Workshop_Folge Workshop_Thema Bass
Workshop
7
06.04.2021

Bass lernen für Anfänger (Teil 5): Bassspielen mit Leersaiten

E-Bass spielen mit Leersaiten / offenen Saiten / open strings

Wann macht das Spiel mit Leersaiten Sinn – und wann nicht?

"Ich habe dafür bezahlt, also spiele ich sie auch!" Dieses Argument wäre vielleicht nicht das passendste, wohl aber das witzigste, um so häufig wie möglich Leersaiten zu nutzen. Uns geht es heute aber vorrangig um klangliche Aspekte bei der Verwendung von offenen Saiten (engl. "open strings"), und wie bei nahezu jedem Thema gibt es auch hier kein eindeutiges "richtig oder falsch". Bei E-Bass besteht wie bei allen Saiteninstrumenten generell die Möglichkeit, ein und denselben Ton an verschiedenen Stellen auf dem Griffbrett zu spielen. Ein ganz besonderer Fall ist hier das Spiel mit den sogenannten Leersaiten, denn sie besitzen klanglich einen anderen Charakter als gegriffene Töne. Gleichzeitig schaffen sie uns aber auch Erleichterung, da wir keinen Ton mit den Fingern der Greifhand auf das Griffbrett drücken müssen. Mancherorts liest man daher, dass man möglichst immer Leersaiten nutzen sollte, wenn sie zur Wahl stehen. Genauso gibt es aber die These, offen gespielte Basssaiten möglichst zu vermeiden. Was denn nun? Bei der Beantwortung dieser Frage soll der heutige Artikel helfen!

Auch interessant:

So klingen die neuen Markbass-Basssaiten im Vergleich!

Wann machen Leersaiten beim Bassspielen Sinn?

Leersaiten besitzen immer einen etwas drahtigen Sound und ihr charakterlicher Unterschied zu gegriffenen Tönen nimmt zu, je dünner die Saite wird. Zur E-Saite gibt es freilich keine Alternative, relevant sind also die A-, vor allem aber die D- und die G-Saite.

Ein offensichtlicher Grund, Leersaiten zu nutzen, ist die Tonart, in der ein Stück steht. Nehmen wir einen Blues in E- oder A-Dur: Hier spielen die Gitarren zumeist offene Akkorde, also Akkorde mit mehreren Leersaiten. Um das besondere "Strahlen" dieses Sounds zu unterstützen, passen auch am E-Bass Leersaiten ganz ausgezeichnet. Bei der D-Saite funktionieren sicherlich beide Optionen.

Noch ein "Pro Leersaiten"-Beispiel gefällig? Offene Saiten prägen geradezu den Sound der beliebten Slaptechnik. Unzählige Licks mit dieser Spieltechnik stehen darüber hinaus zudem in den Tonarten E oder A. Hier ein Beispiel, in welchem auch Artikulationen wie Hammer-Ons oder Pull-Offs von Leersaiten profitieren:

Und noch ein praktisches Anwendungsbeispiel: Vor allem die E- und die A-Saite werden - je nach musikalischem Genre auch gerne schon mal tiefer gestimmt - gerne als Pedalton für Rock- oder Heavy-Riffs eingesetzt. Der unbedingte Vorteil ist, dass hier die Leersaiten auch weiter klingen können, wenn man andere Töne greift. Auf diese Weise entsteht ein entsprechend fetter Soundteppich:

Wann machen gegriffene Töne beim Bassspielen Sinn?

Je mehr gegriffene Töne in einem Song vorkommen, desto weniger homogen werden sich Leersaiten ins Klangbild einbetten. Auf Deutsch: Sie stechen klanglich heraus! Im nachfolgenden Achtelgroove spiele ich einmal den Ton G als Leersaite, und im zweiten Durchgang greife ich ihn - wie die übrigen Noten auch - auf der A-Saite:

Ganz klar: das gegriffene G bettet sich besser in den Mix ein! Natürlich hängt es aber auch immer davon ab, wie lange eine Leersaite klingt - in diesem Fall war es immerhin ein ganzer Takt, wodurch der Ton schon deutlich mehr ins Gewicht fällt.

