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17.01.2016

Akustik-Gitarre aufnehmen - Gitarren-Workshop

Tutorial Akustik Gitarre richtig abnehmen

Tipps für einen besseren Akustik Gitarren Sound

Du möchtest deine Akustikgitarre aufnehmen und fragst dich, wie du es angehen sollst? Zugegeben: Ein akustisches Instrument aufzunehmen ist etwas anderes, als mit Synthies und Samples einen Song zusammenzuschrauben. Aber wenn du über eine Aufnahmesoftware und ein Audiointerface mit einem oder zwei Eingängen verfügst, bringt dich unser Shortcut im Nullkommanichts an den Start!

Und auch wenn die Beispiele in diesem Beitrag mit einer Steelstring-Gitarre und einem Plektrum eingespielt wurden - die hier vermittelten Basistechniken funktionieren genau so gut für Fingerpicker oder Klassikgitarren.

Eine richtig gute Aufnahme beginnt, lange bevor ein Mikrofon ins Spiel kommt. Deshalb wollen wir uns jetzt zunächst einmal anschauen, was uns auf dem Weg dorthin begegnet, welche Stolpersteine wir aus dem Weg räumen und welche Faktoren wir optimieren sollten. Was nutzt es, wenn ein kleines Detail unbeachtet bleibt und unsere Produktion so beeinträchtigt, dass sie sich hinterher auch mit den tollsten Produktions-Tools nicht mehr hinbiegen lässt.

DOWNLOAD: Bevor wir aber loslegen, möchte ich euch zunächst noch die in den Audioplayern verlinkten Hörbeispiele (MP3) als gezippte Wav-Files anbieten. So könnt ihr, ein entsprechend gutes Audio-System einmal vorausgesetzt, auch die subtileren Unterschiede zwischen den einzelnen Aufnahme-Methoden optimal hören.

1. Frische Saiten

Akustische Gitarren verbindet man im Allgemeinen mit einem knackigen, präsenten Sound. Uralte Saiten hingegen klingen muffig und belegt - das geht also absolut nicht zusammen. Zudem kann man Obertöne und crispe Höhen, die von Anfang an nicht in der Aufnahme enthalten sind, später beim Mixen per EQ nicht einfach so hineindrehen. Wenn die Saiten also schon deutlich "runter" sind, gönn´ deinem Instrument ruhig mal einen Satz neuer Drähte – das wirkt Wunder!

2. Richtig Stimmen

Verstimmte Gitarren nerven - und das nicht zu knapp.
Stimmt man aber seine Gitarre ausschließlich mit leeren, ungegriffenen Saiten, passiert es schnell, dass gegriffene Töne zu hoch und Akkorde deswegen in sich verstimmt klingen. Das ist ein mechanisches Problem des Instrumentes und wird kritischer, je größer die Distanz zwischen Sattel und gegriffenen Bünden ist. Je weiter man sich vom Sattel in Richtung Korpus bewegt, desto höher wird in der Regel die Saitenlage. Durch das Herunterdrücken erhöht sich naturgemäß die Saitenspannung und damit einhergehend leider auch die Tonhöhe, wobei dünnere Saiten davon mehr betroffen sind als dickere. Im Grunde ist eine – zumindest akustisch perfekt gestimmte Gitarre – immer ein Kompromiss zwischen Gehör und Physik. Eine E-Gitarre besitzt die Möglichkeit, durch Verstellen der Saitenauflagen am Steg (Reiter) die Saiten untereinander anzupassen, was bei unseren akustischen Instrumenten nicht machbar ist. Hier helfen unter Umständen möglichst tief ausgeschnittene Sattelkerben – die Gitarre lässt sich dann auch leichter spielen. Allerdings scheppern die ungegriffenen Saiten damit leider auch deutlich schneller auf den Bünden. Diesem quasi naturgegebenen Dilemma hat man im Lauf der Zeit versucht, mit Hilfsmitteln wie zum Beispiel den längenkorrigierten "Earvana"-Sätteln Herr zu werden - aber flächendeckend durchgesetzt hat sich so etwas nicht. Man muss einfach damit leben und sich mit diesem instrumentenbedingten Dilemma arrangieren.

