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24.02.2020

Konfetti-Alarm: Keyboarder im Karneval

Zwei Szenarien eine Karnevalssitzung musikalisch und technisch meistern

Als Bandkeyboarder oder Ein-Mann-Show in der fünften Jahreszeit unterwegs

Es ist Freitag, der 13. Februar. Eine beliebte Zeit für grippale Infekte. Auch ein Freund und Kollege hat es ziemlich heftig erwischt. Er liegt mit 40,11 Grad Fieber im Bett und wird die große Prunksitzung morgen definitiv nicht spielen können. Kurz nach 11.11 Uhr erhältst du seinen Anruf. Im kränklichen Flüsterton bittet er dich, dass du ihn morgen an den Tasten vertrittst. Du bist ein guter Kumpel und eigentlich ein rundum sozialer Typ. Aber Fasching, Karneval, oder egal wie man es nennen möchte … was nun?

Als Keyboarder bist du zwar routiniert, hast aber mit Engagements zur fünften Jahreszeit keinerlei Erfahrungen und traust dir wenig zu, dieses unbekannte närrische Szenario für dich zu erobern. Nach weiteren elf Minuten des Jammerns und Bettelns wird dir eindeutig klar: Du musst deinem Freund unbedingt aus der Patsche helfen. Er findet kaum eine andere Aushilfe. Entweder haben Keyboarder einen vollen Terminkalender, oder sie lehnen den Tusch-Job und Faschingsmusik kategorisch ab.

Was alles auf dich zukommen kann, beschreiben wir in zwei typischen Szenarien, für die man gewappnet sein sollte.

Szenario 1: In einer Band spielen

Du hast Glück. Dein befreundeter Kollege spielt in einer Band aus Rhythmusgruppe (Keyboard/Klavier, Bass, Drums) und einigen Bläsern. Vieles passiert auf der Seite deiner Kollegen, du spielst meistens „nur“ akkordisch mit und hast so keine große Verantwortung wie etwa der Drummer, der Schlag auf Schlag konzentriert und immer wieder schnell reagieren muss. Zur Kleiderordnung: Schwarze Stoffhose und weißes Hemd – exklusiver bekleidet musst du wahrscheinlich nicht zum Gig erscheinen. Ein paar Utensilien aus der Klamottenkiste der Band machen dich in wenigen Sekunden optisch bühnenreif. 

Spätestens eine Stunde vor Sitzungsbeginn bekommst du eine „Mappe“ mit nummerierten Notenblättern. Du wirst sehen: Marsch, Stimmungsmusik, Schunkelwalzer und ein paar speziellere Motto bezogene Titel für den Einzug von Rednern. Hinzu kommen notierte Begleitungen für bestimmte Programmpunkte (Clubsängerin oder Gesangsgruppe). Mehr ist es meist nicht. Keine Sorge, spontane Begleitungen sind nur eine persönliche Kür und werden von dir nicht erwartet. Du könntest aber Akkorde im Notfall flüssig auswendig spielen?

Drei Dinge sind wichtig: Tusch, Tusch und noch mal Tusch. Konventionell findet er in D-Dur statt. Ein unspektakulärer E-Piano- oder Klaviersound, der sich gut im Bläsersatz mischt, ist die beste Wahl. Bitte immer auf die Zeichen des Bandleaders reagieren, der jeden Tusch vorgibt und auch die Abrisse bei Ein- und Ausmärschen dirigiert. Ein versehentlicher Akkord nach dem Schluss oder ein anderer Nachschlag ist peinlich und wird zumindest bei Kollegen wie Publikum eher schräg ankommen. Übrigens: Vor allem bei lauten Trommlergruppen vor Beginn sowie am Ende der Sitzung solltest einen Gehörschutz tragen.

Equipmentseitig reicht ein Stagepiano, Stagekeyboard oder eine Keyboard-Workstation. Bewusst traditionell bleiben und keine Soundexperimente wagen: Ein natürliches Klavier und ein sanftes E-Piano bilden neben einer universellen Orgel sowie füllenden Streichern den klanglichen Fundus. Bei einer größeren Veranstaltung wirst du sicherlich auf eine professionelle Beschallung treffen. Nicht einmal einen Monitor brauchst du mitzubringen. Die Tontechniker verkabeln dein Instrument und sorgen für einen guten Monitor-Sound. Du wirst es spüren: Man ist eine Familie und kommt mit netten Musikern zusammen, die sich auch nur jobtechnisch eine Pappnase aufziehen und ansonsten in anderen Genres zuhause sind.

Szenario 2: Alleine Musik machen

Leider sieht dein Gig ein bisschen anders aus. Dein Freund ist hauptsächlich Entertainer und tritt gelegentlich im Duo und Trio mit Gastmusikern auf. Es wird eine kleinere Sitzung sein, bei der du aushelfen darfst. Dies bedeutet zunächst, dass du die gesamte Tontechnik stemmen und betreuen darfst. Neben Mischpult und PA musst du auch ein Arranger-Keyboard im Gepäck haben. Überhaupt bist du für die gesamte musikalische Gestaltung des Abends verantwortlich – na denn, Prost!

