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21.10.2019

Warum funktioniert mein Song nicht? – 8 Tipps für besseres Songarrangement

Von Spannungskurven und zweiten Strophen

Die Pop-Formel. Der Metal-Epos. Das Deephouse-Monster. Egal, ob drei, fünf oder zehn Minuten lang – der schwierige Spagat zwischen Langeweile und Chaos, zwischen Vorhersehbarkeit und Ziellosigkeit ist der tägliche Kampf aller Songwriter*innen. Wenn Technik, Melodien und Aufnahme stimmen, liegt es oft an nicht funktionierenden Spannungskurven. Wie Erwartungen schaffen, enttäuschen, übertreffen und überraschen?  

Ein Stück Musik so zu schreiben, zu arrangieren und zu produzieren, dass Hörerinnen und Hörer nicht nach einer Minute ausmachen, mit dem Abwasch und der Steuererklärung anfangen oder das Todesurteil jedes Songs – „ganz nett“ – verkünden, ist eine echte Herausforderung. Die Melodie kann so einprägsam sein wie das Telekom-Jingle, man kann stundenlang an Sounds geschraubt, seine Instrumente geschickt arrangiert und alles in höchster Qualität aufgenommen haben, doch manchmal will der Track einfach nicht zünden.

Das Intro ist noch aufregend, auch der nächste Teil – ob Strophe oder Breakdown – geht gut ab, die Fills scheppern, die Riser zischen, die Synths werden mehr. Schön der Snareroll drauf, Drums pausieren, die Melodie kommt dahergeschwebt und ... nichts. Der Drop, der Chorus, das Solo – der eigentliche Höhepunkt des Songs hängt wie ein Schluck Wasser in der Kurve. 

Aber wir haben doch alles richtig gemacht: Gemixt, arrangiert, eine begnadete Sängerin und einen Gitarrengott gefunden, Referenztracks passen auch, was ist da los? Auch wenn alle Teile eines Songs grundsätzlich stimmen mögen, alle Instrumente und Melodien so aufgenommen und editiert sind, dass sie sitzen, kann es passieren, dass man den Blick fürs große Ganze verliert. 

Hören wir uns das große Ganze an, dann sollten wir uns folgende Fragen stellen: Wie kann man bei den Hörerinnen und Hörern Spannung erzeugen und diese wieder auflösen? Wodurch sorgt man für Abwechslung, ohne dass es chaotisch klingt? Wie lassen sich Übergänge interessant gestalten und wie bringt man Groove in den Song? Songs spannend, interessant, abwechslungsreich und dennoch harmonisch zu gestalten, das ist eine der Hauptaufgaben beim Produzieren.

1.Meinohrhasen – warum euer Track nicht funktioniert

Wir musikfanatischen Menschen lieben das stundenlange Frickeln, das minutenlange Solieren auf einem Beat, das Jammen und das Flowen. Doch für die meisten Zuhörer*innen ist das selten so spannend und aufregend wie für uns. Wenn ihr grundsätzlich das Gefühl habt, eurem Song geht die Puste aus, eure Freunde finden ihn bloß „nett“ oder drehen das Radio lauter nach kurzem Zuhören, kann es schlicht an zu langatmigen und komplexen Songteilen liegen. 

Sehr verbreitet und auch erstmal total natürlich: Wir denken beim Schreiben und Produzieren nur daran, was uns gefällt, nicht daran, was die Hörer*innen wollen. So soll es ja auch grundsätzlich sein. Bleiben die begeisterten Reaktionen jedoch aus, kann es schlicht sein, dass manche eurer Ideen zu weit weg vom Erwartungshorizont eures Publikums sind. Hier ein Solo kürzen, da die Songstruktur etwas ans heimische Genre anpassen. Es bleibt ja trotzdem noch eure Musik mit euren Melodien und Stimmen. Aber ihr schafft – ohne euch zu verbiegen – an einigen Stellen etwas mehr Zugänglichkeit. Ruckzuck geht dem Song mit seinem schönen Text, den gefühlvoll gesungenen Vocals und eingängigem Chorus nicht mehr so schnell die Puste aus.