Ein weiteres Beispiel sind Riffs, in denen nur ein Ton einer Leersaite zum Einsatz kommt. In den ersten vier Takten des nachfolgenden Beispiels nutze ich die Leersaiten, in den zweiten greife ich das D, was um einiges homogener und ruhiger wirkt:

Auch interessant:

Richtig arbeiten mit Filter-Effekten!

Wo sind Leersaiten beim Bassspielen hilfreich?

Neben den klanglichen Aspekten gibt es auch noch den Punkt der Spieltechnik, der weiter oben bereits angesprochen wurde (Slapping, Heavy-Riffs, etc.). Leersaiten können die Greifhand deutlich entlasten, da man keinen Ton herunterzudrücken braucht. Das ist natürlich ein Vorteil. Zudem können sie uns helfen, entspannte Lagenwechsel zu bewerkstelligen, denn in der Zeit, in der die Leersaite klingt, kann ich ganz einfach meine Hand dahin bewegen, wo ich sie als nächstes benötige.

Nachfolgend seht ihr eine F-Dur-Tonleiter, welche ich abwärts spiele. Tue ich dies langsam, sticht die leere D-Saite klanglich etwas heraus. Aber bei dem Tempo brauche ich sie eigentlich auch nicht zu verwenden. Wird das Ganze hingegen flotter, so fällt die Leersaite eigentlich nicht mehr auf und ich gewinne auf geschickte Weise Zeit, um meine Hand in die nächste Position zu bewegen.

Auch interessant:

Sonderfall: Leersaiten beim Walking Bass

Eine Stilistik, in der Leersaiten absolut prägend sind, ist der Walking Bass. Da man sich beim Begleiten von Jazz Standards in der Regel viel über das gesamte Griffbrett bewegt, sind sie hier eine große Hilfe und auch ein wesentliches klangliches Charakteristikum dieser Art des Begleitens.

Entstanden ist dies alles am Kontrabass, wo die Wege bekanntlich noch wesentlich weiter sind. In rhythmischen Verzierungen wie Achtel- oder Triolenfiguren werden daher gerne Leersaiten genutzt, um weite Distanzen zu überbrücken, von höheren auf tiefere Saiten zu springen, oder um das Swingfeeling durch kleine Verzierungen zu implizieren.

Hier ist ein Beispiel, welches diese drei Aspekte beinhaltet:

Apropos Kontrabass: Kontrabassisten benutzen generell so häufig wie möglich Leersaiten. Das hat damit zu tun, dass sie diese aufgrund der fehlenden Bundstäbchen gerne als "Kontrollinstanz" bei der Intonation einsetzen. Ein richtiges Tuning des Instruments vorausgesetzt, kann man auf diese Weise mit etwas Übung schnell und unkompliziert kontrollieren, ob die gegriffenen Töne in Relation zur offenen Saite richtig klingen, oder man sich "auf dem Holzweg" befindet.

Auch interessant:

"Klingen eigentlich alle Kabel für E-Bass gleich?"

Was macht ein Nullbund beim E-Bass?

Der Klang von Leersaiten ist so ein derart großes Thema, dass sich auch zahlreiche Bassbauer dazu Gedanken gemacht haben. Eine praktische Lösung ist der sogenannte Nullbund: ein Bundstäbchen, welches sich unmittelbar vor dem Sattel auf dem Griffbrett befindet. Durch dieses Bundstäbchen liegen auch die leeren Saiten auf einem Bundstäbchen auf. Der klangliche Unterschied zu gegriffenen Tönen wird dadurch deutlich reduziert - wenn auch leider nicht gänzlich eliminiert. Es gibt also auch mit Nullbund keinen "Freifahrtschein für Leersaiten"!

Ich hoffe, diese Aspekte zum Thema Leersaiten konnten ein wenig Licht ins Dunkel bringen und euch weiterhelfen. Wie wir sehen konnten, ist es wichtig, sich nicht generell für nur eine Option zu entscheiden, sondern flexibel auf den musikalischen Kontext zu reagieren.

Viel Spaß beim Ausprobieren von beiden Varianten und bis zum nächsten Mal, euer Thomas Meinlschmidt

Verwandte Artikel

User Kommentare