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30.08.2019

Melodien auf dem Klavier komponieren lernen

Wie komponiert man eine Melodie?

Eigene Melodien auf dem Klavier komponieren lernen

Die Melodie ist der wichtigste Bestandteil der Musik. Auf ihr baut das auf, was ein komplettes Musikstück ausmacht. Eine Melodie ist so vieles: Eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Töne in verschiedenen Tonhöhen, die sich rhythmisch voneinander abgrenzen, sie kann aus lauten und leisen Tönen bestehen und sie ruft durch verschiedene Harmonien und Tempi verschiedene Emotionen hervor. Die Melodie ist in der Musik ein wahres Chamäleon. Ein Wunder des Ausdrucks. Hier tauchen Fragen auf, wie:

  • Was genau ist eine Melodie?
  • Welche sind ihre wichtigsten Bestandteile und wie baut man sie auf?
  • Gibt es unterschiedliche Charaktere von Melodien?

Wenn es darum geht Melodien zu komponieren, spielt das Instrument zunächst eigentlich keine große Rolle. Viele Musiker komponieren mit ihrer Stimme, mit einer Gitarre oder heutzutage auch ausschließlich am Computer, nur über die Maus. Das Klavier aber, bietet mit seinem großen Tonumfang und der Art der Tonerzeugung eine ideale Basis für das Kreieren von Melodien. Außerdem können aufgrund der vielen Tasten auch gleich Akkorde gegriffen und Harmonien zu den entstehenden Melodien gefunden werden.  Dafür bedarf es am Klavier nur eines einzigen Musikers. Das ist an fast allen anderen Instrumenten unmöglich.  

Wichtig ist, dass man weiß, nach welchen Regeln Melodien aufgebaut werden. Hier mag es sicherlich Musiker geben, die völlig intuitiv und dabei sehr erfolgreich komponieren. Falls du aber zu den Musikern zählst, denen so etwas noch nicht auf Anhieb gelingt, kannst du auch diesen Bereich erlernen. Und dabei will dir dieser Artikel helfen. Woraus bestehen Melodien, wie komponieren erfolgreiche Musiker unserer Zeit, welche Fähigkeiten benötigst du dafür und wie kannst du diese erlangen?

Quick Facts: Melodie

Was ist eine Melodie?

Eine Melodie ist eine singbare, in sich geschlossene Folge von Tönen, also eine Aneinanderreihung von Tönen, die zusammen eine musikalische Aussage ergeben. Vielleicht hast du schon einmal gehört, dass Musik wie eine Sprache sei. Die Gemeinsamkeiten einer Melodie mit der gesprochenen Sprache sind enorm. Im Prinzip fungiert eine Melodie genau wie ein gesprochener Satz. Beide bestehen aus einzelnen Tönen oder Wörtern, die zusammen einen Sinn ergeben.

Nicht alle Einzelteile sind gleich lang, wichtige Töne oder Wörter werden betont oder verlängert und es gibt in einer Melodie und in einem gesprochenen Satz eine Dramaturgie. Mal bewegt sich die Melodie oder die Stimme nach oben, mal wandern beide nach unten. Eine Melodie ist also die musikalische Grundaussage. Deshalb singt man auch immer eine Melodie, wenn man einen ‚Ohrwurm‘ hat. Sie ist das Grundelement. Ohne Melodie gibt es keinen musikalischen Zusammenhang.

Welche sind die wichtigsten Bestandteile einer Melodie?

Eine Melodie besteht im Wesentlichen aus Tönen und Rhythmus und wird in der Instrumentalmusik auch oft Thema genannt. Die Töne einer Melodie sind oft in kleinere, sinnhafte Abschnitte unterteilt, die man in der Musik als Motive bezeichnet. Die Töne selbst können in Sprüngen, sogenannten Intervallen, oder wie bei einer Tonleiter in Schritten geführt werden. Auch kann ein Ton wiederholt und die Tonhöhe beibehalten werden. Außerdem gehören auch Pausen zu Melodien. Obwohl bei den Pausen selbst ja gar kein Klang entsteht, sind sie in Melodien sehr wichtig, da durch sie bestimmte Folgetöne hervorgehoben werden können.  