2.Der erste Eindruck zählt – wie fängt ein Song spannend an

Max Martin, seines Zeichens nach Paul McCartney und John Lennon erfolgreichster Songwriter unserer Zeit und verantwortlich für Hits wie „...Baby One More Time“ (Britney Spears), „Shake it off“ (Taylor Swift), „So What“ (Pink) oder „Into You“ (Ariana Grande), hat in einem seiner raren Interviews vor vielen Jahren einmal gesagt, dass ein Song in den ersten drei Sekunden erkennbar sein muss. Denkt man an beispielsweise „...Baby one more time“, trifft das auch zu. Die zwei Klaviertöne, das gehauchte „Oh baby, baby“ –  jeder weiß, was kommt.

Gerade in der Musikbranche, in der mit wenigen Klicks Millionen Songs zugänglich sind, zählt der erste Eindruck eines Songs. Darum: Steckt Arbeit ins Intro. Wird hier die Chorusmelodie schon einmal angeteased? Das Gitarrenriff darf losbrettern? Ein lauter Knall, ein kurzer Fill, ein waberndes Pad – woran wird man deinen Song direkt wiedererkennen? Stellt euch vor, ihr lauft an einer Festivalbühne vorbei. Was würde euch dazu bewegen, dort stehenzubleiben? Wie muss ein Song anfangen, damit ihr ihn auf Spotify, Apple Music & Co. immer wieder hören wollt?

3.Don’t bore us, get to the chorus – kommt zum Punkt

Es soll tatsächlich in großen Plattenfirmen Zeiten gegeben haben, in denen mit der Stoppuhr gemessen wurde, wann der erste Refrain eines Pop-Songs beginnt. Alles über 30 Sekunden wurde abgewiesen, zurückgeschickt, bemängelt. An so eine konkrete Zahl muss sich heutzutage keiner halten. Wenn das Intro aber ewig vor sich hin wabert, nach der Strophe noch ein Break, dann ein Rap, dann ein Break, dann ein Pre-Chorus und dann doch nur der halbe Chorus kommt, wird es schwierig. Was auch immer bei euch der Chorus oder Refrain ist, der Teil, dessen Melodie und Form sich am tiefsten in unsere Gehörgänge bohrt, lasst euch nicht zu lange Zeit, bis er das erste Mal zu hören ist.

Auch bei Instrumentensoli, Outros, Extended Versions und Breakdowns gibt es grundsätzlich viel, was zu viel sein kann. Niemand muss irgendeinem Trend hinterherlaufen, schaut man sich jedoch mal an, was aktuell in vielen kommerziell erfolgreichen Tracks passiert, sind zwei Dinge auffällig: Genres vermischen sich stärker und die Songs werden immer kürzer. „Old Town Road“, gerade entthronte längste Nummer eins der US-Billboard-Charts, ist magere 1:53 Minuten lang. In den aktuellen deutschen Charts beispielsweise auf Spotify, wo Hip-Hop dominiert, ist jeder zweite Song um die 2:40 min. Eine gute Minute kürzer als der frühere Radiostandard. Echte Intros gibt es kaum noch: Strophe, Refrain, Strophe, Refrain – fertig.

4.Laaaangweilig! – Von Mikro- und Makrospannungskurven (I)

In einem fantastischen Artikel des Blogs EDMProd setzt sich Autor Sam Matla sehr detailliert damit auseinander, wie man Spannung und Erwartungen in einem Song erzeugt und diese dann auch wieder musikalisch entlädt. Anhand vieler Beispiele verschiedener elektronischer Musik zeigt er, wie Spannung erzeugt wird. Er spricht von „Micro tension“ (Mirkospannungskurve) und „Macro tension“ (Makrospannungskurve).

Unter „Micro tension“ versteht er all die kleinen Elemente in einem Songteil, die zusätzlich für Neugier und Überraschung sorgen. 16 Takte sind mit Drums, Percussion, Bass, Synth und Stimme schnell gebaut. Diese aber in sich und in Verbindung zu allen anderen Teilen so spannend zu halten, dass man den nächsten Übergang gar nicht erwarten kann, ist das Ziel. Und dabei helfen diese kleinen Elemente sehr.

