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8
04.09.2015

The Sound of Teatro delle Muse, Ancona

So klingt die Welt

Insiderinfos: Beschallung, Venues, Technik und Anekdoten

Kürzlich führte mich mein Job nach Italien in die beschauliche Stadt Ancona, die ich vorher nur wegen der Autofähre nach Griechenland kannte. Aber sie hat eben auch dieses sehr hochwertige Inteatro-Festival zu bieten, wo wir mit dem Stück „Distortion“ von Constanza Macras in Kooperation mit der Hip-Hop-Academy aus Hamburg ins historisch bedeutsame Teatro delle Muse eingeladen waren.

Bei der Entwicklung des Sounddesigns galt es, sehr viele verschiedene musikalische Stile und auch deren Besonderheiten im Mix zusammenzubringen. In meinem Text erfahrt ihr etwas über mein grundsätzliches Sounddesign und wie es sich im speziellen für unser Gastspiel im Teatro delle Muse in Ancona und die Umsetzung für das Touring darstellte. Vor allem die Kooperation mit der Choreografin Constanza Macras und der Hip-Hop-Academy Hamburg machten das Projekt sehr spannend für mich und ich konnte zudem mehrere meiner musikalischen Interessen miteinander verschmelzen lassen ...

Details

Seit der ersten Produktion der Hamburger Hip-Hop-Academy in 2009 mache ich für die Aufführungen der hiesigen Ensembles das Sounddesign. Lustigerweise treffen meine „Sozialisationswurzeln“dort des Öfteren auf alte Bekannte und ich kann meine Liebe zur Hip-Hop-Kultur auch auf eine neue Weise in mein künstlerisches Wirken einbinden. Viele spannende und anspruchsvolle Kooperationen entsprangen dieser Zusammenarbeit, doch das hier beschriebene Stück Distortion sollte ein neues Level definieren. Die auf der ganzen Welt etablierte Choreografin Constanza Macras legte schon immer großen Wert und Anspruch auf die Vermischung verschiedener Stile - eben auch beim Sound. Dieses Stück war von Anfang an für größere Bühnen ausgelegt und hatte seine Premiere 2013 in der Halle K6 in Hamburg auf Kampnagel. Nun ging es also nach Italien – da lasse ich mich nicht zweimal bitten.

Anforderungen

Beim Zusammenstellen des Teams wählte Constanza Macras auf musikalischer Ebene die Multi-Instrumentalistin Kristina Lösche-Löwensen und den Produzenten und DJ Sleepwalker aus. Deren äußerst unterschiedlicheAnsätze sollten kompositorisch eine neue Cross-Over-Form bilden und im späteren Entwicklungsprozess wurden noch weitere Talente des Ensembles eingebunden. Auf der Bühne stand DJ Sleepwalker mit seinen beiden Technics Plattenspielern, von Insidern liebevoll 1210-er genannt, und einem Traktor Z2 Mixer nebst Controller und  Software, dazu eine Geige, ein Theremin und ein Keyboard, welche durch mehrere Effekt-Tretminen gejagt wurden. All diese Dinge befanden sich einigermaßen gebündelt in zwei nebeneinander stehenden Musikerstationen.

Mal hier, mal da und auch mal von hier nach da, sprich in Bewegung kamen dazu: zwei Akustikgitarren, ein E-Bass, zwei Handfunken für Vocals und Raps,Texte via Headset, Beatboxing, unterschiedliche Chorale-Gesänge und interpretierte Popsongs. Texte, Gesänge und auch eine Beatboxstelle habe ich, wenn möglich, über vier DPA-4066 Headsets abgenommen. Ich sage hier ganz bewusst „wenn möglich“, da teilweise wilde Choreografien (Fallen, Power Moves) aber auch nackte Haut eine direkte Mikrofonierung nicht überall zuließen.