Zusätzlich trägt der Rhythmus einer Melodie wesentlich zu ihrer Grundaussage bei. Schließlich spielt dieser auch in der gesprochenen Sprache eine große Rolle. Außerdem ist der Verlauf einer Melodie entscheidend. Bewegt sich eine Melodie zum Beispiel kontinuierlich nach oben, entsteht eine ansteigende Energie und damit eine spezielle Dramaturgie.

Wie ist eine Melodie aufgebaut?

Eine Melodie sollte eine in sich geschlossene musikalische Aussage darstellen. Du kannst dafür also viel von der gesprochenen Sprache abschauen. Nehmen wir als Beispiel den Satz, von dem ich hoffe, dass du ihn noch nie sagen musstest: „Gestern bin ich mit dem Rad zur Arbeit gefahren und dabei ist mir ein Reifen geplatzt“. Wie würdest du diesen Satz sprechen und gestalten?  Zum Beispiel könntest du das erste Wort etwas betonen, um die zeitliche Einordnung zu verdeutlichen, und dann deine Stimme anheben, bis sie beim Wort „gefahren“ ihren Höhepunkt erreicht. Danach würde deine Stimme dann wieder sinken, weil wir so in der Regel das Satzende verdeutlichen. Die meisten Melodien funktionieren auch nach diesem Prinzip.

Wichtig ist es außerdem, dass du die Melodie schnell erkennen, und du sie dir auch leicht merken kannst. Pausen und markante Sprünge können dabei helfen, auch wenn zum Beispiel „Alle meine Entchen“, eine der berühmtesten Melodien der Welt, völlig ohne diese letzten beiden Elemente auskommt.

Kann man Melodien in ihrem Charakter unterscheiden?

Es gibt unzählige Melodien und jede hat einen eigenen Charakter. Und obwohl es nur zwölf verschiedene Töne gibt, können die Bestandteile einer Melodie auf so unterschiedliche Weise angewendet und kombiniert werden, dass die dabei entstehenden Ergebnisse nichts miteinander zu tun haben müssen. Dennoch gibt es grundlegende Prinzipien. Eine traurige Melodie wird wahrscheinlich eher lange Notenwerte und Tonwiederholungen, oder kleine Tonschritte nutzen, weil traurige Menschen auch genau so sprechen. Eine fröhliche Melodie dagegen wird eher kurze Töne mit vielen Intervallsprüngen nutzen. Steigende Tonfolgen erhöhen, sinkende mindern eher die Energie einer Melodie.

Die Komplexität einer Melodie und der dafür genutzte Tonumfang deuten außerdem darauf hin, ob es sich um eine Opernarie oder einen Ballermann-Sog handelt. Außerdem kommt es genau wie bei unserer Sprache neben der Kernaussage auch auf den Kontext an. Unter Schauspielschülern gibt es z. B. eine Übung, die darin besteht, ein und denselben Satz mehrfach aufzusagen, ihm aber jedes Mal eine völlig andere Dramaturgie und damit auch unterschiedliche Bedeutung und Aussage zu verleihen. In der Musik kann der Charakter einer Melodie auch dadurch verändert werden, indem man sie völlig anders instrumentiert, sie in einem ganz anderen Tempo, oder auf eine ganz andere Art spielt.

Das Klavier als Melodieinstrument

Vom Subcontra-A bis zum fünfgestrichenen C kommt man beim Klavier auf sage und schreibe 88 Tasten. Damit ist es zusammen - was den Tonumfang betrifft - mit der Kirchenorgel das größte Instrument überhaupt. Und obwohl man auf diesem königlichen Instrument wirklich alles spielen kann, hat es in der Tat auch schwächen. Denn das Klavier war ursprünglich alles andere als ein Melodie-Instrument. 