Grundsätzlich gilt: Gibt es Vocals, müssen die Mikroelemente subtiler sein, der Fokus liegt bei aller Arbeit bei den Hörerinnen und Hörern zum Großteil auf dem Gesang, da darf es nicht zu viel und zu chaotisch sein. So oder so: Fehlen die kleinen Elemente, spielt alles statisch geloopt die 16 Takte vor sich hin, wird es schnell im wahrsten Sinne des Wortes eintönig. Einige von Sams Vorschlägen:

  1. Der Mit-Stampfer. Einfach mal den zweiten Chorus oder die zweite Strophe nur mit Kick-Drum-Vierteln und Gesang beginnen. Das ist überraschend, erzeugt die Erwartung, dass alle anderen Instrumente wieder einsetzen und fokussiert die Stimme.
  2. Der Teaser. Stellt euch vor, ihr habt eine starke Melodie wie die von „Final Countdown“. Damit die nicht aus dem Nichts kommt, man quasi schon einen Vorgeschmack bekommt, könnt ihr versuchen, einen Teil der Melodie, die ersten drei, vier Noten oder einen besonders auffälligen Intervall, schon mal während der Strophe vorher einzubauen. Oder sogar schon im Intro. Gerade wenn man den Song dann wieder hört, ist die Vorfreude und Spannung umso größer.
  3. Der Genreklau. Warum nicht mal ein Dubstep-Breakdown in eurem Bluesrockstück? Oder ein epischer Fill à la „In the Air tonight“ in eurem Future-House-Track?

5.Laaaangweilig! – Von Mikro- und Makrospannungskurven (II)

Bei „Macro tension“ geht es vor allem ums geschickte Arrangieren. Wie bauen sich Songparts auf, welche Instrumente kommen wann dazu, setzen wann aus? Lange war es so, dass sich zum Chorus oder Drop hin alles steigerte, mehr wurde, lauter spielte, um dann mit noch mehr Wucht loszubrettern. Seit einiger Zeit breitet sich in verschiedenen elektronischen Genres vermehrt aus, dass der Track nach dem Build-up nicht noch größer wird, sondern ganz klein und fokussiert. Nur Drums und Melodie. Mittlerweile ist das auch im großen Pop angekommen, beispielsweise im Chorus von „Look what you made me do“ von Taylor Swift.

Die Erwartungen an einen Popchorus werden hier, was Melodie, Arrangement und Intensität betrifft, komplett in die Irre geführt. Und die Überraschung funktioniert nur, weil die Songparts davor in eine andere Richtung deuten. Und bei aller Standardstruktur: Überlegt euch, wie ihr mit den Erwartungen der Hörer*innen spielt. Warum nicht schon nach der zweiten Strophe in die Bridge abbiegen? Ein rhythmischer Bruch, ein triolischer Pre-Chorus, eine Tempoveränderung für vier Takte – richtig eingesetzt, sind das die Momente, die Zuhörer*innen gespannt halten.

6.„Mein Chorus knallt nicht!“ – Am Arrangement liegt’s!

Wie wir schon im Loop-zum-Track-Artikel beschrieben hatten, ist ein Song aus einem 4- oder 8-bar-Loop schnell gemacht. Wenn man den oft genug kopiert, hier etwas ausdünnt, da etwas automatisiert, kann das schon mal ein Grundgerüst für einen Song sein. Aber irgendwie, egal ob mit Stimme oder nur instrumental, knallt der Chorus nicht so richtig. Noch ein Synth dazu? Drei Kick-Samples mehr? Mal kurz eine Halftime? Klappt nicht? Häufig liegt es daran, dass nicht der Chorus zu schwach, sondern die anderen Parts zu stark sind.

Ein bisschen Zeit bis zur großen Refrain-Melodie kann man sich ja lassen und Erwartung aufbauen, aber wenn man in den Songparts vorher schon sein ganzes Pulver verschießt, ist der fetteste Drop nur noch ein gelutschter Drops. Bevor ihr also 17 Fills, Riser und Shaker verteilt, schaut euch an, was ihr alles aus den Songparts, die NICHT der Chorus oder Drop sind, rausnehmen könnt. Das gilt für Producer mit DAWs genauso wie für Bands. Dem übermotivierten Gitarristen oder der klimper-geilen Keyboarderin beizubringen, dass sie die nächsten 16 Takte bitte einfach mal Grundtöne oder Luftgitarre spielen, ist nicht leicht. Es hilft aber dem Song oft viel mehr, als man denkt. Stichwort: Song-dienlich spielen.