Solltest du mit der Stimmung deines Instruments unzufrieden sein und ein chromatisches Stimmgerät dein eigen nennen, versuch doch mal, mit gegriffenen Tönen zu tunen (z.B. dem dritten Bund jeder Saite). Die Chance ist groß, dass das Instrument auf diese Weise sauberer klingt.

Auch die am häufigsten genutzten Akkorde eines Songs zu greifen und die Gitarre so zu stimmen, dass sie sauber klingt, kann eine Wunderwaffe für akkurat klingende Aufnahmen sein.

Überprüfe die Stimmung ruhig auch zwischen zwei Recording-Durchgängen. Nichts ist ärgerlicher, als wenn sich das Instrument im Eifer des Gefechts langsam und unbemerkt verstimmt und man dann beim Abhören des perfekt gespielten Takes feststellen muss, dass man ihn wegen notorischer Schrägheit gleich wieder in die Tonne treten kann.

3. Die Hand macht den Ton

Eine tausendmal gehörte Binsenweisheit, aber genau so ist es. Auch das beste Mikrofon kann nur aufnehmen, was da ist und nichts dazuerfinden.
Dass es dabei gilt, sauber zu greifen, keine ungewollten Saiten mitschwingen zu lassen und mit Groove zu spielen, ist eine Selbstverständlichkeit.
Aber auch, wie und wo man anschlägt, hat Einfluss auf den Klang. Wandert die Spielhand in Richtung Steg, wird der Klang härter und schärfer, je näher sie dem Hals kommt, desto weicher und voller wird der Ton.

Die Wahl des Picks macht ebenfalls etwas aus. Wir hören zunächst ein sehr weiches, dann ein hartes Plektrum in Aktion.

Diese Erkenntnisse solltest du nutzen und versuchen, dem Klang, der dir vorschwebt, schon beim Spielen möglichst nahezukommen.

Und damit wird es Zeit, ans Eingemachte zu gehen: Wir nehmen auf! Die Details gibt's auf der nächsten Seite.

4. Tonabnehmer – nicht immer schön, aber schön einfach

Falls deine Gitarre einen Piezo-Pickup an Bord hat, besteht die einfachste Aufnahmevariante darin, dessen Ausgang per Klinkenkabel an die Soundkarte bzw. einen Interface-Eingang zu hängen. Das hat durchaus Vorteile, denn man braucht kein Mikrofon und der Sound ändert sich nicht, wenn man sich mit dem Instrument bewegt. Es kommt überhaupt kein Raumklang mit in die Aufnahme. So kann man im Notfall auch in einer Umgebung mit starken Nebengeräuschen zu sauberen Aufnahmen kommen oder die perfekte akustische Trennung erreichen, wenn im gleichen Raum noch ein Sänger zugange ist. Und manchmal soll ja auch der typische Anschlags-Knack des Piezo-Tonabnehmers mit auf die Aufnahme.

Zugegeben, auch wenn die Tonabnehmer-Technik in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat, so richtig schön und natürlich wird der Sound auf diese Weise nicht. Dafür braucht es dann doch die Abnahme mit dem Mikrofon, und darum geht es im Folgenden.

5. Partnerwahl - welches Mikro?

Gerne genommen für Akustik-Aufnahmen werden Kleinmembran-Kondensatormikrofone, zumeist mit Nierencharakteristik. Diese klingen eher natürlich und neutral. Aber auch mit Großmembran-Vertretern kann man gute Ergebnisse erzielen. Sie bringen meist eine ganz eigene Färbung ins Spiel, was aber durchaus seinen Reiz haben kann.