Zum einen ist die Tonhöhe nicht modulierbar, hier sind gerade die Gitarre oder die menschliche Stimme klar im Vorteil. Auch verklingen die Töne recht schnell, somit sind sie ohne erneut angeschlagen zu werden rein physikalisch auf eine recht kurze Zeitdauer begrenzt. Zum anderen kann die Dynamik des Tons nach seinem Anschlag nicht mehr beeinflusst werden. Zwar lassen sich der Anschlag selbst und damit auch der Klang des Klavierspiels durchaus flexibel gestalten, die flexible Dynamik, wie man sie von Blas- oder Streichinstrumenten her kennt, sind beim Klavier oder beim Digitalpiano allerdings nicht möglich.

Hinzu kommt, dass man beim Spielen nicht vom eigenen Atem abhängig ist, wie z. B. der Spieler eines Blasinstruments, schnell verzettelt man sich in viel zu langen und damit unmusikalischen Phrasen. Außerdem besteht die Gefahr, dass man von den zu spielenden Akkorden abgelenkt wird. Wenn es um Melodien, Phrasierung und musikalischen Ausdruck geht, sind dem Klavier viele andere Instrumente und die menschliche Stimme  haushoch überlegen. Und trotzdem gab und gibt es viele Komponisten, die es geschafft haben, auch am Klavier wundervolle Melodien zu komponieren. Von diesen Komponisten sollten wir lernen und uns diese als Vorbild nehmen.

Einer der bekanntesten Komponisten überhaupt ist Johann Sebastian Bach. Wie du vielleicht weißt, hat er für sehr viele verschiedene Instrumente und auch für Gesang komponiert. Und obwohl seine Musik teilweise sehr komplex aufgebaut ist, ist Bach darüber hinaus besonders für seine wundervollen Melodien bekannt. Der Pianist Glenn Gould spielt hier eine der schönsten Bach-Melodien überhaupt.

Bach - Goldberg Variations: Aria (Glenn Gould)

Elton John und Billy Joel sind zwei der berühmtesten Pop-Piano-Komponisten aller Zeiten. Beide haben über Jahrzehnte hinweg unzählige Hits gelandet, offensichtlich schreiben beide also auch tolle Melodien. Überzeuge dich selbst.

Elton John - Sorry Seems To Be The Hardest Word

Billy Joel - Honesty (Audio)

Jacob Collier ist eigentlich Jazz-Musiker, hat im zarten Alter von gerade mal 25 Jahren allerdings auch schon zwei Grammys gewonnen. Der Multi-Instrumentalist hat sich das Klavierspielen selbst beigebracht und improvisiert auch auf 88 Tasten tolle Melodien.

KEYSCAPE - Jacob Collier: Piano Improvisation

Ed Sheeran ist zwar Gitarrist, aber in der aktuellen Pop-Musik kommt man einfach nicht um ihn herum. Sein Song „Shape Of You“ ist mit über vier Milliarden Klicks der zweit meistgeklickte Song der YouTube-Geschichte. Aber auch in seinem Hit „Perfect“ hören wir starke Melodien.

Ed Sheeran - Perfect (Official Music Video)

All diese Komponisten haben verstanden, wie Melodien funktionieren, aus welchen Bausteinen diese bestehen und wie man interessante Melodien komponiert, egal an welchem Instrument. Hast du allerdings noch nicht so viel Erfahrung, kannst du dir hier wichtige Informationen zum Einstieg in die Materie holen.

Sind alle Melodien gleich aufgebaut?

Popmusik ist spätestens seit den Beatles die erfolgreichste und am häufigsten praktizierte Musik der Welt. Es gibt sie inzwischen in unzähligen Stilistiken, von Punk, Rock über Hip-Hop oder Techno und Dutzende andere. Oft begegnet man der Einschätzung, dass Popmusik sehr einfach und damit qualitativ minderwertig gegenüber Genres wie Klassik oder Jazz sei. Und natürlich sind die im Jazz verwendeten Harmonien wesentlich komplexer als in der Popmusik, genau wie nicht allzu viele Saxofonisten ein Solo von Charlie Parker nachspielen können. Und natürlich stehen auch die Leistungen klassischer Komponisten wie Bach, Mozart oder Beethoven völlig außer Frage. Alleine die Goldberg-Variationen von J. S. Bach sind ein Wunderwerk der Kompositionskunst. Aber es gibt auch ganz einfache klassische Musik, die trotzdem vielen Menschen gefällt. Denke zum Beispiel an die „Kleine Nachtmusik“ von Mozart oder „Für Elise“ von Beethoven.

