hole dir Inspiration von den Besten

Du stehst auf die Musik von Ed Sheeran oder Coldplay? Dir gefallen deren Songs und Melodien? Dann spiele sie nach und analysiere sie. Schau dir genau an, wie deine Lieblingsmusiker komponieren und nutze dieses Wissen in deinen eigenen und lasse dich vom Werk eines anderen Künstlers inspirieren. Die Geschichte der Kunst ist voll von solchen Ereignissen. 

Johann Sebastian Bach zum Beispiel schlich sich in jungen Jahren nachts heimlich in die Kirche und schrieb das Choralbuch ab, so lernte er die Komposition des vierstimmigen Satzes. Später als Erwachsener reiste er nicht besonders viel, stattdessen besorgte er sich Noten anderer Komponisten um deren Musik zu verstehen und um sie auf seine eigene Musik wirken zu lassen. Zum Beispiel transkribierte Bach mehrere Konzerte von Vivaldi für Orgel und Cembalo. 

Oder denke an das Schaffen von Franz Liszt, einer der größten Pianisten, die die Welt je gesehen hat. Er war vom Konzert des Teufelsgeigers Paganini derart beeindruckt, dass er beschloss, diese Art des Musizierens auf das Klavier zu übertragen. Wer schon einmal eine Partitur von ihm in der Hand hatte, weiß, es ist ihm gelungen. 

Wusstest du, dass die 24 Präludien von Chopin und von Schostakowitsch auf der Idee basieren, die Bach mit seinem Wohltemperierten Klavier entwickelt hatte? Oder denke an die vielen Musiker, die sich von Michael Jacksons Alben inspirieren ließen. In meinem Fall waren es Konzerte von Elton John und Friedrich Gulda. 

Die Liste ließe sich endlos alleine mit musikalischen Beispielen weiterführen, von Malerei, Schriftstellerei, Filmen oder auch technischen Entwicklungen ganz abgesehen. Viele großartige Werke und Dinge sind durch Inspiration bereits vorhandener Werke oder Dinge entstanden. Also lasse auch du dich inspirieren!

Fängst du erst einmal damit an, Musik analytisch zu hören und dich immer zu fragen, wie der Klang erzeugt wurde und was hinter ihm steckt. Du lernst immer dazu, sobald du Musik hörst.

Schlusswort

Jetzt bist du wieder gefragt. Wichtig ist, dass du es dir zur Gewohnheit machst, stetig Melodien zu singen, zu spielen, zu analysieren und zu komponieren. Nur so lernst du, was eine gute Melodie wirklich ausmacht und kannst dieses Wissen dann auch anwenden. Lass dich nicht abschrecken, die ersten fünf deiner Melodien werden wahrscheinlich nicht gleich perfekt sein. Aber mit der Zeit wirst du sicher immer besser und besser. 

Bleibe erst einmal bei einer Tonart, ohne tonleiterfremde Töne einzubauen. Nutze alle Bausteine von Melodien, nicht nur Tonleiterelemente. Mische auch mit Sprüngen und nutze deren Signalwirkung. Steuere außerdem immer verschiedene Akkordtöne mit deiner Melodie an, so klingt es interessanter. 

Und denk immer daran: Eine gute Melodie muss nicht kompliziert sein! In der Regel sollen Melodien gesungen werden. Geht das auch mit deinen Kompositionen? Und kann man sie sich leicht merken? Hast du immer wieder Pausen eingebaut damit auch das menschliche Atmen berücksichtigt wird? All diese Faktoren sind wichtig.

Ich wünsche dir viel Erfolg beim Komponieren deiner eigenen Melodien!

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier lernen und spielen findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

Verwandte Artikel

User Kommentare