Und: Topqualität hat zwar ihren Preis und ihre Berechtigung, aber es gibt heute eine Menge Gerätschaften im unteren Preissegment, mit denen man als Einsteiger beachtliche Ergebnisse erzielen kann. Hier hörst du ein Neumann KM 184, danach ein deutlich preiswerteres Rode NT 5.

Und so schön Highend-Equipment ist, es gilt immer noch die alte Weisheit, dass ein guter Song wichtiger ist als das Mikrofon. Also jammer nicht rum, dass du nicht aufnehmen könntest, solange du dir nicht Mikrofon XYZ leisten kannst, sondern probiere mit dem, was dir zur Verfügung steht. Selbst einem dynamischen Shure SM 57 kann man ganz passable Akustik-Klänge entlocken:

6. Und wohin damit?

Fragt man zehn Tontechniker nach ihrer Lieblingsmethode zur Akustikgitarrenabnahme, bekommt man wahrscheinlich elf Antworten - mindestens. Auch hier führen also viele Wege nach Rom! Aber der (scheinbar) naheliegendste nicht. Denn wo möchte man als Recording-Neuling gleich mal intuitiv das Mikro hinhängen? Genau: vors Schallloch. Und zwar ganz dicht dran. Dort klingt es jedoch sehr bassig und ohne heftiges, nachträgliches Equalizing meist unbrauchbar.

Eine Gitarre strahlt ihren Schall über den ganzen Korpus ab. Selbst Zargen, Rückseite und die Saiten selbst sind involviert. Das beschert uns viele Möglichkeiten, ein Mikro aufzustellen. Beliebt und bewährt ist es, das Mikrofon in 10 bis 30 cm Abstand etwa auf Höhe des zwölften Bundes oder am Hals/Korpus-Übergang aufs Griffbrett zu richten. So bekommt man einen garantiert wummerfreien Sound mit schön natürlichen Fingergeräuschen. Für mehr Bass und Ton kann man weiter Richtung Korpus wandern bzw. das Mikro in diese Richtung eindrehen. Dünner und "klingeliger" wird es Richtung Kopfplatte. Am zwölften Bund sind im Übrigen auch die Aufnahmen der Beispiele aus dem vorangegangenen Punkt 5 entstanden.

Eine andere beliebte Stelle zur Mikrofonierung liegt im unteren Bereich des Korpus. Aus 30-40 cm Entfernung zielt man in Richtung Steg oder auf einen Punkt um den Steg herum. Hier hat man weniger "Saitenklingeln" und mehr Mitten und Bässe.

Alles, was hier gesagt wird, solltest du vor allem als Inspiration und Ausgangspunkt für eigene Versuche sehen. Kleine Variationen bei der Mikrofonaufstellung führen oft zu großen klanglichen Veränderungen. Wenn man einen gut klingenden Raum zur Verfügung hat, kann man auch gerne mal größere Abstände zwischen Instrument und Mikrofon ausprobieren - denn nicht zuletzt haben verschiedene Gitarren erfahrungsgemäß ein sehr unterschiedliches Abstrahlverhalten. Bis man für das eigene Instrument und die vorhandenen Mikrofone in einem bestimmten Raum die optimale Position gefunden hat, kann es also ein wenig dauern.

Und auch wenn direkt und nah vor dem Schalloch so ziemlich das Einzige "No Go" ist: Hält man mit dem Mikrofon einen größeren Abstand (40 bis 50 cm) vom Schalloch ein und platziert das Mic überdies nicht direkt mittig davor, kann man – je nach Instrument - auch in der Mitte der Gitarre gut klingende Sounds einfangen.

7. Mix and match

Nachdem jetzt klar ist, dass verschiedene Abnahmepositionen unterschiedliche Sounds liefern,  liegt es nahe, mehrere Klangquellen zu kombinieren, um deren Stärken zu verbinden oder weitere Klangvariationen an den Start zu bekommen. Auch Einsteiger-Soundkarten haben heute meist zwei Mikro-Eingänge, also legt los. Eine gerne genutzte Variante ist es, Griffbrett- und Korpusabnahme zu kombinieren. Im folgenden Beispiel hörst du das Riff einmal wie gehabt nur mit dem Hals-Mikro abgenommen, im zweiten Durchgang wird dann das Korpus-Mikro dazugemischt.