Und nur weil Popmusik weniger komplex ist, muss es ja nicht automatisch leicht sein, einen Pop-Song zu komponieren. Genau das Gegenteil ist eigentlich der Fall. In der Popmusik muss in drei Minuten der klangliche Nagel voll auf den Kopf getroffen werden, und das am besten von Anfang an. Schon in den ersten Sekunden muss die Aufmerksamkeit des Hörers mit einer einprägsamen Melodie erlangt werden. Dazu kommen viele harmonische Reduktionen, um den Song nicht zu kompliziert zu machen, das schränkt die Anzahl der zur Verfügung stehenden Töne und Akkorde ein. Außerdem sind in der Popmusik vor allem der Klang und damit die Produktion wichtig. Wer glaubt, man müsse dafür am Musik-PC einfach ein paar Knöpfe drücken, der wird sich schnell wundern.

Für das Thema Melodien bedeutet das, dass sich alle Stilistiken, rein melodisch gesehen, wahrscheinlich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie man vielleicht glauben möchte. Bestes Beispiel dafür ist der Song „All By Myself“, den wir alle von Celine Dion kennen. Geschrieben wurde der Hit allerdings schon 1975 von Eric Carmen, einem amerikanischen Pianisten, Sänger und Songwriter.

Eric Carmen - All by Myself (Audio)

Großteile der Melodie aus Eric Carmen's Werk entstammen einer klassischen Komposition, nämlich dem zweiten Satz des zweiten Klavierkonzertes von Sergei Rachmaninow. Daran sieht und hört man also, dass eine Melodie grundsätzlich nicht einem Genre zugeordnet werden kann. Oft sorgen erst die Instrumentierung, das Tempo und die Harmonisierung der Melodie in den verschiedenen Genres für einen völlig unterschiedlichen Klang.

H. Grimaud 2/3 Rachmaninov piano concerto No.2 in C minor, op.18 [Adagio sostenuto]

Wer komponieren will, sollte sich also unabhängig vom Genre eher darauf konzentrieren, was eine gute Melodie ausmacht und woraus sie besteht. Und um das zu lernen, werden wir nun zwei sehr erfolgreiche Melodien analysieren.

Melodien der Popmusik analysieren lernen

Wir untersuchen jetzt verschiedene Songs aus der Popmusik und analysieren die dort verwendeten Melodien. Natürlich könnte man jetzt auch Instrumentalmusik unter die Lupe nehmen, dort sind die Melodien aber meist komplizierter aufgebaut. Deshalb bleiben wir zunächst bei gesungenen Titeln der Popmusik verschiedener Genres und Erscheinungsjahren.

Beispiel I: Eine Pop-Melodie und ihr Aufbau 1 (Justin Bieber)

Starten wir mit dem aktuellen Song „Love Yourself“ von Justin Bieber

Video: Justin Bieber – Love yourself

Der Song steht in E-Dur, deshalb können wir alle Töne der E-Dur-Tonleiter nutzen.

Natürlich gibt es leichtere Tonarten, aber wir bleiben in der Originaltonart, damit du zum Video mitspielen kannst. In der Realität wird die Tonart eines Songs hauptsächlich vom Stimmumfang des Sängers oder von produktionstechnischen Aspekten bestimmt. Notiert sieht der Refrain dann so aus.

Beispiel I: Welche Töne werden in der Melodie verwendet?

Hier fällt sofort auf, dass der Refrain nur aus drei verschiedenen Tönen besteht, nämlich E, Fis und Gis. Und diese drei Töne kommen fast ausschließlich stufenweise vor, das heißt, wie in einer Tonleiter ist der nächste Ton immer eine Stufe höher oder tiefer. Ein Takt sticht dabei aber heraus. An der Stelle „you should go and…“ kommt es zu drei kleinen Sprüngen, diese kleine Änderung bringt Abwechslung in die vielen Tonschritte. Höre dir den Refrain jetzt noch einmal an und achte darauf, wie diese Stelle dadurch auch klanglich heraussticht.