Einstellen musst du dich insbesondere auf den Sitzungspräsidenten, der viel ankündigt und gern auch spontan anstimmt. Als musikalischer Leiter solltest du mit ihm das Programm vorab im Detail besprechen und seine Wunschtitel für Einzüge möglichst respektieren. Für den Einzug wird meist der gleiche Marsch aufgespielt und spontan abgerissen, sobald die Akteure auf der Bühne stehen. Ein prominentes Beispiel ist der „Mainzer Narhalla-Marsch“ von Carl Zulehner. Dieses Stück kannst du zwar mit einem Marsch-Style auf dem Keyboard spielen. Souveräner (und auch bequemer) läuft es allerdings per MIDI-File, das du von deinem Arranger-Keyboard abspielst. Zu bedenken ist die Länge des Stücks. Um einen vorzeitigen Abbruch (manchmal wird der Marsch für viele Minuten benötigt) zu verhindern, solltest du den kommerziell erworbenen MIDI-Song mit einer Sequencer-Software um möglichst viele Wiederholungen verlängern und ihn erneut als MIDI-File exportieren.

Abfeuern! Jeder Tusch muss zum richtigen Zeitpunkt erklingen. Praktisch ist es, wenn du zum Einfliegen von Tusch und anderen Audio-Passagen separat ein iPad oder ein iPhone Plus verwendest. Ein altes iPad mit „DJ Sampler“ (bis iOS10 verfügbar) und einer beliebigen anderen App, bei dem sich Samples mehreren Pads zuweisen und abspielen lassen, ist dein Partner für diesen besonderen Abend. Nicht die ideale Lösung, aber es funktioniert: Nimm den Kopfhörer-Ausgang deines iOS-Geräts und verwende ein hochwertiges Adapterkabel (Stereo-Miniklinke auf 2x Monoklinke). Am iPad hängt ein Ladegerät, ein halbleerer Akku ist jedenfalls fehl am Platz. Die Audio-Clips müssen im Studio vorbereitet werden (oder du erhältst sie hoffentlich von deinem Kollegen, für den du in die Bresche springst). Ein „Einer-Tusch“, ein „Dreier-Tusch“, elf Gongschläge, ein „Humba“, ein „Oh wie bist du schön“ und ähnliche fröhliche Einlagen in einer Länge von knapp einer halben Minute musst du einfach parat haben.

Zur Überbrückung von Pausen (Auf- und Abbau für Vorträge) darfst du auf eine Schunkelrunde gefasst sein. Der Sitzungspräsident wird dich ganz plötzlich auffordern, das Publikum mit einem Stimmungswalzer-Medley zu animieren. Hierzu finden sich so einige Notenalben, wie zum Beispiel „Das große Stimmungsliederalbum“. Das Sitzungsfinale – endlich! Aber du kannst noch nicht ganz aufatmen und zur Sektbar eilen, denn im Anschluss einer Kappensitzung kann Tanzmusik erwünscht sein. Hier kannst du dich einer Mischung aus bekannten Schlagern bedienen – es müssen nicht fortlaufend Karnevalsmusik gespielt werden. Deutsche Party-Hits ist ein gutes Stichwort. Solche Noten kannst du dir einfach besorgen.

Allgemeine Tipps zum Überstehen der Prunksitzung

  • Auf alkoholische Getränke verzichten. Selbst wenn die Lust auf ein kühles Blondes groß ist: Besser nicht. Aus einem werden zwei ... und dann ist es vorbei mit der Konzentration.
  • Auch wenn die Sitzung ewig dauert und langweilig wird, das Smartphone sollte sich im Flugmodus befinden, oder ausgeschaltet sein, um unvorhergesehene Störungen zu vermeiden.
  • Nicht allergisch auf Konfetti und Luftschlangen reagieren, die auf dem Instrument landen. Das gehört dazu ... solange es kein Bier ist ... Also: Augen zu und durch!

Schlusswort

Früh übt sich. Es ist wie mit der Kirchenmusik. Wer nicht schon im zarten Teenager-Alter mit solchen speziellen Engagements wie zur „Beerdigung“ oder „Trauung“ in Berührung kommen konnte, wird auch beim Karneval selbst als „alter Hase im Musikbusiness“ zunächst einmal viel Energie verbrauchen. Vor allem kostet es reichlich Überwindung. Karneval ist ein eigener farbenfroher Kosmos, dem man sich als Außenstehender nicht vorstellen kann, oder will. Doch es wäre falsch, einen Konfetti-Alarm zu dramatisieren. Karneval bedeutet Tradition. Vieles läuft in diesem närrischen Geschäft sehr programmmäßig und man bekommt Routine. Bereits nach wenigen Sitzungen sind fast alle musikalischen Aktionen auch mit Konfetti und (wenig) Alkohol in der Blutbahn locker zu schaffen. Letztlich zählt die eigene bodenständige Einstellung: Man ist als Dienstleister und weniger als Künstler gebucht. In diesem Sinn: Viel Spaß beim Spagat zwischen dem bescheidenen künstlerischen Anspruch und einem großartigen Job!

Helau!!

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