Schön breit und räumlich lässt sich der Sound machen, wenn man die Mikros im Panorama etwas auseinanderlegt. Das kann dann, mit Hals- und Korpus-Mikro, so klingen wie im folgenden Beispiel.

Übrigens: Selbst wenn du nur ein Mikro besitzt, aber deine Gitarre einen Pickup hat, hast du zwei Soundquellen zur Verfügung. Hier hören wir Mikro- und Piezo-Signal in Stereo:

Mit mehr Soundkarten-Inputs kann man natürlich auch noch mehr als zwei Klänge aufzeichnen und nutzen. Allerdings sollte man beim Einsatz von mehr als einem Mikro immer auf unliebsame Nebeneffekte achten. Dazu mehr im nächsten Punkt.

8. Was ist denn hier Phase?

Nimmt man ein Instrument gleichzeitig mit mehreren Mikrofonen ab, können diese auch mal weniger vorteilhaft miteinander agieren. Denn der Schall erreicht die Mikrofone leicht zeitversetzt, und wenn sich diese Schwingungen ungünstig überlagern, kann es zu unschön klingenden Auslöschungen und/oder Überhöhungen anstatt zum erhofften, konkurrenzlos fetten Sound kommen.

Im folgenden Beispiel kannst du dieses Phänomen ziemlich gut nachvollziehen: Wir hören zwei Mikros einzeln hintereinander und dann zusammengemischt. Der Mix-Sound klingt aber deutlich dünner als die Mikros einzeln, ein sicherer Hinweis auf ungewollte Auslöschungen.

Die Lösung ist einfach: ein Mikro etwas verschieben, bis es wieder passt. Falls dir das Problem erst auffällt, nachdem die Aufnahme fertig ist, lässt sich eventuell trotzdem noch etwas retten. Versuche, an einem der Kanäle im Sequenzer den Phasen-Umkehrknopf zu drücken oder schiebe eine Spur im Millisekunden-Bereich vor und zurück, bis es hoffentlich wieder richtig klingt. Muss nicht funktionieren, kann aber.

9. Weiterführende Ideen

Wie bereits erwähnt, strahlen unsere sechssaitigen Schätzchen ihre Klänge in alle Richtungen ab, und es gibt viele Aufnahmevarianten. Hier noch ein paar Ideen für Experimentierfreudige.

  • Ein Mikro, das über die Schulter des Gitarristen kommt und etwa auf Ohrhöhe von oben auf Zarge oder Vorderseite des Instrumentes zeigt, nimmt einen Sound auf, der dem, den der Musiker hört, ähnlich ist.
  • Arbeitet man in einem gut klingenden Raum, kann man auch mal ein Kugelmikrofon in größerem Abstand vom Instrument platzieren und dazumischen.
  • Es gibt seit Jahrzehnten bewährte Stereo-Aufstellungen wie X/Y, ORTF und M/S, mit denen sich zu experimentieren lohnt.

 Alle Beispiele in diesem Shortcut sind, bis auf ein wenig Limiting, völlig roh (also unbearbeitet). Klar, es geht ja auch nicht um Mixing, sondern darum, das Instrument schon beim Aufnehmen möglichst gut auf die Festplatte zu bannen.

Nichtsdestoweniger: Mit ein bisschen Dynamikbearbeitung (siehe dazu auch den "Shortcut Kompression"), einem Quäntchen Hall und vielleicht auch geschmackvollem EQing lässt sich das Ergebnis noch weiter aufpeppen.

Viel Spaß und viel Erfolg!

Herzlichen Dank für die Audio-Aufnahmen an Michael Hanf vom "Kraftstrom-Studio", Würzburg.

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