Beispiel I: In welcher Verbindung stehen Melodietöne mit verwendeten Akkorden?

Jetzt finden wir heraus, was die jeweiligen Melodietöne mit den verwendeten Akkorden zu tun haben. Du hast sicher schon mal davon gehört, dass man unseren Ton H im Englischen B nennt. Also wundere dich nicht, wenn du in den Notenbeispielen den Buchstaben B liest, bei uns heißen der Ton und der Akkord H. 

Der Refrain besteht aus diesen vier Akkorden.

Nach den drei Auftakttönen landen wir im ersten Takt auf einem Gis, das ist die Terz des ersten Akkordes.

In der zweiten Akkordhälfte landen wir auf dem Melodieton Fis. Das entspricht der Quinte des H-Dur Akkords.

Weiter geht es mit einem Gis, das ist wiederum die Quinte von Cis-Moll.

In der zweiten Takthälfte des zweiten Taktes finden wir einen A-Dur-Akkord, dieses Mal mit einem E in der Melodie, das entspricht wiederum der Quinte.

Es folgt ein erneuter E-Dur-Akkord, wie am Anfang zusammen mit dem Melodieton Gis (Terz). Dann wieder H-Dur ebenfalls mit Fis in der Melodie (Quinte). Zum finalen E-Dur-Akkord landen wir mit der Melodie dann auf dem Grundton E.

Was habe ich im ersten Schritt über Melodieanalyse gelernt?

An diesem Beispiel gewinnen wir also folgende Erkenntnisse: Erstens werden fast ausschließlich Tonleiter-Elemente benutzt, die mit wenigen Sprüngen aufgelockert werden. Dadurch wirkt die Melodie recht einfach. Zweitens, werden bis auf den Schluss immer die Terz oder Quinte des jeweiligen Akkords in der Melodie angesteuert. 

Beispiel II: Eine Pop-Melodie und ihr Aufbau 2 (The Beatles)

Dieses Mal untersuchen wir einen Song, der schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat.

Video: The Beatles – Let it be

In diesem Fall befinden wir uns in C-Dur. So sieht die dazugehörige Tonleiter aus.

Beispiel II: Welche Töne werden in der Melodie verwendet?

Hier sehen wir ein ähnliches Bild wie beim Justin Bieber-Song. Hauptsächlich wurden Tonschritte auf- und abwärts verwendet, durchsetzt von zwei Sprüngen, einer Quarte und einer Terz. Insgesamt ist die Spanne der Töne mit einer kleinen None dieses Mal aber wesentlich größer. Und auch rhythmisch passiert hier ein bisschen mehr, neben gebundenen Noten gibt es auch Punktierungen.

Das ist die Melodie der Strophe des Songs.

Beispiel II: In welcher Verbindung stehen Melodietöne mit den verwendeten Akkorden?

Die harmonische Grundlage bilden auch bei "Let it be" vier Akkorde. 

Hier schauen wir und an, in welcher Verbindung die jeweiligen Melodietöne mit den verwendeten Akkorden stehen. Dazu interessieren wir uns jetzt dafür, welche der jeweiligen Akkordtöne in der Melodie vorkommen.

Wie wir sehen, landet auch bei "Let it be" die Melodie bei einem Harmoniewechsel meist auf der Quinte des neuen Akkords. Lediglich beim zweiten Akkord des ersten Taktes wird dieses System ausgesetzt. Und bis auf zwei kleine Sprünge verläuft die Melodie auch hier stufenweise. In Takt zwei habe ich beim F-Dur Akkord erst die zweite Note rot markiert. Der vorhergehende Ton D gehört in diesem Fall nicht zum F-Dur-Akkord, genau deshalb entsteht klanglich eine interessante Färbung. Der Ton entspringt der stufenweise geführten Abwärtsbewegung der Melodie. Man spricht von einem Vorhalt, einer Technik, die schon im Barock sehr häufig verwendet wurde.

Was habe ich im zweiten Schritt über Melodieanalyse gelernt?