Auch ging es in einigen Passagen darum, chorale Gesänge von allen zwölf Darstellern zu stützen, die in diesem Moment dramaturgisch nicht direkt verkabelt sein konnten. Da auch an Grenzflächen auf dem Boden, die sich sonst ja hervorragend für solche Zweck eignen, aufgrund der benötigen freien Spielfläche nicht zu denken war, entschied ich mich für geflogene „Mikes“ als Overheads.

Kurzerhand wurden an drei Stellen, etwa drei Meter über der Bühne, mehrere hochwertige AKG C451 Kondensatormikrofone in zwei Zweiergruppen und einer Dreiergruppe abgehängt. Bei der Einrichtung ging es letztlich noch darum, die Positionen mit der Choreographin und dem Lichttechniker abzustimmen und dann auch klar zu markieren, damit diese Nierencharakteristik-Mikrofone auch die gewünschte Fläche von ungefähr vier Quadratmetern einfingen. Nach sorgsamen Equalizing machten sie dann einen guten Job.

Wichtig hierbei in meinen Augen respektive Ohren war es, die Inputs der Mikrofone Venue-abhängig zu delayen, um zu gewährleisten, dass beim Publikum der reale Direktschall zusammen mit dem gestützten Signal ankam.

Wie man sich das so bei anspruchsvollen Produktionen wünscht, war die Kommunikation mit der örtlichen Crew sehr vorbildlich. Mein aktuelles Lieblingspult, das Yamaha QL5, war ebenfalls wieder mit von der Partie. Prima, denn ohne Vorprogrammierung hätte es ansonsten wohl einen Tag mehr Einrichtzeit vor Ort eingefordert. Beim Vorgängermodel, dem Yamaha M7CL, ist zum Beispiel das Verzögern von Signalen nur in den Outputs möglich. Bei diesem Stück, brauchte ich aber, um die gewünschte Qualität abzuliefern, diese Option definitiv auch in den Inputs.

Beim QL5 konnte ich wieder Inputs, Effekte und Outputs auf einem Custom-Layer platzieren, über meinen mitgebrachten Airport Express Router mein MacBook mit dem Pult koppeln und sowohl im Publikumssaal, als auch auf der Bühne den Sound an konkreten Positionen anpassen (auch vor allem fürs Monitoring dienlich).

Als PA-System erfreuten mich im Teatro delle Muse zwei Stacks, bestückt mit sechs Nexo Geo S805 links und rechts und 7 Cabinets als Center. Etwas Bedenken hatte ich, die 1147 Plätze mit nur einem Nexo 2x12“Subwoofer pro Seite ausreichend untenrum versorgen zu können. Aber anscheinend hatten die Konstrukteure dieses schicken Theaters im Jahre 1827 schon an gute Basswellenverteilung gedacht.Und in Kombination mit der besonderen Hypernierencharakteristik der Nexo CD12 Subwoofer, waren die „zu wenig Bass“Bedenkenunnötig.

Die Musiker bekamen jeweils eine HK Audio Pro12 als Monitor, von denen ich auch zwei nutzte, um die hinteren beiden Boxen der Vierpunkt-Monitorbeschallung für die Darsteller zu gewährleisten. Die vorderen Speaker waren zwei L’Acoustics XT115, um ein bisschen mehr Punch zu generieren.

Was in diesem Venue beim Mischen nicht so gut funktionierte, war das Mitfahren der Panoramaeinstellungen der Headsets, um die Positionen der sprechenden Akteure auch klar im Raum zu definieren. Dafür waren die frontalen Stacks zu weit voneinander entfernt, sodass alle Texte dann doch eher in der Mitte von mir gemischt wurden. Wenn möglich fahre ich da gerne mit, wenn sich ein Darsteller sprechend von links nach rechts bewegt, um den optischen Eindruck zu stützen, nur hätte hier dann die jeweils andere Publikumshälfte zu wenig vom Signal bekommen.

Aber das sind eben Kompromisse, die man abhängig vom Spielort auch eingehen kann oder muss. Am Ende war ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden und - in Anbetracht des Applauses - die Zuschauer auch.  

Bis zum nächsten Mal

Euer Manuel Louis Horstmann

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