7.Copy & Waste – Songhälfte zwei spannend halten

Wie schon in Tipp 6 unseres Artikels mit Arrangement-Tipps beschrieben, sollte man sich davor hüten, Songparts bei traditionellen Songstrukturen einfach zu kopieren. Die zweite Strophe und der zweite Refrain sollten extra aufgenommen sein.  Denn selbst diese subtilen Unterschiede können schon für Spannung sorgen.

Auch in der Struktur der Einzelteile könnt ihr leichte Veränderungen vornehmen: Vielleicht möchte man, dass Bridge und finaler Chorus besonders knallen, warum nicht also den zweiten Chorus halbieren? Oder man schiebt nach der zweiten Strophe noch einen überraschenden Pre-Chorus ein, der dann auch noch mal zum Finale kommt, den es aber nach Strophe eins noch nicht gab. Ansonsten sind es Überraschungen wie eine zweite Gitarren-/Klavierspur, eine Zweitstimme, ein kurzes Pausieren der Basslinie oder ein unerwarteter Break, den dann alle Instrumente mitspielen, die uns Songwriter schon mal hin zur Bridge, dem C-Teil oder Part 3 rettet.

Hier darf jetzt in verschiedenste Richtungen ausgeflippt werden. Manchmal muss es ein Solo sein, manchmal nimmt man einfach die Chorus-Akkorde und spielt Halftime drunter, manchmal sind es überraschend neue Songelemente, die nur in diesem Teil auftauchen. Bevor man aber zu experimentell wird, erinnere ich wieder an das eigentliche Ziel: Den Chorus spannend und druckvoll halten. Passiert zu viel in der Bridge, ist es schwer im Finale noch einen draufzusetzen. 

Sind wir hier endlich angekommen und alles zieht und schiebt und ballert und bounct, haben wir schon sehr viel richtig gemacht. Damit das Finale aber den Namen auch verdient, vor allem für alle Hörer*innen, die das Lied schon kennen und sich auf diesen Teil am meisten freuen, gibt es noch einiges zu tun. Grundsätzlich natürlich noch mehr Instrumente, Stimmen, Chöre und Streichersätze. Auch Klassiker wie die E-Gitarre oder der Lead-Synth, die schlicht die Melodie der Hauptstimme mitspielen, oder das unvermeidliche Tambourine sind erlaubt.

Ein vergessener Klassiker, der in den 80ern und 90ern im Pop in Songs wie „Man in the Mirror“ von Michael Jackson oder „I Will Always Love You“ von Whitney Houston seinen Moment hatte, ist die Rückung. Klingt sperrig, wird im Englischen augenzwinkernd als „Truck driver’s gear shift“ bezeichnet und ist nichts anderes als die letzte Chorusrunde einen Halbton oder Ganzton höher zu spielen. Mehr Finale geht nicht. 

8.Schluss jetzt! – Wie hört der Song auf?

Was gänzlich aus der Mode gekommen ist, ist der „Fade-Out“. Heute knallt, rummst und trompetet es am Ende. Am besten so, dass man den Song auf Repeat stellen will. Am häufigsten ist aktuell entweder das komplette Aussetzen der Musik und der Gesang steht für die letzte Zeile alleine oder das komplette Gegenteil: Die Musik spielt ohne Gesang noch eine Runde, bevor alles aussetzt.

Als Gegenbeispiel für diese eher unkreativen aber sehr effektiven Songenden sei das Outro von „Bad Guy“ von Billie Eilish genannt, das im Verhältnis zur Songlänge (3:14) mit 45 Sekunden nicht nur extrem lang, sondern auch unerwartet anders als der Rest des Liedes ist. Das wiederum macht gespannt auf den nächsten Song oder die nächste Runde des Liedes. Und darum geht es doch die ganze Zeit.

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