Jetzt kennst du die Bausteine einer Melodie. Das Hauptelement sind stufenweise geführte Töne oder Tonwiederholungen, die wirken vertraut, sind leicht zu merken und mitzusingen. Hin und wieder begegnet man einem Intervall-Sprung, dadurch wird eine Signalwirkung erzeugt und man verleiht der Melodie Charakter. Im Zusammenhang mit Text werden Tonsprünge meist bei textlich interessanten Stellen eingesetzt.

Sequenzen: Ein weiteres Element beim Komponieren von Melodien

Eine weitere Melodiestruktur haben wir in den beiden bisher analysierten Songs noch nicht sehen können. Es handelt sich dabei um Sequenzen. Bei einer Sequenz wird eine musikalische Phrase wiederholt, lediglich die Tonhöhe wird dabei verändert.

Der bekannte Titel "Autumn Leaves" ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Welche Wirkung haben Sequenzen?

Die Wirkung von Sequenzen hat einen psychoakustischen Hintergrund. Dein Gehirn sucht in allem nach Mustern. Dadurch kann es Energie sparen, weil dann schon vorher klar ist, was wahrscheinlich als nächstes passieren wird. Entdeckt dein Gehirn ein Muster, fühlst du dich gut. Deshalb gefallen uns Sequenzen in der Musik. Allerdings besteht die Gefahr, dass man es übertreibt und die Melodie somit vielleicht schnell langweilig wird. Der große Johann Sebastian Bach hat das erkannt und sich deshalb selbst die Regel auferlegt, etwas maximal zweimal zu wiederholen. Statt der dritten Wiederholung hat er immer eine Variation komponiert. Das lässt sich durch sein gesamtes Werk beobachten. 

Welche Funktion haben Töne der verwendeten Akkorde in der Melodie?

Als viertes Element ist bei Melodien noch interessant, welche Akkordtöne der jeweiligen Begleitakkorde in bekannten Melodien verwendet wurden. In den beiden analysierten Beispielen landete die Melodie bei einem Akkordwechsel meistens auf der Quinte oder seltener auf der Terz des jeweiligen Akkords. Nur zum Schluss wurde meist der Grundton komponiert. Dadurch schließt sich der Kreis melodisch.

Jetzt ist es an der Zeit, uns im nächsten Teil praktisch mit Melodien auseinanderzusetzen.

Praxis: Melodien üben, umsetzen des Gelernten

Wie kann ich leicht Melodien üben?

Auch das Thema Melodie werden wir, wie in meinen anderen Artikeln, jetzt in deren verschiedene Aspekte zerlegen und sie so gut es geht einzeln üben. Das ist gehirngerecht und führt schneller zu Ergebnissen. Wir bleiben der Einfachheit wegen in C-Dur, so kommen nur weiße Tasten zum Einsatz. Spielen wir erst einmal mit den Stufen und Sprüngen.

Praxis: Tonstufen und Tonsprünge verwenden

Hier experimentieren wir mit Tonstufen und Tonsprüngen.

In diesem Beispiel habe ich bis auf einen Sprung kurz vor Schluss nur Stufenschritte gespielt. Im folgenden Beispiel beginne ich mit einem Sprung, mal sehen, wo uns das hinführt.

Praxis: Experimentieren mit Sequenzen

Jetzt experimentieren wir mit Sequenzen.

Anfangs habe ich zwei Sequenzen aus Stufenschritten verwendet. Dann bin ich in eine Tonleiter übergegangen, die insgesamt eine kleine None umfasst und schließlich wieder zum Grundton fällt. So haben wir zwei unterschiedliche Hälften erzeugt. Man nennt das auch Vorder- und Nachsatz.

Im zweiten Sequenz-Beispiel habe ich die Sequenz aus Sprüngen gestaltet und im zweiten Teil wieder mit Tonleiterelementen fortgeführt. Das steigert den Kontrast im Vergleich zu Beispiel 1 zusätzlich.

Praxis: Üben von Akkorden und Tönen der Melodie

Kommen wir nun zum Thema der in einer Melodie verwendete Akkordtöne. Du kannst folgende Vorübung in deine Übe-Routine einbauen. In der linken Hand spielst du einen Akkord, in der rechten Hand erst einmal nur die Quinte dieses Akkords. Nehmen wir zum Beispiel diese Akkordfolge.

Im nächsten Schritt verbindest du die Töne in der rechten Hand über die Töne, die zwischen den Quinten liegen.

So ergibt sich schon eine kleine Melodie. Im nächsten Schritt mischen wir in der rechten Hand jetzt mit den Terzen und Grundtönen der jeweiligen Akkorde.

Im letzten Schritt verbindest du nun alle Techniken und etablierst zusätzlich einen freien Rhythmus.

Wo hole ich mir weitere Ideen für das Komponieren von Melodien?

Hole dir Inspiration von den Besten

Du stehst auf die Musik von Ed Sheeran oder Coldplay? Dir gefallen deren Songs und Melodien? Dann spiele sie nach und analysiere sie. Schau dir genau an, wie deine Lieblingsmusiker komponieren und nutze dieses Wissen in deinen eigenen und lasse dich vom Werk eines anderen Künstlers inspirieren. Die Geschichte der Kunst ist voll von solchen Ereignissen. 

Johann Sebastian Bach zum Beispiel schlich sich in jungen Jahren nachts heimlich in die Kirche und schrieb das Choralbuch ab, so lernte er die Komposition des vierstimmigen Satzes. Später als Erwachsener reiste er nicht besonders viel, stattdessen besorgte er sich Noten anderer Komponisten um deren Musik zu verstehen und um sie auf seine eigene Musik wirken zu lassen. Zum Beispiel transkribierte Bach mehrere Konzerte von Vivaldi für Orgel und Cembalo. 

Oder denke an das Schaffen von Franz Liszt, einer der größten Pianisten, die die Welt je gesehen hat. Er war vom Konzert des Teufelsgeigers Paganini derart beeindruckt, dass er beschloss, diese Art des Musizierens auf das Klavier zu übertragen. Wer schon einmal eine Partitur von ihm in der Hand hatte, weiß, es ist ihm gelungen. 

Wusstest du, dass die 24 Präludien von Chopin und von Schostakowitsch auf der Idee basieren, die Bach mit seinem Wohltemperierten Klavier entwickelt hatte? Oder denke an die vielen Musiker, die sich von Michael Jackson's Alben inspirieren ließen. In meinem Fall waren es Konzerte von Elton John und Friedrich Gulda

Die Liste ließe sich endlos alleine mit musikalischen Beispielen weiterführen, von Malerei, Schriftstellerei, Filmen oder auch technischen Entwicklungen ganz abgesehen. Viele großartige Werke und Dinge sind durch Inspiration bereits vorhandener Werke oder Dinge entstanden. Also lasse auch du dich inspirieren!

Fängst du erst einmal damit an, Musik analytisch zu hören und dich immer zu fragen, wie der Klang erzeugt wurde und was hinter ihm steckt. Du lernst immer dazu, sobald du Musik hörst.

Schlusswort

Jetzt bist du wieder gefragt. Wichtig ist, dass du es dir zur Gewohnheit machst, stetig Melodien zu singen, zu spielen, zu analysieren und zu komponieren. Nur so lernst du, was eine gute Melodie wirklich ausmacht und kannst dieses Wissen dann auch anwenden. Lass dich nicht abschrecken, die ersten fünf deiner Melodien werden wahrscheinlich nicht gleich perfekt sein. Aber mit der Zeit wirst du sicher immer besser und besser. 

Bleibe erst einmal bei einer Tonart, ohne tonleiterfremde Töne einzubauen. Nutze alle Bausteine von Melodien, nicht nur Tonleiterelemente. Mische auch mit Sprüngen und nutze deren Signalwirkung. Steuere außerdem immer verschiedene Akkordtöne mit deiner Melodie an, so klingt es interessanter. 

Und denk immer daran: Eine gute Melodie muss nicht kompliziert sein! In der Regel sollen Melodien gesungen werden. Geht das auch mit deinen Kompositionen? Und kann man sie sich leicht merken? Hast du immer wieder Pausen eingebaut damit auch das menschliche Atmen berücksichtigt wird? All diese Faktoren sind wichtig.

Ich wünsche dir viel Erfolg beim Komponieren deiner eigenen Melodien!

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier lernen und spielen findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

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